Review: Drive-In – Die Trilogie in einem Band | Joe R. Lansdale (Buch)

Ja, heute geht es mal nicht um einen Science-Fiction-Roman, doch dafür widme ich mich (wieder einmal) einem meiner liebsten Autoren und der hat mit der vorliegenden Trilogie einen regelrechten Höllenritt kredenzt. So, jetzt muss ich aber fix das gute Wetter genießen gehen, bevor morgen alles wieder auf Regen umschwenkt.

Drive-In
Die Trilogie in einem Band

The Complete Drive-In, USA 2009, 736 Seiten
(umfasst: The Drive-In: A "B" Movie with Blood and Popcorn, Made in Texas [1988],
The Drive-In 2: Not Just One of Them Sequels [1989], The Drive-In: The Bus Tour [2005])

Drive-In von Joe R. Lansdale | © Heyne Hardcore
© Heyne Hardcore

Autor:
Joe R. Lansdale
Übersetzer:
Dietmar Dath
Alexander Wagner

Verlag (D):
Heyne Hardcore
ISBN:
978-3-453-67672-5

Genre:
Horror | Satire | Thriller

 

Inhalt:

Ich schätze, das hier wird sich letzten Endes lesen wie eine verseuchte Version dieser bescheuerten Aufsätze, die man in der Schule jeden Herbst nach den Sommerferien schreiben muss. Ihr wisst schon, »Wie ich meine Sommerferien verbrachte«. Nun, ich kann’s nicht ändern.

In Erwartung eines unterhaltsamen Abends mit Bier, Popcorn und natürlich allerhand B-Movie-Horror-Geschnetzel begibt sich eine Handvoll Freunde – ebenso wie tausende anderer Leute – zum Orbit-Drive-In und der wöchentlichen All-Night-Horror-Show, doch was als ausgelassener Abend beginnt, mit leichtbekleideten Mädchen, verkleideten Horrorfilm-Freaks, ein wenig Gefummel, gehörigem Alkoholkonsum und der üblichen Partystimmung, kippt schnell ins absolute Gegenteil, als ein roter Komet vom Himmel herabrast, erst im letzten Moment beidreht und das Drive-In in tiefster Schwärze zurücklässt, denn schnell müssen die Leute auf die harte Tour lernen, dass sie im Autokino gefangen sind, in der Schwärze nur der Tod lauert und die Welt fernab des Drive-In nicht mehr zu existieren scheint. Während die Vorräte knapper werden, das Gefühl der Klaustrophobie Gefühl zunimmt und die Hoffnung schwindet, verabschieden sich mit ihr nach und nach auch Scham, Moral, Anstand und Würde…

Rezension:

Es ist schon ein Brett von einem Buch, was Lansdale da gegen Ende der 80er verfasst hat und mit nichts zu vergleichen, was man sonst von dem Autor gewohnt ist, weshalb ich auch nur dringend davon abraten kann, ausgerechnet zu diesem Band zu greifen, um Joe R. Lansdale einmal "anzutesten". Auch wenn es verlockend sein mag, hier gleich drei Romane in einem offeriert zu bekommen. Fernab dieser vorangestellten Warnung lohnt es sich aber durchaus, Drive-In eine Chance zu geben, sofern man selbst diesem gewissen B-Movie-Trash-Charme nicht abgeneigt ist, denn der Autor tut hier im Grunde nichts anderes, als die literarische Variante dieser eigenwilligen Kunstform zu liefern und entsprechend haben die Protagonisten nicht von ungefähr des Öfteren das Gefühl, sich selbst in einem Horrorfilm zu befinden, die ja üblicherweise gerne als Double-Feature gezeigt werden, was dann auch prompt den Weg bereitet für den zweiten Band, der seinerzeit nur ein Jahr später entstanden ist.

Allmächtiger Gott, was für ein Anblick! Als sähe man den Herrn des Rummels, den Dunklen Gekrönten Fürsten des Blutes, Gemetzels und billigen schlechten Popcorns von Angesicht zu Angesicht. Den Gott der All-Night-Horror-Show höchstpersönlich.

Aber von vorn: Drive-In ist qualitativ sicherlich nicht mit den anderen Werken des Autors zu vergleichen und selbst der in etwa zur selben Zeit entstandene Die Kälte im Juli ist unter literarischen Gesichtspunkten betrachtet um Längen besser und dramaturgisch spürbar ausgefeilter, wobei nach solchen Kriterien hier auch nicht bewertet werden sollte, denn die Romane der Drive-In-Trilogie sind mit bloßem Vorsatz einem wild assoziierenden Fiebertraum nachempfunden und speziell den ersten Teil scheint Lansdale nach eigenem Bekunden wie im Wahn verfasst zu haben, was ich ihm nach der Lektüre durchaus abzukaufen bereit bin, denn die sich nach und nach zuspitzenden Ereignisse, die immer absurder werdenden Vorkommnisse und die vermehrt regelrecht psychedelisch anmutenden Szenen sprechen in der Beziehung eine deutliche Sprache. So beginnt die Geschichte beinahe beschaulich und subtil, doch mehr und mehr brechen sich Kannibalismus, merkwürdige Mischwesen, mit Augäpfeln versehene Popcorn-Stücke und dergleichen mehr Bahn, während man – B-Movie lässt grüßen – langfristig auch nicht auf Dinosaurier verzichten muss. Entsprechend sollte man einem gehörigen Maß an Skurrilität nicht abgeneigt und im besten Fall mit den Regeln des Genres vertraut sein, um mit den Drive-In-Geschichten Spaß haben zu können, denn auch wenn Lansdale hier zuweilen gesellschaftskritische Untertöne attestiert werden und ein gewisser satirischer Einschlag nicht von der Hand zu weisen ist, dürfte das allein kaum reichen, um die immerhin gut über 700 Seiten Lektüre unbeschadet zu überstehen, wenn man mit diesem hier offensiv glorifizierten Trash schon grundsätzlich nichts anzufangen weiß.

Die Qualität ist dabei auch durchaus durchwachsen und während Drive-In: Ein B-Movie mit Blut und Popcorn noch alle Sympathiepunkte auf seiner Seite hat, frisch und unverbraucht wirkt, verhält es sich mit Drive-In II: Keins dieser üblichen Sequels quasi exakt so, wie man es vom filmischen Äquivalent erwarten würde, denn die Geschichte wirkt eben ein wenig wie drangehängt und aus den Fingern gesaugt, derweil das namensgebende Drive-In zwar immer noch eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt, aber schon längst nicht mehr so im Fokus steht wie noch bei Teil 1. Hinzu kommt hier, dass weite Teile der Geschichte im Mittelteil quasi eine ausgedehnte Rückblende darstellen, so dass die Story um die eigentliche Hauptfigur teilweise gehörig auf der Stelle tritt, doch der Unterhaltungswert ist auch hier noch gegeben und speziell die vielen neuen Einfälle lassen auch diesen Teil noch ein surreal-verqueres, aber lohnenswertes Erlebnis sein.

Ich schreibe jetzt über die Zeit, bevor alles so seltsam wurde; damals beschäftigten uns der Abschied von der Highschool, die Vorbereitung aufs College, Mädchen, Partys und jede Freitagnacht die All-Night-Horror-Show im Orbit-Drive-In an der Ausfahrt der Interstate-45, dem größten Autokino in Texas. Eigentlich dem größten der Welt, wobei ich allerdings bezweifle, dass es in Jugoslawien beispielsweise besonders viele Autokinos gibt. Denkt mal einen Augenblick drüber nach. Räumt euren Verstand frei, und probiert mal, euch ein Autokino vorzustellen, das groß genug ist, viertausend Autos zu fassen. Ich meine, denkt echt mal drüber nach.

Schwieriger verhält es sich da schon mit Drive-In III: Die Bus-Tour, denn auch wenn Lansdale sich nach Kräften bemüht hat, den Ton der Vorgänger zu treffen, merkt man dem Band schon an, dass er rund sechzehn Jahre (2005) später entstanden ist als die vorangegangenen zwei Bände, die deutlich mehr wie aus einem Guss wirken. Besonders ärgerlich bemerkbar macht sich das bei einer vermeintlichen Hauptfigur, die in Teil 3 mir nichts dir nichts aus dem Skript gestrichen worden ist und auch keine Erwähnung mehr findet, obwohl Lansdale ansonsten um Rückbezüge nicht verlegen ist, was ansonsten ja auch durchaus richtig und wichtig ist, wenn man berücksichtigt, wie viele Jahre zwischen den Büchern liegen. Hier allerdings ist es natürlich zuweilen befremdlich, speziell beim Wechsel von Buch zu Buch nur wenige Seiten später zusammengefasst zu bekommen, was man gerade erst gelesen hat, aber das liegt natürlich nur an der Darreichungsform als Trilogie in einem Band. Alles in allem sollte, wer Lansdale mal von einer anderen Seite erleben möchte oder ihn – wie ich – ohnehin über die Maßen schätzt, hier sicherlich einen Blick riskieren, sofern denn zumindest eine gewisse cineastische und/oder trashige Affinität vorhanden ist, denn ansonsten ist eine Enttäuschung wohl vorprogrammiert.

Fazit & Wertung:

Mit Drive-In – Die Trilogie in einem Band huldigt Joe R. Lansdale in epischer Breite dem Charme von B-Movie-Horror-Trash, was sich in einer wild und wahnwitzig Kapriolen schlagenden Geschichte ohne Hemmungen oder Scham niederschlägt, bei der zwar auch hintergründig immer wieder satirische wie teils gar philosophische Aspekte anklingen, die sich ansonsten aber klar über ihren surrealen Anstrich und den wild fabulierenden Geist seines zunehmend aus der Spur geratenen Erzählers definiert, der gemeinsam mit seinen Leidensgenossen in einer alptraumhaft-abgekapselten Zwischenwelt sein Dasein fristet, die ihresgleichen sucht. Ein Trip von einem Buch!

7,5 von 10 Punkten

Drive-In - Die Trilogie in einem Band

  • Drive-In I: Ein B-Movie mit Blut und Popcorn - 9/10
    9/10
  • Drive-In II: Keins dieser üblichen Sequels - 7.5/10
    7.5/10
  • Drive-In III: Die Bus-Tour - 6/10
    6/10

Fazit & Wertung:

Mit Drive-In - Die Trilogie in einem Band huldigt Joe R. Lansdale in epischer Breite dem Charme von B-Movie-Horror-Trash, was sich in einer wild und wahnwitzig Kapriolen schlagenden Geschichte ohne Hemmungen oder Scham niederschlägt, bei der zwar auch hintergründig immer wieder satirische wie teils gar philosophische Aspekte anklingen, die sich ansonsten aber klar über ihren surrealen Anstrich und den wild fabulierenden Geist seines zunehmend aus der Spur geratenen Erzählers definiert, der gemeinsam mit seinen Leidensgenossen in einer alptraumhaft-abgekapselten Zwischenwelt sein Dasein fristet, die ihresgleichen sucht. Ein Trip von einem Buch!

7.5/10
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite von Heyne Hardcore.

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Drive-In ist am 10.08.15 bei Heyne Hardcore erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den folgenden Link und unterstützt damit das Medienjournal!

  • Stimmt, dass der dritte Band quasi wie ein Reboot wirkt, hat mich damals auch etwas gestört. Auch die Unterschiede in der Sprache fand ich auffällig, wobei es mir schon bei Teil 2 so ging wie dir bei dritten Buch. Allerdings waren auch zwei unterschiedliche Übersetzer am Werk, schlägt sich vielleicht auch noch mal nieder.

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