Review: Blade Runner | Philip K. Dick (Buch)

Im Sinne von ordentlichem Kontrastprogramm gibt es heute mal wieder handfeste, frisch neu veröffentlichte Science-Fiction, pünktlich zur nahenden Fortsetzung des Films, der dem Roman hierzulande einen neuen Titel beschert hat.

Blade Runner

Do Androids Dream of Electric Sheep?, USA 1968, 272 Seiten

Blade Runner von Philip K. Dick | © FISCHER Tor
© FISCHER Tor

Autor:
Philip K. Dick
Übersetzer:
Manfred Allié

Verlag (D):
FISCHER Tor
ISBN:
978-3-596-29770-2

Genre:
Science-Fiction | Mystery | Krimi | Drama

 

Inhalt:

In der postnuklearen Tristesse der Überreste menschlicher Zivilisation auf der Erde – große Teile der Bevölkerung sind längst zu den Kolonien im All aufgebrochen – verdingt sich Rick Deckard als eine Art Kopfgeldjäger, der unerlaubt auf die Erde zurückgekehrte Androiden aus dem Verkehr zieht. Als sein Kollege Dave Holden dem Angriff eines Androiden zum Opfer fällt, sieht Rick seine Chance gekommen, das große Geld zu machen, denn gleich sechs Modelle der Nexus-6-Baureihe der Rosen-Werke sollen sich unerlaubt auf der Erde befinden und versprechen eine Prämie von 1.000 Dollar je Kopf. Auf Anraten seines Vorgesetzten Bryant macht sich Deckard zunächst auf zu den Rosen-Werken, um dort den gängigen Voight-Kampff-Test einer Tauglichkeitsprüfung zu unterziehen und zu eruieren, ob sich damit auch Nexus-6-Modelle "enttarnen" ließen. Hierbei lernt er auch Rachael Rosen kennen, die selbst nict ahnt, dass sie eine Androidin ist, doch auch Deckard wird an sich zu zweifeln beginnen, als die Mitglieder einer ihm unbekannten Polizeistation seine Identität anzuzweifeln beginnen…

Rezension:

Rund 14 Jahre nach Ersterscheinen von Philip K. Dicks mittlerweile zum Kultbuch avancierten Science-Fiction-Roman Do Androids Dream of Electric Sheep? erblickte Ridley Scotts kongeniale Verfilmung Blade Runner das Licht der Welt und befeuerte insbesondere das Ansehen Dicks in der breiten Öffentlichkeit nicht unerheblich. Doch während Buch und Film sich durchaus das gleiche dramaturgische Grundgerüst teilen, sind die Abweichungen doch teils gravierend und man merkt deutlich, wo Scott beziehungsweise dessen Drehbuchautoren die Schere angesetzt haben, so dass der mit rund 270 Seiten gar nicht mal so umfangreiche Roman spürbar reichhaltiger wirkt, mancherorts aber, das muss fairerweise gesagt werden, auch beinahe ein wenig überfrachtet, denn in der postapokalyptischen Welt hat sich um die Gestalt des Wilbur Mercer eine Art Pseudo-Religion entsponnen, die Empathie predigt und propagiert, es sei mitunter höchste Bürgerpflicht, Verantwortung für eines der rar gewordenen Tiere zu übernehmen und damit sein Einfühlungsvermögen, die eigene Hingabe unter Beweis zu stellen.

Das hat zur Folge, dass auf den Dächern der verhärmten Hochhauskomplexe Tiere aller Art gehalten werden, gut sichtbar für jedweden Nachbarn, um als Statussymbol in dieser dystopischen Zukunfts-Realität zu dienen, womit sich auch recht schnell der ursprüngliche, auch im Deutschen als Träumen Androiden von elektrischen Schafen? lange Zeit gebräuchliche Titel recht schnell erschließt, denn Hauptfigur Deckard besitzt ein elektrisches Schaf, nachdem das echte Schaf, das er dereinst besessen hat, das Zeitliche gesegnet hat, denn echte Tiere sind teuer, weshalb sich um die Nachfrage nach künstlichen – und damit günstigeren – Tieren eine ganze Branche gebildet hat, die mit getarnten Fahrzeugen "echte" Tier-Transporte imitiert und dafür sorgt, dass auch die weniger betuchten Bürger der Erde gegenüber ihren Mitmenschen das Gesicht wahren können. Allein diese Ansätze um das Mercertum und die damit verbundene Hingabe an das eigene "Haustür" (bei dem es sich durchaus auch um ein ausgewachsenes Pferd oder einen Vogel Strauß handeln kann) sind durchaus clever, bleiben den alleinigen Film-Kennern aber gänzlich fremd, denn abgesehen von der Eule im Empfangsbereich der Tyrell-Corporation (bei der es sich im Buch um die Rosen-Werke handelt), die auch im Buch eine Rolle spielt, sind diese Aspekte beinahe gänzlich aus der Filmfassung gestrichen worden.

»Ursprünglich waren es acht«, sagte Bryant mit Blick auf sein Klemmbrett. »Die ersten beiden hat Dave erledigt.«
»Und die übrigen sechs sind hier in Nordkalifornien?«
»Soweit wir wissen, ja. Dave vermutet es. Das war er, mit dem ich gerade gesprochen habe. Ich habe seine Notizen – waren in seinem Schreibtisch. Er sagt, alles, was er weiß, steht da drin.« Bryant tippte auf das Bündel Notizblätter. Bisher machte er keine Anstalten, diese Notizen an Rick weiterzugeben; er blätterte, aus welchen Gründen auch immer, selbst weiter darin herum, runzelte die Stirn, leckte sich mit der Zunge die Mundwinkel.

So wirkt der Plot hier auch weit weniger geradlinig, lässt aber auch dieselben Noir-Elemente des einsamen, stoischen Ermittlers erkennen, die man auch aus dem Film gewöhnt ist, derweil sich die Geschichte von Blade Runner in weiten Teilen einerseits auf Rick Deckard, andererseits auf "das Spatzenhirn" Isidore fokussiert, der es in abgewandelter Form als J.F. Sebastian ebenfalls in den Film geschafft hat und der hier wie da den Androiden Roy und Pris Unterschlupf gewährt, wobei hier noch eine dritte Person hinzukommt, was schlicht auch daran liegt, dass in der literarischen Vorlage Jagd auf sechs statt lediglich vier auf der Flucht befindliche Androiden gemacht wird. Entsprechend wirkt der Roman, gerade wenn man die Verfilmung noch frisch im Gedächtnis hat, was bei mir der Fall war, oftmals wie die Blaupause für Scotts Film, die manchmal um Ideen und Skizzen ergänzt, manchmal aus pragmatischen Gründen gekürzt und gestaucht worden ist, denn so großartig Philip K. Dicks Visionen einer möglichen Zukunft auch gewesen sein mögen, ergeben sie doch gerade in der Rückschau nicht immer Sinn, wenn man die vorherrschende Armut, die lebensfeindliche Umgebung auf der Erde, die im Grunde auf elementare Grundbedürfnisse runtergebrochene Gesellschaft mit den technischen Errungenschaften von der Marskolonisation über das Erschaffen lebensechter Androiden bis hin zu den gängigen Schwebeautos und den allgegenwärtigen Stimmungsorgeln gegenüberstellt, ergeben sich doch mehr als einmal Dissonanzen, die sich nicht allein damit erklären lassen, dass es sich eben um einen Science-Fiction-Roman handelt.

Das allerdings trübt den Lesegenuss in kaum einer Weise und genauso zeitlos wie die aus der Story hervorgegangene Verfilmung wirkt – nicht zuletzt dank der Neuübersetzung seitens Manfred Allié – auch Philip K. Dicks dystopischer Ausflug in eine jetzt schon der Vergangenheit angehörende Zukunft. Die deutsche Übersetzung gab wohl auch schon des Öfteren Anlass zur Kritik, wie ich an einigen Stellen vernehmen konnte und entsprechend zu begrüßen ist natürlich auch die neue Übersetzung, denn während es mich einige Zeit gekostet hat, Beispiele für die so verpönte alte Übersetzung und die sich ergebenden Unterschiede zu finden, so froh bin ich nun, mich diesem Klassiker der Science-Fiction-Literatur erst jetzt gewidmet zu haben, denn während der Stil in den alten Übersetzungen (meine Erfahrung beruht hier lediglich auf den einschlägigen Leseproben) ohnehin als hölzern und nicht eben zeitgemäß zu bezeichnen ist, finden sich dort auch Wortschöpfungen wie beispielsweise die "Einswerdungsbox", die von Allié deutlich eleganter als "Empathor" übersetzt wurde und bei der es sich um die Vorrichtung handelt, mit deren Hilfe man eins werden kann mit Mercer, was den letzten Erdenbürgern nicht unerheblich Trost spendet.

»Dies hier«, sagte Rick und hielt eine dünne, selbstklebende Scheibe in die Höhe, von der einige Drähte herunterbaumelten, »registriert Veränderungen der Kapillargefäße im Gesichtsbereich. Das zählt zu den wichtigsten unwillkürlichen Reaktionen auf einen im moralischen Sinne schockierenden Stimulus – das, was wir als Empörungs- oder Schamesröte kennen. Sie lässt sich nicht mit Willenskraft steuern, anders als das Leitvermögen der Haut, die Atmung oder der Herzschlag.« Er zeigte ihr das zweite Instrument, eine Leuchte, die einen gebündelten Lichtstrahl aussandte. »Dies hier registriert Spannungsveränderungen in den Augenmuskeln. Zeitgleich mit der Errötungsreaktion stellt man in der Regel ein kleines, aber messbares Zucken – «
»Und das haben Androiden nicht«, sagte Rachael.
»Sie reagieren auf die Fragen, die ich als Auslöser stelle, nicht damit; nein. Von ihrer Physiologie her könnten sie reagieren; theoretisch.«

In der Summe bietet Philip K. Dicks Blade Runner ein Füllhorn an Ideen und Einfällen, die im Grunde für weit mehr als einen Roman gereicht hätten, so dass ausgerechnet das Thema der Frage danach, was einen Menschen zum Menschen macht, manchmal nur hintergründig Erwähnung findet, während ich beispielsweise die Stimmungsorgeln, die gleich auf den ersten Seiten Interesse zu schüren vermocht haben, im Mittelteil des Buches schmerzlich wie gänzlich vermisst habe. Zum Ende des Buches und ebenfalls etwas befremdlich im Kontext der vorangegangenen Entwicklung wird es zudem noch einmal kurz beinahe esoterisch, was doch zu leichten Irritationen bei mir geführt hat, aber in der Summe handelt es sich doch um einen Roman, den ich trotz Kenntnis der grundlegenden Geschichte dank der überzeugenden Neuauflage des TOR Verlages quasi ganz neu für mich entdecken konnte und der trotz kleinerer Ungereimtheiten und dem sich zuweilen in den Vordergrund spielenden Gefühls der Überfrachtung an Themen und Ideen seinen Status als Kult-Buch sicherlich nicht zu Unrecht hat, weshalb ich schwer hoffen möchte, dass in dieser Richtung von dem noch jungen Verlag in den nächsten Jahren noch einiges zu lesen sein wird.

Fazit & Wertung:

Mit Blade Runner alias Träumen Androiden von elektrischen Schafen? schuf Philip K. Dick nicht nur einen der bekanntesten Vertreter der gegenwärtigen Science-Fiction-Literatur, sondern lieferte auch die Blaupause für die nicht minder erfolgreiche Verfilmung. Dank der Neuübersetzung von Manfred Allié erstrahlt die Geschichte nun in neuem, zeitlosem Glanz und lädt ohne Frage ein, neu entdeckt zu werden, denn gerade weil auch Film und Buch grundsätzlich differierende Ansätze wählen, sollte man beidem gleichermaßen Aufmerksamkeit zuteilwerden lassen.

9 von 10 Zweifeln am eigenen Selbst und Sein

Blade Runner

  • Zweifel am eigenen Selbst und Sein - 9/10
    9/10

Kurzfassung

Mit Blade Runner alias Träumen Androiden von elektrischen Schafen? schuf Philip K. Dick nicht nur einen der bekanntesten Vertreter der gegenwärtigen Science-Fiction-Literatur, sondern lieferte auch die Blaupause für die nicht minder erfolgreiche Verfilmung. Dank der Neuübersetzung von Manfred Allié erstrahlt die Geschichte nun in neuem, zeitlosem Glanz und lädt ohne Frage ein, neu entdeckt zu werden, denn gerade weil auch Film und Buch grundsätzlich differierende Ansätze wählen, sollte man beidem gleichermaßen Aufmerksamkeit zuteilwerden lassen.

9.0/10
Leser-Wertung 10/10 (1 Stimme)
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite von FISCHER Tor.

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Blade Runner ist am 24.08.17 bei FISCHER Tor erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den folgenden Link und unterstützt damit das Medienjournal!

  • Ich mag das Buch auch sehr, gerade weil es anders als der Film ist (den ich zugegebenermaßen zuerst gesehen hatte). Die Neuübersetzung klingt spannend, aber vermutlich würde ich inzwischen eh zum Original greifen.

  • booknapping.de

    Ohoh, da hast du mich an eine schreckliche Leselücke erinnert. Sehr guter Text zu einem sicher tollen Buch. Auch wenn ich P. K. Dick unterstelle, ausschließlich unter Drogeneinfluss geschrieben zu haben, gehört er trotzdem zu den Visionären des letzten Jahrtausends. Danke fürs Erinnern! Ich habe noch eine ganz alte Übersetzung und denke jetzt drüber nach, diese besser auszutauschen.

    Das Programm von Fischer Tor ist wirklich klasse, ich hoffe auch, dass wir es lange genießen können!

    Liebe Grüße,
    Sandra

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