Review: Carol (Film)

Und wir beschließen die Film-Rezensionen diese Woche nach zwei mäßigen bis mittelmäßigen Vertretern mit einem echten Kleinod, das ich nun auch endlich kenne und über das ich euch sehr gerne nun mehr erzählen möchte. Kommt mir gut ins Wochenende, es wird ja schließlich doch wieder viel zu kurz sein.

Carol

Carol, UK/USA 2015, 118 Min.

Carol | © Universum Film
© Universum Film

Regisseur:
Todd Haynes
Autoren:
Phyllis Nagy (Drehbuch)
Patricia Highsmith (Buch-Vorlage)

Main-Cast:
Cate Blanchett (Carol Aird)
Rooney Mara (Therese Belivet)
in weiteren Rollen:
Sarah Paulson (Abby Gerhard)
Jake Lacy (Richard Semco)
Kyle Chandler (Harge Aird)

Genre:
Drama | Romantik | Historie

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Carol | © Universum Film
© Universum Film

Im weihnachtlichen New York des Jahres 1952 begegnet Carol Aird der schüchternen wie attraktiven Verkäuferin Therese Belivet und lässt absichtlich ihre Handschuhe im Kaufhaus zurück, um einen Kontakt zu Therese zu fingieren. Der Plan geht auf und Carol und Therese lernen sich kennen, freunden sich an, kommen sich näher, sehr natürlich zum Leidwesen von Carols Ehemann Harge, der ihre frühere Affäre zu ihrer nun besten Freundin Abby noch längst nicht verwunden hat und – anders als Carol – noch nicht einsehen will oder kann, dass ihr ehe am Ende ist. Während Carol mit Therese aus der Stadt verschwindet, beginnt Harge Schritte einzuleiten, um Carol empfindlich zu treffen und vor allem ihre Affäre gegen sie zu verwenden…

Rezension:

Bereits nach wenigen Minuten war mir klar, dass Carol ein besonderer Film werden würde, so einnehmend war die exquisit auf die Leinwand gebrachte Atmosphäre der 50er, so elegisch und elegant die Inszenierung, so intim und bedeutungsvoll jeder Blick und jede Geste. Todd Haynes liefert damit einen auf beste Weise entschleunigten Film ab, der weit mehr mit der goldenen Ära des Films gemein zu haben scheint als die spürbar temporeicheren Werke jüngerer Jahre, was ihn aber auch gegenüber vergleichbaren Werken nachhaltig emanzipiert, fernab des Umstandes, dass hier eine gleichgeschlechtliche Liebe im Mittelpunkt steht, denn ungeachtet dessen, dass die Zustände früher tatsächlich noch weitaus schlimmer waren und ein derartiges "Verhalten" als skandalös, wenn nicht gar verbrecherisch abgestempelt wurde, nutzt Haynes diesen Umstand lediglich als dramaturgische Triebfeder für seinen Reigen, arbeitet ansonsten aber sehr schön heraus, wie normal und natürlich die beiden Damen miteinander agieren und zwar dergestalt, dass er eben nicht explizit die "Normalität" unterstreicht, sondern selbst kein Aufhebens um die Sache macht, was man eleganter kaum hätte lösen können.

Szenenbild aus Carol | © Universum Film
© Universum Film

Entsprechend verzichtet der Regisseur darauf, Carol als Skandalfilm zu inszenieren – eine Versuchung, der weniger fähige Regisseure womöglich eher erlegen wären – und konzentriert sich ganz auf die wechselseitige Beziehung der beiden Frauen zueinander, denn während die namensgebende Carol gewohnt zu sein scheint, zu bekommen was sie will, gibt Therese den deutlich zurückhaltenderen Part und wirkt zunächst scheu, beinahe verschreckt, derweil sie im Verlauf des rund zweistündigen Films eine spürbare Wandlung durchmacht und sich nachhaltig emanzipiert, wenn es darum geht, ihren eigenen Wünschen und Vorstellungen zu folgen und sich nicht länger zugunsten von außen kommender Erwartungen und Ansprüche zu verbiegen gedenkt. Dementsprechend handelt es sich neben der im Vordergrund stehenden, zunehmend dramatischer werdenden Liebesgeschichte im gleichen Maße auch um eine Charakter-Drama sowie nicht zuletzt im Falle von Therese um eine beinahe typische Coming-of-Age-Story vor ungewöhnlichem Hintergrund.

Überhaupt spielt hier das Setting eine nicht gerade unerhebliche Rolle und trägt zu der schwelgerischen, nostalgischen, mancherorts melancholischen Atmosphäre bei, so dass fernab der unaufgeregten Inszenierung durchaus durchscheint, welch ein Skandal das seinerzeit im Jahr 1952 von Patricia Highsmith in wohlweislicher Voraussicht unter dem Pseudonym Claire Morgan veröffentlichte Buch Salz und sein Preis gewesen sein muss, das als Vorlage für den sechsfach Oscar-nominierten Film gedient hat. Bei all den elegischen Bildern, den intimen Miniaturen, den mit viel Feingespür inszenierten Blicken und Begegnungen zwischen Therese und Carol fallen dafür aber auch die emotionalen Ausbrüche weitaus mehr ins Gewicht, wobei es Carol-Darstellerin Cate Blanchett (Knight of Cups) obliegt, in diesen wenigen Momenten gänzlich aus sich herauszukommen und die Fassade der sinnlich-selbstsicheren Femme Fatale abzustreifen, derweil Rooney Mara (The Discovery) die selten Gabe besitzt, ganz ohne Worte eine ganze Bandbreite an Gedanken und Gefühlen zu vermitteln, so dass sich beide Frauen nicht nur hinsichtlich der im Film abgebildeten Romanze vortrefflich ergänzen.

Szenenbild aus Carol | © Universum Film
© Universum Film

Fernab der beiden alles dominierenden Hauptdarstellerinnen weiß zumindest Kyle Chandler (Broken City) sich als Carols Ehemann ein wenig zu profilieren und liefert ein facettenreiches Bild aus Wut, Frustration, (Selbst-)Zweifel und Machtlosigkeit, das ziemlich trefflich die widerstreitenden Gefühlszustände eines dergestalt zurückgewiesenen Mannes einfangen dürfte, wohingegen Sarah Paulson (American Horror Story) eine zwar gewohnt routinierte Leistung abliefert, im Kontext des Films aber keine vergleichbar denkwürdigen oder fordernden Szenen spendiert bekommt. Nur lobende Worte also für Carol, könnte man meinen, doch bei all der inszenatorischen Finesse ist mir das Geschehen in dramaturgischer Hinsicht ein wenig zu zerfasert, zu episodisch gehalten, um restlos begeistern zu können, denn nachdem Carol beschließt, ihrem Heim den Rücken zu kehren und gemeinsam mit Therese eine Art Road-Trip zu starten, ergeht sich der Film ein wenig zu lange in den kleinen Szenen einer nur bruchstückhaft abgebildeten Reise, derweil der ungemein ruhige Erzählton bei aller knisternden Spannung und einer intensiven Atmosphäre leider auch manche kleine Länge mit sich bringt, die den Gesamteindruck zwar nicht merklich trübt, im Rahmen der Besprechung aber nicht unerwähnt bleiben soll.

Fazit & Wertung:

Mit Carol liefert Todd Haynes ein ungemein sensibel und intim gefilmtes Drama ab, das sich bewusst verweigert, als Skandalfilm betrachtet zu werden, so dass die gleichgeschlechtliche Liebe zwischen Carol und Theres nur dahingehend eine Rolle spielt, dass sie den bornierten Figuren der in den amerikanischen 50ern angesiedelten Geschichte ein Dorn im Auge ist. Gemessen an den Ausnahmeleistungen von sowohl Cate Blanchett als auch Rooney Mara hätte sich aus diesem Ansatz ein unumwunden großartiger film zaubern lassen, was auch in Teilen gelingt, doch durch die elegische Erzählweise schleichen sich leider auch leichte, vermeidbare Längen in den dennoch ausgezeichneten Film.

8,5 von 10 heimlichen Treffen

Carol

  • Heimliche Treffen - 8.5/10
    8.5/10

Fazit & Wertung:

Mit Carol liefert Todd Haynes ein ungemein sensibel und intim gefilmtes Drama ab, das sich bewusst verweigert, als Skandalfilm betrachtet zu werden, so dass die gleichgeschlechtliche Liebe zwischen Carol und Theres nur dahingehend eine Rolle spielt, dass sie den bornierten Figuren der in den amerikanischen 50ern angesiedelten Geschichte ein Dorn im Auge ist. Gemessen an den Ausnahmeleistungen von sowohl Cate Blanchett als auch Rooney Mara hätte sich aus diesem Ansatz ein unumwunden großartiger film zaubern lassen, was auch in Teilen gelingt, doch durch die elegische Erzählweise schleichen sich leider auch leichte, vermeidbare Längen in den dennoch ausgezeichneten Film.

8.5/10
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Carol ist am 22.04.16 auf DVD und Blu-ray bei DCM im Vertrieb von Universum Film erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

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