Review: Old School | John Niven (Buch)

Heute habe ich mich mal einem von mir eigentlich sehr geschätzten Autor gewidmet, doch selbst das ist kein Garant für blendende Unterhaltung, denn diesen Niven fand ich tatsächlich "nur" gut, aber lest selbst:

Old School

Sunshine Cruise Company, UK 2015, 400 Seiten

Old School von John Niven | © Heyne Hardcore
© Heyne Hardcore

Autor:
John Niven
Übersetzer:
Stephan Glietsch

Verlag (D):
Heyne Hardcore
ISBN:
978-3-453-67721-0

Genre:
Komödie | Krimi | Drama

 

Inhalt:

Während Susan sich mit dem Mischungsverhältnis des Bluts herumschlug, hatte ihre älteste Freundin mit ganz anderen Körperflüssigkeiten zu kämpfen. Einen Kampf, der Julie Wickham in der Überzeugung bestärkte, dass Urin sich wie Schneeflocken oder Fingerabdrücke dadurch auszeichnete, unverwechselbar zu sein.

Julie Wickham feiert gemeinsam mit ihrer besten Freundin Susan Frobisher ihren sechzigsten Geburtstag und blickt auf ein Leben voller Fehlentscheidungen und Rückschläge, die sie als Aushilfe in einem Pflegeheim haben enden lassen, wo sie auch die bald neunzigjährige, resolute Ethel kennen und schätzen gelernt hat. Freundin Susan scheint es da weit besser getroffen zu haben mit ihrem langweiligen, aber beständigen Ehemann Barry, der für ein ordentliches Auskommen sorgt, bis zu dem Moment zumindest, als man ihn auf höchst prekäre Weise tot in seinem persönlichen Sex-Geheimversteck findet, von dem Susan natürlich nichts geahnt hat. Schnell wird klar, dass Barry in all den Jahren weit über seine Verhältnisse gelebt hat und von dem vermeintlichen Vermögen nicht viel bleibt. Geldprobleme ganz anderer Art hat auch Jill, denn deren Tochter hat ein schwerkrankes Kind daheim, dessen Operation immense Summen kosten würde, die sie ihm Traum nicht aufzubringen imstande ist. Dergestalt mittellos auf die Rente zutreibend, beginnen die Damen Pläne zu schmieden, ihre Taschen zu füllen und was wäre da besser geeignet als der Klassiker schlechthin: ein Banküberfall…

Rezension:

Jetzt ist es schon wieder fast zwei Jahre her, dass ich mit Straight White Male einen John Niven gelesen habe und entsprechend wurde es nicht nur allerhöchste Zeit, sondern passte gar auffallend gut, dass sein bislang neuester Roman Old School jüngst als Taschenbuch erschienen ist, wobei ich direkt vorweg schicken muss, dass es leider auch sein bislang schwächster Roman ist (von denen, die ich kenne zumindest), was aber nicht heißen soll, dass die Chose um ein paar rüstige Rentnerinnen, die mittels Banküberfall ihr mageres Auskommen aufzumöbeln gedenken, nicht zu unterhalten wüsste, doch war hier vieles schon reichlich trivial und zuweilen auf Fäkal-Humor gemünzt, um so richtig überzeugen zu können, derweil im Gegenzug der beinahe erzwungene Tiefgang mit ein wenig Emotion nicht eben stimmig gewirkt hat und im Kontext der ansonsten so bewusst abgedrehten und überzogenen Chose auch reichlich deplatziert wirkte.

Susan saß allein an einem Tisch im La Taverna, dem besten Italiener in Wroxham, und nippte an ihrem Mineralwasser. Zum wiederholten Mal blickte sie auf ihre Uhr. Julie war ungewöhnlich spät dran.
Susan Frobisher und Julie Wickham – Menschen mit solchen Namen, dachte Susan manchmal, durfte es eigentlich nur in Seifenopern über Mittelengland geben.

Ansonsten ist es eben auch ein reichlich eigentümlicher wie eigensinniger Humor, den man mögen muss, um Old School mögen zu können und mir persönlich war es manchmal ein wenig viel des Guten, was die Darmprobleme des ermittelnden Polizisten Boscombe angeht, aber eigentlich hält es sich die meiste Zeit im Rahmen und ich habe mehrfach schmunzeln müssen, auch wenn das Geschehen, so schnittig es auch zu Papier gebracht worden sein mag, manchmal doch reichlich konstruiert wirkt und wie darauf ausgerichtet, dereinst verfilmt zu werden, wovon auch der Epilog kündet, in dem gleich mehrfach die Rede von einer Kamerafahrt ist, wobei ich mich dann schon gefragt habe, warum sich Niven dieses Stilmittels nicht öfter bedient hat und stattdessen erst zum Ende darauf zurückgreift, denn eigentlich fand ich es im Kontext der absurden Geschichte doch recht charmant, zu suggerieren, es handele sich um einen verschriftlichten Film oder ein ausgeschmücktes und um Details ergänztes Drehbuch.

Derweil ist der Trupp aus den unterschiedlichen Charakteren von mehr oder minder betagten Frauen rundweg sympathisch gezeichnet und profiliert sich durch unterschiedlich ausgeprägte Charaktereigenschaften und eine großartige, wechselseitige Chemie, die im Verlauf der sich an den Banküberfall anschließenden Flucht nach Frankreich und bis an die Côte d’Azur ausgiebig genutzt wird, um den Leser bei Laune zu halten, immer wieder unterbrochen von Einschüben der Verfolgungsjagd seitens Boscombe und seines Begleiters, die noch viel mehr auf den schnellen Lacher getrimmt sind und dadurch leider auch die Spannung gehörig leiden lassen, denn eine Gefahr für die gesetzesbrüchigen Rentnerinnen scheint von diesem Dämlack zu keinem Zeitpunkt auszugehen, zumal dessen Verhalten an Infantilität kaum zu überbieten sein dürfte, Niven bei dem ihn letztlich erwartenden Schicksal wiederum meines Erachtens über das Ziel hinausschießt.

»Tut mir leid. Es ist nicht deine Schuld. Das alles ist wirklich ganz wundervoll von dir, nur bin ich halt … ›sechzig‹. Ich meine, in dem Alter braucht man sich nichts mehr vorzumachen, oder? Das ist keine vorübergehende Krise, die ich gerade durchmache. So sieht’s jetzt einfach mal aus. Das ist es, was ich im Leben erreicht habe, Susan. Ich lebe allein in einer kleinen Mietwohnung und arbeite im Altenheim.«

So sehr aber alle Ereignisse um Boscombe auf den schnellen Lacher getrimmt sind, so bewusst derb die Sprüche beispielsweise von der abgebrühten Ethel sein mögen, die damit speziell die streng gläubige Jill ein ums andere Mal in Verlegenheit bringt, so deplatziert wirken die Einschübe, in denen es um ein todkrankes Kind – zu dessen Rettung ebenfalls das geraubte Geld eingesetzt werden könnte – oder die tragischen Ereignisse in der Vergangenheit der beiden Hauptfiguren Julia und Susan geht, was Old School eben leider oft nicht ganz rund wirken lässt, denn auch wenn es möglich sein mag, Witz und Ernst gekonnt miteinander zu verflechten, ist dies hier Niven in meinen Augen leider nur leidlich gelungen, weshalb es sich eben auch "nur" um eine unterhaltsame, kurzweilige Krimi-Komödie handelt, deren Tiefgang viel zu oft pure Behauptung bleibt, derweil der Witz nicht immer überzeugend, dafür aber immer öfter repetitiv geraten ist. Doch, ich hatte meinen Spaß und mancherorts bewies der Autor auch gehörigen Einfallsreichtum, greift bei der Tonalität der Story als Ganzem aber auch mehrfach daneben. Immerhin, wer schon die anderen Romane Nivens mochte, sollte sich in weiten Teilen auch mit dem Humor anfreunden können, nur den gewohnten Tiefgang lässt er hier leider weitestgehend missen.

Fazit & Wertung:

John Nivens Old School wirkt nicht nur auf den ersten Blick wie ein Buch gewordener Film und begeistert als unterhaltsame Krimi-Komödie durchaus, auch wenn der Humor manchmal etwas flach und die Ereignisse zunehmend überzogen sein mögen, doch ist es weit mehr die suggerierte Ernsthaftigkeit, der sich hier als störendes Element offenbart, denn Fäkalhumor und teils tieftragische Begebenheiten gehen selten gut Hand in Hand und das gilt auch in diesem Fall. Unterhaltsam ist die aberwitzige Geschichte dennoch und in ihren besten Momenten herrlich frisch und witzig inszeniert, allerdings eben nur mit leichten Abstrichen zu genießen.

7 von 10 absurden Aktionen aufmüpfiger Alter

Old School

  • Absurde Aktionen aufmüpfiger Alter - 7/10
    7/10

Fazit & Wertung:

John Nivens Old School wirkt nicht nur auf den ersten Blick wie ein Buch gewordener Film und begeistert als unterhaltsame Krimi-Komödie durchaus, auch wenn der Humor manchmal etwas flach und die Ereignisse zunehmend überzogen sein mögen, doch ist es weit mehr die suggerierte Ernsthaftigkeit, der sich hier als störendes Element offenbart, denn Fäkalhumor und teils tieftragische Begebenheiten gehen selten gut Hand in Hand und das gilt auch in diesem Fall. Unterhaltsam ist die aberwitzige Geschichte dennoch und in ihren besten Momenten herrlich frisch und witzig inszeniert, allerdings eben nur mit leichten Abstrichen zu genießen.

7.0/10
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite von Heyne Hardcore. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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Old School ist am 10.07.17 bei Heyne Hardcore als Taschenbuch erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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