Review: Planetenjäger | George R. R. Martin | Gardner Dozois | Daniel Abraham (Buch)

So, reden wir auch mal wieder über das geschriebene Wort und einen der kultigsten Autoren dieser Tage, wenn er meinem Gefühl nach auch mehr des guten Namens wegen auf dem Cover dieses Buches prangt, aber so genau weiß man das nicht bei gleich drei Autoren. Egal, es geht – mal wieder – um Science-Fiction.

Planetenjäger

Hunter’s Run, USA 2008, 352 Seiten

Planetenjäger von George R. R. Martin, Gardner Dozois, Daniel Abraham | © Penhaligon
© Penhaligon

Autoren:
George R. R. Martin
Gardner Dozois
Daniel Abraham
Übersetzer:
Andreas Helweg

Verlag (D):
Penhaligon
ISBN:
978-3-764-53172-0

Genre:
Science-Fiction | Drama | Abenteuer

 

Inhalt:

Ramón spuckte aus und stolzierte in die Nacht davon. Erst als er losging, bemerkte er, wie betrunken er war. Auf dem Platz am Kanal hockte er sich hin, lehnte sich an einen Baum und wartete, bis er sicher war, weitergehen zu können, ohne zu schwanken. Um ihn herum brachte Vila Diego die Wochenlöhne mit Alkohol, Kaafa Kyit und Sex durch.

Ramón Espejo schlägt sich mehr schlecht als recht als Prospektor auf einem Kolonialplaneten durchs Leben, müht sich mit einer streitsüchtigen Freundin ab, hält sich nur mit Mühe und Not über Wasser, versäuft das wenige, was er verdient und ist tagein tagaus damit beschäftigt, den eigenen Jähzorn im Zaum zu halten. Dass ihm dies allerdings nicht immer gelingt, wird spätestens deutlich, als er im Streit seinen Kontrahenten hinter einer Bar ersticht. Der entpuppt sich nämlich dummerweise als hochrangiger Politiker und so ergreift Ramón die Flucht und begibt sich in die Wildnis, um dort seinem Job als Prospektor nachzugehen und nach Bodenschätzen zu suchen. Bei der ersten Sprengung allerdings stößt Ramón prompt auf eine bis dato unentdeckte Alien-Spezies, die ihn gefangen nimmt und zwingt, ihm bei der Jagd auf einen anderen Menschen zu helfen. Der ist nämlich drei Tage zuvor den Aliens entkommen und darf unter keinen Umständen die nächste menschliche Kolonie erreichen, um von ihrer Existenz zu berichten. Fortan lauert Ramón auf seine Chance zur Flucht, während er sich mit einem der fremdartigen Wesen auf die Jagd begibt…

Rezension:

Auch ich gehöre zu den sicherlich nicht wenigen Leuten, die sich von dem Schriftzug "George R.R. Martin" auf dem Cover zu der Lektüre von Planetenjäger haben verleiten lassen, doch wusste ich immerhin bereits im Vorfeld, dass die hier abgedruckte Geschichte aus dem Jahr 2008, die im Original weitaus trefflicher und weniger irreführend als Hunter’s Run betitelt worden ist, nicht im Entferntesten etwas mit Martins Planetenwanderer zu tun hat, zu dem man hier ohne Frage mithilfe des Titels eine Bresche schlagen wollte, was zwar von tendenziell cleverem Marketing kündet (ebenso wie das Cover, das im Grunde auch nichts mit der Geschichte gemein hat), aber natürlich auch für den geneigten doch unbedarften Leser gewisse Enttäuschungen quasi vorprogrammiert. Dementsprechend also die Warnung oder besser gesagt der gutgemeinte Hinweis, dass man sich besser auf den Klappentext verlässt und im Hinterkopf behält, dass hier neben Martin eben auch noch zwei weitere Schriftsteller das Autorentrio komplettieren, weshalb man sich auch keinen "typischen" Martin-Roman erwarten sollte, doch hat man sich erst einmal von der Vorstellung losgemacht, es könne um Haviland Tuf oder ausufernde Weltraumschlachten gehen, kann man mit der vorliegenden Veröffentlichung durchaus seine Freude haben.

Die Kolonie São Paulo hatte gerade die zweite Generation erreicht. Es gab noch Frauen, die sich an die erste Landung auf einer unberührten Welt erinnern konnten. Vila Diego, Nuevo Janeiro, San Esteban, Amadora. Kleiner Hund. Fiedlers Sprung. Alle Städte des Südens waren seitdem aufgeblüht wie Schimmel in einer Petrischale.

Dabei beginnt Planetenjäger beinahe generisch und widmet sich zunächst der Einführung der Hauptfigur Ramón Espejo, einem regelrechten Unsympathen, den zu mögen wirklich schwerfallen dürfte und der sich all den gemeinhin verpönten Lastern widmet, auf die man für auf Antipathie ausgelegte Figuren gerne zurückgreift. Dem voran geht aber auch ein sehr schöner Foreshadowing-Moment, der neugierig macht, was Ramón widerfahren wird, wobei die Auflösung tatsächlich gar nicht einmal so lange auf sich warten lässt. Dabei ist der rund 350 Seiten umspannende Roman in mehrere große Teile gegliedert, die gleichermaßen einen regelrechten Paradigmenwechsel mit sich bringen und so der Geschichte gleich mehrfach eine neue Wendung geben, die sich im Kern aber im Grunde um die Jagd eines Alien auf einen Menschen fokussiert. Wer jetzt aber meint, hier würde eine adrenalingeschwängerte Hetzjagd zu Papier gebracht worden sein, ist ebenso auf dem Holzweg wie jene, die epische, intergalaktische Konflikte erwarten.

So ist die von Martin, Dozois und Abraham inszenierte Geschichte in vielen Belangen weit eher als philosophisches Lehrstück zu verstehen und zieht ihre Faszination zuvorderst aus dem Zusammenspiel zwischen Mensch und Alien, die sich fremder kaum sein könnten du sich gerade deswegen auf ungewohnte Weise begegnen, was ein paar trefflich konstruierte Dialoge mit sich bringt, während ansonsten die in der Erzählung gestreuten Twists davor bewahren, dass je echte Langeweile aufkommt. Dessen ungeachtet muss ich aber auch sagen, dass manche Aspekte der Geschichte durchaus hätten gestrafft werden können und mancher Part im Gesamtkontext leicht redundant wirken kann, was zu leichteren Durchhängern im Spannungsbogen führt, die sich sicherlich hätten vermeiden lassen können, doch in Anbetracht dessen, dass Planetenjäger ohnehin nicht darauf ausgelegt ist, als adrenalingeschwängertes Actionwerk durchzugehen, fallen die seichteren Passagen nicht allzu negativ ins Gewicht.

Alles Pech, das die Menschen im Laufe des Jahres verfolgt hatte, sollte mit dem Alten Zozobra verbrennen, doch während sich der Riese in den Flammen langsam wand und krümmte und das tiefe, elektronisch verstärkte Klagen von den Mauern des Gouverneurspalasts widerhallte, beschlich Ramón die düstere Vorahnung, dass es eher sein Glück war, das verbrannte. Und dass er von jetzt an Unheil und Missgeschick zu erwarten habe.

So macht man aus der so simpel erscheinenden Prämisse des nicht unbedingt friedlichen Aufeinandertreffens von Mensch und Alien hier ungemein viel, auch wenn ich aus Spoiler-Gründen davon absehen muss, auf den weiteren Fortgang der Geschichte einzugehen, doch leider lässt ausgerechnet das letzte Drittel den Verve der vorangegangenen Teile ein wenig missen und kommt in vielen Punkten einerseits vergleichsweise überraschungsarm, andererseits langatmig daher, was den bis dahin durchaus positiven Gesamteindruck ein wenig schmälert, doch kann ich Planetenjäger dennoch allen Freunden ungewöhnlicher und intelligenter Science-Fiction ans Harz legen, die bereit sind, sich auf eine unerwartet wendungsreiche Reise zu begeben, bei der es allerdings weit mehr um die Frage nach der eigenen Identität und Herkunft geht als darum, eine möglichst reißerische Auseinandersetzung mit einem Außerirdischen zu inszenieren, weshalb man sich vorrangig von falschen oder irreführenden Erwartungen loszumachen hat, um durchaus Freude mit diesem Werk haben zu können.

Fazit & Wertung:

Die Vermarktung von Planetenjäger könnte irreführender kaum sein, denn weder Titel noch Cover weisen in die Richtung, in welcher der Roman sich bewegt, doch falscher Erwartungen offenbart sich ein einfalls- wie wendungsreiches Werk, das sich mit gehörigem Einfallsreichtum und originellen Dialogen profiliert, was leider aber auch durch die immer wieder auftretenden Längen ein wenig unterminiert wird, denn ansonsten wäre der Wurf des Autoren-Trios Martin, Dozois und Abraham uneingeschränkt empfehlenswert gewesen, wenn man denn weiß, worauf man sich einlässt.

7 von 10 fremdartigen Wesenszügen

Planetenjäger

  • Fremdartige Wesenszüge - 7/10
    7/10

Fazit & Wertung:

Die Vermarktung von Planetenjäger könnte irreführender kaum sein, denn weder Titel noch Cover weisen in die Richtung, in welcher der Roman sich bewegt, doch falscher Erwartungen offenbart sich ein einfalls- wie wendungsreiches Werk, das sich mit gehörigem Einfallsreichtum und originellen Dialogen profiliert, was leider aber auch durch die immer wieder auftretenden Längen ein wenig unterminiert wird, denn ansonsten wäre der Wurf des Autoren-Trios Martin, Dozois und Abraham uneingeschränkt empfehlenswert gewesen, wenn man denn weiß, worauf man sich einlässt.

7.0/10
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite von Penhaligon. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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Planetenjäger ist am 26.06.17 bei Penhaligon erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

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