Review: Die Ratten von Perth | David Whish-Wilson (Buch)

Widmen wir uns heute mal wieder einem Krimi, der mich aber leider nicht so abzuholen gewusst hat, wie ich mir das gewünscht hätte, trotzdem aber freilich mitnichten frei von Qualitäten ist.

Die Ratten von Perth

Line of Sight, AU 2010, 297 Seiten

Die Ratten von Perth von David Whish-Wilson | © Suhrkamp
© Suhrkamp

Autor:
David Whish-Wilson
Übersetzer:
Sven Koch

Verlag (D):
Suhrkamp
ISBN:
978-3-518-46805-0

Genre:
Krimi | Thriller | Drama

 

Inhalt:

»Auf Geheiß des Gouverneurs erkläre ich die Royal Commission zur Untersuchung über die Durchsetzung des Gesetzes zur Regelung der Prostitution im Bundesstaat Western Australia mit dem heutigen Tag im Monat November im Jahre des Herrn neunzehnhundert und fünfundsiebzig für eröffnet.«

Im westaustralischen Perth wird 1975 Ruby Devine, die Betreiberin eines Luxusbordells, medien- und öffentlichkeitswirksam hingerichtet, doch die Spuren im Fall verlaufen im Sande, während einzig Superintendent Frank Swann den Schneid besitzt, für dieses Verbrechen die örtliche, seinem Vernehmen nach durch und durch korrupte Polizei verantwortlich zu machen. Alsbald wird eine "Royal Commission" ins Leben gerufen und der pensionierte Richter Partridge zum Vorsitzenden bestimmt, doch dient der Ausschuss im Grunde nur dem einen Zweck, Swann öffentlich zu denunzieren und so seine Anschuldigungen in Zweifel zu ziehen. Während Partridge alles daran setzt, dass "seine" Kommission nicht zum bloßen Machtinstrument fremder Mächte verkommt, beginnt Swann auf eigene Faust zu ermitteln…

Rezension:

Manchmal soll es halt einfach nicht sein, schoss es mir bei der Lektüre von Die Ratten von Perth immer wieder und unvermittelt in den Kopf, denn dieser Krimi muss doch etwas an sich haben, dass seitens Suhrkamp das bereits 2010 erschienene australische Original Line of Sight nun mit reichlich Verspätung noch auf den deutschen Markt geworfen wird und tatsächlich spricht vieles für den ungemein lakonischen, ganz meinem Geschmack entsprechend wahnsinnig düster konzipierten, vor allem aber reduzierten Krimi, der mit einer erfrischenden Schnörkellosigkeit zu Werke geht und auf knapp 300 Seiten ein Crescendo der Korruption intoniert. Entsprechend ernüchternd ist es dann auch, dass bei all diesen Vorzügen die eigentliche Geschichte kaum zu packen wüsste, denn die Distanziertheit geht hier einher mit einer Kühle, die es mir schwer gemacht hat, Frank Swann als Hauptfigur wirklich nahe zu kommen, während der Subplot um seine verschwundene Tochter Louise oftmals halbgar nebenher dümpelt, so als könne sich Autor Whish-Wilson nie recht entscheiden, wo denn der eigentliche Fokus des Romans liegen soll.

Swann beobachtete Barlow bei der Ausführung seiner Antwort. Intern hieß der Mann nur der lächelnde Hinterhalt, er galt als jemand, der schmutzige Wäsche wusch und Kollegen bei Vorgesetzten anschwärzte, um die eigenen Karriereaussichten zu verbessern.

Dabei beginnt die Geschichte überaus packend und vermag bereits auf den ersten Seiten in ihren Bann zu ziehen, was mich zunächst auf eine ungemein spannende Lektüre hoffen ließ, doch nach den ersten Sitzungen der "Royal commission" begann sich Ernüchterung breit zu machen, weil ich für mich selbst weder genau zu eruieren wusste, auf welches Ziel diese Kommission genau zusteuert, noch, welch verschlungene Pfade Swann bei seinen Ermittlungen einschlägt, so dass er – meinem Gefühl nach – mal hier, mal dort mit wahlweise Informanten, Kleinkriminellen oder Prostituierten konferiert, um ebenso wahlweise etwas über seine verschwundene Tochter, die korrupten Machenschaften der hiesigen Polizei oder eben den Mord an Ruby in Erfahrung zu bringen sucht, einer Bordellbesitzerin, deren Ableben den eigentlichen Aufhänger für die Geschichte bietet. So vermisste ich immer öfter mal einen wirklich erkennbaren roten Faden, während sich zu den handelnden Figuren noch der eigentlich verrentete Richter Partrigde als Leiter der Untersuchungskommission gesellen sowie ein namenlos bleibender Auftragskiller, dessen Ziel ebenso im Verborgenen bleibt oder zumindest nicht namentlich genannt wird.

Der Mord an Ruby Devine derweil fußt auf dem realen Fall von Shirley Finn, ebenfalls Chefin eines Luxusbordells, die 1975 mittels vierer Kopfschüsse – einer "Bowlingkugel"-Exekution – prestigeträchtig hingerichtet worden ist und deren Fall niemals aufgeklärt wurde, was David Whish-Wilson nun als Aufhänger und Ausgangspunkt seiner anscheinend als Trilogie angelegten Geschichte um Frank Swann nutzt, wobei ich erst im Nachhinein erfahren durfte, dass dort noch weitere Teile folgen würden – so die entsprechenden, längst vorliegenden Bände denn ebenfalls übersetzt werden – denn trotz eines nicht unbedingt vollumfänglich zufriedenstellenden Endes wirkt die Sache doch im Allgemeinen sehr rund und in sich abgeschlossen. Das ist dann auch eine der Stärken von Die Ratten von Perth, dass der Autor auf im Grunde vergleichsweise wenigen Seiten ein stimmiges und vielschichtiges, überwiegend in Grau-Tönen gehaltenes Bild der "einsamsten Großstadt der Welt" entwirft, das vor Lügen und Intrigen nur so strotzt, einer Stadt, die es dem Anschein nach nicht einmal mehr vermag, sich den Anschein von Normalität und Anstand zu bewahren, weshalb es für mich eine großartige Lektüre hätte werden können, würden mir die Figuren nicht so fern bleiben wie schon lange nicht mehr in einem Roman.

Er schwenkte den Bodensatz aus matschigem Eis in seinem Glas und trank einen Schluck Whiskey and Dry. Ausnutzen wollte man offensichtlich auch, dass der Kommissionsvorsitzende von außen kam. In der Öffentlichkeit erzeugte die Ernennung eines Richters aus dem Osten den Anschein von Unvoreingenommenheit, aber darauf fiel Swann nicht rein.

Da hat es wie gesagt den rastlos mäandernden Swann, der so wenig seiner Gedankenwelt mit den Lesern teilt, dass es ein Ärgernis ist, denn statt im inneren Monolog und verschriftlichten Überlegungen mehr über seine Beweggründe und Absichten zu erfahren, erschöpfen sich diese Informationsschnipsel in Blicken auf die Vergangenheit und kleinen Anekdoten zur Stadtgeschichte, während auch der als Hauptkontrahent aufgezogene Polizist Casey erschreckend blass und schablonenhaft bleibt, ganz so, wie sich Die Ratten von Perth den Vorwurf gefallen lassen muss, oftmals aus allzu generischen Versatzstücken der Kriminalliteratur zu bestehen, die sich zumeist allein dadurch zu profilieren versuchen, noch drastischer, noch heftiger, noch umfassender zu sein als in ähnlich gelagerten Kriminal-Romanen. So sehr ich als Whish-Wilsons sozusagen handwerklichen Ansatz zu schätzen weiß und loben kann, hat mich die Struktur des Romans leider nicht überzeugen, vor allem nicht fesseln können, weil ich zunehmend verwirrt war von Swanns scheinbar richtungslosem und wenig zielführenden Treiben, dessen zusammenhänge sich zwar teilweise später erschlossen haben, mich aber speziell emotional – hinsichtlich des Verschwindens seiner Tochter – kaum zu involvieren wussten. Vom Feuilleton teils hochgelobt, scheine ich da eine gewisse Genialität verkannt zu haben, doch habe ich für meinen Teil und Geschmack schon weitaus überzeugendere Kriminalromane gelesen.

Fazit & Wertung:

David Whish-Wilson offeriert mit Die Ratten von Perth ein stilistisch wie atmosphärisch durchaus ansprechendes Debüt, vermochte mich aber hinsichtlich seiner narrativen Struktur kaum zu überzeugen und reiht oftmals Szene an Szene, die zwar für sich genommen zu gefallen wissen, sich aber selten zu einem stimmigen Ganzen fügen, was mir die Lektüre der kaum 300 Seiten umfassenden Geschichte maßgeblich erschwert hat, fühlte ich mich doch selten in den eigentlichen Fall von Frank Swann und dessen Gedankengänge involviert.

6 von 10 korrupten Staatsorganen

Die Ratten von Perth

  • Korrupte Staatsorgane - 6/10
    6/10

Fazit & Wertung:

David Whish-Wilson offeriert mit Die Ratten von Perth ein stilistisch wie atmosphärisch durchaus ansprechendes Debüt, vermochte mich aber hinsichtlich seiner narrativen Struktur kaum zu überzeugen und reiht oftmals Szene an Szene, die zwar für sich genommen zu gefallen wissen, sich aber selten zu einem stimmigen Ganzen fügen, was mir die Lektüre der kaum 300 Seiten umfassenden Geschichte maßgeblich erschwert hat, fühlte ich mich doch selten in den eigentlichen Fall von Frank Swann und dessen Gedankengänge involviert.

6.0/10
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite von Suhrkamp. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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Die Ratten von Perth ist am 07.08.17 im Suhrkamp Verlag erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den nachfolgenden Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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