Review: Zeitkurier | Wesley Chu (Buch)

Reden wir heute doch mal wieder über einen Science-Fiction-Roman, wo mich der letzte Krimi ja leider nicht so aus den Socken gehauen hat. Zu meiner großen Freude gibt es nämlich seit gut zwei Monaten ein neues Buch von Wesley Chu und da musste ich natürlich zugreifen, während ich nun darauf hoffe, dass der Nachfolger nicht allzu lange auf sich warten lassen wird.

Zeitkurier
Die Zeit-Trilogie

Time Salvager, UK 2015, 496 Seiten

Zeitkurier von Wesley Chu | © Heyne
© Heyne

Autor:
Wesley Chu
Übersetzer:
Jürgen Langowski

Verlag (D):
Heyne Verlag
ISBN:
978-3-453-31733-8

Genre:
Science-Fiction | Action | Thriller

 

Inhalt:

Nach der Warring-Tech-Periode und nach ihrem Tod waren auch die äußeren Kolonien in die Kernkonflikte zwischen Venus, Erde und Mars hineingezogen worden. Schließlich war der Ressourcenbedarf des Krieges so groß geworden, dass die Äußeren – Eris, Pluto und Merkur – nichts mehr bekamen und schließlich aufgegeben werden mussten. Eris, die einstige Bastion der Tech Isolationists, war jetzt ein Geisterplanet.

In der fernen Zukunft steht es nicht gut um die Menschheit, die nicht nur die Erde gnadenlos ausgebeutet hat und – glaubt man den Prognosen – gnadenlos auf ihr unabwendbares Ende zusteuert. Um dies jedoch zu verhindern, wurde die ChronoCom gegründet, eine unabhängige Organisation, der die Chronauten – Zeitreisende – unterstehen, die ein ums andere Mal in die Vergangenheit geschickt werden, um dortige Ressourcen in die trostlose Gegenwart zu schaffen. Einer dieser Chronauten ist James Griffin-Mars und die schlechten Charakterzüge, die den Zeitreisenden gern angedichtet werden, sind bei ihm nicht minder ausgeprägt, was ihn aber nicht davon abhält, bei einem seiner letzten großen Aufträge eine junge Wissenschaftlerin namens Elise mit in seine Zeit zu nehmen, wohlwissend, dass sie in "ihrer" Gegenwart binnen Minuten tot wäre. Damit allerdings hat James das erste und wichtigste Zeitgesetz gebrochen, was nicht nur die ChronoCom, sondern auch eine Delegation des Konzerns Valta dazu veranlasst, die Jagd auf den Dissidenten zu eröffnen…

Rezension:

Nachdem mich Wesley Chu in den vergangenen Monaten mit seiner Tao-Trilogie ja doch sehr zu unterhalten wusste, war ich natürlich Feuer und Flamme, als ich von der Veröffentlichung von Zeitkurier erfuhr, denn mit dem Zeitreise-Setting kann man ja bekanntermaßen viel anstellen und nachdem der Autor mit den Tao-Bänden bereits seinen Einfallsreichtum hinsichtlich Aliens unter Beweis gestellt hat, war ich nun sehr gespannt, was er sich in diesem Sujet einfallen lassen würde, zumal es sich auch beim vorliegenden Band um den Auftakt einer Trilogie handeln soll, was aber von Verlagsseite natürlich mal wieder in keiner Weise kommuniziert worden ist, in dem Fall aber mit sich bringt, dass das Ende für eine vermeintlich in sich geschlossene Geschichte recht offen daherkommt. Zum Glück wusste ich aber im Vorfeld um diesen Umstand – anders als andere Rezensenten – weshalb es mir den Lesegenuss nicht verleidet hat, keine zufriedenstellende Auflösung aller Handlungsstränge serviert zu bekommen.

Als James schon beinahe eingeschlafen war, weckte ihn jemand unsanft auf. Instinktiv aktivierte er das Exo-Band, erweiterte das Feld und schlug zu. Das kraftvolle exokinetische System – der militärisch industrielle Komplex war einer der wenigen Bereiche, in denen es tatsächlich noch Innovationen gab – verwandelte ihn beinahe in einen Gott, wenn er in der Zeit zurückreiste.

Doch beginnen wir von vorn und am besten damit, dass es Chu erneut gelingt, eine wahnsinnig durchdachte, extrem interessante Welt zu erschaffen, die in einer fernen, dystopischen Zukunft liegt und deren letzte Hoffnungen darauf fußen, dass die ChronoCom ihrerseits Chronauten, Zeitagenten in der Zeit zurückschickt, um dringend benötigte Materialien, Werkzeuge, Energielieferanten aus der Vergangenheit heranzuschaffen. Damit es hierbei allerdings nicht zu unvorhersehbaren Verwerfungen im Zeitstrom kommt, wird jeder Sprung genau kalkuliert und führt zumeist an die Orte historischer Desaster und Katastrophen, so dass die dort entwendeten Güter ohnehin vernichtet worden wären. Für diesen Ansatz allein wäre Chu schon zu loben, doch polstert er die Prämisse nicht minder gekonnt auf mit einer fiktiven Chronologie künftiger Ereignisse, mit unterschiedlichen Fraktionen und Firmen, Anekdoten und Mythen, die vor dem inneren Auge spielend eine ganze Welt entstehen lassen, weshalb ich auch bereitwillig verzeihe, dass die Geschichte durchaus einige Momente braucht, um wirklich in Fahrt zu kommen.

Ansonsten lässt Chu die Story sich stimmig entfalten, auch wenn ich zugeben muss, im Mittelteil das Gefühl zu haben, dass sich hier einige kleinere Längen in die Story geschlichen haben, was speziell dann zum Tragen kommt, wenn Hauptfigur James – beziehungsweise dessen Begleiterin Elise – dem Stamm der Elfreth auf der gleichermaßen verheerten wie verseuchten erde begegnet, denn statt atemloser flucht und reichlich Paranoia scheint hier oberstes Ziel zu sein, das Vertrauen der vergleichsweise primitiven Gestalten zu gewinnen. Hier hätte ich mir einen andersartigen Fortgang der Geschichte sicherlich noch mehr gewünscht, doch macht der Autor viel aus dem, womit er sich beschäftigt und fügt der Geschichte von Zeitkurier sukzessiv weitere Facetten und Twists hinzu, die ich teils so auch wirklich nicht habe kommen sehen. Förderlich auch – gerade wenn wir von den kleineren Längen sprechen – sind die unterschiedlichen Sichtweisen, aus denen die Geschichte geschildert wird, auch wenn hier James Griffin-Mars merklich die Nase vorn hat, aber auch einen Anti-Helden ganz nach meinem Geschmack gibt, den sein Job zynisch gemacht hat, der sein Heil im Alkohol sucht, vor allem aber seit längerem schon von der sogenannten Sprungkrankheit geplagt wird und immer öfter Visionen derer vor Augen hat, die er im Laufe seiner Zeitreise-Karriere hat sterben sehen müssen.

Gute Chronauten hatten gewisse negative Charakterzüge. Sie kamen mit anderen Menschen nicht gut aus, waren jähzornig, außerordentlich gewalttätig und selbstmordgefährdet. Kein Wunder, dass die Lebenserwartung von Leuten wie James recht gering war.
Trotz ihrer psychischen Probleme und ihrer Eigenarten lieferten die Chronauten einen entscheidenden Beitrag zur Energieversorgung der ganzen Menschheit. Deshalb verzieh man ihnen fast alles. Manch einer behauptete gar, nicht der Job brächte die Eigenarten zum Vorschein, sondern die Agenten wären nur aufgrund dieser Eigenarten gute Chronauten.

Wie gesagt, Zeitkurier ist sicherlich nicht frei von Mängeln und mancherorts schleichen sich ärgerliche Wiederholungen ein, so dass man die Geschichte durchaus noch straffer hätte erzählen können, doch nicht nur James, sondern auch die Prämisse haben es mir wirklich angetan, zumal solche "Kleinigkeiten" wie die Sprungkrankheit, die Zeitreise-Gesetze, die Erwähnung vergangener, nebulöser Epochen wie dem KI-Krieg der Geschichte gehörig Leben einhauchen. Da verzeihe ich dann auch bereitwillig, dass Elise zuweilen in ihrer fordernden Art ein wenig nervig zu werden drohte, was wiederum die Anziehungskraft zwischen ihr und James nicht ganz erklärt, aber das ist ein Thema, das hier ohnehin nur am Rande behandelt wird und kaum ein Kriterium für die Wertigkeit der Geschichte sein dürfte, die ansonsten vor Ideen nur so sprudelt.

Fazit & Wertung:

Mit Zeitkurier beginnt Wesley Chu nach den Tao-Bänden seine zweite, nicht minder vielversprechende Trilogie und entführt in eine entfernte, dystopische Zukunft mit einem enorm stimmig ausgearbeiteten Zeitreise-Konzept, wenn er sich auch diesbezüglich jegliche technische Fachsimpelei spart und lieber die Geschichte für sich sprechen lässt, die zwar zuweilen kleinere Mängel wie Längen aufweist, im Großen und Ganzen aber zu packen versteht und vor allem gespickt ist mit großartigen Ideen, Querverweisen, Erfindungen und Ansätzen, die dem fiktiven Rahmen der Geschichte die nötige Glaubwürdigkeit verleihen.

8 von 10 Symptomen der Sprungkrankheit

Zeitkurier

  • Symptome der Sprungkrankheit - 8/10
    8/10

Fazit & Wertung:

Mit Zeitkurier beginnt Wesley Chu nach den Tao-Bänden seine zweite, nicht minder vielversprechende Trilogie und entführt in eine entfernte, dystopische Zukunft mit einem enorm stimmig ausgearbeiteten Zeitreise-Konzept, wenn er sich auch diesbezüglich jegliche technische Fachsimpelei spart und lieber die Geschichte für sich sprechen lässt, die zwar zuweilen kleinere Mängel wie Längen aufweist, im Großen und Ganzen aber zu packen versteht und vor allem gespickt ist mit großartigen Ideen, Querverweisen, Erfindungen und Ansätzen, die dem fiktiven Rahmen der Geschichte die nötige Glaubwürdigkeit verleihen.

8.0/10
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite des Heyne Verlag. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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Zeitkurier ist am 14.08.17 als Klappenbroschur bei Heyne erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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