Review: Enemy (Film)

Während ich wahrscheinlich schon voller Vorfreude vorm Kino mit den Füßen scharre, kommt hier nun eine weitere Kritik zu einem nicht minder lohnenswerten Film, die sich diesmal wieder in eine spoilerfreie Review und eine vor Spoilern strotzende Interpretation aufgliedert, denn Enemy ist wieder einer dieser Filme, über den man im Grunde kaum sprechen kann, ohne etwas zu verraten.

Enemy

Enemy, CA/ES/FR 2013, 91 Min.

Enemy | © Alive/Capelight
© Alive/Capelight

Regisseur:
Denis Villeneuve
Autoren:
Javier Gullón (Drehbuch)
José Saramago (Buch-Vorlage)

Main-Cast:
Jake Gyllenhaal (Adam + Anthony)
in weiteren Rollen:
Mélanie Laurent (Mary)
Sarah Gadon (Helen)
Isabella Rossellini (Mother)

Genre:
Mystery | Thriller

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Enemy | © Alive/Capelight
© Alive/Capelight

Adam Bell führt ein karges, von Tristesse bestimmtes Leben in einem beengten Hochhaus-Appartement, schleppt sich tagsüber zur Uni, um dort Geschichte zu unterrichten und abends wieder nach Hause, manchmal, um dort noch Sex mit Mary zu haben, mit der ihn ansonsten aber nichts zu verbinden scheint. Eines Abends allerdings, nachdem ihm ein Kollege einen schon etwas älteren, unbekannten Film empfohlen hat, sieht Adam ihn sich aus einer Laune heraus an und entdeckt Unglaubliches, denn einer der Komparsen im Film könnte regelrecht sein Doppelgänger sein. Von dem Gedanken getrieben, mehr über diesen Mann zu erfahren, beginnt Adam zu recherchieren und stößt alsbald auf den Schauspieler Anthony St. Claire. Nach einer unbeholfenen telefonischen Kontaktaufnahme seitens Adam will Anthony zunächst nichts mit ihm zu tun haben, doch schließlich willigt er einem Treffen ein…

Rezension:

Es fällt schwer, eine dem Film Enemy auch nur halbwegs gerecht werdende Kritik zu verfassen, ohne wichtige Details zur Handlung und deren Verlauf vorwegzunehmen, die den Genuss dieses zutiefst surrealen, regelrecht kafkaesken Films, der auf loser Basis eines Buches von José Saramago entstanden ist, nachhaltig trüben würden, denn am besten nähert man sich Dennis Villeneuves (Arrival) eigentlichem Hollywood-Debüt mit möglichst unbedarfter und unvoreingenommener Attitüde, wobei das sicherlich nicht davor schützen dürfte, dass der Film dennoch von vielen Betrachtern nach Herzenslust zerrissen wird, wie ich mir gut vorstellen könnte. Das liegt vorrangig daran, dass sich Villeneuve in seiner Inszenierung nicht nur vielen Sehgewohnheiten, sondern vor allem dramaturgischen Grundsätzen verweigert, was Spannungsaufbau und –bogen sowie die Auflösung des Ganzen betrifft, denn während gemeinhin als "Mindfuck" bekannte Filme zumindest zum Schluss eine wenn auch überraschende Auflösung bieten, endet Enemy nicht nur recht unvermittelt, sondern vor allem aber auch kryptisch, was einen Teil der Klientel zu einer ausgiebigen Nachbetrachtung veranlassen dürfte, den anderen Teil hingegen maßlos enttäuscht zurücklässt. Ich für meinen Teil zähle mich zum ersten Lager und habe den Film ausgiebig zu deuten versucht, weshalb ich an dieser Stelle bereits auf die unten angefügte Spoiler-Sektion verweise, die man aber tunlichst nur nach Sichtung des Films in Augenschein nehmen sollte.

Szenenbild aus Enemy | © Alive/Capelight
© Alive/Capelight

Von dieser eigenwilligen Inszenierung aber einmal abgesehen, punktet Villeneuve in der Ausgestaltung seines phantasmagorische Streifens in so ziemlich jeglicher Hinsicht, was Enemy allein schon visuell äußerst reizvoll macht, wie bereits das künstlerisch-surreale, regelrecht verstörende Cover-Motiv erahnen lässt, welches tatsächlich mit der Gestaltung des Films ausnahmsweise Hand in Hand geht und gar einige von dessen Leitmotiven vorwegnimmt. Die verblichene, gelbstichige Darbringung des Ganzen, der von Nebel oder Smog verhüllte Himmel, die namen- und gesichtslos bleibende Kulisse und die – logischerweise speziell in den Innenräumen – kammerspielartige Atmosphäre tun hierbei ihr Übriges, um aus Enemy ein zutiefst beklemmendes und zuweilen verstörendes "Vergnügen" zu machen, das nicht zum ersten Mal das Doppelgänger-Motiv und subjektive Wahrnehmung aufgreift, damit aber doch selbstbewusst eigene Wege beschreitet und sich zu keiner Zeit bei einschlägigen Größen dieses spezifischen Genres anbiedert. Dafür allerdings sind Einflüsse und Inspiration mehr als spürbar und wenn man damit fertig ist, begriffen zu haben, dass es sich im Grunde um eine Film gewordene Kafka-Erzählung handelt, fallen einem prompt Namen wie David Lynch oder auch David Cronenberg ein, an deren Œuvre der Film nicht von ungefähr erinnert.

Eigentliches Highlight ist aber wie so oft der Protagonist und Jake Gyllenhaal (Nightcrawler) in der Doppelbesetzung als Adam und Anthony brilliert in darstellerischer Weise nicht nur dahingehend, dass einem sofort bewusst ist, wen der beiden man vor sich hat, sondern vor allem mit seinem grundsätzlich sehr nuancierten Spiel, das kaum Worte bedarf, um zumindest erahnen zu lassen, was in Adam/Anthony vorgeht. Dennoch wäre Enemy nicht halb so überzeugend, würden ihm nicht mit Mélanie Laurent (Die Unfassbaren) und Sarah Gadon (Alias Grace) gleich zwei Frauen zur Seite gestellt werden, die in ihren jeweiligen Rollen eine gleichsam eindrückliche Darstellung abliefern und das Geschehen in den gemeinsamen Szenen spürbar dominieren. Besonders bemerkenswert ist das dahingehend, dass sowohl Laurents als auch Gadons Figur von Villeneuve zu archetypischen Frauenfiguren hochstilisiert werden, so dass diese leicht schablonenhaft hätten wirken können.

Szenenbild aus Enemy | © Alive/Capelight
© Alive/Capelight

Damit, Inszenierung und DarstellerInnen zu loben, Referenzen zu nennen und dramaturgische Ansätze zu umreißen, muss ich es im Fall von Enemy aber im Grunde auch schon beinahe bewenden lassen, denn jedes Detail zum Verlauf der Handlung, jeder Hinweis, jede Interpretation liefe Gefahr, bei gewieften LeserInnen einen Teil des gedanklichen Konstrukts vorwegzunehmen, der Villeneuves Interpretation der Geschichte zugrunde liegt und das wäre bei kaum einem Film ärgerlicher als hier. Bleibt mir nur, diejenigen zu warnen, die interpretationsoffenen Filmen gegenüber nicht unbedingt aufgeschlossen sind oder die sich speziell ein alles erklärendes, auflösendes Ende wünschen, denn dann bräuchte man hier sicherlich nicht einmal einen Blick riskieren, doch wer damit leben kann, sich in mühevoller Kleinarbeit die (mögliche) Bedeutung des Films im Nachhinein selbst zu erschließen (oder den gleich folgenden Spoiler-Teil zu konsultieren), den erwartet in meinen Augen mit Enemy ein cineastisches Kleinod voll verstörender Intensität, das einerseits gekonnt mit sowohl den Erwartungen als auch Gewohnheiten des Publikums zu spielen versteht und gleichzeitig ein Füllhorn an Hinweisen und Ansätzen liefert, um gleich mehrere Lesarten in den Bereich des Möglichen rücken zu lassen, wobei meine höchst eigene Interpretation des Ganzen wie gesagt im Anschluss an das Fazit folgt.

Fazit & Wertung:

Dennis Villeneuve hat mit Enemy einen ungemein eigenwilligen und zuweilen auch unzugänglichen Film geschaffen, der erst mit der eingehenden Nachbereitung des Gezeigten an Genialität gewinnt, doch bis dahin sind es brillant aufspielende DarstellerInnen, eine gewollt surreale und oft in die Irre führende Inszenierung, eine kafkaeske Atmosphäre und das große Rätselraten um die eigentliche Wahrheit, die bei entsprechender Affinität bis zuletzt zu unterhalten wissen. Wer sich allerdings von einem Film eine alles auflösende Erklärung erwartet, sollte tunlichst einen weiten Bogen um dieses Werk machen.

8,5 von 10 Aufeinandertreffen von Adam und Anthony

Enemy

  • Aufeinandertreffen von Adam und Anthony - 8.5/10
    8.5/10

Fazit & Wertung:

Dennis Villeneuve hat mit Enemy einen ungemein eigenwilligen und zuweilen auch unzugänglichen Film geschaffen, der erst mit der eingehenden Nachbereitung des Gezeigten an Genialität gewinnt, doch bis dahin sind es brillant aufspielende DarstellerInnen, eine gewollt surreale und oft in die Irre führende Inszenierung, eine kafkaeske Atmosphäre und das große Rätselraten um die eigentliche Wahrheit, die bei entsprechender Affinität bis zuletzt zu unterhalten wissen. Wer sich allerdings von einem Film eine alles auflösende Erklärung erwartet, sollte tunlichst einen weiten Bogen um dieses Werk machen.

8.5/10

Wie angekündigt nachfolgend nun meine Interpretation zu den Geschehnissen in Enemy, ab hier dann voller Spoiler und dergleichen.

SPOILER – SPOILER – SPOILER – SPOILER – SPOILER – SPOILER

Anklicken, um Spoiler-Text anzuzeigen

Bereits Regisseur Denis Villeneuve ließ im Interview verlauten, im Grunde handele Enemy davon, wie ein untreu gewordener Ehemann zu seiner Frau zurückfindet und tatsächlich spricht vieles dafür, dass es sich bei Adam und Anthony um ein- und dieselbe Person handelt, sozusagen zwei Seiten einer Medaille, was noch dadurch unterstrichen wird, dass hier gerne mit Kontrasten gearbeitet wird, nicht nur was die Farbgebung – schwarze Jacke, weißes Hemd, Licht und Schatten – angeht, sondern auch die Einstellung zum Leben. So wirkt Anthony lebensbejahend, aktiv, sportlich und extrovertiert, derweil Adam mehr und mehr zum Sonderling verkommt, oft vor sich hinbrütet, ein tristes Dasein fristet und allgemein einer gewissen Hoffnungslosigkeit und Lethargie anheimgefallen ist. Entsprechend bietet sich die Lesart an, Adam/Anthony (im Folgenden A. genannt) habe unbewusst Teile seiner Persönlichkeit separiert und daraus zwei verschiedene Alter Ego erschaffen, die voneinander zunächst nichts wissen, was sich erst ändert, als A. sich selbst in dem Film begegnet und sich infolgedessen auf die Suche begibt.

Auffällig ist vor allem nämlich auch, dass die Existenz zweier A. von allen Seiten infrage gestellt und vor allem nicht bestätigt werden kann, denn auch wenn es zum Aufeinandertreffen beider A.s kommt, ist niemand sonst zugegen. Ein weiterer Punkt, der ganz konkret hierfür spricht, ist dass sich ab der zweiten Hälfte die Individuen zu vermischen beginnen, so dass sich Adams Mutter über dessen drittklassige Schauspielerei echauffiert, obwohl es doch Anthony ist, der sich mit Komparsenrollen verdingt, während Helen (Anthonys Frau) sich nach dessen Dozentenjob erkundigt, denn auch wenn es sich in dieser Szene tatsächlich um Adam handelt, müsste sie ihn für einen Schauspieler halten. Weiter geht es diesbezüglich damit, dass man meinen würde, Anthony als verkappter Schauspieler könne sich eine so mondäne Behausung wie im Film gezeigt nicht leisten, wohingegen Adams heruntergekommenes Appartement nun eben nicht die zu erwartende bleibe eines Uni-Dozenten wäre. Entsprechend darf man annehmen, dass A. zwei Wohnungen besitzt, speziell um seiner Affäre mit Mary zu frönen.

So kann man mutmaßen, dass A. sich ob der Schuld, seine schwangere Frau betrogen zu haben – und auch weiterhin zu betrügen – in einen dissoziativen Zustand geflüchtet hat, sozusagen die gute von der schlechten Seite seines Selbst getrennt hat, was dann wiederum auch erklärt, weshalb die beiden Inkarnationen von A. mit einem gänzlich differierenden Wissensstand gesegnet sind, weshalb sich Adam auch so vor den Kopf gestoßen fühlt, als er sich selbst in dem Film erblickt. Schließlich ist es dann auch die Komparsenrolle, die als Katalysator der sich anschließenden Ereignisse dient, denn zweifellos war es seitens A. nicht beabsichtigt, seine beiden Inkarnationen wieder miteinander zu verknüpfen. Bei dieser Lesart fällt natürlich zugegebenermaßen die zeitliche Einordnung schwer, wenn wir uns dem Ende des Films nähern und die Handlungen von Adam und Anthony zeitgleich an verschiedenen Orten abzulaufen scheinen, doch gibt es eben auch keinen allwissenden Erzähler und es wäre ebenso gut möglich, die Erinnerung an eine längst zurückliegende, schicksalhafte Nacht ließe Adam des nachts aufschrecken, denn das seine Sinneswahrnehmungen nicht unbedingt zuverlässig sind, sollte hier schon lange klar sein, selbst wenn man die finale Szene außer acht lässt, die den Film ohne Frage in einem fragezeichenförmigen Paukenschlag enden lässt, denn zumindest im ersten Moment kann man sich wohl kaum eines durch den Kopf rauschenden "WTF!?" erwehren.

Des Rätsels Lösung mag aber im Grunde sogar vergleichsweise naheliegend sein, denn nicht nur dürfte bekannt sein, dass bei vielen spinnenarten die Weibchen nicht nur die Männchen dominieren, sondern teils gar nach dem Sex verspeisen, wobei wir so weit gar nicht gehen müssen, reicht schließlich schon der bekannte Ausspruch "ins Netz gegangen" um darzulegen, wie A. sich fühlt, denn nachdem seine Freundin – hier in der finalen Szene als riesenhafte Vogelspinne im Bild – schwanger geworden ist, fühlt er sich in die Falle getappt, gefangen, dominiert. Kehren wir von hieraus zum Anfang des Films zurück, beobachten wir A. in dem ominösen Club, wie er gebannt eine der lasziven Tänzerinnen betrachtet, die drauf und dran ist, eine Spinne zu zertreten, gefolgt von einem Bild seiner hochschwangeren Frau auf dem Bett, womit der Club – mehr noch als seine Affäre zu Mary – seinen Drang nach Eskapismus definiert. Überhaupt zieht sich das Spinenmotiv durch den gesamten Film, ob in A.s Träumen oder auch der immer wieder gezeigten, smogverhüllten Stadt, die ebenfalls Sinnbild für A. Unterbewusstsein ist und insbesondere nach dem Besuch der dominanten Mutter mit einer riesigen Spinne aufwartet.

Durch seine Persönlichkeitsspaltung versucht sich A. also aus dem Netz zu befreien, das seine schwangere Freundin gewoben hat, wohingegen ihn auch immer die Reue umtreibt, ihr untreu zu sein. Und gerade als man meinen könnte, er wäre imstande, sich von Mary zu lösen und infolgedessen den Autounfall verursacht – auch hier sieht man die geborstene Windschutzscheibe des Autos als eine Art Spinnennetz – scheint es für kurze Zeit so, als hätte er damit auch das Gefühl des Eingeengt- und Unterdrückt-Werdens abschütteln können, das Sarah ihm vermittelt, doch kurz vor Schluss entscheidet er sich willentlich, erneut den Club aufsuchen zu wollen, womit er aktiv eine Entscheidung gegen Sarah und die Beziehung trifft und sie erneut in die Rolle der Versinnbildlichung der Spinne einsetzt, weshalb sie ihm nun auch (wieder) also solche erscheint. Dadurch schließt sich in gleich mehrfacher Hinsicht ein Kreis, denn ebenfalls zu Beginn des Films hat A. als Dozent darüber referiert, dass sich laut Hegels Theorem weltgeschichtliche Ereignisse widerholen und dadurch zur Farce werden, ganz so, wie auch er sein Verhalten nicht zu ändern imstande ist und sein Leben als Farce führt, was ihn zu dem finalen Seufzer veranlasst, der diese surreale Innenbeschau eines auf Abwege geratenen Mannes beendet.

SPOILER ENDE – SPOILER ENDE – SPOILER ENDE

– – –

Enemy ist am 10.10.14 auf DVD und Blu-ray bei Alive/Capelight erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

DVD:

Blu-ray:

  • Ma-Go Filmtipps

    Coole Interpretation! Einige Punkte habe ich genauso gesehen. Vor allem den Absatz über die Spinnen sehen wir ähnlich. Ich galube allerdings nicht, dass Adam und Tony zwei Auswüchse einer gespaltenen Persönlichkeit sind. Ich glaube der gesamte Film ist (wie Villeneuve in einem Interview angedeutet hat) eine Visualisierung der männlichen Psyche. Was leider kein gutes Bild auf uns wirft 😉 Wenn es dich interessiert, findest du hier meine ausführliche Interpretation zum Film.
    https://magofilmtipps.wordpress.com/2017/09/11/interpretation-enemy/

%d Bloggern gefällt das: