Review: Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel (Film)

Für meine Verhältnisse ist es heute ja mal wieder richtig spät geworden mit dem Bloggen, aber so ist das halt, wenn die Arbeitswelt wieder ruft und ich tatsächlich nach langer Zeit mal wieder ad hoc schreiben muss und den Artikel nicht bereits seit Tagen auf Termin liegen habe. Soll ja aber nicht weiter stören, kann ich schließlich so umso aktueller von meiner jüngsten Wiederholungssichtung zu berichten, die für meine Begriffe schon viel zu lange überfällig war.

Gone Baby Gone
Kein Kinderspiel

Gone Baby Gone, USA 2007, 114 Min.

Gone Baby Gone - Kein Kinderspiel | © STUDIOCANAL
© STUDIOCANAL

Regisseur:
Ben Affleck
Autoren:
Ben Affleck (Drehbuch)
Aaron Stockard (Drehbuch)
Dennis Lehane (Buch-Vorlage)

Main-Cast:
Casey Affleck (Patrick Kenzie)
Michelle Monaghan (Angie Gennaro)
Morgan Freeman (Jack Doyle)
Ed Harris (Remy Bressant)
in weiteren Rollen:
John Ashton (Nick Poole)
Amy Ryan (Helene McCready)
Amy Madigan (Bea McCready)
Titus Welliver (Lionel McCready)
Michael Kenneth Williams (Devin)

Genre:
Krimi | Drama | Mystery

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Gone Baby Gone - Kein Kinderspiel | © STUDIOCANAL
© STUDIOCANAL

In South Boston, genauer dem Arbeiterviertel Dorchester, verschwindet eines Nachts unbemerkt von der umtriebigen und trinkfreudigen Mutter ihre vierjährige Tochter Amanda und unverhofft wird das zwar ambitionierte, aber unerfahrene Privatermittlerduo Patrick Kenzie und Angie Gennaro hinzugezogen, um bei der Suche behilflich zu sein, schließlich trauen die Verwandten ihnen weit eher zu, Informationen aus den Leuten des Viertels herauszuholen, als es der hiesigen Polizei gelingen dürfte. Polizeichef Jack Doyle gibt sich zwar zunächst skeptisch, lässt sich aber letztlich darauf ein, die beiden ins Bilde zu setzen. Aufgrund der Drogeneskapaden der Mutter konzentrieren sich die Ermittlungen zunächst auf örtliche Dealer und tatsächlich scheinen Kenzie und Gennaro etwas auf der Spur zu sein, wie ihnen auch der zynische Detective Bressant schließlich bescheinigt, doch im weiteren Verlauf scheint so ziemlich alles schief zu gehen und die Spur droht zu erkalten, doch kratzen die Privatermittler zu diesem Zeitpunkt gerade einmal an der Oberfläche dessen, was sich wirklich hinter dem Fall verbirgt und geraten alsbald in einen Strudel aus Verleumdung und Täuschung, Selbstjustiz und moralischer Grauzonen, die das Paar auseinanderzureißen droht…

Rezension:

Nachdem ich es nun endlich geschafft habe, Ben Afflecks Regiedebüt Gone Baby Gone einer Wiederholungssichtung zu unterziehen, bin ich doch erstaunt, wie gut der Film letztlich auch nach der vergangenen Zeit zu funktionieren wusste beziehungsweise gerade in Anbetracht dessen, dass mir die Auflösung nun bereits im Vorfeld bekannt war, was – so hätte ich nach der Erstsichtung im Kino seinerzeit schwören können – doch einen Großteil des Reizes des wendungsreichen Skripts ausmacht. Daran wiederum lässt sich aber auch ganz wunderbar erkennen, mit welch handwerklichem Geschick Affleck bereits in seinem Debüt zu Werke gegangen ist, denn statt sich lediglich auf die Twists und Überraschungen zu verlassen, lotet er doch gekonnt moralische Untiefen aus und bedient sich hierfür seiner zweier Hauptfiguren Kenzie und Gennaro, wobei es sich sicher nicht von ungefähr um Afflecks jüngeren Bruder handelt, dem er hier die Hauptrolle zugeschustert hat und der vor nunmehr zehn Jahren bereits hat zeigen können, was darstellerisch in ihm steckt, auch wenn es bis zum eigentlichen Durchbruch dann doch noch ein wenig dauern sollte.

Szenenbild aus Gone Baby Gone - Kein Kinderspiel | © STUDIOCANAL
© STUDIOCANAL

Nicht minder gefallen neben Casey Affleck (Auge um Auge) hat mir derweil Michelle Monaghan (True Detective) in einer ihrer größeren Rollen, wobei man schon sagen muss, dass ihre Figur doch überwiegend als Konterpart und Stichwortgeber für Caseys Charakter dient, so dass man aus der Rolle wohl noch weitaus mehr hätte machen können, aber dank Charme und Natürlichkeit funktioniert vor allem die Chemie der beiden Protagonisten, was von immanenter Bedeutung für das Funktionieren des Plots wird, denn auch wenn es sich vordergründig um einen Milieu-Krimi handeln mag, steckt doch noch weitaus mehr in Gone Baby Gone. Apropos Natürlichkeit beweist Ben Affleck zunächst einmal aber gehöriges Gespür für Lokalkolorit und ein treffendes Selbstverständnis seines Handlungsortes, so dass South Boston weder übertrieben düster noch gekünstelt, sondern "echt" und lebendig inszeniert wirkt, woran auch die vielen lokalen "DarstellerInnen" nicht ganz unschuldig sein dürften und dieses Flair, diese Atmosphäre sind es auch, die helfen, Einstieg in einen zunächst doch recht generisch wirkenden Film zu finden, denn so dramatisch die Entführung der vierjährigen Amanda auch sein mag, so typisch wirken doch auch das Verhalten der Polizei und Privatermittler, bevor sich Affleck mehr und mehr von diesem Ansatz freizuspielen beginnt. So vollzieht sich fernab des oder der eigentlichen Twists bereits nach einer guten Stunde ein regelrechter Paradigmenwechsel, ohne dass die Erzählung merklich ins Stocken oder Stolpern geraten würde.

Erzählerisch könnte man hier zwar durchaus zuweilen ein wenig fehlenden Feinschliff attestieren, doch steht dieses Rohe, nicht immer ganz auf Reibung verzichtende Gebaren dem Film und seinem Thema im Umkehrschluss auch wieder wahnsinnig gut zu Gesicht und womöglich würde Gone Baby Gone weit weniger gut funktionieren, hätte man die Ecken und Kanten bewusst und vorsätzlich im Vorfeld abgeschliffen. So ist aber auch die zweite Hälfte des Films die weitaus stärkere und punktet vor allem mit gehörig emotionalem Pacing, derweil hier auch noch einmal Morgan Freeman (Lucy) und Ed Harris (Run All Night) noch einmal gehörig auftrumpfen können, nachdem ihre Figuren zunächst im Ansatz eben wie die "typischen" Vertreter der Polizei daherkommen mögen. Davon abgesehen weiß aber vorrangig die Besetzung der Familie McCready zu punkten, wobei hier besonders Amy Ryan (Tödliche Entscheidung) hervorsticht, die in der bewusst ambivalent angelegten Rolle abwechselnd Abscheu und Mitgefühl hervorzurufen weiß und bis zuletzt zu polarisieren versteht, derweil ich persönlich mich doch sehr über Titus Welliver (Deadwood) gefreut habe, auch wenn dessen Rolle vergleichsweise klein ausfällt.

Szenenbild aus Gone Baby Gone - Kein Kinderspiel | © STUDIOCANAL
© STUDIOCANAL

Nicht gerade unmaßgeblich verantwortlich für den überzeugenden dramaturgischen Aufbau ist aber natürlich auch die Pate stehende Buch-Vorlage seitens Dennis Lehane, dessen Bücher schon mehrfach erfolgreich verfilmt worden sind, derweil Ben Affleck selbst mittlerweile mit Live by Night einen weiteren Versuch gestartet hat, eines von Lehanes Werken zu adaptieren, wobei ihm dies nicht annähernd so stilsicher gelungen ist wie hier, denn auch wenn das Buch ohne Frage gehörig zusammengestaucht werden musste, bleibt doch der Geist des Geschehens erhalten und man hat selten das Gefühl, ein Handlungsstrang verliefe im Sande, derweil spätestens das Ende – nach dem vielbeschworenen und oft erwähnten Twist – in einer seltenen Konsequenz dargebracht wird und mich damals wie heute unumstößlich für den Film einzunehmen wusste, lösen sich hier die vorangegangenen Ereignisse schließlich mitnichten in Wohlgefallen auf, sondern regen in mehr als einer Hinsicht zum Nachdenken an.

Fazit & Wertung:

Ben Affleck lieferte mit Gone Baby Gone ein nicht nur inszenatorisch, sondern vor allem auch emotional überzeugendes Regie-Debüt ab, das er bis heute nur selten zu übertreffen gewusst hat, ihn aber prompt als ernstzunehmenden Akteur auf diesem Feld etabliert, auch wenn der Film hierzulande nie die Beachtung fand, die er verdient gehabt hätte. Bruder Casey Affleck als Hauptfigur Kenzie steht dem in nichts nach und behauptet sich an der Seite von so namhaften Gestalten wie Morgan Freeman oder Ed Harris scheinbar mühelos. Die wendungsreiche und zunehmend tragischere Geschichte schließlich machen aus der Buchverfilmung weit mehr als nur einen soliden Genrefilm.

8,5 von 10 verheißungsvolle Spuren

Gone Baby Gone - Kein Kinderspiel

  • Verheißungsvolle Spuren - 8.5/10
    8.5/10

Fazit & Wertung:

Ben Affleck lieferte mit Gone Baby Gone ein nicht nur inszenatorisch, sondern vor allem auch emotional überzeugendes Regie-Debüt ab, das er bis heute nur selten zu übertreffen gewusst hat, ihn aber prompt als ernstzunehmenden Akteur auf diesem Feld etabliert, auch wenn der Film hierzulande nie die Beachtung fand, die er verdient gehabt hätte. Bruder Casey Affleck als Hauptfigur Kenzie steht dem in nichts nach und behauptet sich an der Seite von so namhaften Gestalten wie Morgan Freeman oder Ed Harris scheinbar mühelos. Die wendungsreiche und zunehmend tragischere Geschichte schließlich machen aus der Buchverfilmung weit mehr als nur einen soliden Genrefilm.

8.5/10
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