Review: Mit Zorn sie zu strafen | Tony Parsons (Buch)

Zweieinhalb Monate sind vergangen, seit ich Max Wolfe bei seinem ersten Fall begleitet habe und freue mich sehr, nun so zeitnah mit der Reihe habe fortfahren zu können, zumal ja bereits zwei weitere Bände ihrer Lektüre harren, wobei ich auch hier wohl wieder auf die Taschenbuchausgabe warten werde, aber immerhin, die ist gewiss, wenn auch dummerweise mit neuem Cover, aber das fällt wohl unter "First World Problems", weshalb ich mal nicht jammern möchte.

Mit Zorn sie zu strafen
Detective Max Wolfes zweiter Fall

The Slaughter Man, UK 2015, 384 Seiten

Mit Zorn sie zu strafen von Tony Parsons | © Bastei Lübbe
© Bastei Lübbe

Autor:
Tony Parsons
Übersetzer:
Dietmar Schmidt

Verlag (D):
Bastei Lübbe
ISBN:
978-3-404-17534-5

Genre:
Krimi | Thriller

 

Inhalt:

Jeder Schuss aus einer Waffe wird mit Aggression abgefeuert, dieser hier sollte töten. Er zerriss den wolkenlosen Himmel und ließ in mir keinen Raum für etwas anderes als nackte Angst übrig. Für einen langen Moment lag ich ganz still da und versuchte, meine Atmung wieder unter Kontrolle zu bringen. Dann erhob ich mich auf die Knie und drückte den Rücken fest gegen das helle Blau und Gelb eines Bewaffneten Einsatzfahrzeugs. Mein Herz hämmerte, aber ich bekam wieder Luft.

Das Jahr könnte kaum schlechter anfangen für Detective Max Wolfe, denn noch am Neujahrsmorgen werden er und seine Kollegen zu einem grausigen Tatort gerufen, wo die Familie Wood ermordet worden ist und der in mehr als einer Hinsicht Fragen aufwirft. Einerseits handelt es sich nämlich um eine bewachte und abgeschottete Wohnanlage, in die niemand so einfach eindringen können dürfte, andererseits ist die Mordwaffe – ein Bolzenschussgerät – nicht eben weit verbreitet und zudem scheint es so, als wäre mitnichten die ganze Familie ermordet worden, denn von dem vierjährigen Bradley fehlt jede Spur. Eile ist geboten, wenn sie eine Chance haben wollen, den Jungen lebend zu finden, das wissen die Ermittler genau, doch die Spur, die zu einem Mann führt, der vor rund 30 Jahren auf die gleiche Art eine Familie getötet hat, scheint sich als Sackgasse zu erweisen, denn der Täter ist mittlerweile alt und sterbenskrank, während das Kind noch immer nicht aufzutreiben ist…

Rezension:

Nachdem ich ja von Max Wolfes erstem Fall Dein finsteres Herz recht angetan gewesen bin, stand nun also sein zweiter Fall Mit Zorn sie zu strafen auf dem Plan und erneut wusste mich Tony Parsons nicht nur mit der Figur des Max Wolfe zu begeistern, sondern lieferte auch gleich einen Kriminalfall, der seinem Vorgänger in nichts nachsteht, obschon – oder vielleicht gerade weil – er sich bedeutend schnörkelloser und damit kompakter gibt, was sich allein schon an der Seitenzahl des Bandes bemerkbar macht, wobei gute 60 Seiten des insgesamt rund 380 Seiten starken Bandes auf die Kurzgeschichte Das Lächeln des Todes entfallen, auf die ich später noch zu sprechen kommen möchte. Zunächst einmal hat sich aber in der Silvesternacht ein grausiger Mord ereignet, dem es nachzugehen gilt, wobei das Hauptaugenmerk auf dem vierjährige Bradley liegt, der – anders als der Rest der Familie – nicht mit einem Bolzenschussgerät hingerichtet, sondern entführt worden ist und bekanntermaßen sind die ersten Stunden und Tage entscheidend, wenn man darauf hofft, die vermisste Person lebend und wohlbehalten wiederzufinden. Mit dieser Thematik einher geht hier eine ausgeprägte emotionale Komponente, denn Max als alleinerziehendem Vater geht der Fall natürlich gehörig an die Nieren, was sich auch auf den Leser zu übertragen weiß.

Meine Gedanken überschlugen sich bei dem Versuch, mich an die fünf entscheidenden Schritte bei der Behandlung einer Schusswunde zu erinnern. A, B, C, D, E bringen sie einem bei der Ausbildung bei. Airways, Breathing, Circulation, Disability, Exposure. Luftwege, Atmung, Kreislauf, Invalidität – gemeint ist eine Schädigung der Wirbelsäule oder des Genicks – und Freilegung, was bedeutet, dass man nach der Austrittswunde und anderen Verletzungen sucht. Doch das hatten wir schon hinter uns. Das Blut floss und färbte die blaue Uniformjacke der Beamtin noch dunkler.

Hauptgrund dafür dürfte mitunter sein, dass hier wie schon zuvor der gesamte Fall aus Max‘ Perspektive geschildert wird, was erneut tief in seine Psyche blicken lässt, derweil das Geschehen als solches zwar immer wieder durchsetzt ist von spannendem Hintergrundwissen die Polizeimethoden betreffend, dabei aber dennoch kompakt und zielgerichtet den Fall vorantreibt, womit auch dieser Band wieder spürbare Page-Turner-Qualitäten besitzt. Ansonsten gelingt es Parsons hier diesmal vortrefflich, das soziale Gefälle in England zu skizzieren, ohne dass es die Handlung dominieren oder ausbremsen würde, so dass wir von der wohlhabenden Oberschicht bis hin zu fernab der großen Städte wie Ausgestoßene lebenden Roma alles vertreten haben, was der Geschichte von Mit Zorn die zu strafen eine interessante zusätzliche Ebene verleiht. Ein wenig enttäuschend wiederum ist die schlussendliche Auflösung des Falles, die diesmal ohne allzu großen Überraschungsmoment auskommt, doch dafür gefallen die Geschehnisse "am Rande" umso mehr, denn nicht nur gerät Wolfe unfreiwillig auf eine brisante Spur ganz anderer Art, nein, auch persönliche Schicksale für ihn oder seine ermittelnden Kollegen gilt es zu verdauen und hier wiederum bietet sich der Verweis zur ebenfalls enthaltenen Kurzgeschichte an.

Während nämlich die Bonus-Story im Vorgänger-Band kaum mehr als ein netter Zusatz war, spinnt Das Lächeln des Todes hier im Subtext einige der offenen Fäden aus Mit Zorn sie zu strafen weiter, was mir ausnehmend gut gefallen hat, zumal es den Eindruck verstärkt, einer fortlaufenden, sich entwickelnden Geschichte zu folgen, die je nach Fall eben nicht ohne Konsequenzen bleibt. Dennoch gelingt es Parsons – soweit ich das als Kenner des Vorgängerbandes beurteilen kann – eine Geschichte zu offerieren, die auch ohne Vorkenntnisse kaum weniger gut funktionieren dürfte, denn alle wichtigen Informationen werden dem geneigten Leser durchaus an die Hand gegeben, was einzig ein paar unterschwellig störende Wiederholungen zur Folge hat, die allerdings sicherlich auch hilfreich gewesen wäre, hätte mehr Zeit zwischen der Lektüre der beiden Bände gelegen, weshalb ich das mal unter gutgemeintem Service verbuche.

Uniformierte Beamte klopften an die Türen der anderen Häuser, in deren Fenstern Weihnachtsdekorationen blinkten. Mitten auf der Straße, die unsere Fahrzeuge verstopften, wurde ein privater Wachmann von einem jungen schwarzen Kriminalbeamten befragt. Als Detective Inspector Curtis Gane mich sah, nickte er und legte dem Wachmann eine Hand auf die Schulter. Dem Mann stand vor Schock der Mund offen. Er hatte keine Schuhe an den Füßen.

Dass die DS-Wolfe-Reihe allerdings weiter so trefflich funktioniert, liegt weiterhin einzig und allein an dem namensgebenden Protagonisten und Erzähler Max Wolfe, denn auch wenn der sich auf den ersten Blick kaum von einschlägigen Ermittlerfiguren unterscheiden mag, sind es auch hier die Details, welche die Sache rund erscheinen lassen. Ob es seine aufopferungsvolle Hingabe gegenüber seiner Tochter betrifft, seine – ihrer Natur nach natürlich – einseitigen Unterhaltungen mit dem Hund der Familie, die interessiert-nostalgischen Betrachtungen seines Umfelds und nicht zuletzt der immer wieder durchblitzende Zynismus, eine resignierte Abgeklärtheit gegenüber der Unbill der Welt sowie ein aus tiefster Seele stammender Jähzorn, der sich zuweilen Bahn bricht, all das verleiht seiner Figur Tiefe und Charakter. Denn auch wenn Max‘ Verhalten in manchen Momenten alles andere als professionell sein mag, ist sein Handeln nicht nur mehr als nachvollziehbar (für mich) sondern macht ihn eben wahnsinnig menschlich und dadurch "lebendig", was einer der Hauptgründe sein dürfte, weshalb ich Parsons‘ Alter Ego Max so gerne bei seinen Ausführungen lausche und auch diese Geschichte in wenigen Tagen regelrecht verschlungen habe.

Fazit & Wertung:

Detective Max Wolfes‘ zweiter Fall Mit Zorn sie zu strafen fällt im direkten Vergleich nicht nur etwas kürzer aus, sondern schlägt auch weniger Haken als sein Vorgänger und wiegt mit einer stringent konzipierten Geschichte das vergleichsweise überraschungsarme Finale locker auf. Dafür allerdings trumpft die ebenfalls enthaltene Kurzgeschichte Das Lächeln des Todes dahingehend gehörig auf, dass sie einige der losen Enden der Story gekonnt weiterspinnt und ein stimmiges Bindeglied zum längst erschienenen dritten Band darstellt.

8,5 von 10 Geheimnissen der Vergangenheit

Mit Zorn sie zu strafen

  • Geheimnisse der Vergangenheit - 8.5/10
    8.5/10

Fazit & Wertung:

Detective Max Wolfes‘ zweiter Fall Mit Zorn sie zu strafen fällt im direkten Vergleich nicht nur etwas kürzer aus, sondern schlägt auch weniger Haken als sein Vorgänger und wiegt mit einer stringent konzipierten Geschichte das vergleichsweise überraschungsarme Finale locker auf. Dafür allerdings trumpft die ebenfalls enthaltene Kurzgeschichte Das Lächeln des Todes dahingehend gehörig auf, dass sie einige der losen Enden der Story gekonnt weiterspinnt und ein stimmiges Bindeglied zum längst erschienenen dritten Band darstellt.

8.5/10
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite von Bastei Lübbe. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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Mit Zorn sie zu strafen ist am 28.06.17 als Taschenbuch bei Bastei Lübbe erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den nachfolgenden Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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