Review: Blade Runner 2049 (Film)

Endlich habe ich auch diesen Science-Fictioner gesehen und war ziemlich restlos begeistert davon, was Villeneuve hier auf die Beine gestellt hat. Entsprechend sah ich mich regelrecht genötigt, mal wieder die Höchstwertung zu zücken, was aber schon in Ordnung geht, ich (be)werte ja doch öfter mal einen Hauch euphorischer als meine mitbloggenden Kolleginnen und Kollegen. Und immerhin finde ich diesmal auch wieder ansprechend viele Worte dafür, warum mir der Film so ausnehmend gut gefallen hat und das ist ja auch schon die halbe Miete. Ansonsten bleibt mir jetzt nur noch, ein allseits schönes – und vor allem sonniges (!) – Wochenende zu wünschen.

Blade Runner 2049

Blade Runner 2049, USA/UK/HU/CA 2017, 164 Min.

Blade Runner 2049 | © Sony Pictures Home Entertainment Inc.
© Sony Pictures Home Entertainment Inc.

Regisseur:
Denis Villeneuve
Autoren:
Hampton Fancher
Michael Green

Main-Cast:
Ryan Gosling (‚K‘)
Harrison Ford (Rick Deckard)

in weiteren Rollen:

Ana de Armas (Joi)
Sylvia Hoeks (Luv)
Robin Wright (Lieutenant Joshi)
Mackenzie Davis (Mariette)
Carla Juri (Dr. Ana Stelline)
Lennie James (Mister Cotton)
Dave Bautista (Sapper Morton)
Jared Leto (Niander Wallace)

Genre:
Science-Fiction | Thriller

Trailer:

 

Inhalt:

Nachdem die Herstellung von Replikanten zwischenzeitlich verboten worden war und die einst mächtige Tyrell Corporation Konkurs anmelden musste, wurde sie von der Wallace Corporation unter Schirmherrschaft des visionären Geschäftsmannes Niander Wallace beerbt, der letztlich auch Replikanten wieder salonfähig zu machen wusste. Dessen bioidentischer Replikantentyp der Nexus 9 Reihe erweist sich als weitaus fügsamer als frühere Modelle und lebt nunmehr unter den Menschen. Das Problem mit früheren Replikantenmodellen ist allerdings noch immer nicht aus der Welt und so existiert auch die Blade Runner-Einheit des LAPD noch immer, zu der auch Replikant "K" gehört, der seinerseits Jagd auf seine weniger fortschrittlichen "Artgenossen" macht. Eines Tages allerdings macht "K" bei dem Auftrag, eines der älteren Modelle "in den Ruhestand zu versetzen", nahe eines außerhalb gelegenen Gewächshauses eine Entdeckung, die selbst das Interesse von Niander Wallace weckt…

Szenenbild aus Blade Runner 2049 | © Sony Pictures Home Entertainment Inc.
© Sony Pictures Home Entertainment Inc.

Rezension:

Etwas mehr als fünfunddreißig Jahre nach Erscheinen des in den vergangenen Dekaden zum Kultfilm avancierten Blade Runner erschien im vergangenen Herbst nun die – je nach Lesart – sehnlichst erwartete oder alternativ misstrauisch beäugte Fortsetzung des Films, deren Handlung wiederum dreißig Jahre nach den Geschehnissen des ersten Teils angesiedelt ist und dem Werk Blade Runner 2049 seinen Titel verleiht. Dieser enorme Zeitsprung ist nicht nur in Anbetracht der angedachten Rückkehr von Hauptfigur Rick Deckard vonnöten, sondern eben auch dahingehend, dass die seinerzeit skizzierte "Zukunft" nun schon beinahe zur Gegenwart geworden ist und man sich entsprechend dergestalt davon freispielen kann, dass das heutige Los Angeles (zum Glück) noch längst nicht so aussieht, wie es das in Blade Runner in weniger als zwei Jahren hätte tun müssen. Die Meinungen nun aber den fertigen Film betreffend, könnten weiter kaum auseinanderliegen, derweil ich für meinen Teil nicht nur positiv überrascht worden bin, sondern restlos begeistert im Sessel versinken konnte, während die mit ihren über 160 Minuten Laufzeit durchaus üppig wie episch angelegte Geschichte langsam zur Entfaltung kam.

Letzten Endes mag – oder sollte – es sich bei Blade Runner 2049 verhalten wie bei seinem Vorgänger, der bei seinem Erscheinen ebenfalls mitnichten die Massen im Sturm erobert hat, sondern sich erst im Laufe der Jahre eine stetig wachsende und gleichermaßen euphorische Fangemeinde aufbauen konnte. So kritisieren selbst Fans des ersten Teils, die Geschichte würde hier zu langsam und langatmig erzählt werden, was ich zwar einerseits durchaus nachvollziehen kann, andererseits relativierend einräumen muss, dass ich für meinen Teil keine einzige Szene zu nennen wüsste, die man hätte kürzen oder entfernen können, ohne dass dadurch der samt und sonders stimmige Eindruck des Films zumindest marginal geschmälert worden wäre. Nicht zuletzt handelt es sich aber auch schlichtweg um ein optisches Fest, das einem hier kredenzt wird, weshalb auch die verliehenen Oscars für "Beste Kamera" und "Beste visuelle Effekte" in meinen Augen mehr als verdient sind, wobei es fernab der visuell eindrucksvollen Kulissen speziell die Kameraarbeit von Roger Deakins war, die mich mehr als einmal in regelrechtes Staunen versetzt hat, so effektive wie ungewöhnliche Blickwinkel und Einstellungen wählt er mancherorts.

Szenenbild aus Blade Runner 2049 | © Sony Pictures Home Entertainment Inc.
© Sony Pictures Home Entertainment Inc.

Villeneuves Magnum Opus

Dabei gehen im Fall von Blade Runner 2049 Bild und Ton spürbar Hand in Hand und schaffen ein audiovisuelles Unikat, das allein unter diesen Gesichtspunkten schon zum modernen Klassiker taugt, weshalb auch die Komponisten Hans Zimmer und Benjamin Wallfisch an dieser Stelle Erwähnung zu finden verdienen, denn einerseits schaffen sie einen Score ganz in der Tradition der ungebrochen intensiven Tongestaltung seitens Vangelis im ersten Teil, spielen sich andererseits aber auch gekonnt davon frei und schaffen neue Klangkompositionen und –welten, von denen sich allerdings zweifelsohne das immer wieder angespielte Leitmotiv aus dem Orchesterwerk "Peter und der Wolf" am ehesten ins Gedächtnis brennt. Einen ähnlichen Weg wählt derweil Regisseur Denis Villeneuve, dessen Filme schon seit jeher bei mir in hohem Kurs stehen und der mit Arrival unlängst bewiesen hat, auch intelligente Science-Fiction inszenieren zu können, mit diesem Film nun aber zweifelsohne sein persönliches Magnum Opus abgeliefert hat. Wie nämlich schon bei der audiovisuellen Gestaltung, vermag Villeneuve, einerseits dem Look und Flair des ersten Blade Runner treu zu bleiben, der Welt und dem Setting aber gleichsam ein mehr als nur behutsames Update zu verpassen, das mit seinen wechselnden Schauplätzen und stilisierten Gegenden zwar vielleicht nicht ganz so düster ausfällt wie der inoffizielle Gründer des Genres Cyberpunk im Kino, sich dafür aber auch spürbar abwechslungsreicher und differenzierter präsentiert, als das 1982 auch überhaupt möglich gewesen wäre.

Szenenbild aus Blade Runner 2049 | © Sony Pictures Home Entertainment Inc.
© Sony Pictures Home Entertainment Inc.

Ähnlich, wie Villeneuve das Setting einer Frischzellenkur unterzieht, handhabt er es übrigens auch mit dem Skript zum Film, das seinerseits genauso reich und vielfältig an Subtext daherkommt wie der gepriesene Vorgänger, aber auch weder hinsichtlich Motiven noch Handlung den Fehler begeht, bloß Altbekanntes zu wiederholen. So gibt es kein Vertun darüber, dass es sich bei dem von Ryan Gosling (The Nice Guys) verkörperten Protagonisten "K" um einen Replikanten handelt, der dennoch im Verlauf des Films in eine regelrecht existentielle Krise gestürzt wird, wenn er dies auch die meiste Zeit mit stoischem Gleichmut trägt, was die wenigen emotionalen Ausbrüche aber nur umso wirkungsvoller und schockierender erscheinen lässt. Auch wer befürchtet, das dem 1982er-Kultfilm zugrundliegende Kernthema um Deckards Wesen würde hier im Nachgang entmystifiziert, kann beruhigt die Sichtung des Films beginnen, denn zu meiner großen Freude überlässt Villeneuve auch in diesem Punkt die Deutungshoheit dem Zuschauer. So wird generell vieles angerissen und angedeutet, was sich in den – nach Filmhandlung – vergangenen dreißig Jahren in der Welt zugetragen hat, ohne dass es jemand für nötig befinden würde, diese Ereignisse wie "den großen Blackout" bis ins Kleinste durchzuexerzieren.

Die Erben der Tyrell Corporation

Freilich mag durch diesen Ansatz, nicht sämtliche der mannigfaltigen Versatzstücke des Films auszuformulieren, einiges auf der Strecke bleiben, wie etwa die doch unerwartet kleine Rolle von Jared Leto (Suicide Squad) als Konzern-Mogul Niander Wallace, was aber nichts daran ändert, dass die monologartigen, elegischen Szenen mit ihm in einer hölzernen Festung der Zukunft ihren ganz eigenen Reiz entfalten und wenn wir mal ehrlich sind, war im Kontext der filmischen Handlung auch die Tyrell Corporation – hier nun beerbt von der Wallace Corporation – kaum mehr als eine prägnante Randnotiz. Nicht weniger spannend und einprägsam ist derweil auch die von Carla Juri verkörperte Dr. Ana Stelline, die ihrerseits für die künstlichen Erinnerungen der Replikanten verantwortlich zeichnet und diese in einer Art Reinraum und von der Außenwelt abgeschnitten akribisch in Szene setzt.

Szenenbild aus Blade Runner 2049 | © Sony Pictures Home Entertainment Inc.
© Sony Pictures Home Entertainment Inc.

Dergestalt könnte ich noch lange fortfahren, einzelne Begegnungen und Szenen zu loben, doch läge mir nichts ferner, als Details aus dem Plot von Blade Runner 2049 vorwegzunehmen, den man bestmöglich für sich selbst und unvoreingenommen entdecken sollte, doch kann ich in diesem Zusammenhang zumindest noch die ungemein gelungene Eingangssequenz loben, die uns einerseits den "neuen" Blade Runner "K" präsentiert und andererseits mit dem von Dave Bautista (Guardians of the Galaxy) verkörperten Sapper Morton eine Begegnung skizziert, die ihrerseits schon für den 1982er-Film geplant, aber nie realisiert worden ist, hier gleichsam aber auch als Aufhänger für die gesamte, sich entspinnende Handlung fungiert, ohne dass einem dies zu diesem Zeitpunkt überhaupt nur bewusst wäre.

Träumen Androiden von elektrischen Schafen?

Szenenbild aus Blade Runner 2049 | © Sony Pictures Home Entertainment Inc.
© Sony Pictures Home Entertainment Inc.

Besagte Handlung wiederum hat mich allein dahingehend schwer beeindruckt, dass es heutzutage ja beinahe schon zum guten Ton gehört, etwaige Fortsetzungen mit nur geringfügig variierter Geschichte aufzuwärmen, statt etwas wirklich Originäres zu schaffen, und in der Beziehung machen die Drehbuchautoren Hampton Fancher (der schon am Skript zum ersten Teil beteiligt gewesen ist) und Michael Green vor, wie man es richtig – sprich besser – macht, denn Blade Runner 2049 funktioniert tatsächlich als eigenständiges Werk und Fortsetzung gleichermaßen, ohne seine Wurzeln zu verunglimpfen oder zur Redundanz zu neigen. Mit der gleichsam berühmten Buchvorlage Träumen Androiden von elektrischen Schafen? von Philip K. Dick hat der Film dadurch natürlich kaum noch Berührungspunkte, aber das war in vielen Punkten ja schon beim ersten Blade Runner der Fall, dessen Titel allein ja schon in keinem Zusammenhang zu dem Buch gestanden hat, sondern Ridley Scott seinerzeit lediglich "cool" erschien.

Zugegebenermaßen ist Blade Runner 2049 aber auch weitaus weniger klassische Kriminalgeschichte, als ich das anfänglich gedacht hätte und zudem – gerade in Anbetracht seiner stolzen Laufzeit – vergleichsweise arm an ausufernden Action-Szenen, was ich ihm zwar keinesfalls ankreiden möchte, was mich aber doch ein wenig irritiert hat. Dafür allerdings reichert Villeneuve sein Science-Fiction-Epos allerdings auf anderen Ebenen gehörig an und allein die &Romanze" zwischen Replikant "K" und der virtuellen Entität Joi (eine bezaubernde Ana de Armas) hätte für sich genommen schon einen Film ergeben können, der die Bezüge und Ansätze von Spike Jonzes Her gleichermaßen variiert und weiterverfolgt, an einer nicht nur visuell extrem beeindruckenden Stelle derweil beinahe offen referenziert. Dabei wohnt den gemeinsamen Szenen zwischen dem wortkargen "K" und der immer wieder bewusst leicht durchscheinend dargestellten Joi eine bittersüße Note inne, die ich mir in dieser Form ebenfalls nicht erwartet hätte, dergestalt aber auch einen der emotionalen Kernaspekte darstellt.

Szenenbild aus Blade Runner 2049 | © Sony Pictures Home Entertainment Inc.
© Sony Pictures Home Entertainment Inc.

Treffen der Generationen

Zuletzt – und nicht von unmaßgeblich ausschlaggebend dafür, bei Blade Runner 2049 von einer Fortsetzung sprechen zu können – sei aber natürlich noch die Beteiligung von Harrison Ford (Das Erwachen der Macht) erwähnt, der hier erneut als Rick Deckard in Erscheinung tritt, dabei aber nicht annähernd nicht so viel Screentime beansprucht, wie man anfänglich hätte vermuten können, gleichsam aber wegweisend für den Fortgang der Geschichte ist, die ohne Ricks und Rachaels Vergangenheit sich so überhaupt nicht hätte ereignen können. So gelingt hier das seltene Bravourstück, einerseits eine dermaßen bekannte Figur zurückzubringen, andererseits aber keinen Zweifel daran zu lassen, dass es nicht unbedingt deren Geschichte ist, die es zu erzählen gilt, so dass Goslings "K" unverkennbar im Zentrum der Ereignisse steht, gleichwohl sein Schicksal mit dem von Deckard verbunden sein mag. In meinen Augen handelt es sich daher um eine Fortsetzung, die in sämtlichen Aspekten den Vergleich zum "Originalfilm" nicht zu scheuen braucht, obwohl und gerade weil beide Filme gänzlich unterschiedliche Schwerpunkte setzen und Villeneuve eben gerade nicht auf Biegen und Brechen versucht hat, das Erfolgsrezept des Vorgängers zu kopieren, sondern stattdessen ein eigenständiges Werk geschaffen hat, das nicht nur mit inszenatorischer Brillanz, sondern eben auch mit reichhaltiger Meta-Ebene zu begeistern versteht.

Blade Runner 2049 | Zeichnung von Wulf Bengsch

Fazit & Wertung:

Mit Blade Runner 2049 gelingt Denis Villeneuve sein persönliches Magnum Opus, das sich einerseits mit der nötigen Ehrfurcht dem Kultfilm von 1982 nähert (und ihn vor allem nicht dekonstruiert), das aber andererseits den Mut beweist, neue Wege und Denkansätze zu verfolgen sowie die dystopische Parallelwelt gehörig zu modernisieren und um zahlreiche Facetten zu ergänzen. Fernab dessen, dass es sich um einen – wenn auch zugegebenermaßen beinahe elegisch inszenierten – audiovisuellen Rausch handelt, geht Villeneuve auch in narrativer Hinsicht neue Wege und präsentiert den Film gleichermaßen als eigenständiges Werk wie auch als Fortsetzung einer vor Dekaden begonnenen Geschichte.

10 von 10 Zweifeln am eigenen Selbst und Sein

Blade Runner 2049

  • Zweifel am eigenen Selbst und Sein - 10/10
    10/10

Fazit & Wertung:

Mit Blade Runner 2049 gelingt Denis Villeneuve sein persönliches Magnum Opus, das sich einerseits mit der nötigen Ehrfurcht dem Kultfilm von 1982 nähert (und ihn vor allem nicht dekonstruiert), das aber andererseits den Mut beweist, neue Wege und Denkansätze zu verfolgen sowie die dystopische Parallelwelt gehörig zu modernisieren und um zahlreiche Facetten zu ergänzen. Fernab dessen, dass es sich um einen – wenn auch zugegebenermaßen beinahe elegisch inszenierten – audiovisuellen Rausch handelt, geht Villeneuve auch in narrativer Hinsicht neue Wege und präsentiert den Film gleichermaßen als eigenständiges Werk wie auch als Fortsetzung einer vor Dekaden begonnenen Geschichte.

10.0/10
Leser-Wertung 3.67/10 (3 Stimmen)
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Meinungen aus der Blogosphäre:
Der Filmaffe: 4/5 Punkte
Der Kinogänger: 8/10 Punkte
moviescape.blog: 9/10 Punkte
Vieraugen Kino: 9/10 Punkte

Blade Runner 2049 ist am 15.02.18 auf DVD, Blu-ray, 3D Blu-ray und 4K UHD Blu-ray bei Sony Pictures erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

DVD:

Blu-ray:

Kommentare (5)

    • Wulf Bengsch 6. April 2018
  1. Coolray 10. April 2018

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