Review: Thron des Blutes | Conn Iggulden (Buch)

Heute widme ich mich mal wieder einem historischen Roman, der mich zwar anfänglich mit seinem Umfang kurz abgeschreckt hat, mich aber letztlich schwer begeistert hat und mit einem großartigen Protagonisten und Erzähler punktet.

Thron des Blutes

Dunstan, UK 2017, 592 Seiten

Thron des Blutes von Conn Iggulden | © Heyne
© Heyne

Autor:
Conn Iggulden
Übersetzerin:
Christine Naegele

Verlag (D):
Heyne Verlag
ISBN:
978-3-453-47165-8

Genre:
Historie | Drama | Biografie

 

Inhalt:

Meine Gelübde habe ich gebrochen. Ich habe die verraten, die ich geliebt habe, ebenso wie die, die mich liebten. Ich habe Unschuldige umgebracht. Hier steht es, in unmissverständlichem Englisch für alle, die lesen können. Zu viele beherrschen jetzt die englische Sprache. Ich sehe, was ich geschrieben habe, und ich fürchte mich, obwohl ich meine siebzig Jahre gelebt habe.

Anno Domini 934 werden der dreizehnjährige Dunstan und sein jüngerer Bruder Wulfric von ihrem Vater Heorstan zum Kloster von Glastonbury gebracht, um dort unterrichtet und erzogen zu werden. Insbesondere Dunstan aber macht sich in seinem jungen Alter aber prompt viele Feinde und die Situation bessert sich mitnichten, als sein Vater kurz darauf das Zeitliche segnet. Doch so sehr er es sich auch mit seinen Lehrmeistern und Glaubensbrüdern verscherzt, gelingt es ihm durch eine Reihe von glücklichen Fügungen in einem ansonsten mehr als tragischen Leben, durch seine Gönnerin Elflaed nur wenige Jahre später an den königlichen Hof in Winchester zu gelangen. Dort macht er nicht nur die Bekanntschaft mit König Æthelstan, sondern kämpft alsbald auch an der Seite von dessen Halbbruder Edmund Seite an Seite in der Schlacht von Brunanburh. Diese Freundschaft sollte sich als schicksalhaft erweisen, denn nach König Æthelstans Tod folgt Edmund ihm auf den Thron und bald schon kehrt Dunstan als neuer Abt nach Glastonbury zurück. Doch Dunstan ist weit mehr als nur Geistlicher, er versteht sich als Visionär, Gelehrter und Politiker und wird zeitlebens sieben Könige kommen und gehen sehen, während seine Legende und sein Einfluss gleichermaßen wachsen und er mit seinen ambitionierten Projekten das Bild des damaligen Englands maßgeblich prägt…

Rezension:

Ich muss ja gestehen, dass mir Dunstan von Canterbury im Vorfeld der Lektüre des Buches keinerlei Begriff gewesen ist, was dann auch am praktischen Beispiel schön verdeutlicht, weshalb man sich bei Heyne wohl dazu entschieden hat, den originär schlicht Dunstan betitelten Historien-Roman hierzulande als Thron des Blutes zu vermarkten, auch wenn das reißerischer klingt, als das Buch letztlich ist. Dennoch wusste ich natürlich grob, was mich erwarten würde, denn in den vergangenen Jahren hat mich insbesondere die vierteilige Die-Rosenkriege-Reihe von Autor Conn Iggulden begeistern können und ähnlich wie dort gelingt es Iggulden auch hier, große Zusammenhänge und zeitliche Abläufe eines ganzen Lebens auf gerade einmal 600 Seiten zu komprimieren, ohne dass dadurch die Erzählung gekappt, verknappt oder gehetzt wirken würde. Neu ist der Kniff, dass er seinen Protagonisten Dunstan als Ich-Erzähler auftreten lässt, der in der Rückschau einen Blick auf sein Leben wirft und folglich auch manches Mal Sachen vorgreift, die sich erst noch ereignen werden.

Das erste Mal brachte mein Vater mich zur alten Glastonbury, meiner geliebten Insel, zu der wir durch den Nebel gelangten. Hier hatte König Arthur sein Leben beendet, als Excalibur in die Salzmarschen der Umgebung geschleudert wurde. Mein Vater hoffte auf ein Wunder für mich, für seinen Sohn, der von Teufeln besessen oder aufgefressen wurde. Ich litt damals unter Anfällen und Krämpfen.

Das funktioniert tatsächlich erstaunlich gut, zumal Dunstan mitnichten ein einfacher Charakter, sondern eine höchst vielschichtige und ambivalente Figur ist, die vor allem weitaus mehr Hass und Wut in sich trägt, als es für einen Mann Gottes gut sein kann. Darüber hinaus rankt sich um Dunstan wohl so manche Legende und Iggulden präsentiert hier seine ganz persönliche Interpretation der Ereignisse, die auf augenzwinkernde Art Mythen demaskieren, wie etwa, dass Dunstan von einem Engel getragen worden sei oder dereinst dem Teufel in die Nase gezwickt habe, was sich tatsächlich glaubhaft und nachvollziehbar in die Geschichte bettet, die rund vier Jahrzehnte umfasst und die geneigte Leserschaft daran teilhaben lässt, wie Dunstan vom Kind zum Manne und letztlich zum Priester wird, womit ich dann auch drei der fünf Leitthemen vorweggenommen hätte, die Thron des Blutes in ebenso viele Abschnitte unterteilen. Anfänglich hätte ich noch gemeint, die Kindheit von Dunstan hätte sich straffer erzählen lassen, doch im Kontext dessen, worauf später noch Bezug genommen wird und was sich hier ereignet, bevor Dunstan seinen Weg zum königlichen Hof antritt, hätte man es letztlich kaum besser und überzeugender machen können.

Und es ist wahrlich ein umtriebiges und schillerndes Leben, bei dem es sich lohnt, die Vorarbeit zu würdigen, zumal es vieles im Denken und Verhalten des Kirchenmannes erklärt, der sich oft als ausgemacht zynischer Erzähler präsentiert, so dass tatsächlich oft auch eine gehörige Prise schwarzer Humor durchschimmert, die das zum Glück nur theoretisch trockene Thema gehörig auflockert. So ist es nicht nur spannend, wie Iggulden die Lücken in der Vita von Dunstan zu füllen vermag oder die ihn umgebenden Mythen erklärbar zu machen versucht, sondern auch, wie sich England unter seinem jeweiligen Herrscher und im Laufe der Jahre wandelt. Das ist oft faszinierend und versetzt in Staunen, derweil nicht einmal Passagen, die mehrere Jahre kurz zusammenfassen, das dramaturgische Gerüst ins Wanken bringen können. Fernab seiner Großprojekte wie etwa der Kirchenreformation gibt es darüber hinaus einiges an Episoden, die für sich genommen schon das Potential für eigenen Romane gehabt hätten. Sei es nun, dass Dunstan zeitweilig Schatzmeister von ganz England gewesen ist und versuchte, der Korruption in den Münzprägeanstalten Herr zu werden oder auch sein zeitweiliges Exil in Gent, nachdem er es sich mit einem der Könige von England verscherzt hat.

Ich wünschte, ich könnte den Jungen, der ich damals war, ein letztes Mal aufblicken lassen, um jeden Moment dieses Morgens festzuhalten wie eine Kostbarkeit – aber das kann ich nicht. Dieser Lümmel, dieser dreizehnjährige Dickkopf dachte nur daran, was er hier im Kloster lernen würde. Unser Anwesen lag weniger als ein Dutzend Meilen von Glastonbury entfernt, was nicht sehr weit schien. Ich glaube, Jungen fühlen sich nie wirklich weit weg von zu Hause, solange sie es zu Fuß erreichen können.

Da sieht man Iggulden dann auch gerne nach, dass er manches Ereignis verknappt und einige Figuren umbenannt hat, wie er selbst im ungemein lesenswerten Nachwort erörtert, denn tatsächlich hat er wohl das Beste aus dem gemacht, was heutzutage an historischen Informationen und natürlich auch Hörensagen verfügbar ist, um die Lebensgeschichte von Dunstan glaubhaft und spannend aufs Papier zu bringen und mir damit eine historische Figur nähergebracht hat, von deren Existenz ich nicht einmal etwas wusste. Obwohl ich also ein wenig gebraucht habe, mich in Thron des Blutes hineinzufinden, lässt mich der 600-Seiten-Wälzer schwer beeindruckt und begeistert zurück, obwohl – oder vielleicht gerade weil – ich doch eigentlich eher selten zu historischen Stoffen greife, wobei ich in dieser Hinsicht spätestens jetzt etwaige weitere Romane von Conn Iggulden als vorbehaltlos sichere Bank betrachten würde. Und mit denen könnte man durchaus rechnen, denn so einiges ist noch längst nicht übersetzt worden und auch Dunstan harrte nunmehr rund vier Jahre seiner deutschen Veröffentlichung, die ich vorbehaltlos empfehlen kann.

Fazit & Wertung:

Conn Iggulden widmet sich in Thron des Blutes der Lebensgeschichte des Dunstan von Canterbury, der hier als Ich-Erzähler in Erscheinung tritt und eine Epoche beleuchtet, in deren Verlauf er sieben Könige von England hat kommen und gehen sehen, während er selbst sich als Abt und Baumeister, Schmied und Schatzmeister, politischer Berater und Reformator hervorgetan hat. Eine ungemein spannende wie atmosphärische Geschichte, die sich nicht nur Genre-Fans keinesfalls entgehen lassen sollten.

9 von 10 Visionen eines ehrgeizigen Geistlichen

Thron des Blutes

  • Visionen eines ehrgeizigen Geistlichen - 9/10
    9/10

Fazit & Wertung:

Conn Iggulden widmet sich in Thron des Blutes der Lebensgeschichte des Dunstan von Canterbury, der hier als Ich-Erzähler in Erscheinung tritt und eine Epoche beleuchtet, in deren Verlauf er sieben Könige von England hat kommen und gehen sehen, während er selbst sich als Abt und Baumeister, Schmied und Schatzmeister, politischer Berater und Reformator hervorgetan hat. Eine ungemein spannende wie atmosphärische Geschichte, die sich nicht nur Genre-Fans keinesfalls entgehen lassen sollten.

9.0/10
Leser-Wertung 10/10 (1 Stimme)
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite von Heyne. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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Thron des Blutes ist am 13.04.21 bei Heyne erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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