Review: Bienensterben | Lisa O’Donnell (Buch)

Ein Buch habe ich zwischendurch natürlich auch mal wieder gelesen und weil ich gerade wieder so schön fleißig bin und die Worte nur so von den Fingern über die Tastatur auf den Monitor fließen kommt hier auch schon die nächste Kritik ins Blog geflattert. Euch einen schönen Abend!

Bienensterben

The Death of Bees, UK 2012, 320 Seiten

Bienensterben von Lisa O'Donnell | © DuMont Buchverlag
© DuMont Buchverlag

Autorin:
Lisa O’Donnell

Verlag (D):
DuMont Buchverlag
ISBN:
978-3-832-19728-5

Genre:
Drama

 

Inhalt:

An Weihnachten begraben die fünfzehnjährige Marnie und ihre jüngere Schwester Nelly ihre toten Eltern im Garten. Während sie Stiefvater Gene tot im Bett auffinden, hat sich ihre Mutter Izzy im Schuppen erhängt. In dem Wissen darum, was geschehen würde, wenn das Jugendamt Wind davon bekäme, dass hier zwei Minderjährige unbeaufsichtigt leben, beschließen sie kurzerhand, die Leichen im Garten zu verscharren. Leid tut es ihnen nicht um ihre drogensüchtigen Eltern, die sie die meiste Zeit mit Missachtung gestraft haben. Gemeinsam versuchen die Schwestern das Verschwinden ihrer Eltern geheim zu halten, doch zumindest ihr als Perversling verschriener schwuler Nachbar Lennie bemerkt bald, dass etwas faul sein muss im Nachbarhaus.

Die drei freunden sich an und auch wenn Lennie langsam zu ahnen beginnt, dass Izzy und Gene sich nicht auf Urlaubsreise befinden, wie Marnie und Nelly es steif und fest behaupten, verschließt er zunächst die Augen vor der Realität, froh, endlich eine Familie gefunden zu haben. Dann allerdings taucht Izzys geläuterter Vater Robert T. Macdonald auf, stellt Fragen nach dem Aufenthaltsort seiner Tochter und versucht Marnie und Nelly für sich zu vereinnahmen. Währenddessen verwesen Izzy und Gene weiter im Garten und locken ein ums andere Mal Lennies Hund an, der es liebt, in der lockeren Erde zu buddeln…

Rezension:

Heute ist Weihnachten. Heute hab ich Geburtstag. Heute werd ich fünfzehn. Heute hab ich meine Eltern im Garten begraben. Geliebt wurden sie beide nicht.

Beginnt man mit der Lektüre von Bienensterben wird einem schnell klar, dass Debütantin Lisa O’Donnell harten Tobak offeriert, denn die bereits im Verwesungsprozess begriffenen Eltern im hauseigenen Garten zu Grabe zu tragen, bildet den Ausgangspunkt der Geschichte und genauso ungeschönt, wie Marney diese Situation schildert, geht es auch weiter und immer weitere Abgründe tun sich auf, während man erfährt, wie es den Schwestern in Glasgow ergeht, die just ihre Eltern verloren haben und diesen Umstand zu verschleiern versuchen.

Es gelingt der Autorin zwar nicht, den zu Beginn erfolgten Paukenschlag endlos nachhallen zu lassen, doch findet sie dafür ihren ganz eigenen Weg durch die Geschichte, denn Bienensterben ist in keiner Weise als Thriller angelegt oder versucht mit überbordender Spannung zu punkten, sondern schildert auf berührende Art und Weise, wie zwei Außenseiter, so jung bereits von der Welt und vom Leben enttäuscht und mehr als einmal im Stich gelassen worden, ihren Weg zu finden suchen, obwohl sie gegenseitig ebenso häufig aneinandergeraten, wie sie enttäuscht werden. Da ist die vorlaute Marney, die alles mit Coolness zu überspielen versucht, die trinkt und raucht und fickt und da ist ihre jüngere Schwester Nelly, die sich wie eine Dame gebärdet, die die Augen verschließt vor der unbarmherzigen Realität, die sich Ruhe und Frieden wünscht, hochbegabt ist und im gesteigerten Maße empathisch, so dass ihr selbst das Bienensterben Sorgen bereitet.

Das so zu konkretisieren fällt leicht, schließlich wird Bienensterben abwechselnd aus der Perspektive des jeweiligen Mädchens oder ihres Nachbarn Lennie geschildert, was es – neben dem tiefen Blick in die Psyche der Figuren – auch erlaubt, ein und dieselbe Situation aus unterschiedlichen Augen wahrzunehmen und folglich auch anders zu bewerten und zu begreifen. Dieser Kniff des Perspektivenwechsels ist zwar in der Literatur ein alter Hut, funktioniert hier aber ausnehmend gut, zumal sich O’Donnell wirklich und merklich darum bemüht hat, jeder Figur eine eigene Stimme zu verleihen, was sich tatsächlich nicht nur in Ansichts- oder Sichtweisen, sondern auch in Redewendungen, Wortschatz, Formulierungen und Syntax niederschlägt.

Mein Vater, dieses boshafte Ekel, hat mich nachts auf seinen Schoß gesetzt. Er liebt mich, hat er gesagt.
Später finde ich ihn erschöpft, unbeweglich, schmutzig und zerknittert auf einem ungemachten Bett. Neben seinem Kopf liegt mein Kissen und, gütiger Himmel, Marnie hat es ihm aufs Gesicht gedrückt.
Und tschüss, Eugene Doyle, du Armleuchter.

Das allein würde genügen, Lisa O’Donnell Hochachtung zu zollen, doch versteht sie es zudem, ihre Figuren in eine Geschichte zu betten, die zwar tieftragisch und oftmals düster ist, dennoch auch oft leisen Humor nicht missen lässt und vor allem sehr einfühlsam und behutsam daherkommt, so dass die wenigen drastischen Schilderungen wie ganz zu Anfang von Bienensterben noch deutlicher zu Tage treten. Schlussendlich darf man nur nicht den Fehler begehen, sich etwas anderes zu erwarten als die tragische Geschichte zweier Heranwachsender, die einem Leben voller Zurückweisung, Vernachlässigung und Enttäuschung zu entkommen versuchen. Das ist sicherlich nicht so skurril und morbide wie die Ausgangssituation vermuten lassen würde, aber dermaßen feinfühlig geschildert, unspektakulär oft, dafür zutiefst menschlich und unter die Haut gehend.

Fazit & Wertung:

Lisa O’Donnells Debüt Bienensterben beeindruckt mit sprachlicher und erzählerischer Raffinesse, so dass es ihr spielend gelingt, sich die unterschiedlichen Figuren mit all ihren Manierismen und Geheimnissen zu eigen zu machen und sie in eine tieftraurige Erzählung zu betten, die berührt und mitreißt.

8,5 von 10 niederschmetternden Rückschlägen

Bienensterben

  • Niederschmetternde Rückschläge - 8.5/10
    8.5/10

Fazit & Wertung:

Lisa O'Donnells Debüt Bienensterben beeindruckt mit sprachlicher und erzählerischer Raffinesse, so dass es ihr spielend gelingt, sich die unterschiedlichen Figuren mit all ihren Manierismen und Geheimnissen zu eigen zu machen und sie in eine tieftraurige Erzählung zu betten, die berührt und mitreißt.

8.5/10
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Weitere Details zum Buch und der Autorin findet ihr auf der Seite des DuMont Buchverlages.

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Bienensterben ist am 08.10.13 im DuMont Buchverlag erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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