Review: Die Sprache des Feuers | Don Winslow (Buch)

Freitagabend und ich widme mich mal wieder einem Buch, denn da ich gestern schon aus war und morgen ein ziemlicher Film-Marathon geplant ist, habe ich mir den Abend bewusst freigehalten, weshalb es gleich natürlich auch noch eine Comic-Review geben wird. Doch widmen wir uns zunächst einmal ein weiteres Mal dem von mir hochgeschätztem Don Winslow:

Die Sprache des Feuers

California Fire & Life, USA 1999, 418 Seiten

Die Sprache des Feuers von Don Winslow | © Suhrkamp Verlag
© Suhrkamp Verlag

Autor:
Don Winslow
Übersetzer:
Chris Hirte

Verlag (D):
Suhrkamp Verlag
ISBN:
978-3-518-46525-7

Genre:
Krimi | Thriller

 

Inhalt:

Eine Frau liegt im Bett, und das Bett brennt.
Sie wacht nicht auf.
Die Flammen züngeln an ihren Schenkeln hoch, und sie wacht nicht auf.
Unten an der Küste donnert der Pazifik gegen die Felsen.
California Fire and Life.

Jack Wade spricht fürwahr die Sprache des Feuers, handelt es sich schließlich um einen gewieften wie ambitionierten Brandermittler, den allerdings seine unorthodoxen Methoden seinen Job beim Orange County Sheriff Department gekostet haben. Damit nicht genug, hat er es seinerzeit auch geschafft, seine langjährige Freundin zu vergraulen und sich ganz dem Selbstmitleid zu ergeben. Diese Zeiten aber liegen nun in der Vergangenheit und mittlerweile konzentriert sich Jack ganz auf seine Leidenschaft das Surfen sowie auf seinen Job als Schadensregulierer bei der Versicherung California Fire & Life. Eines Tages wird er von Goddamn Billy zu einem Hausbrand gerufen, bei dem auch Patricia Vale, die Ehegattin des Hausbesitzers in den Flammen ums Leben kam.

Schöpft Jack zwar anfänglich noch nur wenig Verdacht, verhärtet sich sein Misstrauen, als er auf den kaum trauernden Ehemann und Exilrussen Nicky Vale trifft, dem seine antiken Möbel anscheinend deutlich mehr bedeutet haben als das Leben seiner Frau. Während Bentley, der Brandermittler der Polizei, die Sache schnell als Unfalltod abstempelt, bei dem Patricia betrunken mit brennender Zigarette eingeschlafen und das Haus in Brand gesetzt hat, beginnt Jack Wade nachzustochern, denn mit seinen Verdachtsmomenten nicht genug, handelt es sich bei der Verstorbenen um die Schwester seiner früheren großen Liebe Letty. Allerdings ahnt Jack nicht, mit welchen Mächten er sich anlegt, während er munter damit beginnt, Beweise für die Schuld von Nicky Vale zusammenzutragen.

Rezension:

Wir wissen ja nun alle, dass ich mittlerweile ein ausgewiesener Fan des literarischen Gesamtwerkes von Don Winslow geworden bin und so hat einmal mehr eines seiner Bücher seinen Weg in mein immer ausufernder werdendes Bücherregal gefunden und besonders bemerkenswert ist hierbei, dass, obwohl Die Sprache des Feuers vor nun rund fünfzehn Jahren seine Erstveröffentlichung erlebt hat und auch im deutschsprachigen Raum, genauer im Suhrkamp Verlag, dieser Tage neu aufgelegt worden ist, der Roman nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat, sozusagen zeitlos wirkt in den angesprochenen Themen und gar, insbesondere zu Beginn und gegen Ende, mit den äußerst knapp bemessenen, kurz und präzise skizzierten Kapiteln sozusagen einen Ausblick auf Winslows spätere Werke liefert, denn insbesondere Savages sowie Kings of Cool waren von ebenjenem Stil mehr als geprägt.

Die Frau ist tot.
Jack weiß das, bevor er zu dem Haus kommt, denn als er angerufen hat, war Goddamn Billy dran. Morgens um halb sieben, und Goddamn Billy ist schon im Büro.
Hausbrand, eine Tote, hat Goddamn Billy zu ihm gesagt.
Jack hastet die hundertzwanzig Stufen vom Dana Strands Beach zum Parkplatz hoch, duscht kurz, dann schlüpft er in die Arbeitsklamotten, die auf dem Rücksitz seines 66er Mustang liegen.

Davon abgesehen ist Die Sprache des Feuers aber vergleichsweise klassisch geschrieben, unterteilt sich auf seinen knapp über 400 Seiten zwar in immerhin 138 Kapitel, folgt die meiste davon aber strikt der Hauptfigur Jack Wade und konzentriert sich zumeist auf einzelne Szenen und Begebenheiten. Im Mittelteil allerdings erfolgt ein umso überraschenderer Bruch mit diesem Konzept, als plötzlich der der Brandstiftung beschuldigte Nicky Vale ins Zentrum des Geschehens rückt und Winslow überaus unterhaltsam und eindringlich dessen Werdegang und Herkunft beschreibt, die selbstredend für gesteigerte Bedeutung innerhalb der Geschichte ist, die im Grunde von einem der letzten Gerechten handelt, der, obwohl unkonventionellen Vorgehensweisen und Opportunismus nicht abgeneigt, doch zumindest einem strikten Ehrenkodex folgt und sich mit Mächten anlegt, die weit größer und präsenter sind, als er es nur ahnt, wobei selbst dem Leser längst nicht alle Zusammenhänge auf dem Silbertablett serviert werden, so dass es zu einigen mehr als überraschenden Twists kommt, die, weil von langer Hand geplant, dankenswerterweise nie wie spontan aus dem Hut gezaubert wirken, sondern sich kohärent in die zunehmend verworrener werdende Erzählung einfügen, die zunächst als durchaus üblicher und kaum überraschender Ermittlungsfall beginnt.

Das bringt es auch mit sich, dass man gerade am Anfang einiges über Brandherde und Ursachen, Brandlast, chemische Zusammenhänge und vieles weitere mehr erfährt, dass direkt mit den Brandermittlungsmethoden unseres Protagonisten zusammenhängt. Das mag nicht jedem Leser gefallen, brachte dem Roman bei mir aber durchaus Pluspunkte ein, da ich es mag, wenn derartiges Fachwissen in unterhaltsamer und einfallsreicher Weise in die Erzählung geflochten wird, was Winslow hier zweifelsohne gelingt und mich mehr als einmal an den Fight Club-Autor Chuck Palahniuk hat denken lassen, der derartige Einschübe in all seinen Romanen nutzt und diese Technik quasi perfektioniert hat. Zudem hat man auch in Die Sprache des Feuers jederzeit das Gefühl, der Autor wisse, wovon er berichte und so verstärkt sich das intensive Erleben noch, ist man schließlich der Meinung, in Jack Wade einen echten Experten vor sich zu haben.

Je kälter der Brandort, um so schlechter die Chance, etwas zu finden.
Oder H & U zu ermitteln, wie man so schön sagt. Herd und Ursache.
H & U sind wichtig für die Versicherung, weil es solche und solche Brände gibt. Hat der Versicherte das Feuer fahrlässig verursacht, muss seine Versicherung den ganzen Spaß bezahlen. Aber wenn es wegen einer kaputten Heizdecke brennt oder einem minderwertigen Lichtschalter oder irgendeinem Elektrogerät, das nicht richtig funktioniert, versucht es die Versicherung mit einer Rechtsübertragung, die im Wesentlichen darin besteht, dass sie den Versicherten entschädigt und den Hersteller des fehlerhaften Teils auf Zahlung verklagt.

Wusste die erste Hälfte mich allerdings zu fesseln und unterhalten, war es die zweite Hälfte, die mich wirklich in ihren Bann geschlagen und mich das Buch kaum noch zur Seite legen lassen hat, denn plötzlich geht es eben nicht mehr nur noch darum, zu ermitteln, ob Nicky Vale seine Frau umgebracht und sein Haus abgebrannt hat, sondern vielmehr herauszufinden, wer mit ihm unter einer Decke steckt, welche Parteien sich noch in den Schatten verbergen und welchem System, welcher Institution sich Jack wirklich entgegenstellt und tatsächlich auch, ob ihm dies gelingen mag, denn der Ausgang ist ungewiss. Dabei versäumt Die Sprache des Feuers noch nicht einmal, den sich schnell als Antagonisten herauskristallisierenden Nicky Vale sowie auch die weiteren Mitarbeiter von California Fire & Life (übrigens gleichzeitig auch Originaltitel des Buches) sowie der Polizei glaubhaft und differenziert zu beschreiben und in Szene zu setzen, so dass man von keiner Figur das Gefühl hat, sie wäre bloßer Statist in einem viel größeren Spiel, was im Hinblick auf die Geschichte aber natürlich durchaus zutrifft, die Ausmaße annimmt, die ich zu Beginn der Lektüre nicht erwartet hätte, was – um das klarzustellen – als Kompliment gemeint ist.

Fazit & Wertung:

Obschon mittlerweile fast fünfzehn Jahre alt, ist Don Winslows Die Sprache des Feuers immer noch (Achtung, schlechtes Wortspiel:) brandaktuell und hochbrisant, hat nichts von seiner packenden Intensität eingebüßt und beeindruckt als zunächst behutsam beginnende Ermittlergeschichte eines einsamen Helden, die sich im weiteren Verlauf zu ungeahnten Höhen und Verstrickungen aufschwingt, ohne indes dabei überkonstruiert zu wirken. Ohne Frage eine weitere, echte Empfehlung aus der Feder des Ausnahmeschriftstellers.

8,5 von 10 unterschiedlichen Brandmustern

Die Sprache des Feuers

  • Unterschiedliche Brandmuster - 8.5/10
    8.5/10

Fazit & Wertung:

Obschon mittlerweile fast fünfzehn Jahre alt, ist Don Winslows Die Sprache des Feuers immer noch (Achtung, schlechtes Wortspiel:) brandaktuell und hochbrisant, hat nichts von seiner packenden Intensität eingebüßt und beeindruckt als zunächst behutsam beginnende Ermittlergeschichte eines einsamen Helden, die sich im weiteren Verlauf zu ungeahnten Höhen und Verstrickungen aufschwingt, ohne indes dabei überkonstruiert zu wirken. Ohne Frage eine weitere, echte Empfehlung aus der Feder des Ausnahmeschriftstellers.

8.5/10
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite des Suhrkamp Verlages. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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Die Sprache des Feuers ist am 19.05.14 als Neuauflage im Suhrkamp Verlag erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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