Review: Das Erwachen | Andreas Brandhorst (Buch)

Extra für euch habe ich mir die Mühe gemacht, einen 700-Seiten-Wälzer in einer Woche durchzuarbeiten und wenn ich ehrlich bin, ist mir das nicht einmal schwer gefallen, denn das Buch ist nicht nur ziemlich dick, sondern eben auch ziemlich gut gewesen. Aber das könnt ihr euch ja jetzt wortreich im Detail durchlesen.

Das Erwachen

Das Erwachen, DE 2017, 736 Seiten

Das Erwachen von Andreas Brandhorst | © Piper
© Piper

Autor:
Andreas Brandhorst
Übersetzer:
Originalausgabe

Verlag (D):
Piper
ISBN:
978-3-492-06080-6

Genre:
Science-Fiction | Thriller

 

Inhalt:

Aus Versehen gelangt durch das Mitwirken des früheren Hackers Axel Krohn ein Schadprogramm namens "Infiltrator" in den Äther der global vernetzten Welt und macht seinem Namen alle Ehre, infiltriert ganze Systeme, während sich im Inneren des dergestalt zum größten Bot-Netzwerk der Welt werdenden Geflechts aus zahllosen PCs und Prozessoren eine neue und nie dagewesene Form von Bewusstsein zu regen beginnt – die Maschinenintelligenz. Während sich die Geheimdienste der Welt und allen voran die NSA an die Fersen von Axel Krohn heften, der fortan als Verursacher dieses bald schon globalen Cyber-Angriffs gilt, ernennt die UN Viktoria Jorun Dahl zur neuen Sonderbeauftragten für Maschinenintelligenz – kurz MI genannt – , denn die Übernahme der Großrechner und Schaltzentren dieser Welt hat bald verheerende Folgen für die gesamte Welt und führt zu flächendeckenden Stromausfällen und einem generellen Zusammenbruch sämtlicher Kommunikationswege. Weitaus problematischer ist allerdings der erwartete Take-Off, wie Spezialisten Dahl versichern, denn ab diesem Zeitpunkt wäre die MI den Menschen in jeglicher Hinsicht überlegen und folglich nicht mehr aufzuhalten, doch es gibt einen Hoffnungsschimmer, verlangt die MI schließlich alsbald, mit Axel Krohn sprechen zu können, dessen Name aus unerfindlichen Gründen in ihrem Quellcode integriert war…

Rezension:

Vor nicht allzu langer Zeit bin ich mehr oder weniger auf Andreas Brandhorsts jüngst erschienenen Roman Das Erwachen gestoßen worden, dessen Umfang mich zugegebenermaßen auf den ersten Blick ein wenig geschreckt, doch widmet er sich mit der Idee einer erwachenden Maschinenintelligenz, die ihrer Natur und Beschaffenheit nach weit über das Wesen einer Künstlichen Intelligenz, von der wir heutzutage reden, einem derart spannenden Thema, dass ich es nicht missen wollte, dem weithin gelobten Autoren mit diesem Buch nun auch eine Chance einzuräumen. Und in vielerlei Hinsicht ist Brandhorst nahe daran, für mich eines der Jahres-Highlights schlechthin geliefert zu haben, zeugt seine Version einer menschengeschaffenen Dystopie, der Konfrontation mit einer ganz und gar fremdartigen Form von Intelligenz schließlich nicht nur von Einfallsreichtum, Weitsicht und vor allem Sachverstand, sondern punktet auch als wissenschaftlicher Science-Fiction-Thriller, angesiedelt in einer nahen und gar nicht einmal so fremden Zukunft, die spürbar in unserer Realität fußt und einzig einzelne Aspekte der digitalen Revolution konsequent weiterdenkt.

Gab es hier Infrarotkameras, von Rosebud in der Dunkelheit versteckt? Axel trug eine Maske, eine hauchdünne Schicht aus bioaktivem Kunststoff, die seine Gesichtszüge veränderte und eine biometrische Identifikation verhinderte. Für gewöhnliche Gesichtserkennungssoftware blieb er unerkannt, aber Spezialprogramme ließen sich davon nicht täuschen. Doch damit war an diesem Ort kaum zu rechnen.

Leider aber – und das ist zum Glück nur ein kleiner Wermutstropfen – ist Das Erwachen teilweise aber auch ein wenig redundant und so sehr die wissenschaftlichen, philosophischen, existenzialistischen und theologischen Exkurse zu gefallen wissen, denen sich hier gleich mehrere der handelnden Akteure zuweilen widmen, kommt es zuweilen doch zu spürbaren Überlagerungen, wenn einzelne Konversationen in unterschiedlichen Ecken der Welt mit nur geringfügig abgewandeltem Vokabular und einer angepassten Argumentationsgrundlage quasi mehrfach durchexerziert werden. Ebenso empfand ich manche der Passagen auf der jeweiligen Reise der Figuren als eher einem "klassischen" Action-Thriller zuzuordnen, was grundsätzlich nicht verwerflich sein mag, doch während sich im Mittelteil eben vieles auf die Bedrohung durch die MI konzentrierte, ist insbesondere das dem eigentlichen Höhepunkt vorgelagerte Geschehen im letzten Drittel des Bandes oftmals geprägt von kleineren Scharmützeln und Auseinandersetzungen, während derer die vielen spannenden Ansätze zuweilen spürbar in den Hintergrund treten, teils gar einer Art Familien-Drama weichen müssen.

Dessen aber ungeachtet konzipiert und offeriert Brandhorst in Das Erwachen eine gar nicht mal so weit hergeholte Was-wäre-wenn-Situation, aus der sich ein ungemein spannender und vor allem packender Thriller entspinnt, den wegzulegen mir sichtlich schwer gefallen ist, was sich auch daran belegen lässt, dass ich die immerhin 730 Seiten in gut einer Woche durchgelesen habe, was schon ein wenig mehr ist als mein übliches Pensum. Was aber ganz besonders hilfreich ist bei der angestrebten Immersion ist, dass der Autor sich spürbar mit der Materie auseinandergesetzt hat und nicht bloß simples Name-Dropping betreibt, sondern auch zu skizzieren und umreißen versteht, von welchen Programmen oder Verfahren die Rede ist, wobei die Grenze zwischen dem, was es heutzutage bereits gibt und dem, was in seiner fiktiven, vierzehn Jahre in der Zukunft angelegten Welt neu hinzugekommen ist, derart fließend ist, dass es nicht immer leicht fällt, Fiktion und Realität auseinander zu halten und ein größeres Kompliment kann man einem Science-Fiction-Autoren wohl kaum machen. Hier ist dann auch die Genre-Bezeichnung Science-Fiction wirklich einmal wieder wörtlich zu nehmen, denn Andreas Brandhorsts Vision unserer Zukunft ist natürlich weit weniger futuristisch geraten als manch einschlägige Space-Opera, legt dafür aber gesteigerten Wert auf eine gewissen wissenschaftliche Stichhaltigkeit, ohne zu dozieren zu beginnen oder in einen staubtrockenen Modus zu verfallen, der bei einem weniger fähigen Autor dem Plot recht schnell den Wind hätte aus den Segeln nehmen können.

Bits und Bytes reisten durchs globale Netz, Billionen von ihnen, pro Sekunde zehn Millionen E-Mails weltweit, zwölf Millionen Nachrichten der verschiedenen Messenger-Dienste, eine Million Suchanfragen bei Google, fünfzig Stunden Videomaterial bei YouTube, fünfzigtausend Freundschafts- und Follower-Anfragen bei Facebook und anderen sozialen Medien. Außerdem Fernsehen, Radio, Telefonate und die gewaltige Telemetrie-Datenmenge der zahllosen Mikroprozessoren, die in praktisch allen Dingen steckten und ständig maßen, wer was wie und warum benutzte, hundert Exabyte – hundert Trillionen Byte – pro Tag. Ein Ozean aus Daten, und darin ein winziger Tropfen, ein kleines Programm, nicht einmal ein Megabyte groß.
Es erreichte den ersten Rechner, einen kleinen Server in Watamu, Kenia. Die schlecht gewartete Firewall dieses Rechners hatte mehr Löcher als ein Schweizer Käse, und das Programm tat das, wozu es geschaffen worden war: Es infizierte die Systemdateien und schickte Kopien von sich ins Netz, die ihrerseits Kopien ins Datenmeer sandten, nachdem sie sich in Computersystemen eingenistet hatten.
Der Countdown hatte begonnen.

Besonders hilfreich hierfür sind allerdings natürlich auch die unterschiedlichen und erfreulich vielschichtigen Figuren, angefangen mit Axel Krohn, dessen Vergangenheit ihm im Laufe des Romans zum Verhängnis zu werden droht, der offensiv flapsige Coorain "CooCoo" Coogan von der SCAR Pacific bis hin zu Viktoria Jorun Dahl, die im weiteren Verlauf zur UN-Sonderbeauftragten für Maschinenintelligenz berufen wird und sozusagen die politische Dimension des Geschehens abdeckt, um nur die Hauptakteure zu nennen, denen sich ein illustrer Reigen aus Pro- und Antagonisten hinzugesellt. Nicht zuletzt versäumt es Brandhorst in seinem Science-Thriller aber auch nicht, fernab der eigentlichen Handlung und fernab der gleichermaßen spannenden wie erschreckenden Prämisse die Auswirkungen auf die Welt als solche zu skizzieren, denn mit dem Erwachen der Maschinenintelligenz gehen vermehrt weitreichende Strom- und Netz-Ausfälle einher, was die Zivilisation schon arg auf die Probe stellt und ein sich langsam Bahn brechendes Chaos verursacht, das hier ebenso wenig vernachlässigt oder ausgeklammert wird. Eine gesonderte Erwähnung in diesem Zusammenhang verdienen die vereinzelt zwischen die Kapitel geflochtenen Einschübe, Streiflicht genannt, die sich den Geschehnissen auf der Mars Discovery widmen und damit selbst über die ohnehin schon globale Ausrichtung des Romans hinausgehen.

Fazit & Wertung:

Andreas Brandhorst legt mit Das Erwachen eine gleichermaßen eindrucksvolle wie erschreckende Dystopie vor, deren Prämisse so durchdacht und wissenschaftlich untermauert wirkt, dass man kaum Zweifel haben mag, dass sich in einigen Dekaden zumindest Ähnliches beinahe so zutragen könnte, was sehr für die ohnehin enorm in der Realität verankernde Erzählung spricht, die darüber aber zu keinem Zeitpunkt Spannung und Tempo zu vernachlässigen droht. Entsprechend dürften packende Lesestunden garantiert sein, auch wenn der Plot manchmal zu leichter Redundanz neigt und manche der episodischen Auseinandersetzungen teils ein wenig formelhaft erscheinen, was der Qualität dieses empfehlenswerten Science-Fiction-Thrillers aber kaum einen Abbruch tut.

9 von 10 übernommenen Systemen

Das Erwachen

  • Übernommene Systeme - 9/10
    9/10

Fazit & Wertung:

Andreas Brandhorst legt mit Das Erwachen eine gleichermaßen eindrucksvolle wie erschreckende Dystopie vor, deren Prämisse so durchdacht und wissenschaftlich untermauert wirkt, dass man kaum Zweifel haben mag, dass sich in einigen Dekaden zumindest Ähnliches beinahe so zutragen könnte, was sehr für die ohnehin enorm in der Realität verankernde Erzählung spricht, die darüber aber zu keinem Zeitpunkt Spannung und Tempo zu vernachlässigen droht. Entsprechend dürften packende Lesestunden garantiert sein, auch wenn der Plot manchmal zu leichter Redundanz neigt und manche der episodischen Auseinandersetzungen teils ein wenig formelhaft erscheinen, was der Qualität dieses empfehlenswerten Science-Fiction-Thrillers aber kaum einen Abbruch tut.

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Meinungen aus der Blogosphäre:
Stuffed Shelves: 10/10 Punkte

Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite von Piper. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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Das Erwachen ist am 02.10.17 als Klappenbroschur bei Piper erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den nachfolgenden Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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