Review: Giants – Die letzte Schlacht | Sylvain Neuvel (Buch)

Auch in Sachen Buch-Kritik starte ich wohlgemut ins neue Jahr und beschließe als erste Amtshandlung mit der heutigen Rezension eine Trilogie, die ich in den vergangenen Jahren sehr zu schätzen gelernt habe, weshalb ich schon jetzt gespannt bin, was man in Zukunft noch von dem Autor wird lesen können.

Giants
Die letzte Schlacht

Only human – The Themis Files Book 3, USA 2018, 480 Seiten

Giants - Die letzte Schlacht von Sylvain Neuvel | © Heyne Verlag
© Heyne Verlag

Autor:
Sylvain Neuvel
Übersetzer:
Marcel Häußler

Verlag (D):
Heyne Verlag
ISBN:
978-3-453-31966-0

Genre:
Science-Fiction | Thriller

 

Inhalt:

Beinahe zehn Jahre sind vergangen, seit eine Schar außerirdischer Roboter auf der Erde gelandet ist und das Leben von rund einhundert Millionen Menschen auf einen Schlag ausgelöscht hat. Das Team um Dr. Rose Franklin allerdings – selbst an Bord des von den Menschen instandgesetzten und auf den Namen Themis getauften Roboters – sah sich unvermittelt von der Erde getilgt und auf die Heimatwelt der ihnen unbekannten Wesenheiten versetzt. Nun, ein Jahrzehnt später, kehrt ein Teil der Gruppe zur Erde zurück und verständlicherweise haben sämtliche Nationen größtes Interesse daran, zu erfahren, was es mit den vermeintlichen außerirdischen Aggressoren auf sich hat. Doch auch auf der Erde hat sich seit dem prägenden Ereignis viel verändert und nachdem man der Tatsache gewahr wurde, dass ein Großteil der Menschheit auch Spuren außerirdischer Gene in sich trägt, werden Menschen anhand ihrer DNA kategorisiert und teils in Lager verbracht, während die USA einen weiteren Roboter hat instand setzen können, mit dem sie zum angeblichen Wohl aller Regierung um Regierung unter ihr Joch zwingt…

Rezension:

Bereits nach Sylvain Neuvels Roman-Debüt Giants – Sie sind erwacht war ich ja schwer begeistert von seinen "Themis Files", was nicht zuletzt auch an der eigenwilligen wie ungewöhnlichen Konzeption gelegen haben mag, das Geschehen einzig über transkribierte Gespräche sowie Tage- und Logbücher zu erzählen und ich hätte mir nie träumen lassen, dass sich dieses Konzept tatsächlich eignen würde, eine über drei Bände ungebrochen faszinierende wie vielschichtige Geschichte zu erzählen, obwohl das eigentliche Erzählen, also Orts- und Befindlichkeits-Beschreibungen, hier der Natur der Sache nach deutlich in den Hintergrund rückt. Spätestens mit dem Nachfolgeband Zorn der Götter musste ich mich allerdings eines Besseren belehren lassen und einsehen, dass dies bei entsprechendem Einfallsreichtum und damit einhergehender, erzählerischer Virtuosität durchaus im Bereich des Möglichen liegt. Und folglich war ich nun mehr als gespannt auf Giants – Die letzte Schlacht, den Abschlussband der Reihe, auch wenn Neuvel selbst im Nachwort nicht ausschließt, sich womöglich zu einem späteren Zeitpunkt erneut diesem Sujet widmen zu wollen.

Man sollte aufpassen, was man sich wünscht.
Vor ungefähr zehn Jahren – damals war ich siebenunddreißig – ist ein gewaltiger Roboter von einem anderen Planeten zur Erde gekommen und hat einen Teil Londons dem Erdboden gleichgemacht. Es gelang uns, ihn zu zerstören, aber dreizehn weitere tauchten auf und stießen in über zwanzig unserer bevölkerungsreichsten Städte ein gentechnisch verändertes Gas aus. Einhundert Millionen Menschen starben.

Nichtsdestotrotz wird die 2016 begonnene Geschichte hier aber zunächst einmal zu Ende erzählt und folglich braucht man keine Angst haben, mit einem Haufen Fragezeichen über dem Kopf im leeren Raum hängen gelassen zu werden, zumal die Befürchtung ja dahingehend nicht von der Hand zu weisen wäre, dass der Vorgänger mit einem beispiellosen Cliffhanger geendet hat, indem sich Rose und Konsorten unvermittelt auf der Heimatwelt der fremden Spezies wiederfinden. Von diesem Punkt ausgehend wird hier zwar ein zehnjähriger Zeitsprung vollzogen, doch heißt das freilich nicht, dass man als Leser nicht noch ausführlich über die Zeit in den fremden Gestaden informiert würde, denn auch wenn die Geschichte ihren Anfang damit nimmt, dass Rose, Vincent und dessen Tochter zur Erde zurückkehren, bieten immer wieder in die Handlung eingewobene Tagebucheinträge zahlreiche erhellende Momente, welche die Außerirdischen einerseits noch immer erfrischend fremdartig, andererseits irritierend menschenähnlich inszenieren. Nichtsdestotrotz geht mit dieser eingehenderen Beschäftigung mit den sich selbst "Ekt" nennenden Wesen eine gewisse Entmystifizierung einher, die natürlich auch die Faszination für das eigentliche Geschehen geringfügig dämpfen.

Dadurch wird Giants – Die letzte Schlacht aber mitnichten weniger spannend, zumal allein die Veränderungen auf der Erde wie die Skizze einer ganz neuen Form von Rassismus anmuten und folglich auf eine bedrückende, erschreckende Art zu faszinieren verstehen, während sich auch im Verhalten der Ekt zahlreiche Parallelen zu menschlichem Handeln erkennen lassen, was dem eigentlichen Plot einen beinahe schon philosophischen Überbau verleiht. Ansonsten beschäftigt sich auch dieser Band wieder weit mehr mit dem Zwischenmenschlichen der Protagonisten und stellt dabei überzeugend auf deren Gefühlswelt ab, was wie erwähnt besonders faszinierend dadurch wird, dass Neuvel sich selbst in der Konzeption seiner "Themis Files" so mancher Möglichkeit beraubt, selbige erfahrbar zu machen. Bemängeln könnte man in diesem Kontext allerdings den nicht gerade glücklich gewählten Titel Die letzte Schlacht, zumal der Finalband im Original den weitaus passenderen Titel Only Human trägt, denn das schürt natürlich Erwartungen, welche die Storyline des Autors nicht annähernd zu erfüllen weiß.

— Guten Morgen, Dr. Franklin. Ich nehme an, Sie haben heute Nacht gut geschlafen. Ganz bestimmt sogar. Wir haben richtig gute Drogen … Verraten Sie es niemandem, aber ich genehmige mir manchmal ein bisschen was davon, wenn ich zur Ruhe kommen muss. Ich hätte nie gedacht, dass ich die Gelegenheit dazu haben würde, aber im Namen der Russischen Föderation und wahrscheinlich des gesamten Planeten: Willkommen zurück! Und willkommen in Russland!
— Wir sind in Russland?
— Ja! Genau! Setzen Sie sich doch, Dr. Franklin. Sie machen mich nervös.

So sind zwar immer mal wieder auch Kampfhandlungen oder zumindest deren Androhung Teil der Handlung, doch eine finale Schlacht oder Auseinandersetzung bekommt man hier nicht geboten, was aber auch dem Tenor der gesamten Reihe zuwider laufen würde, denn nie stand das Konzept "Krieg" im Vordergrund dessen, was der Autor zu erzählen trachtet. Die objektive Qualität des Bandes wird dadurch aber natürlich nicht geschmälert und so kann ich beruhigt attestieren, dass Neuvel einen mehr als würdigen Abschluss abliefert, der sich einmal mehr auf bereits Erzähltes stützt und dem es gleichsam gelingt, dennoch ein paar neue Kniffs – in dem Fall speziell die Erörterungen der Zeit auf "Esat Ekt" – der Heimat der Ekt – zu offerieren. So wirkt die sich insgesamt über nicht ganz 1.500 Seiten erstreckende Geschichte der drei Bücher einerseits merklich wie aus einem Guss und schafft es dennoch, Alleinstellungsmerkmale zu besitzen, welche die einzelnen "Kapitel" eigenständig und überzeugend wirken lassen. Einzig die schwindende Faszination für das große Unbekannte schmälert das Lesevergnügen ein wenig, doch war damit fast zu rechnen, derweil Neuvel dies wohl auch nur hätte umgehen können, wenn er bis zuletzt den Schleier des Mysteriums ungelüftet gelassen hätte und dadurch wären die "Themis Files" auf ganz andere, meines Erachtens deutlich gravierendere Art enttäuschend geraten.

Fazit & Wertung:

Mit Giants – Die letzte Schlacht liefert Sylvain Neuvel einen rundherum gelungenen Abschluss seiner ungemein selbstbewusst wie eigenständig konzipierten Science-Fiction-Reihe, auch wenn die letztliche Beleuchtung der außerirdischen Spezies ein wenig den Zauber des Unbekannten verfliegen lässt und der unglücklich gewählte deutsche Titel womöglich falsche – auf ein deutlich reißerischeres Finale hoffende – Erwartungen schüren könnte.

8 von 10 über den Erdball verstreuten Robotern

Giants – Die letzte Schlacht

  • Über den Erdball verstreute Roboter - 8/10
    8/10

Fazit & Wertung:

Mit Giants – Die letzte Schlacht liefert Sylvain Neuvel einen rundherum gelungenen Abschluss seiner ungemein selbstbewusst wie eigenständig konzipierten Science-Fiction-Reihe, auch wenn die letztliche Beleuchtung der außerirdischen Spezies ein wenig den Zauber des Unbekannten verfliegen lässt und der unglücklich gewählte deutsche Titel womöglich falsche – auf ein deutlich reißerischeres Finale hoffende – Erwartungen schüren könnte.

8.0/10
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite des Heyne Verlag.

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Giants – Die letzte Schlacht ist am 12.11.18 im Heyne Verlag erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den folgenden Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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