Und weil es so schön war, widme ich mich nun noch einem ganz und gar anders gearteten Band, für den diesmal aber Comic-Legende Alan Moore verantwortlich zeichnet, bevor ich sicherlich bald demnächst auch mit der Vorstellung der regulären Reihe fortfahren werde, bevor ich drohe, dort ins Hintertreffen zu geraten. Für heute soll das aber erst einmal genügen und so wünsche ich erneut viel Spaß bei der Lektüre und davon abgesehen natürlich einen schönen Abend!

Crossed + Einhundert 1

Crossed plus One Hundred #1-6, USA 2014/2015, 164 Seiten

Crossed  + Einhundert 1 | © Panini
© Panini

Autor:
Alan Moore
Zeichner:
Gabriel Andrade

Verlag (D):
Panini Verlag
ISBN:
keine ISBN

Genre:
Endzeit | Horror | Thriller | Drama

 

Inhalt:

Einhundert Jahre sind vergangen seit dem Ausbruch der Kreuzseuche, seit die Gefirmten die Welt überrannt und weite Teile der Zivilisation zerstört haben. Dich ihr destruktives und selbstmörderisches Naturell ist es auch, das die Menschheit hat überleben lassen, denn während die wenigen Nicht-Infizierten sich um Schutz und Wiederaufbau bemühen, zerfleischen sich die Gefirmten selbst und scheren sich nicht um Sicherheit, geschweige denn den Fortbestand ihrer Rasse.

In dieser neuen Zeitrechnung lebt auch Future Taylor, die sich als Archivarin gemeinsam mit ihren Gefährten auf die Suche nach Artefakten aus der Vergangenheit begibt und sich bemüht, Wissen zusammenzutragen. Doch während ihrer Streifzüge macht die junge Frau bald eine Entdeckung, die sie an dem zu zweifeln beginnen lässt, was die Menschen über die Gefirmten zu wissen glauben, die längst nur noch kaum mehr sind als eine blutige Legende…

Rezension:

Nachdem Garth Ennis mit seinem ersten Geschichtenzyklus in der Welt von Crossed einen regelrechten Hype losgetreten hat, der eine Vielzahl Veröffentlichungen und zumeist in sich abgeschlossener Geschichten nach sich zog, ist es jetzt der nicht minder bekannte und kultige Autor Alan Moore, der sich an dem Sujet zu versuchen bereit war, doch anders als die vielen anderen Autoren wie beispielsweise David Lapham begnügt er sich nicht damit, einfach eine weitere Geschichte kurz vor, während oder nach dem Ausbruch der Kreuzseuche zu erzählen, sondern springt in seiner Miniserie Crossed + Einhundert – man kann es anhand des Titels wohl mehr als nur erahnen – hundert Jahre in die Zukunft und zeichnet allein dadurch ein merklich anderes Bild der Überlebenden wie auch der Infizierten, die unter evolutionsbiologischen Gesichtspunkten kaum auf Überleben, geschweige denn Fortschritt ausgerichtet sind und sich folglich im Laufe der vergangenen Zeit stark dezimiert haben, während auch große Teile des Wissens und der Errungenschaften der Menschheit verloren gegangen sind, was sich insbesondere bei der Sprache und Dialektik bemerkbar macht, denn Grammatik und sinnvolle Satzkonstruktionen sind in einer Welt der ständigen Bedrohung, einem Kampf ums nackte Überleben natürlich kaum noch wichtig und eher rudimentär ausgeprägt, während die Überlebenden gleichermaßen neue Begriffe geprägt haben und die Science-Fiction zur Wishful Fiction verkommen ist, haben sich die Hirngespinste früherer Autoren schließlich längst als Wunschdenken herausgestellt.

Speziell durch diesen Umstand, dieses Neu-Sprech, ist Alan Moores Crossed + Einhundert aber auch von Beginn an ein extrem zweischneidiges Schwert, denn einerseits ist die Veränderung der Sprache, die er sich hat einfallen lassen, in sich äußerst stimmig gestaltet und lässt den Comic-Band und die darin skizzierte Welt extrem authentisch und natürlich wirken, doch andererseits ist es zuweilen auch eine echte Qual, den Dialogen zu folgen und einzelne Begriffe zu dechiffrieren, die sich teils erst auf den zweiten Blick erschließen. Nichtsdestotrotz verbreitet dies natürlich auch gehörig Flair und unterstützt die in sich äußerst stimmige Geschichte zweifelsohne, denn anders als in anderen postapokalyptischen Abenteuern wirkt die Welt eben wahrhaftig fremd und verändert, nicht einfach bloß um zivilisatorische Errungenschaften beraubt, während der Kontrast natürlich besonders deutlich zu Tage tritt, wenn die Gruppe um Future Taylor auf Aufzeichnungen stößt, die aus früheren Tagen stammen und folglich nicht der abstrahierten Sprachlogik der Menschen der Nachzeit folgt.

Überhaupt sind die Ideen, die Moore neben seiner akribischen Analyse und Charakterisierung der neuen Gesellschaftsordnung in seiner Miniserie verarbeitet, doch als ausgesprochen gelungen zu bezeichnen, doch braucht die eigentliche Story doch eine ganze Weile, um wirklich an Fahrt aufzunehmen, zumal die Charaktere in ihrem simplifizierten Sprachgebrauch zuweilen auch geistig ein wenig beschränkt wirken und man sich als Leser des Öfteren in der Position wähnt, einen Wissensvorsprung zu haben, während Future Taylor und Konsorten noch im Dunkeln tappen. Spätestens im letzten Drittel nimmt die Geschichte von Crossed + Einhundert gehörig an Fahrt auf und liefert einige blutige wie überraschende Plot-Twists, die zu gefallen wissen, während man sich zu diesem Zeitpunkt dann auch schon beinahe an die merkwürdige Sprache gewöhnt zu haben meint.

Ich kann Crossed + Einhundert eigentlich nur empfehlen, denn lohnenswert ist die Geschichte allemal und qualitativ in den obersten Regionen des mittlerweile immensen Crossed-Universums zu verorten, doch ist es eben keine leichte Lektüre, kein Stoff für nebenbei und mal eben so, weshalb man sich im Vorfeld bewusst sein sollte, die nötige Zeit und Aufmerksamkeit einzuplanen, denn wenn man sich auf das die Geschichte einlässt, gibt es in Moores Interpretation der Zukunft nach dem Ausbruch der Kreuzseuche schließlich einiges zu entdecken, was natürlich durch den Umstand, dass Hauptfigur Future Taylor sich als Archivarin verdingt und ganz explizit auf den Spuren der früheren Zivilisation zu wandeln bereit ist, noch begünstigt wird. Wenn man den Band also auch aufgrund der teils übertrieben pervertierten Sprache als schwierige Lektüre bezeichnen mag, handelt es sich gleichsam um einen der intelligentesten und lohnenswertesten Vertreter der Reihe, die in jüngster Vergangenheit doch immer öfter einen durchdachten intellektuellen Unterbau vermissen lässt und je nach Autor und Zeichner dann doch eher auf möglichst schockierende Gewalteinlagen baut, was man hier nun – obwohl es gerade gegen Ende selbstredend erwartungsgemäß heftig wird – nicht behaupten kann, denn hier stehen eindeutig die Geschichte und die von Moore erdachte Welt im Vordergrund.

Fazit & Wertung:

Alan Moores Crossed + Einhundert nähert sich der weithin bekannten Geschichte von einer gänzlich anderen Warte und verlegt seinen Plot rund hundert Jahre in die Zukunft, was mit sich bringt, dass viele zivilisatorische Errungenschaften längst vergessen sind und auch die Sprache der Überlebenden sich teils massiv verändert hat. Dadurch ist die Lektüre zwar vergleichsweise schwierig geraten, lohnt sich aber ob der vielen stimmigen Einfälle von Moore umso mehr.

8 von 10 mit dem Kreuz gezeichneten Infizierten

Crossed + Einhundert 1

  • Mit dem Kreuz gezeichnete Infizierte - 8/10
    8/10

Fazit & Wertung:

Alan Moores Crossed + Einhundert nähert sich der weithin bekannten Geschichte von einer gänzlich anderen Warte und verlegt seinen Plot rund hundert Jahre in die Zukunft, was mit sich bringt, dass viele zivilisatorische Errungenschaften längst vergessen sind und auch die Sprache der Überlebenden sich teils massiv verändert hat. Dadurch ist die Lektüre zwar vergleichsweise schwierig geraten, lohnt sich aber ob der vielen stimmigen Einfälle von Moore umso mehr.

8.0/10
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Crossed + Einhundert 1 ist am 13.10.15 im Panini Verlag erschienen.