Review: Apocalypse Now Now – Schatten über Cape Town | Charlie Human (Buch)

Ihr glaubt gar nicht, wie sehr ich mich freue, nach einer ganzen Reihe halbgarer Bücher heute mal wieder eine echte Empfehlung aussprechen zu können, denn das ist natürlich nicht nur für euch eine feine Sache, sondern bereitet mir logischerweise schon bei der Lektüre weitaus mehr Freude, als mich durch leidlich spannende, teils beinahe ärgerliche Bücher ackern zu müssen.

Apocalypse Now Now
Schatten über Cape Town

Apocalypse Now Now, ZA 2013, 352 Seiten

Apocalypse Now Now - Schatten über Cape Town von Charlie Human | ©  FISCHER Tor
© FISCHER Tor

Autor:
Charlie Human
Übersetzer:
Clara Drechsler
Harald Hellmann

Verlag (D):
FISCHER Tor
ISBN:
978-3-596-03498-7

Genre:
Fantasy | Mystery | Krimi

 

Inhalt:

Für den sechzehnjährigen Baxter Zevcenko könnte es kaum besser laufen. An seiner Schule hat er eine Gruppe Außenseiter um sich geschart und betreibt einen gewinnbringenden, illegalen Porno-Handel an seiner Schule, der ihm nicht nur Geld und Achtung einbringt, sondern auch sein Ego streichelt, ebenso wie seine attraktive wie kleptomanisch veranlagte Freundin Esmé. Ansonsten sind die meisten Menschen für Bax nichts weiter als NSCs – Nicht-Spieler-Charaktere ohne weitere Bedeutung – und er bildet sich einiges darauf ein, die Menschen in seiner Umgebung für seine Zwecke gewinnbringend manipulieren zu können. Dann allerdings wird Esmé entführt und scheint Opfer des gefürchteten "Mountain Killer" geworden zu sein, woraufhin Bax erkennen muss, dass er anscheinend tatsächlich so etwas wie Gefühle besitzt. Als wäre dem nicht genug, gerät er nicht nur alsbald selbst unter Verdacht, sondern auch über Umwege an den paranormalen Kopfgeldjäger Jackson Ronin, der Baxter langsam hinter die Fassade der Realität blicken lässt und ihn in eine aberwitzige Parallelwelt einführt, bei der sich Bax mehr als einmal fragt, ob es nicht vielmehr seine eigene Psyche ist, die auf Abwege geraten ist…

Rezension:

Da heißt es bei der Bewerbung des Buches doch tatsächlich vollmundig "Neil Gaiman meets Tarantino" und auch wenn ich kein ausgewiesener Fan solcher Vergleiche bin, kann ich mich dieser Beurteilung doch diesmal durchaus anschließen, zumal Autor Charlie Human in seinem Debüt zumindest den Vergleich zu Tarantino selbst bemüht (siehe hierzu das unten eingefügte, zweite Zitat) und damit durchaus eine gewisse Marschrichtung vorgibt, die sich durch den gesamten Roman zieht, denn tatsächlich geht es oft derb, manchmal vulgär zur Sache und es kann auch ab und an schon etwas blutiger und ekliger werden, so dass man bei entsprechender Antipathie gegenüber solchen Versatzstücken um Apocalypse Now Now – Danke an dieser Stelle für die der Geschichte vorgelagerte Erklärung des hierzulande wenig gebräuchlichen Ausdrucks "Now Now (adv.) – südafrikanischer Slang für »später«, »so bald wie möglich«. Oder vielleicht auch gar nicht." – durchaus einen Bogen machen sollte, wobei festzuhalten bleibt, dass all Jenen durchaus etwas entgeht, denn so frisch und frech, so finster und furios wurde die magisch angehauchte Zwischenwelt schon lange nicht mehr bebildert und geschildert.

Der Himmel trifft fast genau den Grauton der Lunge eines Zwei-Päckchen-am-Tag-Rauchers und macht mir damit Lust auf eine Zigarette. Ich biege von der belebten Hauptstraße ab und begebe mich in die Unterführung am Bahnhof, jenes versiffte Höhlenheiligtum, in dem meine Freundin Esmé und ich uns treffen, um vor Beginn des Unterrichts Spucke und Zigarettenrauch auszutauschen.

So fühlte ich mich tatsächlich das eine oder andere Mal an das Gaiman’sche Schaffen, speziell American Gods erinnert, ohne allerdings, dass Human je dessen Klasse erreichen würde, sich aber auch nie wie ein müder Abklatsch des Kultautors präsentiert und stets eigene Wege findet, ob es sich dabei um den schnoddrigen Umgangston des Ich-Erzählers Baxter handelt, dessen sich im weiteren Verlauf untereinander anfeindende Persönlichkeitsaspekte – zumal dieser Kniff nicht einmal zum reinen Selbstzweck verkommt und später eine regelrechte Bedeutung entwickelt – oder auch die wechselnden Erzählperspektiven, die gerne von Baxter abschweifen, um einen Nebenplot in einer anderen Zeit zu behandeln oder zuweilen mit Zeitungs- oder Magazin-Artikeln aufwarten sowie nicht zuletzt Auszügen aus den Aufzeichnungen von Dr. Kobus Basson, Baxters Psychiater. Letztgenannte Fragmente sind es auch, die nicht nur den Leser, sondern auch unseren Protagonisten ein ums andere Mal zweifeln lassen, ob die Welt der Magie und Fabelwesen im Kosmos des Romans tatsächlich real ist oder nur die wild mäandernden Auswüchse eines desolaten Geistes darstellen.

In dieser Hinsicht legt Charlie Human ein paar großartige falsche Fährten aus und gibt sowohl für die eine wie auch die andere Sichtweise genügend Material und Anhaltspunkte an die Hand, ohne Apocalypse Now Now dadurch über die Maßen konstruiert wirken zu lassen. Nun handelt es sich aber mitnichten um einen Pychothriller sondern im Kern um eine Urban Fantasy-Story, die allerdings zugegebenermaßen gerne und ausgiebig sowohl mit dem Mystery- als auch Thriller-Genre kokettiert, was dann in der Summe eine herrlich derb und nicht minder abgedreht wirkende Mär ergibt, die bei mir vor allem mit ihrem bitterbösen Humor zu punkten wusste, derweil Human ein paar wirklich "schöne", gleichermaßen unerwartete wie unverbrauchte Vergleiche ins Feld führt (auch hier verweise ich auf eines der in diesem Artikel dargebrachten Zitate), die mit Baxters flapsigen Schilderungen und seinen inneren Monologen in Windeseile durch die zunehmend surrealer und abgedrehter werdende Geschichte treiben.

Dann sehe ich sie vor mir, die Riesenmantis mit dem smaragdgrünen Rücken, deren elegantes, trunkenes Wiegen mich an Tai-Chi-Übungen denken lässt. Sie senkt ihren gewaltigen Kopf – eine auf die Spitze gestellte Pyramide –, spreizt die durchscheinenden Flügel und beginnt zu tanzen, ein bisschen komisch und schreckerregend zugleich. Sie wendet ihren Kopf und richtet das Wissende Auge auf mich. Es ist schrecklich, wie Sauron mit Augentripper, und Blut und Feuer schießen mir ins Gehirn. Ich versuche wegzukrabbeln, aber der Blick bohrt sich durch meine Stirn.
Alles, was ich dann noch sehe, sind brennende Ochsenkarren in der Nacht und Menschen, die abgeschlachtet werden. Diese Träume enden immer mit dem Tod unzähliger Menschen. Als liefe in meinen Träumen ununterbrochen der History Channel – nur dass Quentin Tarantino sämtliche Spielszenen gedreht hat.

Theoretisch könnte ich für Apocalypse Now Now also eine uneingeschränkte Empfehlung aussprechen, doch gibt es dann doch zwei kleine Punkte, die mich gestört haben, denn so sehr sich alles zum Ende hin zu einem stimmigen Ganzen fügt und die Handlungsstränge zusammenlaufen, wirkt das Geschehen hier doch zuweilen recht gehetzt und manchmal so, als müsste Human jetzt doch bitte schnell zum Ende kommen, was den bis dahin in meinen Augen beinahe durchweg positiven Eindruck ein wenig getrübt hat. Hinzu kommt, dass die Geschichte in sich sehr geschlossen wirkt und spielend für sich allein hätte bestehen können (dann wie gesagt gerne mit ein paar Seiten mehr im letzten Drittel), so dass ich entsprechend skeptisch auf den bereits für Mai diesen Jahres (auf Deutsch) angekündigten Nachfolgeband Kill Baxter schiele, denn so sehr ich mich auch auf ein Wiedersehen mit Baxter Zevcenko freue, dürften dem Folgeroman einige Qualitäten dieses Debüts abgehen, was im Nachhinein womöglich auch diese für sich genommen so ungemein stimmige Geschichte zu verwässern droht, doch werde ich in dieser Hinsicht ja bereits in wenigen Monaten mehr zu berichten wissen. Eine Leseprobe zum Nachfolgeband ist hier übrigens auch enthalten, zu der kann ich allerdings nichts sagen, da ich mich lieber von dem Gesamtwerk überraschen lassen möchte. Und bis dahin kann ich noch jedem raten, diesem ungewöhnlichen Vertreter der Sparte Urban Fantasy trotz leichter Durchhänger zum Ende hin eine Chance zu geben.

Fazit & Wertung:

Mit Apocalypse Now Now – Schatten über Cape Town legt Charlie Human ein erfrischend unkonventionelles Roman-Debüt vor und liefert eine Urban Fantasy-Story allererster Güte ab, die sich nicht nur munter an vielen weiteren Genre-Versatzstücken bedient, sondern vor allem mit einem gehörigen Schuss Sarkasmus und bitterbösem Humor daherkommt, während das Geschehen ungewohnt derb wie düster geschildert wird.

8,5 von 10 alptraumhaften Visionen

Apocalypse Now Now - Schatten über Cape Town

  • Alptraumhafte Visionen - 8.5/10
    8.5/10

Fazit & Wertung:

Mit Apocalypse Now Now - Schatten über Cape Town legt Charlie Human ein erfrischend unkonventionelles Roman-Debüt vor und liefert eine Urban Fantasy-Story allererster Güte ab, die sich nicht nur munter an vielen weiteren Genre-Versatzstücken bedient, sondern vor allem mit einem gehörigen Schuss Sarkasmus und bitterbösem Humor daherkommt, während das Geschehen ungewohnt derb wie düster geschildert wird.

8.5/10
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite von FISCHER Tor.

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Apocalypse Now Now – Schatten über Cape Town ist am 24.11.16 bei FISCHER Tor erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den folgenden Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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