Review: Der Zwillingseffekt | Tal M. Klein (Buch)

Damit hätte ich nun prompt das erste der noch jüngst im Rahmen der Montagsfrage zusammengestellten Top-5-Bücher auf meiner Leseliste abgearbeitet und muss sagen, dass es meine Erwartungen doch in weiten Teilen erfüllt hat. Worum es geht und was mir so gefallen hat, lest ihr heute in der nachfolgenden Buch-Kritik.

Der Zwillingseffekt

The Punch Escrow, USA 2017, 416 Seiten

Der Zwillingseffekt von Tal M. Klein | © Heyne
© Heyne

Autor:
Tal M. Klein
Übersetzer:
Bernhard Kempen

Verlag (D):
Heyne
ISBN:
978-3-453-31928-8

Genre:
Science-Fiction | Thriller

 

Inhalt:

Die Levantiner waren ein seltsames Volk und für jahrtausendealte regionale Konflikte bekannt, die dem Letzten Krieg vorausgegangen waren. Am bedeutendsten für meine Situation war der Umstand, dass ihre nunmehr gemeinsame Kultur die Personenteleportation untersagte. Ein Überrest religiöser Edikte, die aus der Zeit vor dem Krieg stammten und weiterhin gültig waren.

Es ist das Jahr 2147 und dank des Konzerns IT – International Transport – ist die Teleportation aus dem Alltag längst nicht mehr wegzudenken und hat alle weiteren Transportmittel weit hinter sich gelassen, auch wenn es immer noch Kritiker gibt, die den Vorgang der Teleportation verteufeln. In dieser Welt lebt auch Joel Byram, dessen Frau Sylvia bei IT beschäftigt ist. Aufgrund der Geheimniskrämerei um ein Projekt, an dem Sylvia bei IT arbeitet, sehen sich die beiden nur selten und ihre Ehe scheint beinahe vor dem Aus zu stehen. Gemeinsam beschließen sie, ihre zweiten Flitterwochen auf Costa Rica zu verbringen und auszuloten, ob sie die alte Flamme wieder entfachen können. Joel – mal wieder reichlich spät dran – schafft es gerade noch so zu seiner Teleportations-Einrichtung, doch ausgerechnet im Moment des "Übergangs" legt ein schwerwiegender Fehler die Systeme lahm. Was Joel nicht ahnt: es gibt nun zwei Exemplare seiner Selbst und während Joel² sich bei Sylvia im Urlaub befindet, sieht Joel sich prompt von IT verfolgt…

Rezension:

Schon der Beginn des Romans, der vom "Tod der Mona Lisa durch Teleportation" kündet, dürfte schnell deutlich machen, dass man es bei Tal M. Kleins Der Zwillingseffekt mit einem höchst ungewöhnlichen, zuweilen auch skurrilen Roman zu tun hat, der sich im Kern seiner Sache dem Wesen der Teleportation widmet, wie sie vom Autor für die künftige Welt des Jahres 2147 erdacht worden ist. Damit aber nicht genug, strotzt Kleins Zukunft auch ansonsten vor einfallsreichen Details und Zusammenhängen, die gerne auch mal in Form von – für Romane wohl eher unüblichen – Fußnoten aufgearbeitet werden, auch wenn sich Erzähler Joel Byram sichtlich bemüht, komplexe Zusammenhänge zu erklären und zu umreißen, was es mit Dingen wie dem Punch-Puffer auf sich hat oder weshalb der Regen im Grunde aus Moskito-Urin besteht, die zu mobilen, fliegenden Dampfreformern umfunktioniert worden sind und nun zur Luftreinigung eingesetzt werden.

Ich hoffe, wenn Sie dies lesen, haben wir eine elegantere Lösung für die Luftsynthese gefunden als lärmende, widerliche Insekten, die genetisch zu fliegenden Dampfreformern modifiziert wurden. Ich finde es in Ordnung, dass sie sich von Methan statt von Blut ernähren und Wasser ausscheiden, statt Krankheiten zu verbreiten, aber trotzdem sind sie verdammt nervig.

Entsprechend schnell wusste mich Der Zwillingseffekt für sich einzunehmen, denn so rudimentär mein Verständnis auf wissenschaftlichen Gebieten wie hier speziell der Quantenmechanik auch sein mag, gelingt es ihm unterhaltsam und kurzweilig, einen ganzen Apparat an in sich schlüssigen Erfindungen und Verfahrensweisen zu kreieren, der die Welt der Zukunft zu einem zwar exotischen, im Kern aber dann doch nicht so fremden Ort macht, zumal Joel, aus dessen Sicht wir der Geschichte folgen, durchaus etwas für Sarkasmus übrig hat und mit einem flapsigen Spruch schnell bei der Hand ist, was das ansonsten doch eher ernste und dramatische Treiben spürbar auflockert. Aufhänger der Geschichte – der (deutsche) Titel des Buches verrät es im Grunde schon – ist, dass etwas schief geht bei einer eigentlich routinemäßigen Teleportation und plötzlich gibt es zwei Joels, gleichwohl der von seinem "Glück" zunächst nichts ahnt und sich nur darüber wundert, weshalb sein KOM plötzlich nicht mehr funktioniert. Von dieser ungewöhnlichen Prämisse ausgehend entfaltet der Roman aber erst seinen wahren Reiz, wenn man sich gemeinsam mit Joel weiter in den Kaninchenbau wagt und erfährt, welche Parteien und Glaubensgemeinschaften hier womöglich ihre Finger im Spiel haben, was es mit IT – International Transport – auf sich hat, der Firma, für die auch Joels Frau Sylvia tätig ist und wie der missglückte Teleportationsversuch nebst Joels Doppelgänger nun mit all dem zusammenhängt.

Das wiederum stellt tatsächlich eine von wenigen leichten Schwächen des Romans dar, denn im Mittelteil rücken die wissenschaftlichen Erörterungen wie auch die erhellenden Erkenntnisse zeitweilig ins Hintertreffen, um einer doch eher actionorientierten Handlung Platz zu machen, die für sich genommen zwar ebenfalls zu überzeugen weiß, aber auch reichlich generischer und weniger überraschend geraten ist als das, was sich Tal M. Klein bis dahin für Der Zwillingseffekt ausgedacht hat. Von einem echten Durchhänger zu reden wäre hier allerdings zu weit gegriffen und dem Autor gelingt es auch hier, die Spannung aufrechtzuerhalten, zumal es freilich im weiteren Verlauf auch zum unweigerlichen Aufeinandertreffen der beiden Joels kommt, dass ihm ebenfalls trefflich gelingt, zumal wir auch weiterhin als Leser an die Sicht des "ersten" Joels gekoppelt bleiben, der an sich selbst einige irritierende Entdeckungen macht. Beinahe unnötig zu erwähnen, dass diese Situation wie auch deren Entstehen Gedankengänge philosophischer Qualität begünstigen, die in Kombination mit den wissenschaftlichen Exkursen ein in gleich mehrerer Hinsicht intelligentes wie nachdenklich stimmendes Lesevergnügen ergeben.

Eine Teleportation war ein ziemlich abgefahrenes Erlebnis. Eben noch war man ganz allein in einem kleinen Raum an einem Ort, und dann war man plötzlich ganz allein in einem identischen Raum an einem anderen Ort. Von außen betrachtet sah es ungefähr so aus, wie die Leute es sich vorgestellt hatten, bevor es Wirklichkeit wurde, nur dass es in umgekehrter Reihenfolge passierte. Die zu teleportierende Person erreichte ihr Ziel etwa vier Sekunden, bevor sie verschwand. Das war schon recht hirnrissig.

So ganz gelingt es zwar Klein nicht, die eingangs offensive Verve seiner Erzählung beizubehalten, doch bleibt er insbesondere seinem Protagonisten in doppelter Hinsicht treu und überzeugt mit fundierten Erläuterungen, die Joel Byrams Welt zu einem der spannenderen Zukunftsszenarien machen, das sich eben fernab der Teleportation – die für sich schon ungemein spannend geschildert wird, da es sich vielmehr um eine Art Druckprozess handelt – über viele weitere Faktoren und Ideen definiert. Zudem erweist sich auch Joels Job als "Salter" – jemand, der durch geschickte Fragestellungen und Interaktion die kognitiven Fähigkeiten von Apps und Programmen verbessert – sowohl als unterhaltsam-cleveres Versatzstück in einer vor Ideen strotzenden Geschichte, weiß gleichwohl aber auch den eigentlichen Plot zu beeinflussen. So lebt Der Zwillingseffekt sowohl von seiner Prämisse und Hauptfigur als auch von der immens detailliert geschilderten Welt des Jahres 2147. Einzig das Ende hätte für meinen Geschmack noch etwas runder und abschließender sein können, denn hier hält sich Klein unverkennbar ein Hintertürchen für eine etwaige Fortsetzung auf, was mittlerweile ein regelrechter Fluch zu sein scheint, auch wenn ich durchaus daran interessiert wäre, noch mehr Geschichten aus der Welt und Zeit von Joel Byram zu erfahren.

Fazit & Wertung:

Tal M. Klein gelingt mit Der Zwillingseffekt ein clever inszeniertes und fundiert untermauertes Science-Fiction-Abenteuer nebst ungewöhnlicher Prämisse, die auch die Handlung nachhaltig beeinflusst. Im Mittelteil mag sich das Ganze zuweilen mehr zu einem "klassischen" Action-Abenteuer wandeln, doch trübt das die Faszination für die Thematik und deren Ausgestaltung kaum.

8,5 von 10 routinierten Teleportationen

Der Zwillingseffekt

  • Routinierte Teleportationen - 8.5/10
    8.5/10

Fazit & Wertung:

Tal M. Klein gelingt mit Der Zwillingseffekt ein clever inszeniertes und fundiert untermauertes Science-Fiction-Abenteuer nebst ungewöhnlicher Prämisse, die auch die Handlung nachhaltig beeinflusst. Im Mittelteil mag sich das Ganze zuweilen mehr zu einem "klassischen" Action-Abenteuer wandeln, doch trübt das die Faszination für die Thematik und deren Ausgestaltung kaum.

8.5/10
Leser-Wertung 10/10 (1 Stimme)
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite von Heyne.

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Der Zwillingseffekt ist am 10.04.18 bei Heyne erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den folgenden Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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