Review: Die himmlische Tafel | Donald Ray Pollock (Buch)

Schon wird es wieder Zeit für eine Buch-Rezension und diesmal habe ich mir – endlich – wieder ein Buch von Donald Ray Pollock vorgenommen, der mich auch hier wieder zu überzeugen gewusst hat, auch wenn er – meines Erachtens – ein wenig über das Ziel hinausgeschossen ist. Lest ihr nachfolgend ja jetzt aber alles selbst, von daher.

Die himmlische Tafel

The Heavenly Table, USA 2016, 432 Seiten

Die himmlische Tafel von Donald Ray Pollock | © Heyne Hardcore
© Heyne Hardcore

Autor:
Donald Ray Pollock
Übersetzer:
Peter Torberg

Verlag (D):
Heyne Hardcore
ISBN:
978-3-453-67715-9

Genre:
Drama | Krimi | Thriller

 

Inhalt:

Als sich 1917 an der Grenze zwischen Georgia und Alabama ein weiterer höllischer August langsam dem Ende zuneigte, weckte Pearl Jewett eines Morgens seine Söhne mit einem kehligen Bellen, das eher nach Tier als nach Mensch klang. Die drei jungen Burschen erhoben sich schweigend aus ihren Ecken in der Hütte, die nur aus einem einzigen Raum bestand, und zogen ihre verdreckte, vom Schweiß des Vortags noch feuchte Kleidung an.

Pearl Jewett führt gemeinsam mit seinen drei Söhnen Cane, Cob und Chimney im Jahre 1917 an der Grenze zwischen Georgia und Alabama ein Leben voller Entbehrungen, doch hält ihn der Glaube daran aufrecht, dass sie alle dereinst an der himmlischen Tafel speisen werden und für ihre diesseitigen Not entschädigt würden. Als der alte Mann aber stirbt, sehen sich dessen Söhne plötzlich auf sich allein gestellt und kommen überein, nicht weiter so leben zu wollen, weshalb sie den Plan fassen, eine Bank auszurauben und sich nach Kanada abzuseilen. Der Plan ist allerdings schneller gefasst als in die Tat umgesetzt und auch die Ausbeute entspricht nicht dem, was den Jewett-Jungs vorgeschwebt hat, weshalb sie ihre Raubzüge fortsetzen und bald einen Status als legendäre Outlaws genießen. Und dann wäre da noch der betagte Farmer Ellsworth, dem, nachdem er all sein Geld verloren hat, nun auch sein eigener Sohn entlaufen scheint und der sich mehr schlecht als recht über Wasser hält, derweil Leutnant Bovard im nahegelegenen Militärlager mit ganz eigenen Sorgen zu kämpfen hat und seine Homosexualität geflissentlich vor seinen Kameraden zu verbergen versucht…

Rezension:

Nach dem Kurzgeschichten-Band Knockemstiff und Pollocks Debüt-Roman Das Handwerk des Teufels war ich enorm gespannt auf seine nunmehr dritte Veröffentlichung Die himmlische Tafel, zumal noch zu beweisen steht, ob er die literarische Güte seiner Erstlingswerke wird halten können. So verwundert es dann auch wenig, dass der vorwiegende Roman im Grunde wie eine Verquickung der beiden vorangegangenen Bände wirkt, denn einerseits handelt es sich ohne Frage um einen Roman mit fortlaufender Handlung und ausgewiesenen Hauptfiguren, andererseits wirft der Autor so viele Blicke gen Wegesrand, kreiert für nur wenige Seiten Figuren, die keinerlei Bewandtnis für die weitere Geschichte haben, deren Vita aber trotzdem in aller Ausführlichkeit vor dem geneigten Leser ausgebreitet wird, dass man sich zuweilen auch in einem lose verknüpften Sammelsurium an Kurzgeschichten wähnt.

Ellsworth spürte, wie seine Frau ihn über den Tisch hinweg anstarrte; sie erwartete eine Antwort wegen des Weins. Er stellte sein Glas ab und räusperte sich. »Ich verstehe nicht, was das mit Eddies Verschwinden zu tun haben soll«, sagte er schließlich.
»Deine Seite der Familie hat schon immer zu sehr dem Alkohol zugesprochen, das weißt du«, erwiderte Eula.
»Das stimmt nicht. Onkel Peanut kam gut zurecht, bis seine Frau mit diesem Zigeuner durchgebrannt ist.«

Diesen allen gemein ist dabei, wie man es von Donald Ray Pollock kennt, das menschliche Scheitern und der Weg dorthin. Wirklich alles in Die himmlische Tafel ist von einer Tristesse und einem Fatalismus umgeben, die ihresgleichen suchen und die Lektüre in emotionaler Hinsicht nicht gerade zu einem Vergnügen machen, aber auch hier wieder eine unbestreitbare Sogwirkung entfalten, obwohl man weit davon entfernt ist, sich am Elend dieser gescheiterten Existenzen zu ergötzen. Pollock treibt es hier allerdings so weit, dass das Geschehen manches Mal an eine Karikatur grenzt, denn so effektiv es sein mag, seine handelnden Figuren allesamt mit Handicaps, Lastern und Schwächen zu versehen, wirkt das in geballter Summe oft erschlagend und freilich auch wenig glaubwürdig, denn hier findet sich absolut niemand in dem Reigen, der nicht ein oft reichlich überzogen skizziertes Päckchen zu tragen hätte. Vor allem aber bringen es die vielen Nebenhandlungen und Miniaturen, die Pollock hier erschafft, mit sich, dass teils die Haupthandlung regelrecht an den Rand gedrängt wird.

So beginnt Die himmlische Tafel noch mit einem steten, sich kapitelweise vollziehenden Szenenwechsel zwischen Pearl und seinen Jungs sowie dem Farmer Ellsworth, derweil alsbald Bovard, aber auch – unter anderem – der Sanitärinspekteur Jasper eingeführt werden und mit jeder neuen Figur und Handlung werden die Abstände, in denen man den drei Jewetts Cane, Cob und Chimney begegnet größer, so dass sich schlussendlich im Mittelteil kaum nachvollziehen lässt, wo sie sich eigentlich herumgetrieben und welche Raubzüge sie unternommen haben. In dieser Hinsicht verliert der Autor manches Mal den Fokus und scheint mir ein wenig zu viel gewollt zu haben, gleichwohl sein Roman als düsteres, beklemmendes, oft lakonisch geschildertes, episch aufgezogenes Zeitdokument taugen mag. Denn trotz seiner oft überzeichneten Art wird das Amerika von 1917 hier auf jeder einzelnen Seite lebendig und Pollock spart weder an Details noch Anekdoten, derweil man sich auch für die Schicksale der vielen verkrachten Existenzen erwärmen kann, auch wenn er in Sachen Charakterisierung durchaus noch ein wenig mehr in die Tiefe hätte gehen können, was die eine oder andere Figur anbelangt.

»Wenn das alles stimmt«, sagte Pearl, »was kriege ich denn für dieses ganze Ausgleichen, von dem Sie da reden?«
»Nun, eines Tages wirst du an der himmlischen Tafel speisen «, antwortete der Mann. »Danach wird es keine Streiterei mehr um die Reste geben, das verspreche ich dir.«
»An der himmlischen Tafel?«, wiederholte Pearl. Davon hatte er noch nie gehört, und er fragte sich, ob er an dem Sonntag, als Reverend Hornsby darüber gepredigt hatte, wohl gedöst hatte.

Demnach sind es weniger konkret zu benennende Mängel, welche Die himmlische Tafel zuweilen schwächeln lassen, sondern ein allgemeines Gefühl, dass der Autor es hier allen recht zu machen getrachtet hat und sich die eine oder andere Idee durchaus gerne für einen etwaigen Nachfolgeroman hätte aufsparen können. So hätte es mir persönlich besser gefallen, ein nicht ganz so breit gefächertes, dafür aber eindringlicher geschildertes Figuren-Konsortium präsentiert zu bekommen, wobei die Schilderungen an sich trefflich wie eh und je daherkommen und Pollock die Gratwanderung, einerseits derb und dreckig, andererseits literarisch anspruchsvoll und bildhaft zu schildern, erneut mit Bravour gelingt. So ist auch alle Kritik in Relation zu den beiden Vorgängern und damit einhergehend im Kontext einer immensen Erwartungshaltung zu betrachten, denn auch diesen Band sollte man sich keinesfalls entgehen lassen, wenn man sich für das behandelte Sujet, das jetzt schon Steckenpferd des Autors zu sein scheint, auch nur annähernd erwärmen kann.

Fazit & Wertung:

Donald Ray Pollock gelingt es mit Die himmlische Tafel zwar nicht ganz, an seine zwei hochgelobten Vorgänger-Werke heranzureichen, da er es mit seinen lakonischen Miniaturen und der Schilderung der Geschehnisse am Wegesrand zuweilen übertreibt, anstatt sich auf seine eigentliche Hauptgeschichte zu konzentrieren, doch entwirft er auch hier wieder eine Schar vom Schicksal gebeutelter Figuren, deren Wege sich unweigerlich im unwirtlichen Ohio des Jahres 1917 auf teils unerwartete Art kreuzen werden und denen man trotz aller Traurigkeit und Tristesse gerne zu folgen bereit ist.

8 von 10 unwahrscheinlichen Begegnungen

Die himmlische Tafel

  • Unwahrscheinliche Begegnungen - 8/10
    8/10

Fazit & Wertung:

Donald Ray Pollock gelingt es mit Die himmlische Tafel zwar nicht ganz, an seine zwei hochgelobten Vorgänger-Werke heranzureichen, da er es mit seinen lakonischen Miniaturen und der Schilderung der Geschehnisse am Wegesrand zuweilen übertreibt, anstatt sich auf seine eigentliche Hauptgeschichte zu konzentrieren, doch entwirft er auch hier wieder eine Schar vom Schicksal gebeutelter Figuren, deren Wege sich unweigerlich im unwirtlichen Ohio des Jahres 1917 auf teils unerwartete Art kreuzen werden und denen man trotz aller Traurigkeit und Tristesse gerne zu folgen bereit ist.

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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite von Heyne Hardcore.

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Die himmlische Tafel ist am 12.02.18 als Taschenbuch bei Heyne Hardcore erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den folgenden Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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