Review: The Devil All the Time (Film)

Auch heute bin ich vergleichsweise spät unterwegs mit meiner Filmkritik, habe mich dafür aber endlich der Donald-Ray-Pollock-Verfilmung widmen können, auf die ich mich schon lange gefreut hatte.

The Devil All the Time

The Devil All the Time, USA 2020, 138 Min.

The Devil All the Time | © Netflix
© Netflix

Regisseur:
Antonio Campos
Autoren:
Antonio Campos (Drehbuch)
Paulo Campos (Drehbuch)
Donald Ray Pollock (Buch-Vorlage)

Main-Cast:

Tom Holland (Arvin Russell)
Bill Skarsgård (Willard Russell)
Riley Keough (Sandy Henderson)
Jason Clarke (Carl Henderson)
Sebastian Stan (Deputy Lee Bodecker)
Haley Bennett (Charlotte Russell)
Harry Melling (Roy Laferty)
Eliza Scanlen (Lenora Laferty)
Mia Wasikowska (Helen Hatton)
Robert Pattinson (Rev. Preston Teagardin)

Genre:
Krimi | Drama | Thriller

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus The Devil All the Time | © Netflix
© Netflix

Kriegsheimkehrer Willard Russell begegnet seiner späteren Frau Charlotte und lässt sich alsbald mit ihr im verschlafenen Knockemstiff, Ohio nieder. Beide bekommen einen Sohn, taufen ihn Arvin, doch bleiben sie auch stets die Außenseiter in dem Kaff. Willard, stets verfolgt von den Erinnerungen an den Krieg, sucht sein Seelenheil im stillen Gebet, doch bringt er Arvin auch bei, sich mit äußerster Brutalität zur Wehr zu setzen. Dann aber sterben Arvins Eltern und er wird zu seiner Oma nach Coal Creek, West Virginia gebracht. Dort wächst er gemeinsam mit der Pastorentochter Lenora auf, die ebenfalls ihre beiden Elternteile verloren hat, woran ein seit Jahren mordendes Serienkiller-Ehepaar nicht ganz unschuldig ist. Lenora verguckt sich derweil in den frisch hinzugezogenen Priester Preston Teagardin und während die Ereignisse sich zuzuspitzen beginnen und ein korrupter Sheriff erkennen muss, was seine Schwester so treibt, erinnert sich Arvin an die Lehren, die sein verstorbener Vater ihm mit auf den Weg gegeben hat…

Rezension:

Viel zu lange hat es gebraucht, bis ich die Zeit gefunden habe für die gleichermaßen üppige, ambitionierte und überlange Verfilmung von Donald Ray Pollocks Roman The Devil All the Time, der hierzulande nicht weniger passend als Das Handwerk des Teufels veröffentlicht worden ist. Aber es ist eben auch ein Werk, für das man sich Zeit nehmen muss und sollte, das einen bestmöglich nicht auf dem falschen Fuß erwischt und quasi voraussetzt, dass man sich auf eine ungewöhnliche, weil fragmentarische und zuweilen sprunghafte Erzählform einlässt, die beinahe irritierend nah an der Vorlage bleibt. Das gilt insbesondere für die Erzählstimme – im Original von Pollock selbst beigesteuert –, die für sich genommen in dieser Art schon mehr als unüblich ist, weil es sich wirklich um einen auktorialen Erzähler handelt und nicht etwa um einen die Umstände schildernden Protagonisten. Dieser Erzähler aber ist es auch, der die Ereignisse beisammen und den Überblick behält, der die vielen Miniaturen und Momenteindrücke zu einem großen Ganzen verknüpft, vor allem aber mit seinen lakonischen Äußerungen dem oft schockierenden und fatalistischen Treiben einen Hauch von poetischer Schönheit verleiht, die dem zweieinhalbstündigen Epos ansonsten weitestgehend abgehen würde.

Szenenbild aus The Devil All the Time | © Netflix
© Netflix

Das gibt sich zunächst sperrig und offeriert gerade zu Beginn einige Zeitsprünge vor und zurück, die selbst mich als Kenner der Vorlage zuweilen verwirrt haben, aber die Mühe, sich in die Chronologie des Erzählens einzufuchsen, wird belohnt, auch wenn man sich recht bald auch schon wieder von den ersten Protagonisten verabschieden darf, was bei Pollock nun einmal zum – erwartbaren – Programm gehört. Und dennoch geht einem das Schicksal der Dahingeschiedenen überwiegend nahe, was auch damit zusammenhängen mag, dass Regisseur Antonio Campos einen beispiellosen All-Star-Cast für The Devil All the Time zusammengetrommelt hat, sondern hier eben auch Gespür für die passende Besetzung bewiesen wird. So bieten selbst die kleineren Rollen Identifikationspotential und lassen beispielsweise Mia Wasikowska (Crimson Peak) gewohnt glänzen, obwohl man in Anbetracht der Screentime wohl eher von einem Gastauftritt sprechen darf. Ansonsten wird das Geschehen zunächst einerseits dominiert von Bill Skarsgård (Assassination Nation) mit Haley Bennett (Girl on the Train) an dessen Seite, alsbald dann aber vorrangig von Harry Melling (The Old Guard) als Prediger Roy Laferty, der sich ob seines Fanatismus und unbeirrbaren Glaubens spürbar in den Vordergrund spielt. Während man zu diesem Zeitpunkt aber noch rätselt, ob und inwieweit die Schicksale der jeweiligen Figuren zusammenhängen und –spielen, findet dieser erste Akt der Tragödie nach nicht einmal einem Drittel der Laufzeit sein Ende, um zu offenbaren, dass Kern und Herz des Films tatsächlich erst zu diesem Zeitpunkt die Bühne betreten.

Diese bilden nämlich einerseits Tom Holland (Spider-Man) und andererseits Newcomerin Eliza Scanlen (Little Women) und während sich Scanlen mit ungemein subtilem, nuancierten Spiel direkt dafür empfiehlt, ihre Karriere auch weiter im Auge zu behalten, punktet vor allem aber Holland mit einer doch für ihn durchaus ungewohnten Rolle, denn auch wenn der spitzbübische Charme hier zuweilen noch durchblitzt, ist sein Arvin Russell auch voller dunkler Abgründe und brodelnder Wut. Während ab diesem Zeitpunkt die Geschichte von The Devil All the Time spürbar stringenter und weniger sprunghaft wirkt, drängen derweil aber auch neue Gestalten auf die Bühne und selbst der ohnehin schon übersteuerte Prediger Laferty weiß noch getoppt zu werden von einem grandios schleimig und selbstgerecht aufspielenden Robert Pattinson (Maps to the Stars). Und auch das eingangs eingeführte, Serienkiller-Pärchen, bestehend aus Jason Clarke (Im Netz der Versuchung) und Riley Keough (The Girlfriend Experience) gewinnt noch weiter An Bedeutung und ist sich wohl noch am ehesten bewusst, welchen wortwörtlich gottlosen Taten sie sich verschrieben haben.

Szenenbild aus The Devil All the Time | © Netflix
© Netflix

Denn der Titel The Devil All the Time ist natürlich Programm und so erlebt man im Laufe der zweieinhalbstündigen Reise in den Abgrund ein ganzes Ensemble an Gestalten, die sich auf die eine oder andere Weise Gott verpflichtet und verbunden fühlen und glauben, nach dessen Wunsch und Wille zu handeln, wobei sich ein jedes Mal – mit zumeist erschreckendem Ergebnis – herausstellt, dass es die ganze Zeit der Teufel gewesen ist, der ihre Schritte lenkt. Das ist zuweilen harter Tobak und selten etwas, was im klassischen Sinne Spaß macht, zu beobachten, doch so sind eben auch die Romane von Donald Ray Pollock gestrickt, der es sich hier auch nicht nehmen lässt, in seiner Funktion als Erzähler den teils schrecklichen Ereignissen vorzugreifen, was zwar den Überraschungseffekt abmildern mag, das mulmige Gefühl aber noch verstärkt in dem Wissen, dass sich Schreckliches ereignen wird. Ein wenig davon freimachen kann sich im Grunde einzig der von Sebastian Stan (We Have Always Lived in the Castle) verkörperte Deputy Lee Bodecker, dessen eigentliche Rolle und Funktion lange im Dunkeln bleibt, für einen regelrecht kathartischen Showdown allerdings zunehmend unabdingbar wird. Das macht aus der Netflix-Produktion durchaus harte und schwierige Kost und die schiere Anzahl an Erzählsträngen mag erschlagend wirken, doch begrüße ich es sehr, dass der Roman im Grunde mit beinahe allen Facetten adaptiert und eben nicht rigoros zusammengekürzt worden ist. Dadurch nämlich bleibt auch dessen Kern und Seele erhalten, auch wenn natürlich bei der Adaption in ein anderes Medium Zugeständnisse gemacht werden müssen und die abgründige Story sich oftmals der klassischen Dramaturgie verweigert und lieber eigene, unbequemere Wege geht. Schön ist das selten, in seiner Wucht und Inszenierung tatsächlich aber auch als Film irritierend poetisch und von zerstörerischer, aber auch faszinierender Kraft.

Fazit & Wertung:

Antonio Campos versucht sich mit The Devil All the Time an der Verfilmung eines Donald-Ray-Pollock-Romans und liefert tatsächlich eine überraschend werkgetreue, abgründige und schockierende Adaption, die enorm dadurch gewinnt, dass der Buch-Autor selbst als auktorialer Erzähler fungieren darf und den zunehmenden Schrecken mit sonorer Stimme begleitet. Fernab dessen vermag ein regelrechter All-Star-Cast zu glänzen, an dessen Spitze sich Tom Holland und Eliza Scanlen positionieren, die ab dem zweiten Akt durch das zunehmend fatalistischere Treiben leiten.

8 von 10 entarteten Formen der Gottesfurcht

The Devil All the Time

  • Entartete Formen der Gottesfurcht - 8/10
    8/10

Fazit & Wertung:

Antonio Campos versucht sich mit The Devil All the Time an der Verfilmung eines Donald-Ray-Pollock-Romans und liefert tatsächlich eine überraschend werkgetreue, abgründige und schockierende Adaption, die enorm dadurch gewinnt, dass der Buch-Autor selbst als auktorialer Erzähler fungieren darf und den zunehmenden Schrecken mit sonorer Stimme begleitet. Fernab dessen vermag ein regelrechter All-Star-Cast zu glänzen, an dessen Spitze sich Tom Holland und Eliza Scanlen positionieren, die ab dem zweiten Akt durch das zunehmend fatalistischere Treiben leiten.

8.0/10
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The Devil All the Time ist seit dem 16.09.2020 exklusiv bei Netflix verfügbar.

vgw

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