Review: Das Syndrom | John Scalzi (Buch)

Heute hole ich dann mal einen Science-Fiction-Roman nach, dessen zweiten Teil ich mir dummerweise zuerst zu Gemüte geführt habe. Zum Glück macht das hier nicht allzu viel und der Wissensvorsprung war noch eher hilfreich, um in die Welt eintauchen zu können, aber andersherum wäre es mir dennoch lieber gewesen. Aber was rede ich lange drum herum, lest doch einfach selbst, wie mir das Buch gefallen hat und warum.

Das Syndrom

Lock In, USA 2014, 400 Seiten

Das Syndrom von John Scalzi | © Heyne
© Heyne

Autor:
John Scalzi
Übersetzer:
Bernhard Kempen

Verlag (D):
Heyne
ISBN:
978-3-453-31660-7

Genre:
Science-Fiction | Krimi

 

Inhalt:

»Ich hatte eine Cousine, die Haden bekam«, sagte Davidson, und für den Treffer schrieb ich mir mental einen Punkt gut. »Es war während der ersten Infektionswelle, als noch niemand wusste, was eigentlich los war. Noch bevor man überhaupt vom Haden-Syndrom sprach. Sie bekam eine Grippe, dann schien es besser zu werden, und dann…« Er zuckte mit den Schultern.
»Lock-in«, sagte ich.

In der nicht allzu fernen Zukunft wird das Haden-Syndrom weltweit Millionen Menschen dahinraffen und diejenigen, die den schubweisen Krankheitsverlauf überleben, leiden in nicht unbeträchtlicher Zahl am sogenannten Lock-In und sind in ihrem eigenen Körper gefangen, unfähig sich zu bewegen oder selbst zu versorgen. Dies liegt nun schon rund zweieinhalb Dekaden zurück und Gesellschaft und Wirtschaft haben gemeinsam einen Weg gefunden, die Hadens wieder am täglichen Leben teilhaben zu lassen, indem sie so genannte Threeps, künstliche Körper, in Umlauf gebracht haben. Einer der am Haden-Syndrom leidenden Menschen ist auch Chris Shane, dessen Körper in dieser speziellen Art Wachkoma bei seinen Elternuntergebracht ist, während er sich in seinem Threep als FBI-Agent verdingt. Jüngst der ungleich erfahreneren Agentin Vann zugeteilt, bekommen die beiden es prompt mit einem prekären Fall zu tun, denn ein Integrator – jemand, der dank besonderer neuronaler Netze als eine Art menschlicher Threep-Ersatz dienen kann – wird des Mordes beschuldigt, kann sich selbst an die Tat jedoch nicht erinnern und der Verdacht liegt nahe, dass er zum Zeitpunkt der Tat von einem Haden "bewohnt" wurde…

Rezension:

Es ist jetzt nun schon wieder eine geraume Weile her, dass ich mir John Scalzis Frontal zu Gemüte geführt habe, ohne mir darüber im Klaren zu sein, dass sich dieser Roman nicht nur im selben Universum wie Das Syndrom bewegt, sondern sich auch in Gestalt von FBI-Agent – und Haden – Chris Shane dieselbe Hauptfigur teilt, so dass es sich quasi um den zweiten Teil einer Krimi-Serie handelt, wenn diese auch im Science-Fiction-Gewand daherkommt. Entsprechend hat es mich im Nachhinein gefuchst, quasi mitten in der Geschichte eingestiegen zu sein und genauso war für mich klar, dass ich mir auch den ersten Roman der Reihe noch vornehmen würde. Dies ist – man kann es sich denken – nun geschehen und tatsächlich bin ich von dem Auftaktband noch ein wenig überzeugter gewesen als von diesem direkten Nachfolger und das, obwohl ich mit den zugrundeliegenden Ideen und Prämissen hier bereits vertraut gewesen bin, was das Haden-Syndrom, den Locked-In-Status und die Existenz von Threeps angeht, die es den ans Bett gefesselten Hadens erlauben, sich dennoch in der Welt zu bewegen.

»Niemand würde es Ihnen verübeln«, sagte Vann. »Der Kongress streicht die Subventionen für die Hadens zusammen, zumindest für die Zeit nach der Infektion und der Reha. Man sagt, die Technik, die ihnen hilft, wieder am Leben teilzunehmen, ist so gut geworden, dass die Sache nicht mehr als Behinderung betrachtet werden sollte.«

Vielleicht ist es aber auch einfach das Sport-Thema gewesen, dass mich bei Frontal nicht hundertprozentig abzuholen gewusst hat, während es bei dem hier behandelten Kriminalfall doch etwas klassischer, aber nicht weniger verworren zur Sache geht. So streut Scalzi gekonnt falsche Fährten und reichert seine Welt mit gehörig Subtext an, was es auf gleich mehreren Ebenen interessant macht, mehr über die geheimnisvolle wie erschreckende Krankheit zu erfahren, die immense Teile der Bevölkerung befallen und teils nachhaltig beeinträchtigt hat. Dabei könnten böse Zungen behaupten, der eigentliche Fall diene nur als Trittbrett, um Scalzis Ideen zu verschriftlichen, doch gehen gelungenes Worldbuilding und spannende Ermittlungen hier jederzeit Hand in Hand, zumal Hauptfigur Shane eben selbst Betroffener ist und nicht etwa von außen in einem fremden Milieu agiert, sondern gerade weil er selbst ein Haden ist, überhaupt dem Fall zugeteilt wurde. Dabei behandelt Das Syndrom tatsächlich auch eine Vielzahl sozialgesellschaftlicher Fragestellungen, denn gleichwohl die Hadens eine Art Sonderstellung unter den körperlich Beeinträchtigten einnehmen, will die herrschende Politik ihnen ebendiesen Status aberkennen, was auch im Nachfolgeroman noch thematisiert werden wird, hier aber logischerweise seinen Anfang nimmt.

So gehen die Ermittlungen teils auch in Richtung Wirtschaftskriminalität, wobei die Sache sich mit Verstreichen der Handlung als zunehmend vertrackter darstellt. So ist Das Syndrom auch nicht unbedingt ein wahnsinnig actionlastiger, dafür umso klügerer Science-Fiction-Krimi geworden, der durch eine feine Note von Humor – zumeist im Dialog zwischen Shane und dessen Partnerin Vann – noch aufgewertet wird. Fernab der Hadens und den von ihnen genutzten Threeps bedient sich Scalzi auch hier bereits ausgiebig an seinem Konzept der Integratoren, früheren Erkrankten, deren Hirnmuster zwar verändert, die aber nicht in den Lock-In-Status verfallen sind und die nun aufgrund ihrer einzigartigen Biochemie ebenfalls als organischer Threep-Ersatz dienen können. Auf diesem Konzept fußt allein die Ausgangslage des Kriminalfalls, denn der vermeintliche Täter ist selbst Integrator und kann sich seinem Vernehmen nach nicht an den Mord erinnern. Vertrackt, aber gerade deswegen genau der richtige Fall für den Haden Shane und die frühere Integratorin Vann, wobei es niemanden verwundern wird, wenn ich andeute, dass noch weit mehr hinter der Sache steckt als nur ein simpler Mord.

Schwartz drehte sich um und betrachtete mich vermutlich zum ersten Mal während dieser Unterhaltung. Genauso wie der Threep von Schwartz hatte auch meiner einen starren Kopf ohne Mimik. Aber für mich gab es keinen Zweifel, dass er mein Modell auf die gleiche Weise einzuschätzen versuchte, wie ich es mit seinem gemacht hatte, und dass er nach Hinweisen suchte, wer ich war und welche Rolle ich in dieser Angelegenheit spielte.

So begibt sich Das Syndrom auf eine interessante Gratwanderung zwischen Dystopie und Science-Fiction-Roman, zwischen klassischem Krimi und Ansätzen des Noir Genres, lässt Shane und Vann in bester Buddy-Movie-Manier antreten und garniert das Ganze mit teils satirisch dargebotenen, gesellschaftskritischen Ansätzen, ohne darüber die übergeordnete Handlung aus den Augen zu verlieren, die fernab der Ermittlungen zu großen Teilen getragen wird von der immens interessanten Hauptfigur, deren Vita und Background auch hier integraler Bestandteil der Handlung sind. Und auch wenn der Kriminalfall als solcher vielleicht den versierten Krimi-Leser und -Kenner nicht mit jeder Wendung und Offenbarung überraschen dürfte, sind das ihn umgebende Setting und die darauf fußende Prämisse umso gelungener und nachdem ich den Nachfolger nun schon kenne, kann ich nur hoffen, dass Scalzi die FBI-Agenten Shane und Vann auch in Zukunft erneut ermitteln lassen wird.

Fazit & Wertung:

Ausgehend von einer zunächst ziemlich überschaubaren Mordermittlung gelingt es John Scalzi in Das Syndrom, eine gleichermaßen durchdachte wie erschreckende Zukunftsvision zu offerieren, in der das Haden-Syndrom das Leben der Menschheit nachhaltig verändert und beeinflusst hat. Während der Kriminalfall selbst in durchaus obligatorischen Bahnen verläuft, ist hingegen das Worldbuilding außerordentlich faszinierend und gelungen. Der vielschichtig ausgearbeitete Protagonist und die gesellschaftskritischen Seitenhiebe runden das ohnehin überzeugende Gesamtwerk gekonnt ab.

8,5 von 10 in Mitleidenschaft gezogenen Threeps

Das Syndrom

  • In Mitleidenschaft gezogene Threeps - 8.5/10
    8.5/10

Fazit & Wertung:

Ausgehend von einer zunächst ziemlich überschaubaren Mordermittlung gelingt es John Scalzi in Das Syndrom, eine gleichermaßen durchdachte wie erschreckende Zukunftsvision zu offerieren, in der das Haden-Syndrom das Leben der Menschheit nachhaltig verändert und beeinflusst hat. Während der Kriminalfall selbst in durchaus obligatorischen Bahnen verläuft, ist hingegen das Worldbuilding außerordentlich faszinierend und gelungen. Der vielschichtig ausgearbeitete Protagonist und die gesellschaftskritischen Seitenhiebe runden das ohnehin überzeugende Gesamtwerk gekonnt ab.

8.5/10
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite von Heyne. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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Das Syndrom ist am 13.07.15 bei Heyne erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den folgenden Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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