Review: Kahlschlag | Joe R. Lansdale (Buch)

So liebe Leute, es wird allerhöchste Zeit, mal wieder über einen Lansdale-Roman zu reden, meint ihr nicht auch? Der letzte ist schließlich schon über einen Monat her. Na also, dann mal los!

Kahlschlag

Sunset and Sawdust, USA 2004, 460 Seiten

Kahlschlag von Joe R. Lansdale | © Suhrkamp Verlag
© Suhrkamp Verlag

Autor:
Joe R. Lansdale
Übersetzerin:
Katrin Mrugalla

Verlag (D):
Suhrkamp Verlag
ISBN:
978-3-518-46398-7

Genre:
Drama | Krimi | Thriller

 

Inhalt:

An jenem Nachmittag regnete es Frösche, Flussbarsche und Elritzen, und Sunset stellte fest, dass sie eine Tracht Prügel genauso gut einstecken konnte wie Drei-Finger-Jack. Im Gegensatz zu Jack, dem seine Abreibung bei strahlendem Sonnenschein verpasst worden war, kassierte sie ihre in ihrem eigenen Haus auf dem eiskalten Holzboden, während ein Zyklon an den Fenstern rüttelte und das Dach abhob.

Osttexas, Anfang der 1930er Jahre: Während ein heftiger Wirbelsturm in und um Camp Rapture wütet, versucht Pete Jones, der Constable des Ortes, sich wie so viele Male zuvor an seiner Frau Sunset zu vergehen, doch diesmal setzt sie sich zur Wehr, erschießt den eigenen Mann in Notwehr. Als der Sturm sich gelegt hat, begibt sie sich nach Camp Rapture und beichtet ihr Verbrechen. Petes Mutter schlägt sich unerwartet auf Sunsets Seite, da sie um die dunkle Seite ihres Sohnes wusste und die Verzweiflungstat der jungen Frau mehr als gut versteht. Mit Unterstützung der resoluten Frau, die Mehrheits-Eignerin der hiesigen Sägemühle ist, Dreh- und Angelpunkt der Wirtschaft von Camp Rapture, wird Sunset zum neuen Constable des Ortes ernannt.

Mit ihr gemeinsam sorgen fortan der ewige Junggeselle Clyde und der frisch in Camp Rapture eingetroffene Hillbilly für Recht und Ordnung, was natürlich insbesondere den männlichen Bewohnern des Ortes übel aufstößt. Dann allerdings werden auf dem Grundstück eines schwarzen Farmers der Gegend die Leichen einer Frau und eines Kindes gefunden und bald schon gerät Sunset selbst unter Verdacht, als sich herausstellt, dass es sich bei der toten Frau um Petes ehemalige Geliebte handelt. Verzweifelt versucht Sunset dem Täter und den wahren Hintergründen auf die Spur zu kommen, nicht ahnend, dass sie damit unwissentlich in ein regelrechtes Wespennest sticht…

Rezension:

Nicht ganz ein Jahr, nachdem ich an dieser Stelle von Gluthitze, dem Quasi-Nachfolger zu Kahlschlag berichtet habe, habe ich mich nun auch dem 2004 erschienenen und im Original ungleich poetischer betitelten Sunset and Sawdust gewidmet, das mich, obwohl ich mittlerweile doch einige Bücher von Joe R. Lansdale gelesen und besprochen habe, einmal mehr zu überraschen wusste. Natürlich geht es zwar hier auch um die beinahe schon obligatorischen Themen des Autors, von Rassismus und Bigotterie über die allgemeinen Zustände in den Südstaaten des frühe zwanzigsten Jahrhunderts, doch nimmt er hier allein schon durch den Umstand, dass es sich diesmal bei seiner Hauptfigur Sunset um eine Frau handelt, einen merklich anderen Standpunkt ein, speziell dahingehend, dass im Texas der 1930er Jahre einer Frau nicht unbedingt mehr Rechte zugesprochen oder Fähigkeiten unterstellt wurden als einem Schwarzen, was natürlich heutzutage mehr als überholt und engstirnig wirkt, zur damaligen Zeit aber nun einmal vorherrschende Meinung war.

»Mein Vetter Jim, der hat mal gesehn, wie ne weiße Frau sich in ihrem Hof gebückt hat, weil da hat sie Wäsche aus einem Korb genommen, zum Aufhängen, und obwohl nix zu sehn war, weil sie hatte ja ihre Sachen an und er war oben an der Straße, aber – ein weißer Mann hat es gesehn, wie er dasteht und guckt, und dann hat er’s weitererzählt, und diese Kluxer haben Jim abgeholt und kastriert und Terpentin in die Wunde geschüttet.«

Doch Lansdale ist mitnichten ein Rassist oder Frauenverächter, wie jeder wissen sollte, der auch nur je eines seiner Bücher in die Finger bekommen hat und so ist es schon bezeichnend und typisch Lansdale, wie sich die von sämtlichen männlichen Einwohnern Camp Raptures unterschätzte Sunset als neuer Constable des Ortes gegen das Establishment auflehnt und gemeinsam mit ihrer Schwiegermutter die Kriminellen des Ortes das Fürchten lehrt, während sie, anders als die ungleich verbohrtere und engstirnigere männliche Bevölkerung nichts daran findet, auch für die Rechte der von sonst allen verschmähten und verachteten Schwarzen einzustehen und mit ihrem Verhalten und Auftreten die bestehende Ordnung Camp Raptures gehörig durcheinanderzubringen. Da zeigt sich dann auch wieder die moralische Integrität, mit der der Autor einmal mehr die wenigen Rechtschaffenen in den Fokus seiner Erzählung rückt, was sich als Leitmotiv natürlich in nicht gerade wenigen seiner Bücher findet.

Da stört es dann auch kaum, dass der eigentliche Kriminalfall in Kahlschlag zunächst merklich im Hintergrund steht und gar nicht einmal so spektakulär daherkommt, doch handelt es sich eben auch vielmehr um ein Sittengemälde, ein Zeitgeist-Dokument, die Geschichte der ungewöhnlichen Emanzipation einer noch ungewöhnlicheren Frau und auf diesen Pfaden zu wandeln gelingt Lansdale gewohnt und erwartet vortrefflich, während sein lakonischer und eindringlicher, oft von trockenem Humor durchsetzter Stil noch immer seinesgleichen sucht und spielend zu fesseln versteht. Ich muss zwar zugeben, dass es für mich nach dem brachial mitreißenden Auftakt einige Seiten gebraucht hat, richtiggehend in die Geschichte einzutauchen, doch ist dies nur der kurze Moment, in dem man als Leser noch nicht weiß, wohin die Reise geht, doch spätestens nach dem ersten schockierenden Leichenfund nimmt die Story merklich an Fahrt auf und lässt kaum zu, dass man das Buch länger als unbedingt nötig aus der Hand legt.

Sunset hob den Kopf und stellte fest, dass die Kronen der Pinien am Straßenrand vom Sturm sauber abgetrennt worden waren. Es war, als hätte der Sensenmann ihnen mit seiner Sense die Köpfe abrasiert.
Als sie auf das Gelände des Sägewerks fuhren, sah Sunset schwitzende Männer bei der Arbeit und lehmverschmierte Maultiere, die mit klirrendem Geschirr Baumstämme zum Sägewerk zogen. Außerdem kamen lange Wagen voller Baumstämme aus der Tiefe des Walds, die von großen, vor sich hin stapfenden Ochsen gezogen wurden.

Ja, der Begriff Page-Turner ist hier sicherlich schon mehr als einmal im Zusammenhang mit den Werken von Joe R. Lansdale gefallen, doch ist ihm eben auch hier einmal mehr eine beeindruckende Geschichte voller Wucht und Kraft vor dem Hintergrund einer texanischen Kleinstadt in den 1930ern gelungen, die den Schluss nahelegt, Lansdale könne überhaupt nicht schlecht schreiben, zumal sich die Geschichte mit jeder Seite, jeder Wendung und Offenbarung mehr und mehr in Richtung eines furiosen Finales entwickelt, dass man so in seiner brachialen Wucht – ähnlich wie schon bei Die Kälte im Juli – in keiner Weise erwartet hätte, denn der Kampf für Freiheit und Gerechtigkeit geht auch hier erwartungsgemäß nicht ohne Opfer vonstatten, wobei es die finalen, dem eigentlichen Showdown nachgelagerten Seiten sind, die mich mit einer letzten unvorhergesehenen Wendung restlos von Kahlschlag zu überzeugen wussten und einmal mehr unterstreichen, wie ziel- und stilsicher der Autor seine oft auf den ersten Blick vermeintlich simpel scheinenden Storylines zu konzipieren versteht.

Fazit & Wertung:

Mit Kahlschlag hat Joe R. Lansdale ein weiteres Krimi-Drama vor dem Background der amerikanischen Südstaaten abgeliefert, das sich vorbehaltlos in sein Sujet fügt und erneut mit lakonischer Sprache und düsterem Erzählton überzeugt, ohne dass der Autor Gefahr liefe, sich selbst zu kopieren, denn dafür weisen seine Story und die im Original titelgebende Heldin Sunset mehr als ausreichend Alleinstellungsmerkmale auf, ohne dass er darüber seine klassischen Themen vernachlässigen würde.

9 von 10 rätselhaften Leichenfunden

Kahlschlag

  • Rätselhafte Leichenfunde - 9/10
    9/10

Fazit & Wertung:

Mit Kahlschlag hat Joe R. Lansdale ein weiteres Krimi-Drama vor dem Background der amerikanischen Südstaaten abgeliefert, das sich vorbehaltlos in sein Sujet fügt und erneut mit lakonischer Sprache und düsterem Erzählton überzeugt, ohne dass der Autor Gefahr liefe, sich selbst zu kopieren, denn dafür weisen seine Story und die im Original titelgebende Heldin Sunset mehr als ausreichend Alleinstellungsmerkmale auf, ohne dass er darüber seine klassischen Themen vernachlässigen würde.

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Meinungen aus der Blogosphäre:
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite des Suhrkamp Verlages. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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Kahlschlag ist am 10.12.12 als Taschenbuch im Suhrkamp Verlag erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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