Review: Winter Family | Clifford Jackman (Buch)

Pünktlich zum Wochenende komme ich hier nun also wieder mit einer Buch-Kritik ums Eck, wer hätts gedacht. Umso erstaunlicher für mich immerhin war aber, dass ich mitnichten so angetan von dem nun folgenden Werk war, wie ich es eigentlich fest erwartet hätte, aber lest selbst und kommt mir gut ins Wochenende!

Winter Family

The Winter Family, USA 2015, 512 Seiten

Winter Family von Clifford Jackman | © Heyne Hardcore
© Heyne Hardcore

Autor:
Clifford Jackman
Übersetzer:
Robert Brack

Verlag (D):
Heyne Hardcore
ISBN:
978-3-453-67692-3

Genre:
Western | Thriller | Historie

 

Inhalt:

Die Winter Family brach aus einem Maisfeld hinter einem Farmgebäude am Rande der Stadt. Eine Frau, die gerade Wasser schöpfte, bemerkte sie als Erste. Sie ließ den Eimer wieder in den Brunnen fallen und rannte kreischend ins Haus. Ein paar Sekunden später erschien ein Mann mit einer Schrotflinte. Winter schoss ihn nieder.

Georgia, 1864: Inmitten der Wirren des Sezessionskrieges werden einige Soldaten der Nordstaaten-Armee zu einem Sondereinsatz abkommandiert, der allerdings schnell aus dem Ruder läuft und sie letztendlich zu Geächteten und Gejagten werden lässt. Schnell schwingt sich ein Mann namens Augustus Winter zum Anführer der versprengten Gruppe auf, die in den nächsten Jahren und Jahrzehnten marodierend und mordend durch die unerschlossene Wildnis des Wilden Westens ziehen wird und allerorten Angst und Schrecken verbreitet. Doch die illustre Schar an skrupellosen Verbrechern hat auch mit internen Querelen zu kämpfen, während einige Mitglieder der Gruppe, die längst schon als Winter Family berühmt-berüchtigt ist, noch immer auf Amnestie und eine Rückkehr zur Normalität zu hoffen scheinen.

Augustus Winter derweil sieht sich längst als außerhalb der Gesellschaft stehend und weiß mit harter Hand den Kern seiner Truppe gefügig zu halten, bis ihn viele Jahre nach Ende des Krieges ein unerwartetes Wiedersehen zum ersten Mal an dem von ihm eingeschlagenen Weg zweifeln lässt, denn die Zivilisation greift ungehindert weiter um sich und die entlegenen Rückzugsorte für die mittlerweile auch von der Pinkerton Agency gejagten Verbrecher werden seltener und seltener, bis es so aussieht, als gäbe es in dieser neuen Welt keinen Platz mehr für die Winter Family…

Rezension:

Gleich das erste Mal, als ich Clifford Jackmans Erstlingswerk Winter Family erblickte, wusste ich, dass dies auf alle Fälle ein Buch für mich sei und dass ich es lesen müsste, wurde es mir dann noch von mehreren Seiten empfohlen und dann wurde gar der Vergleich zu Quentin Tarantino bemüht, so dass es für mich kein Halten mehr gab, mir diesen „apokalyptischen Western“, wie der Autor selbst sein Buch bezeichnet hat, zu Gemüte zu führen. So beginnt das knapp über 500 Seiten umfassend Epos auch durchaus vielversprechend mit einem im Oklahoma des Jahres 1889 angesiedelten Prologs, während dem man erste Bekanntschaft mit dem Namensgeber der Verbrecherbande – Augustus Winter – und dessen Gefolge macht, nur um nach nicht ganz vierzig Seiten einen gehörigen Sprung in die Vergangenheit, genauer ins Jahr 1864, nach Georgia zu machen, wo der Bürgerkrieg im vollen Gange und die Winter Family noch nicht einmal im Entstehen begriffen ist.

Er sah, wie die Banditen Türen eintraten, Männer und Frauen herauszerrten und ihre Taschen mit Beute füllten. Aber nirgendwo war das Geld zu finden. Wo war es versteckt?
Hinter Johnson galoppierte Quentin Ross in einem engen Kreis und winkte mit dem Hut, lehnte sich im Sattel zurück und sang ›The Battle Hymn of the Republic‹.

So weit, so gut, tat ich mich zunächst schwer, mich mit den zahllosen Figuren vertraut zu machen und diese entsprechend verorten zu können, doch da Augustus hier als junger Mann gezeigt wird, konnte es sich ja im Grunde auch nur um die Vorgeschichte handeln, weshalb ich das Geschehen durchaus mit Interesse verfolgte und darauf wartete, der Roman würde an Fahrt aufnehmen, doch gefiel mir immerhin Jackmans knappe und schnörkellose Schreibe bis dahin ausnehmend gut. Je weiter aber die Geschichte von Winter Family voranschritt, wartete ich noch immer, nur um nach rund 330 Seiten in den zweiten großen Abschnitt des Buches zu gelangen, der wiederum acht Jahre später im Chicago des Jahres 1872 angesiedelt war. Der Fairness halber muss man dazu sagen, dass Clifford Jackman immerhin die überleitenden Texte zwischen den einzelnen Groß-Passagen seines Romans außerordentlich gelungen sind, so dass ich mir von denen gerne mehr gewünscht hätte, zumal es die einzigen Augenblicke sind, in denen man wirklich von den Taten der Winter Family erfährt, denn die Episode in Chicago wiederum widmet sich dem dortig anstehenden Wahlkampf, für den ein Teil der – aufgemerkt – ehemaligen Winter Family angeheuert worden ist, wofür ihnen allen Amnestie in Aussicht gestellt wird und einzig Augustus Winter ist zunächst nicht zugegen, seien seine Verbrechen so schlimm und er so unberechenbar, dass man ihn nicht dabei haben wolle.

Doch bevor ich nun in eine Nacherzählung des Romans verfalle und noch zu spoilern beginne, komme ich lieber zum Punkt, der da ist, dass dafür, dass Jackmans Werk Winter Family betitelt worden ist, die durchaus interessante Gestalt des Augustus Winter doch merklich im Hintergrund bleibt und kaum eingehender beleuchtet wird, als dass er eben gefühlskalt dreinschaut und von allen für seine Gräueltaten gefürchtet wird, von denen man aber wie gesagt auch nicht allzu viel erfährt. Und ähnlich wie mit Winter selbst verhält es sich mit einigen Leuten der Truppe, die man zwar im Laufe der Zeit wiederzuerkennen, einzuordnen und einzuschätzen lernt, ob es sich dabei um Bill Bread oder die nachweislich jähzornigen Empire Brüder handelt, was aber eben bei weitem nicht ausreicht, um einen wirklich stimmigen Roman mit Hand und Fuß zu generieren, zumal die Story nach Chicago gleich noch einmal neun Jahre in die Zukunft springt, ins Phoenix des Jahres 1881, wo wiederum die Winter Family zunächst durch gänzliche Abwesenheit glänzt, was natürlich wieder einmal zu Irritationen führt und dem Lesefluss nicht gerade zuträglich ist, wenn die Geschichte sich nun plötzlich um einen Sheriff und einen mutmaßlichen Kindermörder dreht, wobei die einzige Konstante zunächst zu sein scheint, dass besagtem Sheriff ein gewisser Matt Shakespeare zur Seite steht und in Chicago neun Jahre zuvor Lukas Shakespeare an der Seite von Augustus Winter gereist ist.

Winter feuerte seinen Revolver noch ein paarmal ab und trieb die Reiter für einige wertvolle Augenblicke zurück. Als er sich umdrehte, um in den Wald zu flüchten, traf der Blick aus seinen weit aufgerissenen Augen den von Bread, der ihn erwiderte. Bis zum Tag, an dem er starb, würde Bread sich an Winters ausdrucksloses Gesicht erinnern. Da war nichts, keine Enttäuschung, keine Wut, keine Angst, keine Überraschung. Nichts. Nur dieser aufmerksame, wachsame leere Blick. Wie die Augen eines Berglöwen, der einen Jäger mit majestätischem Desinteresse mustert, bevor er im Unterholz verschwindet und wieder in die Wildnis eintaucht, ganz unberührt von dieser flüchtigen Begegnung mit der Welt der Menschen.

Man merkt hoffentlich, dass ich das Buch durchaus mit Interesse verfolgt habe, doch mit fortschreitender Handlung stellte sich leider auch mehr und mehr Ernüchterung ein, denn so stimmig die verschiedenen Episoden auch überwiegend sein mögen, ist das alles nicht unbedingt Teil dessen, was ich mir zu lesen erwarte, wenn ich von „Soldaten, Outlaws und Geächteten“ lese, die „ihre grausame Spur“ durch Amerika ziehen, um einmal den Klappentext zu bemühen, zumal wie gesagt die interessanteste und zumindest auf dem Papier ja auch wichtigste Figur der Erzählung in meinen Augen gänzlich verschenkt wird, auch wenn Jackman im Oklahoma des Jahres 1891 – dem letzten großen Kapitel vor dem Epilog – noch einmal die Kurve zu kriegen scheint und dann tatsächlich mit einem Ende aufwartet, dass Tarantino alle Ehre machen würde, doch fühlte ich mich selbst da kaum involviert, weil mir die Figuren zwar theoretisch aus beinahe drei Dekaden bekannt sein dürften, mich aber subjektiv kaum tangiert haben, was aber mehr an Aufbau und Ablauf von Winter Family gelegen haben mag und nicht etwa daran, dass natürlich die Bande Unruhestifter ein Haufen ausgemacht unsympathischer Mörder und Gewalttäter ist und nicht unbedingt dazu einlädt, mit ihnen gut Freund zu werden. Nein, hier hätte ich mir leider deutlich mehr oder gar etwas anderes erwartet, so dass ich mich zwar unterhalten fühlte, aber nicht auf dem Niveau, wie es möglich gewesen wäre und ich es mir gewünscht hätte, zumal es Jackman einem mit den vielen Zeitsprüngen und den zahllosen Personen auch nicht unbedingt einfacher macht, während man ein Dramatis Personae leider vergeblich sucht. Immerhin findet sich auf der rückseitigen Innenseite der Klappenbroschur eine Karte, die Die Spur der Winter Family nachzeichnet, doch kann man diese wiederum nicht ohne Gefahr betrachten, da gleich links daneben die letzten Zeilen des Romans lauern und man immer wieder Gefahr läuft, dorthin zu schielen.

Fazit & Wertung:

So spannend der Ansatz eines apokalyptischen Western in Clifford Jackmans Winter Family auch sein mag, gelingt es ihm leider nicht, seinen Figuren wirklich nahe zu kommen und ihnen Leben einzuhauchen, so dass insbesondere die vermeintliche Hauptfigur des Augustus Winter ärgerlich blass bleibt, während die sich über Dekaden ziehende Geschichte sich mehr wie ein Episodenroman denn wie eine zusammenhängende Geschichte liest.

6,5 von 10 blutigen Spuren quer durch Amerika

Winter Family

  • Blutige Spuren quer durch Amerika - 6.5/10
    6.5/10

Fazit & Wertung:

So spannend der Ansatz eines apokalyptischen Western in Clifford Jackmans Winter Family auch sein mag, gelingt es ihm leider nicht, seinen Figuren wirklich nahe zu kommen und ihnen Leben einzuhauchen, so dass insbesondere die vermeintliche Hauptfigur des Augustus Winter ärgerlich blass bleibt, während die sich über Dekaden ziehende Geschichte sich mehr wie ein Episodenroman denn wie eine zusammenhängende Geschichte liest.

6.5/10
Leser-Wertung 0/10 (0 Stimmen)
Sende

Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite von Heyne Hardcore. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

– – –

Winter Family ist am 11.01.16 bei Heyne Hardcore erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den Link und unterstützt damit das Medienjournal!

%d Bloggern gefällt das: