Review: Galveston | Nic Pizzolatto (Buch)

Nachdem ich in der vergangenen Woche eher unfreiwillig mit meinen Buch-Kritiken ausgesetzt habe, weil mir schlicht die Zeit gefehlt hat, ein ganzes Buch durchzuackern, kann ich diesen Missstand in dieser Woche natürlich prompt beheben und habe mir also jüngst Galveston zu Gemüte geführt, von dem ich euch gerne heut erzählen möchte.

Galveston

Galveston, USA 2010, 384 Seiten

Galveston von Nic Pizzolatto | © Blanvalet
© Blanvalet

Autor:
Nic Pizzolatto
Übersetzer:
Simone Salitter
Gunter Blank

Verlag (D):
Blanvalet
ISBN:
978-3-7341-0181-6

Genre:
Krimi | Thriller | Drama

 

Inhalt:

Ich heiße Roy Cady, aber schon Gino hatte damit angefangen, mich Big Country zu nennen, und jetzt tun es alle, wenn auch ohne jegliche Zuneigung. Ich stamme aus East Texas, dem goldenen Dreieck, und diese Typen haben mich immer als Abschaum betrachtet, was in Ordnung ist, weil sie andererseits auch Schiss vor mir haben.

Roy Cady ist Anfang vierzig, ein kleines Licht in der Unterwelt von New Orleans, erledigt kleinere Aufträge für seinen Boss Stan Ptitko und hält sich mit seinen kleinkriminellen Machenschaften über Wasser, doch all das bedeutet nicht mehr viel, als er die Diagnose Lungenkrebs gestellt bekommt, von der er seinem Boss und den anderen Verbrechern in wohlweislicher Voraussicht nichts erzählt. Kurz darauf wird er zu einem Job geschickt und angewiesen, seine Waffe daheim zu lassen, um eine unnötige Eskalation zu vermeiden und nicht zu Unrecht schellen seine Alarmglocken, denn vor Ort eskaliert die Situation durchaus und Roy kommt nur knapp mit dem Leben davon, ebenso wie die Teenager-Prostituierte Rocky, die er fortan im Schlepptau hat.

Während er noch mit dem Gedanken spielt, wo und wie er Rocky am effektivsten loswerden könnte, muss sich Roy seiner eigenen Sterblichkeit stellen und der Tatsache, dass die ihm verbleibende Zeit mehr als begrenzt zu sein scheint. Um dem Zugriff der von Ptitko kontrollierten Gangster zu entfliehen, beschließen die beiden, sich nach Süden aufzumachen, in die Hafenstadt Galveston und dort unterzutauchen, während Roy sich allmählich für Rockys Zukunft verantwortlich zu fühlen beginnt, wenn es ihn nicht mehr geben sollte…

Rezension:

Wie viele andere bin ich hauptsächlich auf Nic Pizzolatto und dessen Debütroman Galveston aufmerksam geworden, weil natürlich selbstredend exzessiv damit geworben worden ist, dass er eben auch für die ungemein erfolgreiche HBO-Serie True Detective verantwortlich gezeichnet hat, was man auch dahingehend zu adaptieren versucht hat, dass das Cover des Buches nicht von ungefähr frappierende Ähnlichkeit mit den Artworks und dem Intro der Serie besitzt, doch sollte man sich von diesem Umstand nicht täuschen lassen und auf gar keinen Fall einen ähnlich intensiven, geschweige denn verschachtelten Kriminalfall erwarten wie in der Serie, denn auch wenn Pizzolattos Erstling, der übrigens eigentlich bereits 2011 erschienen ist und bei uns in Deutschland mit gehöriger Verspätung vermarktet worden, unbestreitbar zahlreiche Elemente des Noir enthält, handelt es sich doch zuvorderst mehr um ein Drama denn um einen Krimi, obschon Hauptprotagonist Roy durchaus einem kriminellen Milieu entstammt.

Sie lachten alle, und die 38er an meinem Steißbein fühlte sich auf einmal verdammt heiß an. Aber das hätte mir auch keine Befriedigung verschafft. Denn meine eigentliche Wut rührte daher, dass ich nicht so sterben wollte, wie der Arzt es mir prophezeit hatte.

Nichtsdestotrotz ist die Erzählung ungemein ruhig gehalten und abgesehen von kleineren Spitzen verzichtet sie überwiegend auf die Schilderung krimineller Handlungen, die auch gar nicht so sehr im Vordergrund stehen wie Roys Innenleben und dessen Beziehung zu Rocky, die unverhofft und ungewollt unter seine Fittiche gerät, während Roy just erst erfahren hat, vermutlich nur noch wenige Monate zu leben zu haben, was natürlich sein bisheriges Leben in einem gänzlich anderen Licht erscheinen lässt. Die Geschichte eines grantigen älteren Mannes, der eine vorlaute Achtzehnjährige an die Seite gestellt bekommt, hat man selbstredend schon das eine oder andere Mal erlebt und gehört, weshalb der zugrundeliegende Plot zunächst einmal gar nicht viel herzugeben scheint, doch macht die sprachliche Raffinesse des Buches, für die man auch den Übersetzern Simone Salitter und Gunter Blank schwer zu danken hat, diesen Umstand mehr als wett, denn Pizzolatto bedient sich bei Galveston einer gleichermaßen lakonischen wie zuweilen schwelgerischen Ausdrucksweise, die eine ungewöhnliche Mischung erzeugen und rundweg zu gefallen wissen.

Zwar muss man auch einräumen, dass der Autor durchaus ein Faible für Metaphern zu haben scheint und es manchmal beinahe ein wenig damit übertreibt, doch sind die gewählten Bilder und Vergleiche oftmals so interessant, dass man ihm auch hier schwerlich einen Vorwurf machen kann. Schwieriger wird es da beim eigentlichen Erzähltempo und einigen Längen im Mittelteil, denn so sehr ich die Geschichte zwar genossen habe, muss ich doch einräumen, dass sie im Mittelteil doch einige Zeit vor sich hindümpelt und man längere Zeit nicht weiß, worauf Pizzolatto eigentlich hinausmöchte, es andererseits aber auch zu gut weiß, denn wer meint, es handele sich um eine geradlinig und stringent erzählte Geschichte von nicht einmal 300 Seiten Umfang, wird am Ende des ersten Kapitels nach rund 80 Seiten Augen machen, denn die Story springt von dort zwanzig Jahre in die Zukunft – unsere Gegenwart sozusagen – und Roy ist entgegen aller Erwartungen noch am Leben, doch von selbigem auch schwer gebeutelt. Dieser Schwenk in die Zukunft dauert derweil nicht lange an und im dritten Kapitel sieht man sich prompt ins Jahr 1987 zurückversetzt und folgt dem weiteren Verlauf der Geschehnisse.

Das Licht, das durch die Jalousien fiel, legte sich wie Knaststreifen auf meinen Körper. Ich wartete lange, regungslos auf dem Stuhl sitzend, doch der Mann tauchte nicht auf. Und angesichts dessen, was später passierte, betrachte ich heute diese Wartezeit als Demarkationslinie in unser beider Leben.

Es war der Moment, in dem die Dinge in die eine Richtung hätten laufen können, ehe sie in die andere liefen.

Nichtsdestotrotz ist es ein interessanter – sich noch wiederholender – Kniff, der der Geschichte von Galveston auch durchaus zusätzliches Flair verleiht, wenn das auch zur Folge hat, dass man Teile der finalen Auflösung bereits früh erahnen kann, zumal diese relativ ruhig und getragen ausfällt. Ich sehe in Nic Pizzolattos Roman-Erstling noch nicht den großen literarischen Wurf oder gar ein Kult-Buch, doch ist die Geschichte in sich äußerst stimmig und vor allem atmosphärisch dargebracht und wusste mich zu fesseln, auch wenn einige Passagen nicht wirklich Überraschungen oder Erkenntnisse bereitzuhalten wussten, doch machen das die Atmosphäre und die Chemie zwischen den beiden Hauptfiguren mehr als wett, so dass es sich um sprachlich ausgefeiltes Noir-Drama handelt, dem man durchaus einen Blick gönnen sollte und dürfte, wenn man sich den von den Marktschreier-Rufen in Bezug auf True Detective freimacht, denn wer hier eben einen Krimi erwartet, wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit enttäuscht werden, denn dieser Part nimmt nun wirklich eine untergeordnete Rolle in dem Buch ein und bildet vielmehr den erzählerischen Rahmen und einen initialen Konflikt, als sich wirklich durch den eigentlichen Plot zu ziehen.

Fazit & Wertung:

Nic Pizzolattos Galveston ist eine in weiten Teilen ruhig und melancholisch erzählte Noir-Story um einen vom Leben betrogenen Krimineller, der aus der ihm verbleibenden Zeit das Beste zu machen versucht. Wenige Ausflüge ins Reich der Gangster reichen jedoch beileibe nicht aus, um hier von einem Krimi zu sprechen, so dass man sich unabhängig von der sprachlichen Finesse des Autors im Vorfeld bewusst sein sollte, auf was man sich einlässt. Dann allerdings vermag dieser Debüt-Roman abgesehen von kleineren Längen rundweg zu packen.

8 von 10 Konfrontationen mit der Endlichkeit des eigenen Lebens

Galveston

  • Konfrontationen mit der Endlichkeit des eigenen Lebens - 8/10
    8/10

Fazit & Wertung:

Nic Pizzolattos Galveston ist eine in weiten Teilen ruhig und melancholisch erzählte Noir-Story um einen vom Leben betrogenen Krimineller, der aus der ihm verbleibenden Zeit das Beste zu machen versucht. Wenige Ausflüge ins Reich der Gangster reichen jedoch beileibe nicht aus, um hier von einem Krimi zu sprechen, so dass man sich unabhängig von der sprachlichen Finesse des Autors im Vorfeld bewusst sein sollte, auf was man sich einlässt. Dann allerdings vermag dieser Debüt-Roman abgesehen von kleineren Längen rundweg zu packen.

8.0/10
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite von Blanvalet. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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Galveston ist am 14.03.16 im Blanvalet Verlag erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den nachfolgenden Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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