Review: Altered Carbon – Das Unsterblichkeitsprogramm | Richard Morgan (Buch)

Und wieder einmal widme ich mich einem Science-Fiction-Roman, der wieder einmal Basis für eine hoffentlich nicht minder großartige Serie sein darf, die wieder einmal bei Netflix zu sehen sein wird, allerdings erst im Februar. Bis dahin lässt sich die Zeit aber gar wunderbar mit der Buchvorlage verbringen, wie ich euch flüstern darf. Und im Detail hört sich das Ganze dann so an:

Altered Carbon
Das Unsterblichkeitsprogramm
Takeshi Kovacs-Trilogie Bd. 1

Altered Carbon, UK 2002, 608 Seiten

Altered Carbon - Das Unsterblichkeitsprogramm von Richard Morgan | © Heyne
© Heyne

Autor:
Richard Morgan
Übersetzer:
Bernhard Kempen

Verlag (D):
Heyne
ISBN:
978-3-453-31865-6

Genre:
Krimi | Science-Fiction | Thriller

 

Inhalt:

In diesem Moment wurde mir alles klar. Auf Harlans Welt war Kovacs ein durchaus geläufiger Name. Jeder wusste, wie man ihn aussprach. Dieser Kerl wusste es nicht. Er benutzte eine gedehntere Variante des Amenglischen, als sie auf Harlans Welt in Gebrauch war, trotzdem klang der Name entstellt, zumal der Schlusslaut ein hartes »ks« statt des slawischen »tsch« war.
Und alles war viel zu schwer.

Im fünfundzwanzigsten Jahrhundert hat der Tod längst seinen Schrecken verloren, denn während die Hülle stirbt, kann das Bewusstsein eingelagert und neu "gesleevt" – also in neue, "Sleeves" genannte Körper transferiert werden, das nötige Kleingeld selbstverständlich vorausgesetzt. In dieser Welt lebt auch Takeshi Kovacs, der in seiner Funktion als Envoy – eine Art Elite-Soldat und Spion – bereits mehrere solcher Transfers hinter sich hat. Dieser erwacht nach geraumer Zeit im "Stack" – der Einlagerung – in einem fremden Körper und erkennt alsbald, dass er sich mitnichten noch auf dem Kolonieplaneten Harlans Welt, sondern der Erde befindet. Dorthin gebracht wurde er von dem Millionen schweren und Jahrhunderte alten Laurens Bancroft, der die Hilfe von Kovacs benötigt, um seinen vermeintlichen Selbstmord aufzuklären, denn da das Backup seines Bewusstseins beinahe 48 Stunden alt war, kann Bancroft sich nicht an die Tat oder deren Begleitumstände erinnern, derweil die örtliche Polizei ihm keine große Hilfe ist und anders als er selbst noch immer von einem Selbstmord ausgeht. Für Takeshi beginnt eine Reise auf einem ihm völlig fremden Planeten, die nicht nur einige Geheimnisse ans Tageslicht zerren, sondern auch gehörig Staub aufwirbeln wird, zumal es jemand auf Kovacs abgesehen zu haben scheint, obwohl doch niemand wissen dürfte, dass er sich nicht mehr im "Stack" befindet…

Rezension:

Bevor Anfang Februar – auch hierzulande – bei Netflix die gleichnamige Serie startet, hat sich der Heyne Verlag bereits vergangenen August daran gemacht, zumindest den zugrundeliegenden ersten Band der Takeshi Kovacs-Reihe mit Namen Altered Carbon – Das Unsterblichkeitsprogramm neu aufzulegen, stammt der Roman von Richard Morgan schließlich aus dem fernen Jahr 2002 und war in unseren Gefilden bereits 2004 erhältlich. Darum soll es aber natürlich gar nicht zuvorderst gehen, sondern, wie mir der Auftakt-Roman der dreiteiligen Reihe – der sich im Übrigen aber auch wunderbar für sich genommen konsumieren lässt und mitnichten zwingend nach einer Fortsetzung verlangt – gefallen hat und diesbezüglich drängen sich nicht von ungefähr Vergleiche zu Kult-Science-Fiction-Autor Philip K. Dick auf, denn nicht nur gewann der Roman den begehrten (und gleichnamigen) Philip K. Dick-Award, sondern widmet sich an der Oberfläche – ähnlich wie beispielsweise Blade Runner – einem Kriminalfall, während er sich im Subtext weit mehr mit Fragestellungen rund um Identität und persönliches Selbstverständnis, das Wesen der Seele und der Angst vor der Vergänglichkeit auseinandersetzt.

Sie haben großes Glück gehabt, Kovacs. Klar doch. Einhundertachtzig Lichtjahre von zu Hause entfernt, im Körper eines Fremden, den ich auf der Basis eines sechswöchigen Pachtvertrages nutzen konnte. Angefordert, um einen Auftrag zu erledigen, den die hiesige Polizei nicht einmal mit einem Knüppel berühren wollte. Im Fall des Scheiterns sofortige Rückkehr in die Anstalt. Ich hatte so großes Glück gehabt, dass ich am liebsten vor Freude gesungen hätte, als ich durch die Tür nach draußen trat.

Dabei gelingt es Morgan, Altered Carbon jederzeit intelligent, aber nie verkopft wirken zu lassen, so dass die immerhin gut 600 Seiten tatsächlich wie im Fluge vergehen und der sich in fünf große Teile separierende Roman nur selten den Fokus aus den Augen verliert, derweil sich am Wegesrand und in Anekdoten einiges an zusätzlichen Ideen und Andeutungen findet, die der Autor hoffentlich zumindest teilweise noch in den beiden Folgebänden aufgreifen wird, so dass zwar immer mal wieder beispielsweise von Harlans Welt die Rede ist, der eigentliche Roman sich aber samt und sonders auf der Erde abspielt, die natürlich weitaus vertrauter daherkommt, auch wenn sich hier in einigen hundert Jahren durchaus auch einiges getan haben mag. Ähnlich verhält es sich mit manchen Traumsequenzen und Erinnerungen, die Takeshi an frühere Einsätze als Envoy hat und die für sich genommen schon den Aufhänger für jeweils eigene Romane bilden könnten, hier aber eben nur am Rande dazu dienen, dem Protagonisten des Geschehens Leben und Charakter einzuhauchen.

Das ist aber auch dahingehend bitter nötig, dass Kovacs nun mitnichten ein netter Kerl ist und in seinen Taten zuweilen auch schon mal über die Stränge schlägt, was ein paar vergleichsweise heftige Gewaltspitzen mit sich bringt, auf deren Umsetzung in der TV-Fassung ich zugegebenermaßen schon sehr gespannt bin. Überhaupt geht es in Altered Carbon zuweilen ziemlich dreckig und derb zu, wobei Morgan keinen Hehl daraus macht, hier der Gesellschaft ihren Spiegel vorzuhalten, ganz so, wie er zu umreißen versteht, was das Konzept des "Resleeving" für religiöse Gruppen wie etwa hier die Katholiken bedeutet. Von all diesen spannenden Ideen und Ansätzen aber einmal ganz abgesehen, handelt es sich schlicht und ergreifend zuvorderst um einen wahnsinnig vielschichtigen und gleichermaßen spannenden Krimi, dessen ungewöhnliches Setting nebst futuristischer Prämisse eben weit mehr ist als Mittel zum Zweck, denn je weiter die Geschichte voranschreitet, umso weniger geht es wirklich um die Frage nach dem Mörder von Laurens Bancroft, sondern vielmehr darum, wer auf der Erde die Fäden zieht und inwiefern Takeshi Kovacs in die Angelegenheit verwickelt ist.

Ich starrte auf das Flugblatt in meiner Hand. KANN EINE MASCHINE DEINE SEELE RETTEN?, fragte es mich. Das Wort »Maschine« war in einer Schrift gedruckt, die einer altertümlichen Bildschirmdarstellung entsprechen sollte, und »Seele« in schwebenden holografischen Lettern, die über die ganze Seite tanzten. Ich drehte das Blatt um, auf dessen Rückseite ich die Antwort fand.
NEIN!!!
»Also ist die kryogene Suspension okay, aber nicht der Transfer digitalisierter Individuen. Interessant.« Ich schaute nachdenklich zu den leuchtenden Transparenten zurück. »Was ist die Resolution 653?«
»Ein Testfall, der vor dem UN-Gerichtshof verhandelt wird«, erklärte Ortega knapp. »Die Staatsanwaltschaft von Bay City will einen eingelagerten Katholiken als Zeugen vorladen. Der Vatikan sagt, dass er bereits tot und in den Händen Gottes ist, und bezeichnet die Angelegenheit als Blasphemie.«

Zugegebenermaßen befinden sich im Mittelteil des Bandes zwar durchaus kleinere Längen und nach der zu Beginn so überschaubar wirkenden Story drohte ich doch an der einen oder anderen Stelle den Überblick zu verlieren, als immer neue (und altbekannte) Figuren die Bildfläche betraten und Kovacs Schicht um Schicht die Intrigen und Verschwörungen aufzudecken begann, doch währte dieses Gefühl nur kurz und insbesondere zum Ende hin – was in diesem Fall die letzten rund hundert Seiten meint – dreht Richard Morgan in erzählerischer Hinsicht noch einmal gehörig auf und überrascht mit gleich mehreren Wendungen, die zwar von langer Hand angedeutet und somit geplant wirken, Altered Carbon auf den letzten Metern aber dessen ungeachtet noch einmal eine gehörige Frischzellenkur verpassen und einen in der Summe absolut faszinierenden Roman abschließen, der seine Wurzeln zwar ohne Frage in Dicks bekanntem Werk und Noir-Krimis im Allgemeinen hat, sich aber so allumfassend zu emanzipieren versteht und mit einer bis ins letzte Detail durchdacht wirkenden Zukunftsvision beeindruckt, dass nur zu hoffen bleibt, dass auch die zwei weiteren Abenteuer rund um Takeshi Kovacs alsbald neu aufgelegt werden.

Fazit & Wertung:

Richard Morgan liefert mit Altered Carbon – Das Unsterblichkeitsprogramm eine beeindruckende Zukunftsvision, die einen mehr als stimmigen Rahmen für eine nicht minder packende Kriminalgeschichte bildet. Dergestalt präsentiert sich die Story einerseits als reißerisch inszenierter und temporeicher Thriller, andererseits als intelligentes Gedankenspiel zu der Frage, was wäre, wenn der Tod sich auf ewig austricksen ließe und was das womöglich mit dem eigenen Selbst anstellen würde. Entsprechend vereint der Roman das Beste aus beiden Welten und hat sicherlich nicht zu Unrecht 2003 den renommierten Philip K. Dick-Award eingeheimst.

9 von 10 mittels Envoy-Konditionierung gemeisterten Situationen

Altered Carbon – Das Unsterblichkeitsprogramm

  • Mittels Envoy-Konditionierung gemeisterte Situationen - 9/10
    9/10

Fazit & Wertung:

Richard Morgan liefert mit Altered Carbon – Das Unsterblichkeitsprogramm eine beeindruckende Zukunftsvision, die einen mehr als stimmigen Rahmen für eine nicht minder packende Kriminalgeschichte bildet. Dergestalt präsentiert sich die Story einerseits als reißerisch inszenierter und temporeicher Thriller, andererseits als intelligentes Gedankenspiel zu der Frage, was wäre, wenn der Tod sich auf ewig austricksen ließe und was das womöglich mit dem eigenen Selbst anstellen würde. Entsprechend vereint der Roman das Beste aus beiden Welten und hat sicherlich nicht zu Unrecht 2003 den renommierten Philip K. Dick-Award eingeheimst.

9.0/10
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite von Heyne. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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Altered Carbon – Das Unsterblichkeitsprogramm ist am 14.08.17 bei Heyne als Taschenbuch erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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