Review: Wer Furcht sät | Tony Parsons (Buch)

Es wird wieder Zeit für die wöchentliche Buch-Rezension und diesmal habe ich nach längerer Zeit mal wieder einen Krimi im Gepäck, denn Max Wolfe schickt sich an, seinen dritten Fall zu lösen, nachdem jüngst die Taschenbuchvariante des nachfolgend besprochenen Buches erschienen ist.

Wer Furcht sät
Detective Max Wolfes dritter Fall

The Hanging Club, UK 2016, 319 Seiten

Wer Furcht sät von Tony Parsons | © Bastei Lübbe
© Bastei Lübbe

Autor:
Tony Parsons
Übersetzer:
Dietmar Schmidt

Verlag (D):
Bastei Lübbe
ISBN:
978-3-404-17665-6

Genre:
Krimi | Thriller

 

Inhalt:

Der dünne, kalte Stahl der Schneide schmiegte sich in die weiche, faltige Haut unterhalb der Augenbraue. Wild flatterte das dünne Lid, das seinen Augapfel schützte, unter der Rasierklinge. Nackte Angst stieg in ihm auf.

Teile der Bevölkerung sind schockiert, als in London eine von den Medien als "Club der Henker" titulierte Bande Leute aufzuhängen beginnt, doch haben sie ebenso viele Sympathisanten und wissen insbesondere die Sozialen Medien für sich zu nutzen, denn ihre Opfer sind mitnichten unbescholtene Bürger sondern Straftäter, die in den Augen vieler vor dem Gesetz viel zu glimpflich davongekommen sind und teils abscheulichste Taten zu verantworten haben. Prompt werden Max und das restliche Team auf den Fall angesetzt, doch auch wenn für Detective Wolfe klar ist, dass niemand das Gesetz in die eigene Hand nehmen darf, ringt er auch mit Zweifeln, zumal es in seinem persönlichen Umfeld alsbald zu einem tragischen Vorfall kommt, der ihn seine Einstellung gründlich hinterfragen lässt. Bis dahin allerdings führen ihn seine Ermittlungen tief in die Vergangenheit des historischen London, das bis vor gar nicht allzu langer Zeit eine regelrechte Hochburg der regelmäßig und institutionalisiert durch den Strick vollstreckten Todesstrafe gewesen ist…

Rezension:

Nach Dein finsteres Herz und Mit Zorn sie zu strafen, zwei gleichermaßen überzeugenden und dramaturgisch wie handwerklich stimmigen Bänden kehrt Detective Max Wolfe nun also zurück und der geneigte Leser darf sich in Wer Furcht sät auf all das freuen, was eben auch schon die ersten beiden Bände der Reihe ausgezeichnet hat. So dürfen mehrere Ausflüge ins Black Museum ebenso wenig fehlen wie Max‘ regelmäßiges Box-Sparring, derweil sich sein Privatleben wie eh und je auf seine Tochter Scout und den gemeinsamen Hund Stan fokussiert, wobei die kleine Familie recht früh zeitweiligen Zuwachs durch einen alten Freund von Max erhält, der nicht von ungefähr alsbald auch dessen Misstrauen erregt, wobei ich diesbezüglich gar nicht vorgreifen möchte. Im Mittelpunkt steht aber freilich der Fall an sich und der ist auch hier wieder außerordentlich gelungen, zumal Tony Parsons nicht nur Sachverstand beweist, was die Geschichte von London an sich angeht, sondern es auch versteht, seine Story in einen modernen Kontext zu betten.

Wir betrachteten den Film von seinem Tod auf dem großen HDTV-Schirm, der im Major Incident Room One von West End Central an der Wand hängt, und waren uns zuerst nicht sicher, was wir sahen. Wir waren nicht einmal überzeugt, dass die Aufnahme echt war, aber gleichzeitig geschockt, dass man online zusehen konnte, wie ein Mann hingerichtet wurde.

So schien es mir nur folgerichtig, dass der "Club der Henker" alsbald auch im Netz für seine Sache zu "werben" beginnt und einerseits die Hinrichtungen online stellt, andererseits insbesondere bei Twitter mit dem Hashtag #führtsiewiederein (gemeint ist natürlich die Todesstrafe) zu trenden beginnt. Das mag nicht jedermanns Welt sein, sollte aber aus einem modernen, in der heutigen Zeit spielenden Buch auch nicht wegzudenken sein, so dass man durchaus das Gefühl hat, sich im echten, realen London zu befinden, was natürlich der Immersion mehr als gut tut, ganz davon abgesehen, dass der Ermittler und Protagonist mir auch hier wieder immens sympathisch gewesen ist. Das liegt vornehmlich daran, dass Parsons auch hier wieder vielleicht nicht den innovativsten oder neuartigsten Fall konstruiert, dafür aber einen insbesondere moralisch und ethisch interessanten, denn die Frage danach, inwieweit sich die Selbstjustiz praktizierenden Verbrecher womöglich doch im Recht befinden, durchzieht die gesamte Story von Wer Furcht sät und lässt auch Max zuweilen wanken, zumal der ja ohnehin manches Mal mit einem gewissen Jähzorn zu kämpfen hat, der oft einzig und allein durch sein Pflichtbewusstsein gegenüber seiner Tochter im Zaum gehalten wird.

So bietet Wer Furcht sät neben einem schnittig und spannend inszenierten Kriminalfall auch so einiges an Denkanstößen, was man durchaus zu schätzen wissen wird, zumal auch der Ansatz hier von einer gewissen Aktualität kündet, auch wenn Parsons‘ Figuren – insbesondere die zu richtenden Verbrecher – teils ein wenig klischeelastig geraten sind, doch kann man darüber wohlwollend hinwegsehen, wenn man dem gegenüberstellt, dass er sich fernab von Max‘ Leben und Ermittlungen auch noch auf gleich mehrere Nebenhandlungen stürzt und diese gleichermaßen souverän inszeniert, zumal sich auch hier wieder das Leitthema des Bandes auf treffliche Weise spiegelt, ohne dass das Geschehen übermäßig konstruiert wirken würde. Ansonsten bleibt Parsons seinen Grundsätzen treu und unterteilt auch diese Geschichte wieder in drei Teile, die gerne mal bewusst mit einem ziemlichen Cliffhanger enden, denn auch hier wieder gerät Max in teils akute Gefahr. Manchmal mag er ein wenig zu schnell genesen und sich wieder fangen, doch wird Detective Wolfe zumindest kein einziges Mal als unfehlbarer oder unangreifbarer Held definiert, was gleichermaßen seinen starken Willen wie auch seine Menschlichkeit unterstreicht.

»Ich glaube, da hat gerade jemand die Todesstrafe wieder eingeführt«, sagte ich.
Edie drückte auf Abspielen, und auf dem Bildschirm wurde Mahmud Irani wieder auf den Elefantenfuß geführt.
»Aber wer würde ihm das antun wollen?«, fragte der frischgebackene TDC Greene, und ich erinnerte mich an die Kinderschändergang von Hackney. Als ich zur Tür ging, kam mir ganz ungebeten der Gedanke:
Wer zum Teufel nicht?

Vor allem aber ist Wer Furcht sät angenehm temporeich inszeniert, ohne dabei gehetzt zu wirken, so dass ich durchaus das Gefühl hatte, man würde schneller in den eigentlichen Fall eintauchen und mitten in den Ermittlungen stecken, als dass bei den Vorgängern der Fall gewesen ist, wofür auch die vergleichsweise knappe Seitenzahl von rund 320 Seiten spricht. Die lässt sich allerdings auch durch einen anderen, eher bedauernswerten Umstand erklären, denn wo in den ersten beiden Bänden jeweils noch eine Kurzgeschichte mitenthalten war, fehlt dieser Zusatz hier nun, was aber keineswegs am Geiz oder der Lustlosigkeit des Verlages gelegen hat, sondern schlichtweg darin begründet liegt, dass es diesmal keine zwischen den Bänden angesiedelte Geschichte gegeben hat und folglich nichts abzudrucken gewesen wäre, was die Überleitung zum längst erhältlichen vierten Band In eisiger Nacht dargestellt hätte. So ist dieser Ausflug in das Leben von Max Wolfe und dessen Tochter Scout diesmal zwar ein wenig kürzer ausgefallen, doch nicht minder lohnenswert und kurzweilig, zumal sich die Geschichte spürbar in einem fort entwickelt, ohne dass dadurch jedoch erreicht würde, dass man nicht auch als Quereinsteiger mühelos in die Reihe einsteigen könnte. In Anbetracht der Güte der vorherigen Bände würde mir allerdings kein Grund einfallen, wieso man nicht bestmöglich mit dem ersten Fall die Lektüre beginnen sollte. Ich für meinen Teil freue mich nun auf die immerhin zwei Folgebände und hoffe, dass damit das Ende noch längst nicht erreicht ist, auch wenn bislang offiziell noch kein sechster Teil für 2019 angekündigt worden ist, was dem (jährlichen) Turnus von Parsons‘ Schreiberei entsprechen würde.

Fazit & Wertung:

Auch Wer Furcht sät, der dritte Fall für den Londoner Detective Max Wolfe aus der Feder von Tony Parsons, weiß mit einem stringenten und einfallsreichen Plot zu punkten, begeistert vor allem aber dank seiner moralischen Denkanstöße, denn selten wird die Frage nach Recht und Gerechtigkeit in solch angenehmen Grauschattierungen ausdifferenziert wie hier geschehen. Eine würdige Fortsetzung und ein Kriminalroman, der spielend auch für sich allein stehend zu überzeugen weiß.

8,5 von 10 Geheimnissen der Vergangenheit

Wer Furcht sät

  • Geheimnisse der Vergangenheit - 8.5/10
    8.5/10

Fazit & Wertung:

Auch Wer Furcht sät, der dritte Fall für den Londoner Detective Max Wolfe aus der Feder von Tony Parsons, weiß mit einem stringenten und einfallsreichen Plot zu punkten, begeistert vor allem aber dank seiner moralischen Denkanstöße, denn selten wird die Frage nach Recht und Gerechtigkeit in solch angenehmen Grauschattierungen ausdifferenziert wie hier geschehen. Eine würdige Fortsetzung und ein Kriminalroman, der spielend auch für sich allein stehend zu überzeugen weiß.

8.5/10
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite von Bastei Lübbe. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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Wer Furcht sät ist am 25.05.18 als Taschenbuch bei Bastei Lübbe erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den nachfolgenden Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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