Review: Schloss aus Glas (Film)

Wie so oft zum Wochenende habe ich heute ein kleines Schmankerl für euch, auf das ich erst durch eine meiner jüngsten Film-Sichtungen gestoßen bin und das mich die meiste Zeit wirklich gepackt und tief bewegt hat, wenn man einmal von kleineren Längen absieht, die sich hier leider ab und an einschleichen.

Schloss aus Glas

The Glass Castle, USA 2017, 127 Min.

Schloss aus Glas | © STUDIOCANAL
© STUDIOCANAL

Regisseur:
Destin Daniel Cretton
Autoren:
Destin Daniel Cretton (Drehbuch)
Andrew Lanham (Drehbuch)
Jeannette Walls (Buch-Vorlage)

Main-Cast:
Brie Larson (Jeannette)
Woody Harrelson (Rex)
Naomi Watts (Rose Mary)
in weiteren Rollen:
Max Greenfield (David)
Sarah Snook (Lori)

Genre:
Biografie | Drama

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Schloss aus Glas | © STUDIOCANAL
© STUDIOCANAL

Jeannette Walls ist angesehene Journalistin, lebt in New York und ist frisch mit dem Finanzberater David verlobt. Auf Außenstehende könnte ihr Leben perfekt wirken, doch ahnen die wenigsten, welchen Weg sie hat zurücklegen müssen, um dorthin zu kommen. Als sie eines Abends vom Taxi aus ihre Eltern Rex und Rose Mary erblickt, wie sie den Müll nach Essbarem durchwühlen, ist ihr das so unangenehm, dass sie sich duckt und die beiden zu ignorieren versucht. Lange verdrängte Erinnerungen einer durch und durch merkwürdigen, von ihrem freigeistigen wie trunksüchtigen Vater dominierten Kindheit werden wach und in ihrem Geist lässt Jeannette die Stationen ihres Lebens Revue passieren, bis sie überzeugt ist, dass es zu einer Art Aussprache kommen muss, einem Abschluss für diese Phase ihres Lebens. Doch das ist leichter gesagt als getan, denn nicht nur David sträubt sich nach Kräften, Zeit mit ihrer Familie verbringen zu müssen, nein, auch Rex ist noch immer so aufbrausend und unberechenbar wie eh und je…

Rezension:

Kürzlich hatte ich ja den wunderbaren, mit Brie Larson formidabel besetzten und von Destin Daniel Cretton nicht minder formidabel inszenierten Short Term 12 nachgeholt und lechzte nach mehr, weshalb es mir sehr zupass kam, dass der 2017 entstandene Schloss aus Glas nicht nur einerseits im Prime-Angebot von Amazon enthalten war, sondern eben auch Cretton und Larson einmal mehr zusammengeführt hat. Diesmal handelt es sich derweil um eine Buch-Verfilmung des autobiografischen Werkes der Journalistin Jeannette Wals, die in ihrem Bestseller The Glass Castle von ihrer umtriebigen Kindheit und Jugend berichtet, die maßgeblich von dem Freigeist und Querdenker Rex – seines Zeichens ihr Vater – geprägt worden ist. Und ebenjene Walls wird hier nun von Brie Larson (Captain Marvel) verkörpert, bekommt anfänglich allerdings vergleichsweise wenig zu tun, denn Cretton entscheidet sich im vorliegenden Fall für eine nicht-chronologische Erzählweise und nach kurzer Einführung der "Gegenwarts-Jeannette" im Jahr 1989 springt die Geschichte zunächst zurück in deren Kindheit.

Szenenbild aus Schloss aus Glas | © STUDIOCANAL
© STUDIOCANAL

Die erinnerte mich zunächst doch sehr an den in dieser Hinsicht sehr ähnlich gearteten Captain Fantastic mit Viggo Mortensen, denn auch die Familie Walls führt ein durch und durch unkonventionelles Leben, ist stetig auf Achse und knapp bei Kasse, was wie erwähnt in weiten Teilen an Familienoberhaupt Rex liegt, der von Woody Harrelson (Das Duell) in gar großartig nuancierter Manier verkörpert wird, denn Rex ist nun nicht eben ein einfacher Zeitgenosse und interpretiert das Ungebunden-sein als große Freiheit, hängt großen, haltlosen Träumen nach und beweist auch nicht immer ein glückliches Händchen, was die Kindererziehung anbelangt, derweil er zunehmend dem Alkohol zuspricht, der ihn in Zeiten des Selbstzweifels und der Resignation am Funktionieren hält. Das alles spricht nicht unbedingt für einen verlässlichen oder auch nur im landläufigen Sinne guten Vater, doch bei all den – teils drastischen, an Kindesmissbrauch grenzenden – Verfehlungen, geht einem trotzdem nicht das letzte Quäntchen Sympathie für die Figur verloren, was eben allein Harrelson zu verdanken ist, der hier mehr als nur ein paar extrem starke Charaktermomente für sich verbuchen kann, derer es in der zweiten Hälfte noch einmal deutlich mehr gibt, wenn der gealterte Familienvater eben nicht mehr mit der Ella Anderson sowie Chandler Head verkörperten jungen Jeannette, sondern mit der von Brie Larson verkörperten erwachsenen Jeannette interagiert.

So sind im Grunde Jeannette und Rex auch die beiden Fixpunkte, um die sich das Geschehen in Schloss aus Glas dreht, wodurch selbst die wunderbare Naomi Watts (Gypsy) als Mutter und Ehefrau Rose Mary spürbar ins Hintertreffen gerät und deutlich weniger Kontur erhält, was im Übrigen auch für Jeannettes Geschwister Brian, Lori und Maureen gilt, die ebenfalls jeweils von insgesamt drei DarstellerInnen in unterschiedlichen Altersstadien verkörpert werden. Diese Konzentration auf lediglich zwei Figuren fällt aber nicht wirklich störend ins Gewicht, zumal es sich eben um die Autobiografie und somit Sichtweise von Jeannette handelt und beherrschendes Thema ihres Lebens eben lange Zeit ihr unangepasst-großspuriger, innerlich zerrissener Vater ist, wie noch einmal im letzten Drittel des Films deutlich zum Tragen kommt, was auch erklärt, weshalb Rose Mary so vergleichsweise wenig zu tun bekommt, gleichwohl auch Watts in zwar wenigen, aber gleichwohl intensiven Momenten durchweg zu überzeugen versteht.

Szenenbild aus Schloss aus Glas | © STUDIOCANAL
© STUDIOCANAL

So war Schloss aus Glas durchaus nahe dran, mich ähnlich zu begeistern wie schon Short Term 12, doch wo Cretton vier Jahre zuvor noch auf reduziertes Storytelling in gerade mal knapp anderthalb Stunden gesetzt hat, erstreckt sich diese Buch-Verfilmung nun auf mehr als zwei Stunden Laufzeit. Das ist nicht grundsätzlich verwerflich und ich kann auch nicht behaupten, mich wirklich je gelangweilt zu haben, doch gerade das erste Drittel erinnert eben einerseits an oben genannten Captain Fantastic und ist vergleichsweise generisch geraten, wenn man das bei einer derart unkonventionellen Familie überhaupt so sagen kann, und erschwert zudem die Identifikation mit den Figuren, da man eben auf zwei Zeitachsen parallel an Jeannettes Vergangenheit und Gegenwart herangeführt wird. So sind die Stationen ihrer Reise durchweg gelungen und sehenswert, doch hätte der Film allgemein durchaus einen Hauch komprimiert werden können, da er sich erst nach der Hälfte der Laufzeit wirklich zu neuen Höhen aufschwingt und zunehmend emotionaler und packender wird, woran eben auch das Zusammenspiel zwischen Larson und Harrelson nicht ganz unschuldig ist. Trotz Drama und Tragik endet der Film aber auch vergleichsweise versöhnlich und Cretton gelingt es auch hier wieder, Kitsch und Klischees zu umschiffen, derweil hier selbst der Abspann interessant und sehenswert geraten ist, da man hier die echten Vertreter der Familie Walls präsentiert bekommt, was dem Gezeigten natürlich im Nachhinein noch einen Hauch mehr Realismus verleiht, selbst wenn man davon ausgehen kann, dass einzelne Passagen ihrer dramaturgischen Wirkung wegen überspitzt worden sind. Nichtsdestotrotz gelingt Cretton somit ein weiteres Mal ein hochemotionales Werk voller Herz und Gefühl, auch wenn sich die wahre Faszination eben erst nach einem doch eher gemächlichen Einstieg zu entfalten beginnt.

Fazit & Wertung:

Regisseur Destin Daniel Cretton gelingt in seiner zweiten Zusammenarbeit mit Brie Larson in Gestalt von Schloss aus Glas ein weiteres überzeugendes wie berührendes Drama, das diesmal auf den autobiografischen Schilderungen von Jeannette Walls fußt und insbesondere Woody Harrelson als deren Vater Rex brillieren lässt, derweil der Film als solcher eine zwar oft tragische, aber nicht selten ebenso magische Lebensgeschichte voller Höhen und Tiefen erzählt, die nicht erst zum Schluss gehörig ans Herz geht.

8,5 von 10 tragikomischen Kindheitserinnerungen

Schloss aus Glas

  • Tragikomische Kindheitserinnerungen - 8.5/10
    8.5/10

Fazit & Wertung:

Regisseur Destin Daniel Cretton gelingt in seiner zweiten Zusammenarbeit mit Brie Larson in Gestalt von Schloss aus Glas ein weiteres überzeugendes wie berührendes Drama, das diesmal auf den autobiografischen Schilderungen von Jeannette Walls fußt und insbesondere Woody Harrelson als deren Vater Rex brillieren lässt, derweil der Film als solcher eine zwar oft tragische, aber nicht selten ebenso magische Lebensgeschichte voller Höhen und Tiefen erzählt, die nicht erst zum Schluss gehörig ans Herz geht.

8.5/10
Leser-Wertung 7/10 (1 Stimme)
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Schloss aus Glas ist am 08.02.18 auf DVD und Blu-ray bei im Vertrieb von STUDIOCANAL erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

DVD:

Blu-ray:

vgw

Eine Reaktion

  1. Stepnwolf 31. März 2019

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