Review: Snow Crash | Neal Stephenson (Buch)

Es wurde allerhöchste Zeit, dass ich mir auch mal wieder ein Buch zur Brust nehme und da habe ich mir diesmal einen modernen Klassiker rangeholt, den ich eigentlich auch schon längst hatte lesen wollen. Sei es drum, kommt hier nun meine Meinung zu diesem irritierend hellsichtigen Werk.

Snow Crash

Snow Crash, USA 1992, 576 Seiten

Snow Crash von Neal Stephenson | © FISCHER Tor
© FISCHER Tor

Autor:
Neal Stephenson
Übersetzer:
Alexander Weber

Verlag (D):
FISCHER Tor
ISBN:
978-3-596-70559-7

Genre:
Science-Fiction | Satire | Action

 

Inhalt:

Der Deliverator ist wie ein Typ-A mit Tollwut. Rast zielgenau auf seine Homebase zu, CosaNostra Pizza #3569, kachelt mit hundertzwanzig Sachen über die linke Spur der CSV-5. Sein Auto ist eine unsichtbare schwarze Raute, kaum mehr als ein dunkler Fleck, der den Tunnel aus Neonlogos reflektiert – den Loglo. Eine Reihe grelloranger Lichter wogt und züngelt quer über die Front, dort, wo sich der Kühlergrill befinden würde, wäre dies ein luftgekühltes Fahrzeug.

Hiro Protagonist ist Deliverator, was im Grunde nichts anderes bedeutet, als dass er Pizzen für die CosaNostra ausliefert, doch ist das ein weit gefährlicherer Job in einer Zeit, in der das Staatswesen faktisch abgeschafft und alles privatisiert worden ist, denn allzu oft regiert dadurch das Recht des Stärkeren, was auch erklärt, weshalb Hiro nie ohne seine Schwerter sowie Pistolen unterwegs ist. Doch Hiro ist auch ein versierter Hacker und war bereits in den Anfangstagen dabei, als das Metaverse bei denen, die es sich leisten konnten, langsam Fuß zu fassen begann. Entsprechend ist er eine durchaus große Nummer in den virtuellen Welten und kennt so manchen Trick und Kniff, von dem die unbedarften User noch nie etwas gehört haben. Und dennoch erwischt es ihn kalt und unvorbereitet, als eine Droge namens "Snow Crash" umzugehen beginnt, denn einerseits sollte es unmöglich sein, sich im Metaverse von einer digitalen Droge berauschen zu lassen, andererseits könnte weit mehr hinter der Sache stecken als nur jemand, der das große Geld zu machen versucht. Da erreichen Hiro erste Hinweise, dass es sich um eine großangelegte Verschwörung handeln könnte und dass insbesondere Hacker ins Visier genommen würden, doch von wem und zu welchem Zweck, gilt es erst einmal zu ergründen…

Rezension:

Als seitens Fischer Tor eine Neuauflage (und damit einhergehend Neuübersetzung) von Snow Crash angekündigt worden ist, war ich durchaus mehr als gespannt, denn auch wenn ich mitnichten beurteilen kann, ob es sich hier wirklich – wie oft und gerne konstatiert wird – um die "Geburt des Cyberpunk" handelt, ist es doch ohne Frage eines der mitunter prägendsten Werke des Genres und vor allem auch heute noch brandaktuell und lesenswert. Vom ersten Moment an wirft Stephenson dabei in eine Welt, die – zum Glück – kaum ferner wirken könnte, denn wie so oft handelt es sich auch um eine reinrassige Dystopie, die er hier zugunsten einer beißenden Satire inszeniert. Die Vereinigten Staaten als solche gibt es nicht mehr und somit auch keine allgemeingültigen Gesetze oder dergleichen, auch wenn es immer noch kleine Landstriche geben mag, in denen man vehement alten Zeiten hinterhertrauert, als der Staat noch Macht und Geltung besaß. Aus der CIA derweil ist mittlerweile eine Corporation geworden und mafiöse Institutionen wie eben auch CosaNostra Pizza, für die Hiro Protagonist arbeitet, können treiben, was sie möchten.

Die Brille wirft einen fahlen Dunstschleier über seine Augen, und in ihren Gläsern spiegelt sich die verzerrte Weitwinkelansicht eines prächtig erleuchteten Boulevards, der sich in ein unendliches Dunkel erstreckt. Dieser Boulevard existiert nicht in der Wirklichkeit; er ist die computergenerierte Ansicht einer imaginären Umgebung.

Das soll natürlich nur ein großer Abriss sein und der Autor beweist auf den ersten paar dutzend Seiten ein ungemeines Gespür für eine gleichermaßen aberwitzige wie auch auf verquere Art glaubhafte Welt, die von Merkwürdigkeiten, Konsumgedanken und reichlich Neologismen durchsetzt ist. Das Faszinosum Metaverse ist dabei durchaus prägend für Snow Crash und dadurch immanenter Bestandteil der Story, die zunächst gar nicht mal so einfach zu durchschauen ist und später absurd weitreichende Schlenker schlagen wird, die im Mittelteil eine ganz neue Faszination für die Ereignisse ermöglichen. Neben dem Metaverse als solchem sind für Stephenson aber auch Avatare und Kryptowährungen längst bekannte Dinge und unterstreichen noch die Hellsichtigkeit dieser sich selbst erfüllenden Prophezeiung, die einem hier in Romanform kredenzt wird. Wenn man einmal berücksichtigt, dass die Geschichte mittlerweile rund 30 Jahre auf dem Buckel hat, ist es schlichtweg der schiere Wahnsinn wie viel von dem, was mittlerweile alltäglich ist (oder wohin zumindest so einige Firmen und Visionäre streben) mittlerweile Wirklichkeit ist, die sich teils nur in Nuancen von dem unterscheidet, was Stephenson schildert.

Beruhigend, dass die offenkundiger satirischen Aspekte von Snow Crash noch nicht zur Realität gehören, denn am Ende ist die Story auch ein mahnendes Beispiel dafür, was ohne staatliche Einflussnahme passieren könnte, denn hier regiert ausnahmslos das Geld oder – eine Ecke weiter gedacht – die Schusskraft, die man sich dafür kaufen kann. Allerdings muss man auch einräumen, dass die dramaturgische Mischung zuweilen verquer sein kann und so richtig rasant lässt sich das Buch nicht lesen, denn dafür gilt es zu aufmerksam zu verfolgen, welchen Weltenentwurf der Autor da kredenzt. Da hilft es wenig, dass die Geschichte sich bald noch ausweitet und mitnichten nur Hiro Protagonist mit dem prophetischen Nachnamen im Mittelpunkt steht sondern bald auch Y.T., die ihm erst aus der Klemme hilft und später dabei hilft, der mutmaßlichen Verschwörung auf den Grund zu gehen. Bis aber die namensgebende Droge "Snow Crash" überhaupt in Erscheinung tritt und der Plot merklich in Gang kommt, dauert es eine ganze Weile und da muss man schon leichte Abstriche machen, was Verve und Tempo angeht, zumal Hiro im Mittelteil auf durchaus umfangreiche Quellenforschung in digitalen Archiven geht, was zwar ungemein faszinierend ist, aber auch im krassen Kontrast zu der temporeichen Action steht, die Stephenson eingangs offeriert.

Natürlich sieht er keine echten Menschen. Dies alles gehört zu der animierten Darstellung, die sein Computer anhand der durchs Glasfaser strömenden Vorgaben entwirft. Die Menschen sind Programme, die man Avatare nennt. Audiovisuelle Verkörperungen, die Leute benutzen, um im Metaverse miteinander zu kommunizieren. Auch Hiros Avatar ist jetzt auf der Street, und wenn die Pärchen, die gerade aus der Monorail kommen, in seine Richtung schauen, können sie ihn genauso sehen, wie auch er sie sehen kann. Sie könnten sich miteinander unterhalten: Hiro im U-Stor-It in L. A. und diese vier Teenager, die womöglich in einem Vorort von Chicago auf dem Sofa hocken, jeder mit seinem eigenen Laptop. Aber wahrscheinlich werden sie ebenso wenig miteinander reden, wie sie es in Wirklichkeit tun würden.

So ist das größte Manko dieses durch und durch empfehlenswerten Werkes, dass es sich zuweilen ein wenig sperrig gibt, denn die Mischung aus satirischen Themen und prophetischer Zukunftsdeutung, brutaler und übersteigerter Action im Kontrast zu philosophischen und religiösen Monologen bis hin zu dem ausladend überbordenden Finale, bei dem – es folgt ein Insider – die Stimme der Vernunft eine durchaus tragende Rolle spielt, ist schon als eigenwillig zu bezeichnen. In meinen Augen überwiegt aber ganz klar die Faszination, zumal sich auch die Neuübersetzung seitens Alexander Weber nun wirklich nicht zu verstecken braucht und die Geschichte in frischer Pracht erstrahlen lässt. Mag die Lektüre nicht immer einfach sein und auf ihren knapp 580 Seiten auch den einen oder anderen minimalen Hänger haben, bleibt sie doch ohne Vorbehalte lesenswert und vor allem spektakulär in dem, was Stephenson sich schon drei Dekaden zuvor für das Metaverse hat einfallen lassen und das dieser Tage erst vermehrt in aller Munde ist. Nicht unbedingt nur für Sci-Fi-Fans als solche ist Snow Crash also durchaus einen Blick wert.

Fazit & Wertung:

Neal Stephenson hat mit Snow Crash einen modernen Klassiker geschaffen, der nicht nur dank edler Aufmachung und neuer Übersetzung in frischem Glanz erstrahlt, sondern ausgerechnet jetzt, dreißig Jahre nach seiner Erstveröffentlichung, aktueller wirkt denn je, denn vom Metaverse über Avatare bis hin zu Kryptowährungen nimmt der Autor in seiner satirisch geprägten Zukunftsvision so einiges vorweg, was mittlerweile längst etabliert ist oder sich zumindest in aller Munde befindet.

9 von 10 Besuchen im Metaverse

Snow Crash

  • Besuche im Metaverse - 9/10
    9/10

Fazit & Wertung:

Neal Stephenson hat mit Snow Crash einen modernen Klassiker geschaffen, der nicht nur dank edler Aufmachung und neuer Übersetzung in frischem Glanz erstrahlt, sondern ausgerechnet jetzt, dreißig Jahre nach seiner Erstveröffentlichung, aktueller wirkt denn je, denn vom Metaverse über Avatare bis hin zu Kryptowährungen nimmt der Autor in seiner satirisch geprägten Zukunftsvision so einiges vorweg, was mittlerweile längst etabliert ist oder sich zumindest in aller Munde befindet.

9.0/10
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite der Fischer Verlage.

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Snow Crash ist am 27.10.21 bei FISCHER Tor erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den folgenden Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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