Review: Verflucht | Chuck Palahniuk (Buch)

So, heute ist es mir eine ganz besondere Freude, mal wieder über einen meiner Lieblingsautoren zu sprechen, den ich, seit dieser Blog existiert, schmählich vernachlässigt habe, hauptsächlich aber nur deshalb, weil die meisten seiner Bücher lange vor dieser Zeit erschienen sind und mir die Neuerscheinungen der letzten Jahre schlichtweg entgangen sind, weil ich ihn zwischenzeitlich nicht mehr so auf dem Schirm hatte. Das ändert sich nun aber und deshalb geht es heute um:

Verflucht

Damned, USA 2011, 304 Seiten

Verflucht von Chuck Palahniuk | © Manhattan
© Manhattan

Autor:
Chuck Palahniuk
Übersetzer:
Werner Schmitz

Verlag (D):
Manhattan
ISBN:
978-3-442-54706-7

Genre:
Drama | Satire

 

Inhalt:

Bist du da, Satan? Ich bin’s, Madison. Ich bin gerade erst hier angekommen, in der Hölle, aber ich kann nichts dafür, außer vielleicht dass ich an einer Überdosis Marihuana gestorben bin. Vielleicht bin ich in der Hölle, weil ich fett bin – eine echt fette Sau. Wenn man in die Hölle kommen kann, weil man zu wenig Selbstachtung hat, dann bin ich deswegen hier. Am liebsten würde ich lügen und dir erzählen, ich bin ein dürres Knochengestell mit blonden Haaren und dicken Titten. Aber glaub mir, ich hab einen verdammt guten Grund, so fett zu sein.

Madison Spencer, gerade einmal dreizehn Jahre jung, ist tot, gestorben an einer Überdosis Marihuana und frisch in der Hölle gelandet. Nein, fair ist das nicht, aber bemitleidet werden will sie nun auch nicht, hat es sich in ihrer Zelle schon beinahe bequem gemacht und sinnt über ihre selbstverliebten, egozentrischen Eltern, die Zeit im Internat, ihr viel zu kurzes Leben und was darauf folgte nach. War ihr Leben schließlich schon kein Zuckerschlecken, kann auch der Tod nicht so schrecklich sein, vergleichbar mit Fernsehen oder dem Surfen im Internet. In der Zelle neben ihr befindet sich Babette, eine Cheerleaderin und bald schon erscheint Archer, ein blauhaariger Punk auf der Bildfläche, der die beiden aus ihren Zellen befreit. Komplettiert wird die illustre Runde von dem Außenseiter Leonard und der Sportskanone Patterson, so dass Madison bald mit ihrem ganz persönlichen Breakfast Club auf Reisen geht.

Dabei hat das altkluge Mädchen nichts weniger im Sinn, als Satan selbst zur Rede zu stellen, hat sie schließlich bereits bei ihrer Ankunft damit begonnen, innere Monologe mit dem Herrscher der Hölle zu führen. Dabei lernt sie nicht nur einiges über das Wesen der Hölle an sich, sondern erfährt auch einiges über sich selbst und die eigentlichen Zusammenhänge, die zu ihrem Tod und dem Einzug in die Hölle geführt haben.

Rezension:

Es kam zwar an dieser Stelle noch nicht so zum Tragen, doch auch wenn ich hier bisher nur Bonsai vorgestellt habe, bin ich ein ausgewiesener Fan von Chuck Palahniuk, der es bereits 1996 zu Berühmtheit gebracht hat mit seinem Aufsehen erregenden und noch erfolgreicher von David Fincher verfilmten Debüt Fight Club und der mich seither mit jedem seiner Bücher mehr oder minder zu begeistern wusste. Und so finden sich nun auch in Verflucht – so kurioserweise der deutsche Titel von Damned (= verdammt) – alle typischen Zutaten eines Palahniuk-Romans, von immer wiederkehrenden Dopplungen im Arrangement der Kapitel und Sätze, über ein skurriles, satirisch-angehauchtes Grundsetting bis hin zu der inflationären Verwendung von Fäkalausdrücken, was sicherlich alles nicht jedermanns Sache sein mag, nun einmal aber auch unweigerlich zu seinem Stil und der brachialen Wucht seiner Werke gehört, ganz so, wie in seinen Augen eben der See des vergeudeten Spermas zur Hölle.

Ja, wir wirken alle ein wenig rätselhaft und lächerlich auf unsere Mitmenschen, aber niemand wirkt so fremd wie ein Toter. Wir können einer Unbekannten verzeihen, wenn sie katholisch oder lesbisch ist, aber nicht, wenn sie sich dem Tod unterwirft. Wir haben was gegen Abtrünnige. Das Sterben erscheint uns als die größte Schwäche überhaupt, schlimmer als Alkoholismus oder Heroinsucht, und in einer Welt, wo man der Faulheit bezichtigt wird, nur weil man sich nicht die Beine rasiert, gilt das Totsein als der ultimative Charakterfehler.

Tja, nun, Madison ist in der Hölle gelandet, mit gerade einmal dreizehn Jahren, pummelig, doch – so sagt sie selbst – zumindest gescheit. Das jedem einzelnen Kapitel vorangestellte Bist du da, Satan? Ich bin‘s, Madison – natürlich eine unverhohlene Anspielung auf Judy Blume und ihr Werk Bist du da, Gott? Ich bin’s, Margaret – leitet das Geschehen in Briefform ein und auch die Kapitel selbst sind aus der Sicht der früh verstorbenen Madison Spencer verfasst, die auf den gerade einmal 300 Seiten von Verflucht einen merklichen Wandel vollzieht und dank ihrer scharfen Zunge mehr als nur ein paar Seitenhiebe auf die Gesellschaft der Lebenden im Allgemeinen sowie die Einstellung zum Leben im Besonderen verteilen darf, so dass sie beispielsweise zu dem Schluss kommt, dass niemand mehr diskriminiert würde als Tote, denn in der Welt der Lebenden gelte das Totsein als ultimativer Charakterfehler und niemand, wirklich niemand, egal welcher Randgruppe zugehörig, würde mit einem tauschen wollen. Ja, für solche verqueren wie in sich schlüssigen Gedankengänge liebe ich Chuck Palahniuk und wer es mit der Political Correctness nur allzu genau nimmt, sollte sowieso seine Bücher meiden, denn hier bekommt alles und jeder sein Fett weg, wobei man unterstreichen muss, dass dies explizit auf satirische Art geschieht, der Gesellschaft einen Spiegel vorhält und sicher nicht der Intention des Autors geschuldet ist, irgendwen oder –etwas zu diffamieren.

Sei es wie es will, lernt der Leser alsbald einiges über das Leben in der Hölle, das Wesen der Verdammten und die Myriaden umherstreifender Dämonen, bei denen es sich – wie sollte es auch anders sein – um abgesetzte Gottheiten längst untergegangener Zivilisationen handelt. Auf ihrem Weg begleitet wird Madison von einer illustren Schar an den Breakfast Club erinnernder Jugendlicher (der ebenfalls – wie auch Der englische Patient oder Jane Eyre – wiederholt referenziert wird), die gemeinsam mit ihr die Weiten der Hölle bereisen, bestehend aus eben angesprochenem Spermasee, Myriaden von Finger- und Zehennägeln, diversen Sümpfen voll abgetriebener Babys und Unmengen an überwiegend ungenießbaren Süßigkeiten – die in der Hölle übrigens die gängige Währung darstellen, was zunächst befremdlich wirkt, im Kontext von Halloween schlussendlich durchaus Sinn ergibt – , um schlussendlich Satan höchstpersönlich zur Rede zu stellen, widmet Madison ihm schließlich auch ihren gesammelten Haufen fiktiver Briefe.

Nein, fair ist das nicht, aber so sind die Leute nun mal. Wenn wir einem anderen zum ersten Mal begegnen, sagt eine heimtückische kleine Stimme in unserem Kopf: »Ich mag ja eine Brille tragen oder dicke Hüften haben oder ein Mädchen sein, aber wenigstens bin ich weder schwul noch schwarz noch ein Jude.« Soll heißen: Ich mag zwar Ich sein, aber das könnte mir nun wirklich nicht passieren, DU zu sein. Also erwähne ich nur widerstrebend, dass ich tot bin, weil alle sich den Toten so verdammt überlegen fühlen, sogar Mexikaner und Aids-Kranke.

Die Hölle allerdings ist verdammt groß und Satan gar nicht so leicht aufzuspüren, weshalb sich die pervertierte Wallfahrt auch dahingehend hinderlich gestaltet, dass an jeder Ecke neue Gefahren und Abartigkeiten lauern, die es zu überwinden gilt. Ergänzt werden die rein erzählenden, schildernden Kapitel dabei durch allerlei Rückblenden und Erinnerungen von Madison an die Zeit vor ihrem Tod sowie überwiegend satirisch geprägte Prosatexte, die speziell hinsichtlich Madisons wohlstandsverwöhnten, esoterisch verklärten und gegenüber Drogen extrem aufgeschlossenen Eltern, die zufällig in der amerikanischen High Society zu verorten sind, ganz schön in die Kerbe schlagen. Gerade in der Mischung ist das extrem kurzweilig, wenn Verflucht auch im Mittelteil ein wenig abflacht, obschon die Idee, dass so ziemlich sämtliche Callcenter-Mitarbeiter der Hölle entstammen und punktgenau die Mittagessens- und Abendessenszeiten der jeweiligen Zeitzone abpassen, um die Angerufenen zu belästigen, schon etwas für sich hat. Im letzten Drittel kommt dann auch schon der für Palahniuk beinahe obligatorische Twist, der allerdings Erwartungen schürt, die in diesem Buch nicht mehr eingelöst werden, denn durch den Umstand, dass die Geschichte um Madison Spencer noch längst nicht auserzählt ist, endet das Buch recht offen und unerwartet mit einem Verweis auf die Fortsetzung, die, in Form von Verdammt, immerhin hierzulande bereits erschienen ist.

Fazit & Wertung:

Wieder einmal bedient sich Chuck Palahniuk für Verflucht eines unerwartet ungewöhnlichen Settings, und schafft ein vor satirischen Seitenhieben und popkulturellen Querverweisen strotzendes Werk mit einer ungewöhnlichen Protagonistin, die sich ihren Weg durch die Unterwelt bahnt und dabei den höllischen Heerscharen die Stirn bietet. Skurril, abgedreht und wahnsinnig einfallsreich: Palahniuk eben.

8,5 von 10 höllischen Erkenntnissen

Verflucht

  • Höllische Erkenntnisse - 8.5/10
    8.5/10

Fazit & Wertung:

Wieder einmal bedient sich Chuck Palahniuk für Verflucht eines unerwartet ungewöhnlichen Settings, und schafft ein vor satirischen Seitenhieben und popkulturellen Querverweisen strotzendes Werk mit einer ungewöhnlichen Protagonistin, die sich ihren Weg durch die Unterwelt bahnt und dabei den höllischen Heerscharen die Stirn bietet. Skurril, abgedreht und wahnsinnig einfallsreich: Palahniuk eben.

8.5/10
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite von Manhattan. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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Verflucht ist am 30.09.13 bei Manhattan erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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