Review: Afterparty | Daryl Gregory (Buch)

Ihr merkt schon, im Moment habe ich die Veröffentlichungen des TOR Verlages ein wenig gefressen, aber deren Bücher passen auch so dermaßen gut in mein Beuteschema, dass es kein Wunder ist, dass ich mich nach und nach durch das zum Glück langsam aber sicher umfangreicher werdende Verlagsprogramm wühle.

Afterparty

Afterparty, USA 2014, 400 Seiten

Afterparty von Daryl Gregory | ©  FISCHER Tor
© FISCHER Tor

Autor:
Daryl Gregory
Übersetzer:
Frank Böhmert

Verlag (D):
FISCHER Tor
ISBN:
978-3-596-03453-6

Genre:
Science-Fiction | Thriller

 

Inhalt:

Die nahe Zukunft: Dank der Smartdrug-Revolution ist es mittlerweile beinahe Jedem möglich, sich seine – legalen wie illegalen – Drogen selbst zu drucken und entsprechend boomt der Markt mit den fragwürdigen Substanzen. Ein zunächst kleines Startup hat sich ebenfalls der Entwicklung einer Wunderdroge verschrieben und nach zahllosen Fehlschlägen entwickeln sie das NME110, landläufig bald Numen genannt, das die faszinierende Wirkung entfaltet, dass man sich in göttlicher Begleitung wähnt. Auch Lyda Rose war an der Entwicklung des Numen beteiligt, doch eine Überdosis hat dazu geführt, dass ihre göttliche Begleiterin – Dr. Gloria – sie niemals wieder verlassen hat. Ähnlich erging es den weiteren Beteiligten und entsprechend kam man überein, dass Numen niemals auf den Markt kommen dürfe. Während sich Lyda nun in psychiatrischer Behandlung befindet, scheint plötzlich eine unbekannte Partei das NME110 herzustellen und zu vertreiben, woraufhin Lyda es sich zur Aufgabe macht, den oder die Verantwortlichen ausfindig zu machen und dabei natürlich zunächst ihre früheren Geschäftspartner ins Visier fasst…

Rezension:

Die Grundidee von Afterparty allein, durch den Konsum einer Droge willentlich und wissentlich eine göttliche Erscheinung hervorrufen zu können, bei der ihrer Natur nach nie abschließend klar ist und wird, ob es sich um eine pure Halluzination handelt oder womöglich doch um eine echte, spirituelle Erfahrung, die durch das Überbrücken oder den besonderen Reiz einzelner Rezeptoren im Gehirn erst ermöglicht wird, ist natürlich herrlich abgefahren, extrem einfallsreich und erfreulich originell, was dem Roman schon eine gute Portion an Vorschusslorbeeren einbringt. Leider muss ich aber auch sagen, dass ich mir tatsächlich doch noch ein wenig mehr von Daryl Gregorys Science-Fiction-Roman erwartet hätte, denn so schmissig und anregend die zugrundeliegende Prämisse auch sein mag, nutzt er das Konzept nicht so vollumfänglich zielführend, wie ich mir das erhofft hätte.

Die Herrlichkeiten der D.I.Y.-Smartdrug-Revolution. Jeder Highschool-Schüler mit einem Chemjet und einer Internetverbindung konnte sich Rezepte runterladen und in kleinem Umfang Drogen drucken. Die kreativen Typen pfuschten gern an den Rezepten rum und probierten sie an ihren Freunden aus. Ständig schluckten Leute irgendwelches Papier, ohne zu wissen, was sie sich da in den Mund schoben. Die Hälfte der Patienten auf der NAT-Station waren keine Süchtigen, sondern Beta-Tester.

Das soll nicht heißen, dass sich Afterparty nicht lohnen und dem geneigten Leser nicht einige spannende und teils regelrecht feingeistige Stunden bescheren würde, wenn über das Konzept von Gott und Religion zu philosophieren begonnen wird, doch beginnt die Story im Grunde als klassische Whodunit-Story, bei der es nach anfänglicher Exposition der Hauptfigur Lyda Rose – aus deren Perspektive weite Teile des Geschehens geschildert werden – die meiste Zeit darum geht, dahinter zu kommen, von wem das Numen in Umlauf gebracht worden ist. Hinzu kommt, dass die Smartdrug-Revolution zum Einsetzen des Romans im Grunde bereits ihr Ende gefunden hat und etabliert ist, wobei sich das aber in der Welt als solchen kaum bemerkbar macht, so dass mir hier ein wenig Hintergrundarbeit gefehlt hat, die die Welt der nahen Zukunft greifbarer, plastischer und spannender gestaltet. Im Grunde nämlich scheint vieles nicht anders zu sein als zu unserer heutigen Zeit, was dann wiederum Dinge wie Miniatur-Bisons, selbstfahrende Autos und nicht zuletzt "Drogen-Drucker" noch fremdartiger und merkwürdiger wirken lässt.

Nichtsdestotrotz hält das Konzept der göttlichen Begleiter durchaus gehörig bei Laune und die bereits nach wenigen Seiten erfolgende Offenbarung, dass es sich bei Lydas betreuender Ärztin Dr. Gloria um eine Engels-Erscheinung handelt, sorgt schon für eine gewisse erzählerische Eigenständigkeit, während Gregory es ebenso versteht, dem Geschehen einen dem Drogen-Thema angemessenen surrealistischen Anstrich zu verpassen und die Geschichte mit zwischen die Kapitel geschobenen Gleichnissen aufzulockern, deren Bewandtnis sich erst ganz zum Schluss erklärt, bei denen es sich aber dem Grunde nach um simple Rückblenden handelt, die Stück für Stück beleuchten, wie Lyda und Konsorten das NME110 aka Numen erschaffen haben.

Todd gab sich alle Mühe, wieder in den Therapeutenmodus zurückzufinden. »Haben Francines Symptome Sie verstört?«
»Wieso?«
»Sie ähnelten sehr Ihren eigenen. Die religiöse Natur ihrer Halluzinationen – «
»Viele Schizos haben religiöse Wahnvorstellungen.«
»Sie war nicht schizophren, jedenfalls nicht von ihrer genetischen Disposition her. Wir glauben, dass sie eine Designerdroge genommen hat.«
»Und welche?«
»Das haben wir noch nicht herausgefunden. Aber bei mir hat es geklingelt, als sie gesagt hat, dass Gott leibhaftig anwesend ist. So haben Sie auch über Ihren Engel gesprochen.«

Über gewisse Längen im Mittelteil allerdings trösten diese Aspekte nicht vollends hinweg und ich bin durchaus der Meinung, dass bei Afterparty einiges an Potential verschenkt worden ist, denn so viele Aspekte das Numen und die Erscheinungen betreffend wie auch die allgemeine Drogenkultur dieser fiktiven Zukunft hätten mich noch weitaus mehr interessiert, als über weite Strecken einer – wenn auch durchaus überzeugend konzipierten – Thriller-Handlung zu folgen. Immerhin im letzten Drittel macht Gregory aber noch einmal gehörig Boden gut, denn hier beginnen sich die Ereignisse zu überschlagen und nehmen teils wirklich unvorhersehbare Wendungen, die mir zu gefallen wussten, während das Ende einerseits abschließend und befriedigend geraten ist, andererseits nicht den Fehler begeht, abschließend die Frage zu beantworten, ob das Numen nun lediglich göttliche Halluzinationen hervorruft oder womöglich doch einen Kanal zu einer höheren Macht aufstößt, der den Nicht-Konsumenten verschlossen bleibt. So handelt es sich trotz kleinerer Abstriche um einen durchaus intelligenten und oft erfreulich einfallsreichen, bewusst mit seinem psychedelisch-surrealistischen Charme kokettierenden Roman, der Freunde eher "andersartiger" Literatur durchaus zu unterhalten wissen sollte.

Fazit & Wertung:

Mit Afterparty legt Daryl Gregory einen gleichermaßen abgedrehten wie intelligenten Science-Fiction-Roman der etwas anderen Machart vor, der sich viel mit dem Wesen des Göttlichen auseinandersetzt und über seine Gleichnisse und Gedankenspiele im selben Maße eine wendungsreiche und spannende Geschichte zu transportieren weiß, die lediglich im Mittelteil mit einigen Längen zu kämpfen hat, derweil ich mir gewünscht hätte, dass die eigentliche Prämisse des Werks eine noch nähergehende Betrachtung erfährt.

7,5 von 10 göttlichen Erscheinungen

Afterparty

  • Göttliche Erscheinungen - 7.5/10
    7.5/10

Kurzfassung

Mit Afterparty legt Daryl Gregory einen gleichermaßen abgedrehten wie intelligenten Science-Fiction-Roman der etwas anderen Machart vor, der sich viel mit dem Wesen des Göttlichen auseinandersetzt und über seine Gleichnisse und Gedankenspiele im selben Maße eine wendungsreiche und spannende Geschichte zu transportieren weiß, die lediglich im Mittelteil mit einigen Längen zu kämpfen hat, derweil ich mir gewünscht hätte, dass die eigentliche Prämisse des Werks eine noch nähergehende Betrachtung erfährt.

7.5/10
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite von FISCHER Tor.

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Afterparty ist am 26.01.17 bei FISCHER Tor erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den folgenden Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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