Review: 88 Namen | Matt Ruff (Buch)

Wow, heute ist es ja noch später geworden mit dem Artikel, während ich mir gestern noch vorgenommen hatte, heute deutlich zeitiger zu Potte zu kommen. Sei es wie es will, ist mein Beitrag aber ja doch noch pünktlich zum heutigen Erscheinen dieses insbesondere für Geeks ungemein empfehlenswerten Buches online gegangen.

88 Namen

88 Names, USA 2020, 336 Seiten

88 Namen von Matt Ruff | © FISCHER Tor
© FISCHER Tor

Autor:
Matt Ruff
Übersetzerin:
Alexandra Jordan

Verlag (D):
FISCHER Tor
ISBN:
978-3-596-70093-6

Genre:
Science-Fiction | Krimi | Thriller

 

Inhalt:

Ein Ausrufezeichen über dem Kopf eines Charakters zeigt, dass er eine Quest für dich hat.
-Tipp im Ladebildschirm von Call to Wizardry

John Chu ist ein erfolgreicher sogenannter Sherpa im MMORPG Call to Wizardry und verbringt seine Zeit damit, in den virtuellen Welten der immensen Spielwelt Klienten dabei zu helfen, bestimmte Achievements zu erreichen oder besonders schwierige Dungeons zu meistern, wobei er auch in andere Spielen bewandert und versiert ist. Eines Tages tritt ein neuer Auftraggeber an ihn heran, der allerdings anonym bleiben möchte und auch wenn John zunächst skeptisch ist und mit sich hadert, lässt ihn die üppige Bezahlung schließlich schwach werden. Dann aber kontaktiert ihn innerhalb der Spielwelt eine dritte Partei und Chu beschleicht ein erster Verdacht, dass es sich womöglich bei seinem neuen Auftraggeber um niemand anderen als Nordkoreas Diktator Kim Jong-un handelt. Unschlüssig, was zu tun und wie weiter zu verfahren ist, holt er sich Verbündete ins Boot und beginnt während der Spiel-Sessions, seine These auf Herz und Nieren zu prüfen…

Rezension:

Als ich Wind davon bekam, dass bei Fischer Tor mit 88 Namen der neue Roman von Matt Ruff erscheinen würde, war ich schnell Feuer und Flamme, ohne überhaupt zu wissen, worum es gehen würde, denn ich bin schon Fan des Autors, seit ich vor einigen Jahren sein vielbeachtetes Debüt Fool on the Hill gelesen habe. Seine letzten Bücher sind mir zwar irgendwie durchgegangen, aber hier bin ich immerhin wieder pünktlich zum Erscheinungstag dabei und kann tatsächlich dieses Buch all jenen empfehlen, die selbst ein Faible für Rollenspiele, Online-Rollenspiele oder Virtual Reality haben. Da liegt der Vergleich zu Ready Player One natürlich nahe und wird tatsächlich sogar im Buch selbst bemüht, doch geht Matt Ruffs Roman durchaus in eine andere Richtung, ganz davon abgesehen, dass er doch eine ganze Spur komischer, satirischer, anarchischer daherkommt. Doch hie wie dort befinden wir uns in der Zukunft, in diesem Fall rund zwei Dekaden, wobei VR längst zum immersiven Erlebnis sondergleichen geworden ist und dementsprechend auch die Branche gewachsen ist. Verständlich, dass John Chu als Sherpa sein Geld verdient und dergestalt tiefgreifendes Verständnis für Spiele aller Art besitzt, was dann auch der Grund sein dürfte, weshalb der mysteriöse Mr. Smith ihn anwirbt, seinen Boss Mr. Jones mit der Welt der MMORPGs (Massively Multiplayer Online Roleplaying Games) vertraut zu machen.

Zwei Männer in Anzügen kommen auf uns zu. Auf den ersten Blick könnte man sie für Anwälte halten, doch dann fallen einem die Handschuhe auf, die sie tragen – sie sind aus blauem Latex, wie diejenigen, die Polizisten anhaben, wenn sie Beweise sichern. Die Handschuhe sind ein Insider, eine Anspielung auf eine Science-Fiction-Serie, die vor meiner Geburt unglaublich beliebt war und die nach nur einer Staffel abgesetzt wurde. Ich bin Nerd genug, um die Anspielung zu verstehen: Die EULA-Cops sollen uns nicht nur virtuell einbuchten. Sie sind Henker.

Das von der Firma Tempest vertriebene Call to Wizardry ist dabei nicht ganz unauffällig stark an Blizzards World of Warcraft angelehnt und auch wenn es nicht vonnöten ist, mit dem spiel vertraut zu sein, um Spaß an 88 Namen zu haben, ist ein wenig Kenntnis der Materie grundsätzlich sicher nicht schlecht, wenn es um Tanks und Loot und dergleichen geht. Das muss jeder für sich entscheiden, doch ich hatte meine helle Freude an diesem "puren Geek-Gold", wie es von Publishers Weekly absolut treffend bezeichnet wurde. Doch auch wenn sich Matt Ruff hier überwiegend durch virtuelle Welten bewegt und vieles auf Rollenspiele und deren Online-Ableger abstellt, ist das noch längst nicht der Kern des Ganzen, denn ihm geht es um die Frage der persönlichen Identität, die im Internetzeitalter – und hier noch einmal zwei Jahrzehnte in der Zukunft – deutlich schwerer zu greifen, zu definieren ist und im Grunde selbst gewählt werden kann, wie auch die 88 Namen – in diesem Fall Spielcharaktere – verdeutlichen, die Protagonist und Ich-Erzähler John Chu sein Eigen nennt.

Es wäre aber nicht Matt Ruff, wenn es nicht auch ein Stück weit anarchisch und zuweilen urkomisch zugehen würde und so schimmert immer wieder auch dessen feiner Humor durch, während sich Chu immer mehr in Intrigen und Rätsel verstrickt, in deren Zentrum eben die Frage steht, ob nicht gar der nordkoreanische Diktator Kim Jong-un es ist, der ihn jüngst als Sherpa engagiert hat. Da darf natürlich ein Querverweis auf den seinerzeit Wellen schlagenden Film The Interview ebenso wenig fehlen, wie Ruff allgemein mit Popkultur-Referenzen um sich schmeißt, die sich – erwartbar – auf beispielsweise Dungeons & Dragons beziehen, aber auch – eher unerwartet – auf Buffy – Im Bann der Dämonen. Mein Herz erobert hat er aber eigentlich schon nach gerade mal zwanzig Seiten, als ein erster Verweis auf Firefly zu finden war, wie in obigem Zitat nachzulesen. Klar, 88 Namen erfindet nichts am Genre wirklich neu und ist kein literarischer Meilenstein, aber eine höchst unterhaltsame und zuweilen durchaus clevere Lektüre für die heutige Zeit, die schlicht ungemein abwechslungsreich und unterhaltsam daherkommt.

Darla hat mich auf allen Social-Media-Plattformen blockiert, aber wenn man auf ihre Facebook-Seite geht, sieht man jemanden, der aussieht wie eine junge Chloë Grace Moretz in Kampfstiefeln und farbbespritztem Flecktarn. Sie sitzt im Schneidersitz im Gras und hat ein Paintball-Gewehr auf dem Schoß. Ihr schweißnasser Pony fällt ihr über die grünen Augen, und ihr Lächeln vermittelt den Eindruck, als wüsste sie viel mehr als du und würde nur darauf warten, dass du endlich eins und eins zusammenzählst.

Zugegeben, gegen Ende scheint dem Autor ein wenig die Puste auszugehen und der ohnehin nicht gerade seitenstarke Band mit seinen kaum mehr als 300 Seiten hätte durchaus noch ein wenig mehr Fleisch auf den Rippen vertragen können, zumal es im letzten Drittel dann doch etwas überhastet wirkt. Die Twists aber funktionieren und das Kernthema um die Frage der (eigenen) Identität ist schön herausgearbeitet, wobei Ruff in unaufgeregter und nonchalanter Manier noch einiges mehr aufs Trapez bringt, was dieser Tage die Internet-Gemeinde umtreibt und sicherlich auch noch in zwanzig Jahren umtreiben wird. Sicherlich, etwas mehr Tiefe hätte nicht geschadet und manches wird wirklich nur gestreift, doch dafür ist 88 Namen ein rundweg gelungener Liebesbrief an die Welt der (Rollen-)Spiele und fiktiven Welten, den Reiz von Popkultur und imaginierten Abenteuern, ein schelmischer, mit viel Liebe verfasster Blick zurück sowie nach vorn, voller Nostalgie und Huldigung, der ohne Frage sein Publikum finden wird.

Fazit & Wertung:

Mit 88 Namen spürt Matt Ruff der Frage nach Identität im Internetzeitalter nach, huldigt vor allem aber den Weiten Multiplayer-Online-Rollenspiele. Ein wenig mehr Tiefe und Umfang hätten dem Werk sicher nicht geschadet, doch bleibt am Ende eine vor allem für Geeks ungemein unterhaltsame und kurzweilige Lektüre voller Anspielungen und anarchischer Einfälle.

8 von 10 Achievements im MMORPG Call to Wizardry

88 Namen

  • Achievements im MMORPG Call to Wizardry - 8/10
    8/10

Fazit & Wertung:

Mit 88 Namen spürt Matt Ruff der Frage nach Identität im Internetzeitalter nach, huldigt vor allem aber den Weiten Multiplayer-Online-Rollenspiele. Ein wenig mehr Tiefe und Umfang hätten dem Werk sicher nicht geschadet, doch bleibt am Ende eine vor allem für Geeks ungemein unterhaltsame und kurzweilige Lektüre voller Anspielungen und anarchischer Einfälle.

8.0/10
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite von FISCHER Tor.

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88 Namen ist am 25.11.2020 bei FISCHER Tor erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den folgenden Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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