Review: Exodus 2727 – Die letzte Arche | Thariot (Buch)

Nur kurz quäle ich mich aus dem weihnachtlichen Fresskoma hoch, um auch heute meine wöchentliche Buch-Rezension zu kredenzen, die sich einmal mehr einem Science-Fiction-Thriller widmet.

Exodus 2727
Die letzte Arche

Exodus 2727, DE 2020, 448 Seiten

Exodus 2727 - Die letzte Arche von Thariot | © FISCHER Tor
© FISCHER Tor

Autor:
Thariot
Übersetzer:
Originalausgabe; entfällt

Verlag (D):
FISCHER Tor
ISBN:
978-3-596-70447-7

Genre:
Science-Fiction | Mystery | Thriller

 

Inhalt:

Die Notbeleuchtung auf der Brücke färbte Wände und Armaturen blutrot, ein Trümmerteil zerfetzte den Körper des Ersten Offiziers und schleuderte dessen sterbliche Überreste als gefrorene Partikel ins All. Das war nicht der richtige Moment, um zu sterben. Jazmin packte zu. Sie hatte keine Ahnung, was ihre Finger umklammerten, aber ihr musste es auch nur gelingen, sich eine Sekunde festzuhalten. Nur eine Sekunde, länger würde es nicht dauern.

Seit nunmehr sieben Jahren ist die USS London auf ihrem Weg ins Alderamin-System, wo die Menschheit eine neue Zivilisation zu gründen gedenkt. Die Reisezeit beträgt 109 Jahre und an Bord befinden sich insgesamt 409 Besatzungsmitglieder, die sich in regelmäßigem Turnus abwechseln, während der Rest von ihnen im Kälteschlaf verweilt Nun erwacht auch Colonel Dr. Jazmin Harper und tritt ihren Dienst als Ärztin an Bord des Schiffes an, doch muss sie schnell feststellen, dass viele der Besatzungsmitglieder mit mehr oder weniger latenten psychischen Problemen zu kämpfen hat, was beispielsweise auch den Sohn von Chef-Techniker Denis miteinschließt, der in eine Art Wahn verfällt, zunächst seinen Vater attackiert und bald auch sich selbst. Doch Denis hat noch Probleme ganz anderer Art, denn bei den routinemäßigen Wartungs- und Reparatur-Einsätzen fallen ihm zunehmend Ungereimtheiten auf, die sich anhand der Logbuch-Einträge nicht erklären lassen. Als sich dann auch noch die von allen nur als "Mutter" bezeichnete Zentral-KI des Schiffs aus unerklärlichen Gründen in Schweigen hüllt, beginnt die Situation zunehmend außer Kontrolle zu geraten…

Rezension:

Ganz so, wie es Dutzende Endzeitgeschichten mit mehr oder weniger verheerter Landschaft und Versorgungsgüterengpässen gibt, gibt es gefühlt auch Dutzende Geschichten, die sich um sogenannte Generationenraumschiffe drehen, die sich aufmachen, neue Welten zu erforschen und der Menschheit fernab ihrer Wiege auf der Erde eine neue Heimat zu bieten, ob es sich dabei um Bücher mit kriminalistischem Einschlag wie The Ark handelt oder Miniseren mit überraschendem Twist wie Ascension. Und irgendwo dazwischen reiht sich nun auch Exodus 2727 – Die letzte Arche ein, das frisch bei Fischer Tor erschienen ist und natürlich aufgrund der Thematik mein Interesse geweckt hat, denn nur, weil es bereits zahllos, ähnlich geartete Geschichten gibt, mag das ja nicht heißen, dass man nicht trotzdem noch überrascht und begeistert werden könnte. Und tatsächlich bietet der Band von Thariot einen fulminant-rasanten Einstieg und wusste mich binnen weniger Minuten zu fesseln, zumal man prompt das Gefühl hat, er würde sich in der Materie auskennen, ohne dass man von wissenschaftlichem Kauderwelsch erschlagen würde. Gleich das erste Kapitel wartet aber vor allem mit einem Twist auf, der bereits früh andeutet, dass an Bord der USS London womöglich einiges nicht so läuft, wie sich das die Besatzung oder auch nur deren Erbauer vorgestellt haben.

»Nein.« Jazmin schluckte. »Die Brücke wurde von einem Meteoriten getroffen.« Der Boden unter ihren Füßen vibrierte. Die USS London war 41 212 Meter lang, das Schiff bot viel Angriffsfläche. Bei einem Flug mit 44 Prozent der Lichtgeschwindigkeit wurden auch winzige Meteoriten zu einer ernsthaften Gefahr.

Diese Art Mystery-Touch ist dabei nicht nur elegant in die Handlung gewoben, sondern zieht sich auch merklich durch und dabei immer weitere Kreise, so dass es zu merkwürdigen Begegnungen wie Entdeckungen kommt, die einerseits aus Sicht von Colonel Dr. Jazmin Harper, andererseits aus Sicht des Chef-Technikers Denis geschildert werden. Und zwischen diesen beiden allein wechselt je Kapitel munter die Perspektive, was einen abwechslungsreichen und umfassenden Einblick in die Abläufe an Bord des Schiffes erlaubt, die allerdings schnell aus dem Ruder zu laufen beginnen. Darüber hinaus wartet Exodus 2727 allerdings noch mit einer Parallelhandlung in der Vergangenheit auf, die sich Atticus Finch Harper widmet. Wem die Namensgleichheit bei ihm und Jazmin bereits aufgefallen ist, der wird sich nicht wundern, dass es sich bei ihnen beiden um zwei von drei Kindern des Schöpfers und Erbauers der USS London handelt, die hier im Zentrum der Ereignisse steht, auch wenn noch ein zweites Schiff, die USS Boston existieren mag, zu deren Besatzung das letzte der Kinder von Harper gehört, die allerdings als Schiff und Handlungsort hier keine Rolle spielt. Hinsichtlich der Vergangenheitshandlung muss ich allerdings auch sagen, dass ich hier gespaltener Meinung bin, denn einerseits reißen diese Passagen immer wieder aus der zunehmend drängender und dramatischer werdenden "Gegenwart" heraus, andererseits wird hier versucht, eine Art Subplot hochzuziehen, den es in letzter Konsequenz kaum gebraucht hätte.

So wirken nicht nur im Rückblick die Ansichten und Taten von Finch trivial und unbedeutend, nein, alles was er – und damit der Leser – im weiteren Verlauf an Informationen erhält, wird auf die eine oder andere Art auch später an Bord der USS London thematisiert, so dass es diesen dramaturgischen Anhang nicht benötigt hätte, um dieselben Informationen aus zwei Warten zu vermitteln. Nach überaus starkem Start nimmt sich Exodus 2727 dabei zunächst ausgiebig Zeit, Rätsel und Mysterien anzuhäufen, die zunehmend undurchsichtig sind, aber eben auch Neugierde und Interesse befeuern. Im letzten Drittel allerdings (und wir sprechen hier von einem kaum mehr als 400 Seiten starken Roman) beginnen sich die Ereignisse zunehmend zu überschlagen, was in Sachen Action und Thrill zwar eine schöne Sache sein mag, doch werden darüber die vielen Rätsel und Ungereimtheiten lange Zeit ad acta gelegt, um sich dem nackten Überleben zu widmen, was zwar nur folgerichtig und logisch ist, der Faszination (für mich) aber gehörigen Abbruch tat.

»Colonel, die Frontaldeflektoren werden bei T minus 262 Sekunden ausfallen!«, meldete Captain Aayana und ließ den Countdown in der Ecke des zentralen Displays anzeigen. Jazmin nickte. Hoffentlich hatte sie nichts übersehen. Jeder Fehler wäre ein Desaster. Wie eine Verrückte tippte sie auf der holographischen Konsole herum. Ja, das würde funktionieren.

Um eine Auflösung ist Thariot freilich dennoch nicht verlegen, nur dass diese erst auf den letzten paar Seiten erfolgt und zwar alles zufriedenstellend auflöst, aber auch wie hinten drangehängt wird, zumal es einer Art Deus Ex Machina bedarf, um alles aufzuklären, anstatt dass es den Protagonisten selbst vergönnt wäre, hinter die Geheimnisse der Arche zu kommen. So hinterlässt Exodus 2727 einen zwiespältigen Eindruck, denn während Schreibstil und Worldbuilding außerordentlich gelungen sind, stolpert die Story zunehmend in dramaturgisches Mittelmaß, auch wenn besagte Auflösung zum Schluss ein wenig zu besänftigen vermag. Nichtsdestotrotz würde ich meinen, dass hier erzählerisch noch mehr drin gewesen wäre, wenn nicht die Tonalität des Erzählten ab einem gewissen Punkt zu einem beinahe ausschließlich actionorientierten Ansatz kippen würde, der zwar für sich genommen ebenfalls rasant und mitreißend formuliert ist, aber eben nicht annähernd dieselbe Faszination zu verströmen vermag, wie es das vielversprechende erste Drittel und der sich daran anschließende, von Mysterien dominierte Mittelteil versprochen haben. Wer sich allerdings dem Thema als solchem ebenso aufgeschlossen fühlt und mal einen etwas anders aufgezogenen Ansatz erleben möchte, dem kann ich Thariots Buch dennoch wärmstens empfehlen, auch wenn man manche Abstriche in Kauf zu nehmen bereit sein muss.

Fazit & Wertung:

Mit Exodus 2727 – Die letzte Arche ist Thariot ein durchaus faszinierender und vor allem vielschichtiger Science-Fiction-Thriller rund um ein Generationenschiff gelungen, dem allerdings zwischen vielversprechend rätselhaftem Auftakt und alles erklärendem und in ein neues Licht rückendem Finale zwischenzeitlich der Fokus abhandenkommt, denn zugunsten von reichlich Action und Thrill werden hier leider die bis dahin so spannenden Kernaspekte der Erzählung über weite Strecken vernachlässigt. Nichtsdestotrotz überzeugen die Prämisse wie auch der Schreibstil, so dass man dem Buch bei einer gewissen Genre-Affinität durchaus Zeit und Aufmerksamkeit widmen sollte.

7,5 von 10 unerklärlichen Begebenheiten an Bord

Exodus 2727 – Die letzte Arche

  • Unerklärliche Begebenheiten an Bord - 7.5/10
    7.5/10

Fazit & Wertung:

Mit Exodus 2727 – Die letzte Arche ist Thariot ein durchaus faszinierender und vor allem vielschichtiger Science-Fiction-Thriller rund um ein Generationenschiff gelungen, dem allerdings zwischen vielversprechend rätselhaftem Auftakt und alles erklärendem und in ein neues Licht rückendem Finale zwischenzeitlich der Fokus abhandenkommt, denn zugunsten von reichlich Action und Thrill werden hier leider die bis dahin so spannenden Kernaspekte der Erzählung über weite Strecken vernachlässigt. Nichtsdestotrotz überzeugen die Prämisse wie auch der Schreibstil, so dass man dem Buch bei einer gewissen Genre-Affinität durchaus Zeit und Aufmerksamkeit widmen sollte.

7.5/10
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite von FISCHER Tor.

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Exodus 2727 – Die letzte Arche ist am 11.12.19 bei FISCHER Tor erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den folgenden Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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