Review: Kollaps – Das Imperium der Ströme 1 | John Scalzi (Buch)

Ein letztes Mal noch in diesem Jahr beehre ich euch mit einer Buch-Kritik, doch nächste Woche – nur eben dann im neuen Jahr – geht es natürlich schon wieder weiter, doch widmen wir uns erst einmal diesem Auftakt-Band einer weiteren, vielversprechenden Reihe.

Kollaps
Das Imperium der Ströme 1

The Collapsing Empire, USA 2017, 416 Seiten

Kollaps - Das Imperium der Ströme 1 von John Scalzi | © FISCHER Tor
© FISCHER Tor

Autor:
John Scalzi
Übersetzer:
Bernhard Kempen

Verlag (D):
FISCHER Tor
ISBN:
978-3-596-29966-9

Genre:
Science-Fiction | Drama | Abenteuer

 

Inhalt:

Seit der Entdeckung der sogenannten Ströme hat sich die Menschheit in der gesamten Galaxis ausgebreitet und zahllose Planeten besiedelt, die jedoch allesamt aufeinander angewiesen sind, um längerfristig überleben zu können. Zentrum dieses Sternenreiches ist der Planet Nabe, in dessen Nähe sich die bedeutendsten Ströme kreuzen und bis in die letzten Winkel des Universums reichen. Hier wiederum wohnt Cardenia Wu-Patrick dem langsamen, aber unvermeidbaren Dahinscheiden des Imperatox bei, mit dessen Tod ihr bedeutsames Erbe besiedelt wird. Unterdessen schickt sich ein junger Wissenschaftler von dem fernen Planeten Ende an, ins Zentrum des Reiches zu reisen und vor einer drohenden Gefahr zu warnen, die niemand sonst zu realisieren scheint, derweil Kiva Lagos als Vertreterin des Hauses Lagos auf ebenjenem Planeten Ende ankommt, um Handel zu treiben, doch der Planet befindet sich im Bürgerkrieg und ihre Güter werden unter fadenscheinigen Gründen abgewiesen, was einen herben Schlag für ihr Haus bedeuten könnte, weshalb sie alles daran setzt, den Verlust auszugleichen…

Rezension:

John Scalzi scheint ja nun kein unbeschriebenes Blatt in der Science-Fiction-Literatur zu sein, doch kenne ich dessen bisherige Werke bislang nicht, was sich nach der Lektüre von Kollaps – Das Imperium der Ströme 1 aber durchaus ändern könnte, denn auch wenn es sich um den Auftakt einer Reihe handelt, was mit ein paar obligatorischen Schwächen einhergeht, auf die ich später gerne noch eingehen möchte, hat mir das Buch doch gehörige Kurzweil bereitet und mich entsprechend neugierig gemacht hat auf sein bisheriges Schaffen, doch das ist freilich ein anderes Thema. Hier nun präsentiert er dem geneigten Leser das namensgebende Imperium der Ströme, wobei deren Konzept natürlich früh in der Geschichte schon grob umrissen wird und als gegeben hingenommen werden muss, wobei Scalzi hier durchaus gehörigen Einfallsreichtum an den Tag gelegt hat, um die Basis seiner Geschichte stimmig und glaubhaft erscheinen zu lassen. Im Kern des Ganzen geht es aber weniger um die Ströme an sich, sondern vielmehr insbesondere die drei Gestalten, die ich bereits in der Inhaltsangabe umrissen habe.

Natürlich gibt es innerhalb der Gilde eine übliche, legale Vorgehensweise für eine Meuterei, ein Protokoll, das seit Jahrhunderten befolgt wird. Demzufolge überreicht ein hochrangiges Besatzungsmitglied, vorzugsweise der Obermaat oder Erste Offizier, vielleicht aber auch der Chefingenieur, Cheftechniker, Chefarzt oder in wahrlich bizarren Fällen der Vertreter des Eigentümers, dem Imperialen Assistenten eine förmliche »Liste mit Beschwerden im Sinne einer Meuterei«, die mit dem Gildeprotokoll übereinstimmt. Daraufhin berät sich der Imperiale Assistent mit dem Leitenden Seelsorger des Schiffs, ruft nötigenfalls Zeugen auf, und dann werden die beiden spätestens nach einem Monat entweder den Sachverhalt einer Meuterei feststellen oder die Verweigerung einer Meuterei bekanntgeben.

Und so unterschiedlich seine verschiedenen Protagonisten auch erscheinen, so differierend ist auch das Leseerlebnis Da hat es einerseits die alsbald frisch gebackene Imperatox Cardenia, die sich in ihrer neuen Rolle und Funktion Grayland II. nennen wird, bei der es überwiegend und hauptsächlich um die politischen Verflechtungen der einzelnen Häuser untereinander geht, derweil ihr zunehmende Attentatsversuche auf Nabe zuzusetzen beginnen und man sie von mehr als einer Seite in eine gewisse Richtung zu schubsen versucht, die dem jeweiligen politischen Kalkül am ehesten von Nutzen wäre. Andererseits – und als direkter Gegenpart zu Cardenia konzipiert – nehmen die Geschicke der jungen Kiva aus dem Hause Lagos gehörigen Raum ein und werden sicherlich in Folgebänden noch weitaus mehr Bewandtnis haben, als es hier der Fall ist, denn ihre Geschichte als Handelsreisende beginnt zugegebenermaßen eher unspektakulär, derweil Scalzi ihre oft doch überraschend vulgäre Art für allerlei humoristische Einlagen nutzt. Überhaupt gelingt es dem Autor, einen oft schrägen, manchmal durchaus derben Humor in seine Handlung zu weben und dennoch eine ernste und ernstzunehmende Geschichte zu erzählen, was mir in dieser Form ausnehmend gut gefallen hat, auch wenn insbesondere Kiva für meinen Geschmack durchaus das eine oder andere Mal ein wenig mehr diplomatisches Geschick an den Tag legen dürfte, doch macht das zumindest ihren Typ unverkennbar.

Zuletzt wäre da noch der gutmütige Wissenschaftler Marce Claremont, der anfänglich eine ziemlich untergeordnete spielt, aber untrennbar mit den Ereignissen verknüpft ist, die dem Band seinen Titel geben, denn wie Kollaps – Das Imperium der ströme 1 erwarten lässt, stehen die Ströme, wie sie in der ganzen Galaxis bekannt und geschätzt sind, kurz vor dem Zusammenbruch, was unweigerlich dazu führen würde, dass viele der kolonisierten Welten dem Vergessen anheimfallen und damit dem Untergang geweiht wären. Inwieweit genau sich diese einschneidende Veränderung in der Infrastruktur des Imperiums bemerkbar machen wird, wird man wiederum freilich erst in den sich anschließenden Büchern erfahren, doch zeichnet nicht nur Marce ein mehr als pessimistisches Bild einer möglichen Zukunft ohne Ströme, zumal Scalzi besonderen Wert darauf legt, deren Bedeutung auch für "uns Außenstehende" begreifbar zu machen.

Inverr öffnete den Mund zu einer Antwort, doch in diesem Moment fiel die Tell Me Another One aus dem Strom und löste eine Reihe von Alarmsignalen aus, die niemand an Bord des Schiffs – weder Gineos noch Inverr – jemals außerhalb einer Trainingssimulation gehört hatte.
Gineos und Inverr standen mehrere Sekunden lang fassungslos da und starrten auf die Alarmmeldungen. Dann gingen beide an ihre Stationen und machten sich an die Arbeit, weil die Tell Me unerwartet aus dem Strom gefallen war, und wenn sie es nicht schafften, wieder hineinzukommen, sah es für sie ohne jeden Zweifel verdammt übel aus.

Um aber noch einmal auf die genannten Schwächen zurückzukommen, ist es natürlich so, dass Scalzi in Kollaps beinahe unverhältnismäßig viel erklären muss, derweil die eigentliche Handlung erst langsam in Gang kommt und dann zu allem Überfluss – wie könnte es auch anders sein – recht offen endet, denn sonst gäbe es ja schließlich in der Fortsetzung nichts mehr zu erzählen. Entsprechend wirkt das Buch nicht in allen Belangen rund und gleichermaßen überzeugend, weil hier doch in vielen Teilen nur die Bühne bereitet wird für spätere, epochalere Ereignisse, derweil man trotz der vielen Erklärungen und Anekdoten auch zum Ende hin das Gefühl nicht abschütteln kann, bisher kaum mehr als einen flüchtigen Blick auf das Imperium der Ströme – oder besser gesagt die Interdependenz – geworfen zu haben, denn viele Häuser wurden bislang kaum namentlich erwähnt und abgesehen von Nabe und Ende scheint der "Zwischenraum" noch merkwürdig schwammig und unstrukturiert, doch macht Scalzis ungewöhnlicher Auftakt ohne Frage Lust auf mehr, was ein untrügliches Zeichen für eine im Großen und Ganzen durchaus überzeugende Science-Fiction-Story ist, die insbesondere durch den ungewohnten Humor durchaus gewinnt.

Fazit & Wertung:

John Scalzi schafft mit Kollaps – Das Imperium der Ströme einen erstaunlich humorigen, gleichzeitig aber dennoch ernsthaften Auftakt einer vielversprechenden Space-Opera, der ein nicht minder faszinierendes Konzept für das Reisen zugrunde liegt, das noch dazu von immenser Bedeutung für die sich entfaltende Geschichte ist, wobei man natürlich darauf gefasst sein sollte, dass die Story vergleichsweise offen und wenig befriedigend ihr Ende findet. Bis zur Fortsetzung wird man sich aber hoffentlich nicht allzu lange gedulden müssen, derweil zu hoffen bleibt, dass Scalzi dort die vielversprechenden Ansätze auch zu verwandeln weiß.

8 von 10 Reisen durch die Ströme

Kollaps – Das Imperium der Ströme 1

  • Reisen durch die Ströme - 8/10
    8/10

Fazit & Wertung:

John Scalzi schafft mit Kollaps – Das Imperium der Ströme 1 einen erstaunlich humorigen, gleichzeitig aber dennoch ernsthaften Auftakt einer vielversprechenden Space-Opera, der ein nicht minder faszinierendes Konzept für das Reisen zugrunde liegt, das noch dazu von immenser Bedeutung für die sich entfaltende Geschichte ist, wobei man natürlich darauf gefasst sein sollte, dass die Story vergleichsweise offen und wenig befriedigend ihr Ende findet. Bis zur Fortsetzung wird man sich aber hoffentlich nicht allzu lange gedulden müssen, derweil zu hoffen bleibt, dass Scalzi dort die vielversprechenden Ansätze auch zu verwandeln weiß.

8.0/10
Leser-Wertung 7.4/10 (5 Stimmen)
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite von FISCHER Tor.

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Kollaps – Das Imperium der Ströme 1 ist am 05.10.17 bei FISCHER Tor erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den folgenden Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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