Review: Dark Matter – Der Zeitenläufer | Blake Crouch (Buch)

So, dann wollen wir uns diese Woche mal wieder einem Science-Fiction-Thriller widmen, den ich auch schon was länger auf der Liste hatte und jetzt relativ spontan eingeschoben habe.

Dark Matter
Der Zeitenläufer

Dark Matter, USA 2016, 416 Seiten

Dark Matter - Der Zeitenläufer von Blake Crouch | © Goldmann
© Goldmann

Autor:
Blake Crouch
Übersetzer:
Klaus Berr

Verlag (D):
Goldmann
ISBN:
978-3-442-48397-6

Genre:
Mystery | Science-Fiction | Thriller

 

Inhalt:

Niemand sagt einem, dass sich alles ändern, einem alles genommen wird. Es gibt keine Warnung, keinen Hinweis darauf, dass man bereits am Abgrund steht. Und vielleicht ist es das, was eine Tragödie so tragisch macht.

Jason Dessen lebt gemeinsam mit seiner Frau Daniela und dem gemeinsamen Sohn Charlie ein einfaches, aber glückliches Leben. Er ist Physikprofessor am College, sie hat ihre Karriere als Künstlerin zugunsten ihres Sohnes hintenangestellt. Es ist ein unaufgeregtes Leben der kleinen Glücksmomente, dessen Wert Jason erst zu schätzen lernen wird, als ihn ein maskierte Mann mit vorgehaltener Waffe entführt. Jason, der nicht weiß, wie ihm geschieht, folgt verängstigt den Forderungen des Mannes, doch der schlägt ihn schlussendlich dennoch nieder. Als Jason erwacht, befindet er sich an einem ihm unbekannten Ort und fremde Menschen umringen ihn. Alsbald kommt er dahinter, dass man ihn als Jason Dessen erkennt, doch halten ihn die Menschen hier für einen begnadeten Wissenschaftler, eine Koryphäe auf ihrem Gebiet. Tatsächlich eine Wendung, die sein Leben hätte nehmen können, hätte er sich damals gegen die schwangere Daniela und seinen ungeborenen Sohn entschieden. Jason braucht dringend Antworten, traut sich aber nicht, gegenüber den anderen Wissenschaftlern zu offenbaren, was ihn umtreibt…

Rezension:

Mein letzter Blake Crouch liegt nun schon eine Weile zurück, doch da mir sowohl dessen Wayward-Pines-Trilogie als auch Gestohlene Erinnerung ausnehmend gut gefallen haben, wurde es allerhöchste Zeit, nun auch noch Dark Matter – Der Zeitenläufer nachzuholen, wobei der deutsche Untertitel – das nehme ich gleich mal vorweg – reichlich irreführend und faktisch falsch ist. Eigentlich geht es nämlich mehr um eine Theorie vieler, paralleler Welten, denn jede Entscheidung im Leben, jeder Abzweig, erschafft im Grunde eine alternative Realität. Das muss Protagonist Jason bereits früh in der Handlung erfahren, als er aus seinem gewohnten Umfeld gerissen wird und hierbei Frau und Kind zurücklässt, um sich in einer ihm gänzlich unbekannten Umgebung wiederzufinden. Der grobe Tenor des Buches ist dabei so offensichtlich, dass ich die Nennung des Multiversums nicht als Spoiler werten würde, zumal man als Leser relativ früh einen signifikanten Wissensvorsprung gegenüber Jason hat, wenn es darum geht zu ergründen, was ihm widerfährt und wohin es ihn verschlägt.

Ich drehe mich nicht mehr um.
Ich verabschiede mich nicht.
Auch dieser Augenblick vergeht unbemerkt.
Das Ende von allem, was ich kenne, allem, was ich liebe.

Entsprechend ist tatsächlich der Auftakt von Dark Matter nicht im eigentlichen Sinne sonderlich spannend, was sich aber recht schnell ändert, wenn eben auch Jason dahinterkommt, wo er sich befindet und sich anschickt, zu seiner geliebten Dani und dem gemeinsamen Sohn Charlie heimzukehren. Bezüglich der weiteren Story-Schwenker will ich dann aber wiederum nichts vorwegnehmen, zumal man das besser selbst erlebt haben sollte und es dem Autor gelungen ist, mich mehrere Male merklich zu überraschen. Dabei zeichnet sich auch dieses Buch von Crouch durch eine vergleichsweise einfach gehaltene Sprache aus und komplizierte Schachtelsätze sind mitnichten sein Ding, was aber nicht heißt, dass es nicht inhaltlich spannend und interessant würde, zumal er sich eben auf spezifische Theorien stützt, auch wenn deren Umsetzung hier natürlich ein wenig die gern bemühte "willentliche Aussetzung der Ungläubigkeit" fordern wird. Vor allem anderen ist nämlich auch dieser Roman wieder Science-Fiction-Thriller und so kommt man nach vergleichsweise gemächlichem Einstieg bald nicht mehr zum Luft holen, während die Seiten nur so dahinfliegen.

Dabei ist Protagonist Jason außerordentlich gelungen skizziert, zumal der sich bald in einem Spannungsverhältnis existenzieller Fragen wiederfindet, die darum kreisen, was ihn als Person eigentlich ausmacht, worüber er seine eigene Identität definiert und was im Leben ihn zu dem Menschen hat werden lassen, der er ist, im Umkehrschluss aber auch, was aus ihm hätte werden können, hätte er sich anders entschieden. So liefert Blake Crouch einmal mehr nicht nur glänzende Unterhaltung, sondern auch eine Lektüre, die zum Nachdenken anregt, derweil manche der Gedankenspiele hier in ihrer Konsequenz und Kompromisslosigkeit auch regelrecht beängstigend anmuten. Was die Dramaturgie von Dark Matter angeht, kann man sicherlich ein Härchen in der Suppe finden und nicht alles macht bei näherer Betrachtung unbedingt Sinn oder wird restlos aufgeklärt, doch muss sich eben manche Kleinigkeit dem großen Ganzen unterwerfen, damit der Plot funktioniert. So wirkt dieses 2016 erschienene Werk beispielsweise noch nicht so ausgereift wie etwa sein jüngster großer Wurf Gestohlene Erinnerung, der mich quasi restlos begeistert hat, lässt aber schon viele der dort weiter behandelten Ansätze bereits deutlich erkennen.

Er tritt mir in den Bauch, und während mir die Luft aus der Lunge weicht, falle ich auf den Rücken. Er stürzte sich auf mich, schiebt mir den Lauf der Waffe zwischen die Lippen, in den Mund, tief hinunter in die Kehle, bis der Geschmack von altem Öl und Kohlenstoffresten stärker ist, als ich ertragen kann.
Zwei Sekunden bevor ich den Wein und den Scotch dieses Abends über den Boden erbreche, zieht er die Waffe wieder heraus.

Dabei besticht der Roman nicht einmal unbedingt vordergründig mit seinen Science-Fiction-Elementen, sondern vielmehr an der spürbaren, glaubhaften Verbindung zwischen Jason und Dani, so dass es im Kern für ihn die gesamte Zeit darum geht, seine große Liebe zurückzugewinnen, womit sich auch viele identifizieren können dürften, die sich vielleicht sonst nicht so in der Science-Fiction zu Hause fühlen. Entsprechend kann ich auch für Dark Matter eine uneingeschränkte Empfehlung aussprechen, auch wenn sich der Beginn eine wenig dadurch zieht, dass man im Gegensatz zu Jason schon ziemlich genau weiß, wie der Hase läuft und wohin die Reise geht. Die sich anschließenden, einfallsreichen Schilderungen, Ereignisse und Wendungen trösten allerdings locker darüber hinweg, zumal sich Crouch im letzten Drittel noch einmal selbst übertrifft und ein regelrechtes Schreckensszenario aufs Papier bringt, aus dem es zunächst keinen Ausweg zu geben scheint. Clever konzipiert, kurzweilig inszeniert, sprachlich gelungen und inhaltlich einfallsreich, entwickelt sich dieses Buch schnell zu einem echten Page-Turner.

Fazit & Wertung:

Blake Crouch offeriert mit Dark Matter – Der Zeitenläufer eine Art Gedankenexperiment, das nicht nur mit dem vorherrschenden Thrill überzeugt, sondern auch inhaltlich punktet, wenn sich der Protagonist existenziellen Fragen stellen muss, wodurch sich seine Identität und Individualität definiert. Sollte man als Science-Fiction-Fan auf keinen Fall auslassen.

9 von 10 Bezugspunkte der eigenen Identität

Dark Matter – Der Zeitenläufer

  • Bezugspunkte der eigenen Identität - 9/10
    9/10

Fazit & Wertung:

Blake Crouch offeriert mit Dark Matter – Der Zeitenläufer eine Art Gedankenexperiment, das nicht nur mit dem vorherrschenden Thrill überzeugt, sondern auch inhaltlich punktet, wenn sich der Protagonist existenziellen Fragen stellen muss, wodurch sich seine Identität und Individualität definiert. Sollte man als Science-Fiction-Fan auf keinen Fall auslassen.

9.0/10
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite von Goldmann. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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Dark Matter – Der Zeitenläufer ist am 15.07.19 bei Goldmann als Taschenbuch erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

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