Review: Autorität – Southern-Reach-Trilogie 2 | Jeff VanderMeer (Buch)

Heute wird es mal wieder gehörig mysteriös, denn ich lade euch erneut ein, mich nach Southern Reach zu begleiten, denn diesmal widme ich mich dem zweiten Teil der gleichnamigen Trilogie, die ich im Moment regelrecht zu inhalieren scheine, so sehr fesselt mich, was Jeff VanderMeer hier zu Papier gebracht hat.

Autorität
Southern-Reach-Trilogie 2

Authority, USA 2014, 368 Seiten

Autorität - Southern-Reach-Trilogie 2 von Jeff VanderMeer | © Droemer Knaur
© Droemer Knaur

Autor:
Jeff VanderMeer
Übersetzer:
Michael Kellner

Verlag (D):
Droemer Knaur
ISBN:
978-3-426-51805-2

Genre:
Science-Fiction | Mystery

 

Inhalt:

Sein erster Arbeitstag war noch keine vier Stunden alt, und schon fühlte er sich von dem schäbigen, seltsamen Gebäude wie verseucht, von dem abgewetzten grünen Teppichboden und den angestaubten Ansichten des Personals, soweit er es kennengelernt hatte. Alles war von einem Gefühl des Niedergangs durchdrungen, sogar die Sonnenstrahlen, die müde durch die hochgelegenen, rechteckigen Fenster fielen.

John Rodriguez, der von seinen Kollegen bevorzugt "Control" genannt werden möchte, findet sich als neuer Direktor im Southern Reach Institut ein, hat jedoch kaum Zeit, sich mit den dortigen Gegebenheiten vertraut zu machen, denn bereits am ersten Tag erfährt er, dass die Biologin, die Landvermesserin und die Anthropologin – drei der vier Teilnehmerinnen der letzten Expedition – diesseits der Grenze zu Area X an ihren jeweiligen Wohnorten – beziehungsweise im Fall der Biologin auf einem leerstehenden Grundstück – aufgegriffen und in Gewahrsam genommen worden sind. Ohne sich also auch nur annähernd mit dem Rätsel um Area X vertraut gemacht zu haben, nimmt Control seinen neuen Job auf und beginnt, sich voller Eifer durch die zunehmend kryptischer werdenden Notizen seiner Vorgängerin zu arbeiten, während er verzweifelt versucht, sich ein eigenes Bild von der Lage zu machen. Doch nicht nur seine Unterredungen mit der merkwürdig verschlossenen Biologin werfen dabei im Grunde mehr Fragen auf, als sie zu beantworten vermögen…

Rezension:

Nachdem ich jüngst – und voller Vorfreude auf den baldig bei Netflix erscheinenden Film Auslöschung von Alex Garland (Ex Machina) – mit der Southern Reach-Trilogie und somit Auslöschung begonnen habe, war ich nun mehr als gespannt, wie Jeff VanderMeer die Geschichte in Autorität fortführen würde, war ich schließlich bereits im Vorfeld im Bilde, dass es mitnichten mit und aus der Sicht von der Biologin weitergehen würde, die sich als Teil einer vierköpfigen Expedition in die geheimnisumwitterte Area X aufgemacht hat, um Wesen, Art und Beschaffenheit dieses unerklärlichen Ortes zu ergründen. Hier nun bekommen wir also stattdessen John Rodriguez als Protagonisten vorgesetzt, der jüngst als neuer Direktor im Southern Reach Institut eintrifft und tatsächlich beinahe genauso wenig Ahnung zu haben scheint, was dort eigentlich vorgeht und warum. Interessant auch, dass die Figur zwar einen Namen spendiert bekommt, sich gerne aber fortan als "Control" bezeichnet sehen möchte, so dass man in den seltensten Fällen mit dem "echten" Namen der Figur konfrontiert ist, sondern diese – ganz wie im Vorgänger – im Grunde rein auf ihre Funktion begrenzt wird.

Warum ein leeres Grundstück? Das fragte er sich, seit er am Vormittag das Überwachungsvideo gesehen hatte. Warum war die Biologin bei ihrer Rückkehr zu einem leeren Grundstück gegangen und nicht in ihr Haus? Die beiden anderen waren an einen Ort zurückgekehrt, an den sie eine persönliche, eine emotionale Bindung hatten. Aber die Biologin hatte stundenlang auf diesem verwilderten Grundstück gestanden, ohne irgendeine Reaktion auf ihre Umwelt zu zeigen.

Die Kontrolle allerdings, die "Control" auszuüben meint, entpuppt sich recht bald als fragwürdig und regelrecht fragil, denn wie gesagt lassen auch ihn die langjährigeren Mitarbeiter von Southern Reach weitestgehend im Dunkeln tappen, was sich insbesondere auf die stellvertretende Direktorin bezieht, die ihm nicht gerade gewogen zu sein scheint, handelt es sich schließlich bei seiner Vorgängerin tatsächlich um die aus dem ersten Band bekannte Psychologin, die sich als Teil der Expedition ebenfalls nach Area X gewagt hat und niemals von dort zurückgekehrt ist. Allerdings erfahren wir immerhin – ebenfalls gleich zu Beginn von Autorität, dass die anderen drei Expeditionsteilnehmerinnen, mit ihnen also auch die Biologin – unlängst aufgegriffen worden sind, ganz so, wie es auch schon nach der elften Expedition vonstattenging. Control kann sich diesbezüglich natürlich kaum einen Reim machen und stolpert ebenso unbedarft durchs Unbekannte wie der geneigte Leser, obschon man dank der Kenntnis der Geschehnisse des Vorgänger-Bandes tatsächlich sogar einen kleinen Wissensvorsprung besitzt.

So empfand ich aber tatsächlich – und dieser Frage galt meine größte Sorge vor der Lektüre – Autorität zu keinem Zeitpunkt weniger spannend als den ersten Band der Reihe, zumal sich abzuzeichnen beginnt, dass VanderMeer (hoffentlich) einem übergeordneten Masterplan folgt und sich im dritten und finalen Band Akzeptanz noch einige Antworten finden lassen werden, die man hier wenn überhaupt ebenfalls nur häppchenweise geliefert bekommt. Tatsächlich aber zieht auch dieser Vertreter der Reihe seine Faszination aus dem Unbekannten und daraus, wie falsch man Southern Reach doch nach den wenigen Erwähnungen eingeschätzt zu haben scheint, denn die mysteriöse Behörde ist mitnichten so allwissend oder einflussreich, wie man die Expeditionsteilnehmerinnen – und damit uns – hat glauben machen wollen. Dabei gelingt dem Autor vor allem der Wechsel von alltäglichen Betrachtungen und Überlegungen hin zu regelrecht phantasmagorischen Einschüben und regelrecht unwirklichen Begebenheiten, deren konkrete Hintergründe wie gesagt auch hier nicht annähernd offenbar werden, wobei es im Grunde schon erstaunlich ist, wie zusammenhängend und aus einem Guss die beiden ersten Bände doch wirken, obwohl sie sich nicht nur hinsichtlich ihres Protagonisten, sondern auch strukturell und inhaltlich unterscheiden.

In den Abschriften, die nach ihrer Rückkehr entstanden waren, war der Geist spürbar. In den Leerstellen hatten sich Dinge gezeigt, die Control zögern ließen, die Worte laut auszusprechen, aus Angst, dass er den Unterton und die versteckten Bezüge doch nicht völlig verstanden hatte. Die distanzierte Beschreibung einer Distel … die Erwähnung eines Leuchtturms. Ein Satz oder zwei zu den Eigenarten des Lichts über den Marschen in Area X. Nichts davon hätte ihm so an die Nieren gehen sollen, aber er spürte ihre Anwesenheit, irgendwie, als würde sie hinter ihm stehen und ihm über die Schulter schauen. In den Interviews mit den anderen Expeditionsteilnehmern hatte er nichts dergleichen gespürt.

Bindeglied hierbei ist natürlich zuvorderst die Figur der Biologin, von der wir als ins Bild gesetzte Leser wissen, dass es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um eine Art Kopie oder Klon handeln muss, weshalb man sich bei der Lektüre und speziell in den Gesprächen zwischen Control und Biologin oftmals selbst ermahnen muss, nicht die von der Figur bekannten Wesenszüge auf diesen Doppelgänger zu projizieren, der ein bewusst erzeugtes Konstrukt von Area X sein mag, wobei schon dieser Gedankengang Rätsel dahingehend aufgibt, ob und woher ein noch so mysteriös erscheinender Landstrich eine solche Art der Intelligenz haben mag, um sozusagen die menschliche Gesellschaft zu infiltrieren. Diesen Ansätzen geht freilich auch Autorität teilweise nach und hat mich in seiner eigenwilligen Schreibe und dem zunehmend alptraumhafter werdenden Szenario erneut voll und ganz in seinen Bann schlagen können, wie ich es – den Vorgänger ausgenommen – lange nicht mehr erlebt habe, was mitunter daran liegen mag, dass VanderMeer nicht nur ein paar kryptische wie eindrückliche Bilder für seine Visionen findet, sondern ich mich auch sehr gut in den zunehmend an seiner Unwissenheit verzweifelnden Control habe hineinversetzen können, der wirklich bemüht ist, ein umfassendes Bild des Wesens von Area X und der ominösen, das Areal umschließenden Grenze zu zeichnen, dabei aber allerorten auf taube Ohren und vornehmliche Ignoranz trifft, bis sich Schicht um Schicht herausarbeiten lässt, dass die einzelnen Abteilungen und Mitarbeiter von Southern Reach mitnichten einem Kredo der bewussten Informationszurückhaltung folgen, sondern selbst oft kaum im Bilde sind, welchem Geist sie hier eigentlich nachzujagen gedenken. Dabei ergeben sich nicht nur interessante Zusammenhänge hinsichtlich der Psychologin (und früheren Direktorin), des Leuchtturms und nicht zuletzt der Biologin, nein, der Band endet auch noch mit einem absolut faszinierenden, merkwürdigen, wie mutigen Schritt, der mich erneut voller Spannung dem Abschlussband entgegenfiebern lässt, auch wenn mir durchaus bewusst ist, dass mit dessen Lektüre im Grunde die gesamte Reihe steht und fällt, weshalb ich inständig hoffe, dass VanderMeer auch für das Finale seiner Trilogie einen ähnlich überzeugenden Ansatz findet wie hier.

Fazit & Wertung:

Mit Autorität geht Jeff VanderMeer in seiner Southern-Reach-Trilogie gänzlich neue Wege und stellt statt der Biologin aus Area X den neuen Direktor des Southern Reach Instituts in den Fokus der Erzählung, der sich selbst Control nennt, dem aber selbige zunehmend zu entgleiten droht, während er tiefer und weiter in die das mysteriöse Areal umgebenden Geheimnisse eintaucht, die ihn zunehmend an seiner Mission und nicht zuletzt dem Southern Reach Institut zweifeln lassen, während der Einfluss von Area X sich langsam aber merklich auszuweiten beginnt. Ein erneut ungemein packendes, faszinierendes, phantasmagorisches Abenteuer, dem sich hoffentlich ein nicht minder überzeugender Finalband anschließen wird.

9 von 10 Gänzlich unbekannten Vertretern von Flora und Fauna

Autorität - Southern-Reach-Trilogie 2

  • Gänzlich unbekannte Vertreter von Flora und Fauna - 9/10
    9/10

Fazit & Wertung:

Mit Autorität geht Jeff VanderMeer in seiner Southern-Reach-Trilogie gänzlich neue Wege und stellt statt der Biologin aus Area X den neuen Direktor des Southern Reach Instituts in den Fokus der Erzählung, der sich selbst Control nennt, dem aber selbige zunehmend zu entgleiten droht, während er tiefer und weiter in die das mysteriöse Areal umgebenden Geheimnisse eintaucht, die ihn zunehmend an seiner Mission und nicht zuletzt dem Southern Reach Institut zweifeln lassen, während der Einfluss von Area X sich langsam aber merklich auszuweiten beginnt. Ein erneut ungemein packendes, faszinierendes, phantasmagorisches Abenteuer, dem sich hoffentlich ein nicht minder überzeugender Finalband anschließen wird.

9.0/10
Leser-Wertung 9.5/10 (2 Stimmen)
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite von Droemer Knaur.

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Autorität – Southern-Reach-Trilogie 2 ist am 02.05.17 bei Droemer Knaur erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den folgenden Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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