Review: Auslöschung (Film)

Dass ich mir diesen Film umgehend ansehen würde, kaum, dass er verfügbar ist, daran hat ja wohl niemand gezweifelt und folgerichtig muss ich nun heute ganz dringend auch von Alex Garlands neuem Film erzählen!

Auslöschung

Annihilation, UK/USA 2018, 115 Min.

Auslöschung | © Netflix
© Netflix

Regisseur:
Alex Garland
Autoren:
Alex Garland (Drehbuch)
Jeff VanderMeer (Buch-vorlage)

Main-Cast:

Natalie Portman (Lena)
Jennifer Jason Leigh (Dr. Ventress)
Gina Rodriguez (Anya Thorensen)
Tessa Thompson (Josie Radek)
Tuva Novotny (Cass Sheppard)
Oscar Isaac (Kane)

Genre:
Science-Fiction | Mystery | Thriller

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Auslöschung | © Netflix
© Netflix

Ein Jahr ist vergangen, seit Lenas Ehemann auf eine ihr unbekannte Mission aufgebrochen ist und sie niemals wieder von ihm gehört hat. Just als Lena beginnt, das gemeinsame Schlafzimmer neu zu streichen, steht ihr Mann Kane unvermittelt in der Tür, wenn auch wortkarg und regelrecht lethargisch wirkend. So erinnert er sich weder, wo er gewesen, noch, wie er nach Hause gekommen ist. Kurz drauf bricht Kane zusammen und die gleichermaßen verzweifelte wie irritierte Lena ruft den Notarzt, doch auf dem Weg ins Krankenhaus werden sie von einigen SUVs abgepasst und Lena findet sich in einer Art Zelle wieder, die – wie sich später herausstellen soll – Teil des Southern Reach Institutes ist. Die Biologie-Professorin Lena erfährt, dass ein Gebiet an der Küste auf unerklärliche Art kontaminiert worden und von einem merkwürdigen Schimmer umgeben ist und dass ihr Mann Kane Teil der letzten Erkundungsmission gewesen ist und gleichsam der bislang einzige, der aus dem als Area X titulierten Gebiet jemals zurückgekehrt ist. Um herauszufinden, was ihrem Mann zugestoßen sein mag, erklärt sich Lena gegenüber der Psychologin Dr. Ventress bereit, die nächste Expedition zu begleiten und kurz drauf bricht ein aus fünf Frauen bestehendes Team auf, um in die Sperrzone nahe der Küste vorzudringen, doch kaum innerhalb des Schimmers angelangt, beginnen die Merkwürdigkeiten und Gefahren sich zu häufen…

Rezension:

Pünktlich zur gestrigen Premiere auf Netflix habe ich mich nach langer Vorfreude umgehend an die Sichtung von Auslöschung begeben und auch wenn man sich darüber streiten können mag, ob man ein Werk solch visueller Güte nicht besser auf der großen Kinoleinwand hätte genießen können, bin ich persönlich sehr froh gewesen, es mir auf der Couch gemütlich machen und diesen neuesten Streich von Alex Garland genießen zu können, der sich nicht erst mit Ex Machina seine Meriten verdient hat, mit diesem seinen Regie-Debüt in meinen Augen aber prompt eine Art modernen Science-Fiction-Klassiker geschaffen hat. In Anbetracht dessen, dass ich auch von der gesammelten Southern Reach-Trilogie seitens Jeff VanderMeer schwer begeistert gewesen bin und deren erster Band Auslöschung für den Film Pate gestanden hat, hätten also meine Erwartungen kaum höher sein können, doch gelingt es Garland tatsächlich, sein hohes Niveau zu halten, was mitunter daran liegen mag, dass er sich eben nicht sklavisch an die literarische Vorlage klammert, sondern aus den Eckpfeilern der Story ein gänzlich eigenständiges, aber nicht minder überzeugendes Werk zu kreieren versteht.

Szenenbild aus Auslöschung | © Netflix
© Netflix

So nimmt Garland in seiner Leinwandfassung der Ereignisse tatsächlich vieles vorweg, was erst in den nachfolgenden Bänden näher umrissen worden ist, ändert aber andererseits auch so einiges, um ein zugänglicheres Seherlebnis zu schaffen und seine phantasmagorische Mär nicht mit Mysterien zu überfrachten, derer es dennoch freilich genug gibt und die einen oftmals regelrecht psychedelischen Trip ergeben. Dabei spielt natürlich insbesondere Natalie Portman (Knight of Cups) als Hauptfigur Lena bravourös auf und gib nicht nur eine großartige Variante der unzuverlässigen Erzählerin zum Besten, sondern weiß gleichermaßen als Biologin, Ex-Militär und Ehefrau zu begeistern, was so ziemlich die gesamte emotionale Bandbreite abdeckt und sie zu einem oszillierenden Fixpunkt in einem sich zunehmend von der gewohnten Realität entfernenden Paralleluniversum macht, dessen Mysterien und Mutationen zwar nicht annähernd umfänglich aufgelöst werden, vielleicht aber gerade deshalb die wohl beste filmische Version von Area X ergeben, die man sich hat wünschen können. Dieser dominanten Präsenz seitens Portman hat zwar Jennifer Jason Leigh (The Hateful 8) als undurchsichtige wie zunehmend manischer werdende Psychologin Dr. Ventress wenig entgegenzusetzen, weiß in der Ausgestaltung ihrer Rolle aber ebenfalls zu gefallen, zumal recht schnell deutlich wird, dass es sich eben um die Geschichte von Lena handelt und die weiteren Expeditionsteilnehmerinnen im weiteren Sinne nur Staffage darstellen.

Szenenbild aus Auslöschung | © Netflix
© Netflix

Ansonsten changiert Auslöschung auf gleich drei Zeitebenen und schildert sowohl die Zeit vor sowie im als auch nach dem Schimmer, wobei das Geschehen als eine Art großer Rückblende in Form einer Befragung zum Besten gegeben wird und sich wiederum in einzelne Kapitel gliedert, die den Stationen der Reise vom Southern Reach Institut hinein in den Schimmer und bis hin zum Leuchtturm nachempfunden sind. Der Umstand aber, dass der Fokus der Erzählung jederzeit auf den sich in Area X zutragenden Ereignissen liegt und die zeitversetzten Einschübe meist nur wenige Momente umfassen, lässt aber auch die sich vom Moment des Betretens der Sperrzone unterschwellig, aber unaufhaltsam entfaltende Atmosphäre von Bedrohung, Fremdartigkeit und grausamer Schönheit nie verflachen oder verwässern, derweil man meint, in beinahe jeder Szene und Einstellung Hinweise und Brotkrumen zu finden, die das Verständnis des Film erleichtern würden oder schlicht irritieren, wenn man da an Lenas prägnantes Tattoo der sich selbst verzehrenden Schlange Ouroboros denken mag (jüngst im Kontext von Altered Carbon schon bei Netflix zu sehen gewesen) denken mag, die einem hier an den unmöglichsten Orten und irritierendsten Momenten begegnet und viel darüber aussagt, welchen Grundgedanken und Ansätzen Garland hier auf der Spur ist.

Dabei soll Alex Garland selbst gesagt haben, an die Verfilmung des Stoffes als eine Art "Traum von dem Buch" herangegangen zu sein und das merkt man in vielen Belangen bei Kenntnis der Vorlage deutlich, so dass einem vieles bekannt vorkommen mag, der Regisseur und versierte Drehbuchschreiber aber auch vielerorts zu überraschen weiß und gleichermaßen bedrohliche wie faszinierende Natur entwirft, die von namenlosen Schrecken wie auch von wunderschöner Vegetation geprägt wird. Umso drastischer fallen diesbezüglich natürlich auch die wenigen, aber wohlgesetzten Body-Horror-Momente aus, derer Garland sich bedient, um die Intensität der von vornherein scheinbar zum Scheitern verdammten Expedition in neue Höhen schnellen zu lassen, was mit einem zunehmend irrationaler werdenden Verhalten der Teilnehmerinnen einhergeht, doch als wären drei Zeitebenen nicht ohnehin schon genug, weiß sich der Filmemacher mancher Videoaufzeichnung zu bedienen, um nach und nach zumindest einige Schlaglichter der vorangegangenen Expedition zu beleuchten, in denen natürlich insbesondere Oscar Isaac (A Most Violent Year) als Lenas Ehemann zu begeistern versteht, der sicherlich nicht von ungefähr den Namen Kane – also eine Variation des biblischen Kain – verliehen bekommen hat, während die Protagonisten in VanderMeers literarischer Vorlage gänzlich namenlos bleiben und rein durch ihre Funktion definiert werden.

Szenenbild aus Auslöschung | © Netflix
© Netflix

Zum Ende hin – namentlich in rund der letzten halben Stunde – geht Garland mit seiner Interpretation von Auslöschung noch einmal über alles hinaus, was ich mir von einer Verfilmung des Stoffes habe erwarten können und emanzipiert sich schließlich vollends von der Vorlage, um eine Auflösung und ein Ende zu schaffen, wie es gleichermaßen konsequenter als auch offener kaum hätte sein können und das allein atmosphärisch – nicht unmaßgeblich dank des grandiosen Scores seitens Ben Sallisbury und Geoff Barrow (die neben Ex Machina auch schon Free Fire musikalisch veredelt haben) – den Film regelrecht auf eine neue Stufe hebt. Zum Meisterwerk mag es zwar nicht ganz reichen, weil sich Garlands Skript dann doch ein paar dramaturgische Unpässlichkeiten leistet, die sich nur schwer mit einem doch eigentlich bestens vorbereiteten und versierten Forscherinnen-Team vereinbaren lassen, doch die schiere erzählerische wie inszenatorische Wucht, die wild mäandernden Ideen-Kaskaden und der Hauch des Transzendentalen, die dieser immer entrückter und unwirklicher werdende Erzählung umwehen, sollten hierbei ihr Übriges tun, um über solche Kleinigkeiten wohlwollend hinwegsehen zu lassen.

Fazit & Wertung:

Mit Auslöschung schließt Alex Garland nahtlos an sein nicht minder beeindruckendes Regie-Debüt an und begnügt sich mitnichten damit, die eigentlich als unverfilmbar einzustufende Geschichte von VanderMeer auf die Leinwand zu übertragen, sondern fügt dem Stoff gehörig eigene Facetten und Ideen hinzu, die regelrecht nach einer mehrfachen Sichtung schreien, zumal allein die visuelle Ausgestaltung des Schimmers wie auch der unwirklichen Area X ihresgleichen suchen und im weiteren Verlauf eine eindringliche, phantasmagorische Atmosphäre heraufbeschwören, die in nicht wenigen Momenten mit einem regelrecht beklemmenden Gefühl vor dem Bildschirm kauern lässt.

9 von 10 unerklärlichen Mutationen

Auslöschung

  • Unerklärliche Mutationen - 9/10
    9/10

Fazit & Wertung:

Mit Auslöschung schließt Alex Garland nahtlos an sein nicht minder beeindruckendes Regie-Debüt an und begnügt sich mitnichten damit, die eigentlich als unverfilmbar einzustufende Geschichte von VanderMeer auf die Leinwand zu übertragen, sondern fügt dem Stoff gehörig eigene Facetten und Ideen hinzu, die regelrecht nach einer mehrfachen Sichtung schreien, zumal allein die visuelle Ausgestaltung des Schimmers wie auch der unwirklichen Area X ihresgleichen suchen und im weiteren Verlauf eine eindringliche, phantasmagorische Atmosphäre heraufbeschwören, die in nicht wenigen Momenten mit einem regelrecht beklemmenden Gefühl vor dem Bildschirm kauern lässt.

9.0/10
Leser-Wertung 6.43/10 (7 Stimmen)
Sende

Auslöschung ist seit dem 12.03.18 exklusiv bei Netflix verfügbar.

vgw

Kommentare (3)

  1. Der Kinogänger 13. März 2018
  2. Sandra Wiegratz 14. März 2018
  3. Silvio Betschart 21. März 2018

Hinterlasse einen Kommentar