Review: Raven – Blutauge | Giles Kristian (Buch)

Bereits seit April im Handel, bin ich nun endlich auch dazu gekommen, mich dem Auftakt des nächsten Wikinger-Epos von Giles Kristian zu widmen, wobei die Geschichte von Raven eigentlich lange vor der Sigurd-Saga veröffentlicht worden ist. Stört freilich bei der Lektüre überhaupt nicht, sondern wertet den Band teils sogar auf. Aber hey, lest doch einfach selbst beziehungsweise weiter!

Raven
Blutauge
Raven-Saga 1

Raven: Bloodeye, UK 2010, 480 Seiten

Raven - Blutauge von Giles Kristian | © Heyne
© Heyne

Autor:
Giles Kristian
Übersetzer:
Wolfgang Thon

Verlag (D):
Heyne
ISBN:
978-3-453-47162-7

Genre:
Historie | Action | Abenteuer

 

Inhalt:

Als wären sie aufgerufen worden, die Schatten zu vertreiben, lodern die Flammen im Herd erneut auf. Die Gesichter von Männern werden in dem roten Schein lebendig. Sie sind bereit. Begierig. Also hole ich tief Luft. Und beginne.

Der junge Osric – von allen nur "Blutauge" genannt – lebt ein einfaches und entbehrungsreiches Leben in einem englischen Dörfchen namens Abbotsend, bis zu dem Tag zumindest, als eine Schar blutdürstiger und brandschatzender Nordmänner an der Küste anlandet und ausgerechnet er sie nach Abbotsend führt. Schnell laufen die Dinge aus dem Ruder und die Bewohner des Ortes werden von den kampferprobten Kriegern niedergemetzelt, derweil ihr Anführer, Jarl Sigurd, in Osrcis blutrotem Auge ein Zeichen von Allvater Odin sieht, weshalb er den Jungen unter seine Fittiche nimmt. Der findet sich wieder inmitten einer Gemeinschaft aus ruppigen Kriegern und heidnischen Gottesanrufungen, doch Neugierde und Abenteuerlust lassen ihn immer mehr Teil der illustren Gemeinschaft um Sigurd werden, zumal er bislang nirgends so akzeptiert worden ist wie unter den heidnischen Kriegern, wobei das nicht der einzige Grund ist, weshalb er sich den Nordmännern verbunden fühlt. So schließt er sich bereitwillig der Kriegerschar an, als es einen mehr als ungewöhnlichen Auftrag zu erfüllen gilt, der allerdings mit reichlich Silber, vor allem aber Ruhm und Ehre lockt…

Rezension:

Der Erfolg der Sigurd-Saga von Giles Kristian beschert nun auch uns deutschen Lesern seine im Vorfeld veröffentlichte Raven-Saga, um deren ersten band es sich bei Raven – Blutauge handelt, womit wir hier das Debüt des mittlerweile erfolgreichen Schriftstellers in Händen halten. Ähnlich wie schon bei Sigurd wandeln wir auch hier auf den Spuren der Nordmänner, die um 790 n. Chr. herum in England einfallen und bei einem ihrer Raubzüge eben auch Raven unter ihre Fittiche nehmen, den etwa sechzehnjährigen Erzähler der Geschichte, der freilich anfangs weder den Namen "Raven" trägt, noch ahnt, dass auch er nordischer Herkunft ist, denn seine Vergangenheit liegt bis dato im Dunkeln. So handelt es sich bei der Sigurd-Saga quasi um das Prequel zu dieser nun ebenfalls gestarteten Buch-Reihe, denn auch hier spielt der von Odin begünstigte Jarl eine mitunter tragende Rolle und etabliert sich als eine Art Mentor für den unbedarften und unerfahrenen Raven, womit uns im deutschsprachigen Raum durch die verquere Veröffentlichung das seltene Vergnügen zuteilwird, die Reihe entgegen ihrer ursprünglichen Marschrichtung chronologisch zu erleben (so man denn die Sigurd-Saga gelesen hat natürlich).

Diese Fremdlinge, die von ihren Drachen heruntergesprungen waren, waren wild und bewaffnet. Es waren Krieger, kampferprobte Männer. Ich war nur ein Junge. Doch trotz aller Furcht geschah etwas Seltsames mit mir, es war wie Magie. Die harte, scharfe Sprache dieser Fremdlinge begann sich in meinen Ohren zu verändern, schien zu schmelzen, die trommelnden, abgehackten Laute wurden ein Strom aus Klang, der mir irgendwie bekannt vorkam.

Erforderlich ist das nicht und für Neu- und Quereinsteiger bietet sich sicherlich auch Raven – Blutauge vortrefflich an, doch merkt man hier schon zuweilen deutlich, dass Kristian im Laufe der Jahre einiges mehr an Routine und Expertise gewonnen hat, so dass sein Debüt sicherlich überzeugt, aber längst nicht so mitreißend daherkommt wie die Vorgeschichte des ambitionierten Sigurd. Nichtsdestotrotz hatte ich auch hier meine Freude beim Lesen und insbesondere der Wissensvorsprung bezüglich Sigurd wertet den Band merklich auf, zumal auch andere seiner Gefährten hier noch immer an dessen Seite stehen, allen voran der schwarze Floki, den ich auch schon in den anderen Bänden als wahnsinnig spannende und interessante Figur empfunden habe. Ansonsten handelt es sich zwar dem Wesen nach sicherlich um einen Wikinger-Roman, doch abgesehen von den Nordmännern selbst und einer kleinen Passage mit ihren Schiffen merkt man davon doch eher wenig, weil sich der eigentliche Plot samt und sonders in England abspielt.

Der ist auch tatsächlich ziemlich abwechslungsreich geraten und wartet an mehreren Stellen mit unerwarteten Überraschungen auf, ist aber bei objektiverem Blick aus einiger Entfernung in vielen Punkten doch auch sehr generisch geraten, so dass sich auch hier nicht ganz die Faszination der Heldenreise eines Sigurd einstellen will. Dafür allerdings überzeugt Raven als Erzähler des Ganzen, der ebenfalls manchmal einen Schritt zurücktritt und umreißt, wie er sich damals gefühlt hat und wie es wohl gewesen wäre, hätte er damals schon gewusst, was ihn noch alles erwartet. So offenbart sich der allwissende Erzähler, der dennoch mit seinen Informationen die meiste Zeit hinter dem Berg hält, außer, um in passenden Momenten ein wenig "Foreshadowing" zu betreiben, was der Lektüre einen gewissen Kniff verleiht. Nichtsdestotrotz ist die Geschichte von Raven – Blutauge im direkten Vergleich "klein", überschaubar und nicht annähernd so episch, wie es reißerische Zitate wie etwa "Gnadenlose Härte, bombastische Schlachten und mächtige Figuren!" von Conn Iggulden (Die Rosenkriege) vermuten lassen würden.

Die Männer drängten sich in der alten Halle wie Forellen in einer Weidenreuse. Es war laut, und es stank, aber Heiden und Christen kamen besser miteinander aus, als man hätte meinen sollen. Selbst Wulfweard war da, aber soweit ich sah, redete er nie mit einem Nordmann. Er saß auf einem Schemel, trank Met und befingerte das hölzerne Kreuz, das er um den Hals trug. Als würde das Ding ihn vor allem Bösen bewahren, das ihn umgab.

Dessen aber ungeachtet, ist allein das Wiedersehen mit Sigurd die Sache schon wert, zumal ich überzeugt bin, dass die Raven-Saga noch an Epik und Faszination zulegen wird, denn anders ließe sich sicherlich nicht erklären, dass Autor Giles Kristian im Nachgang gleich noch eine drei Bände umfassende Vorgeschichte zu einer Nebenfigur nachgereicht hat, denn auch wenn Sigurd hier eine maßgebliche Rolle spielen mag, ist es doch eben der von ihm Raven getaufte Neuankömmling, um den es in der Geschichte geht. Der mag sich zwar ein wenig zu schnell und bereitwillig von den Heiden vereinnahmen lassen, aber auch das will ich einem ambitionierten Debüt nachsehen, zumal auch hier die Erwähnung der nordischen Gottheiten und deren Anrufungen durch die gläubigen Nordmänner wieder außerordentlich gelungen sind, während ein großer Reiz des Buches eben auch darin besteht, wie die christlich gesonnenen Engländer auf diese in ihren Augen so gottlosen Nordmänner reagieren. Nicht zuletzt aber bekommt man auch hier schon einen Vorgeschmack auf Sigurds Einfallsreichtum und kann zumindest in Bezug auf dessen Charakterisierung sicherlich nachvollziehen, weshalb sich Raven ihm so bereitwillig zur Treue verpflichtet. Entsprechend freue ich mich schon jetzt auf Ravens nächstes Abenteuer, auf das man zum Glück nicht lange wird warten müssen, denn nach dessen Erstveröffentlichung 2011 ist die deutsche Version Raven – Söhne des Donners nun bereits für kommenden November angekündigt.

Fazit & Wertung:

Mit Raven – Blutauge hat Giles Kristian 2010 ein überzeugendes Debüt vorgelegt, kommt aber hier noch längst nicht an die Finesse seiner später entstandenen – hierzulande aber zuerst veröffentlichten – Sigurd-Saga heran, so dass die Geschichte nicht ganz so packend und episch daherkommt, durchaus aber Lust weckt, auch weiterhin auf Ravens Spuren zu wandern, nachdem er sich den Nordmännern um Jarl Sigurd angeschlossen hat.

7 von 10 Anbetungen nordischer Gottheiten

Raven – Blutauge

  • Anbetungen nordischer Gottheiten - 7.0/10
    7.0/10

Fazit & Wertung:

Mit Raven – Blutauge hat Giles Kristian 2010 ein überzeugendes Debüt vorgelegt, kommt aber hier noch längst nicht an die Finesse seiner später entstandenen – hierzulande aber zuerst veröffentlichten – Sigurd-Saga heran, so dass die Geschichte nicht ganz so packend und episch daherkommt, durchaus aber Lust weckt, auch weiterhin auf Ravens Spuren zu wandern, nachdem er sich den Nordmännern um Jarl Sigurd angeschlossen hat.

7.0/10
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite von Heyne. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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Raven -Blutauge ist am 10.04.18 bei Heyne als Taschenbuch erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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