Review: Mortal Engines – Krieg der Städte | Philip Reeve (Buch)

Pünktlich zum heutigen Erscheinen des Buches habe ich meine Lektüre beendet und eine wohlwollende Rezension verfasst, derweil sowohl der Nachfolgeband als auch die gleichnamige Verfilmung für die kommenden Monate bereits in den Startlöchern stehen. Höchste Zeit also, sich in die Zeit des Städtedarwinismus aufzumachen und Tom und Hester bei ihrem Abenteuer beizuwohnen, das mit diesem ersten Band gerade erst begonnen hat.

Mortal Engines
Krieg der Städte

Mortal Engines, USA 2001, 336 Seiten

Mortal Engines - Krieg der Städte von Philip Reeve | © FISCHER Tor
© FISCHER Tor

Autor:
Philip Reeve
Übersetzer:
Gesine Schröder
Nadine Püschel

Verlag (D):
FISCHER Tor
ISBN:
978-3-596-70212-1

Genre:
Steampunk | Endzeit | Abenteuer

 

Inhalt:

Tom hatte noch nie erlebt, dass sich seine Stadt derart schnell bewegte, und hätte sich zu gern auf den Aussichtsterrassen den Wind um die Nase wehen lassen. Konnte er es wirklich nicht riskieren, ein paar Minuten dranzuhängen?

In der fernen Zukunft ist die Welt nach dem Sechzig-Minuten-Krieg beinahe gänzlich verheert und die wenigen überlebenden Menschen sind zu großen Teilen dazu übergangen, sich in mobilen, motorisierten, sogenannten Traktionsstädten zusammenzuraufen, um auf der Suche nach wertvollen Rohstoffen – oder leichter Beute – die öden Landschaften zu durchstreifen. Eine dieser Städte ist freilich auch London, ein imposantes, sich über sieben Ebenen erstreckendes Konstrukt, das fest in der Hand der Ingenieursgilde und deren Oberhaupt Magnus Crome ist, der gleichzeitig als Oberbürgermeister der Stadt fungiert. Hier führt auch Tom Natsworthy ein einfaches Leben als dritter Gehilfe in der Historikergilde, doch wird sich alsbald sein Leben für immer ändern, als die rachsüchtige Hester Shaw ein Attentat auf Thaddeus Valentine, den Obersten der Historikergilde versucht, das dank Tom misslingt. Doch statt seine Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen, offenbart Valentine sein wahres Gesicht und plötzlich sieht sich Tom am Anfang eines aufreibenden Abenteuers, das ihn in die Luftstadt Airhaven, in die Fänge von Piraten und bis an den Grenzwall der sesshaft gebliebenen Antitraktionistenliga führen wird…

Rezension:

Bereits seit einem guten halben Jahr fiebere ich der deutschen Veröffentlichung von Mortal Engines – Krieg der Städte entgegen und habe doch erst vor einer guten Woche erfahren, dass die gleichnamige Verfilmung mit Hera Hilmar bereits in den Startlöchern steht und im Dezember hierzulande Kino-Premiere feiern wird. Man bekommt eben doch nicht immer alles mit, aber umso glücklicher bin ich darüber, zunächst der nun erhältlichen Buchvorlage meine Zeit gewidmet zu haben, die der Verfilmung doch sicherlich einiges an Tiefe voraushaben wird, zumal man sich hier bereits auf die in rund einem Monat erscheinende Fortsetzung freuen darf, denn die ursprünglich zwischen 2001 und 2006 veröffentlichte Mortal Engines-Reihe kommt auf insgesamt vier Bücher, die gemeinsam das auch als Predator Cities Quartet bekannte Hauptwerk des britischen Autoren Philip Reeve bilden. Ebenfalls im Vorfeld nicht bekannt war mir derweil, dass sich die Bücher originär der Sparte "Young Adult" zuordnen lassen, was sich in den jugendlichen Protagonisten widerspiegelt, deren Wirken und Handeln man hier verfolgt, doch abgesehen von einigen Passagen, die mir dann doch zu sehr nach bockigem Kind geklungen haben (ein Beispiel: Dann würde sie selbst herausfinden, was passiert war, ganz ohne den garstigen alten Magnus Crome!), merkt man davon in der Geschichte herzlich wenig, so dass auch ältere Leser (wie ich mit meinen bald 33 Jahren) beherzt und bedenkenlos zugreifen können.

Warum hatten seine Eltern ihn bloß als Lehrling in die Obhut der Historiker gegeben? Tom wäre so gern Gehilfe auf einem Klipper gewesen und hätte alle Großstädte der Welt gesehen: Puerto Angeles weit draußen im Pazifischen Ozean, Arkangel, das auf eisernen Kufen über die vereisten Nordmeere glitt, die Zikkurat-Städte von Nuevo Maya und die reglosen Festungen der Antitraktionisten …

Mortal Engines – Krieg der Städte zu ignorieren wäre zudem überaus schade und eine verpasste Chance, denn allein das Konzept der motorisierten, fahrbaren Städte ist so großartig und erfrischend geraten, dass ich schon jetzt sehr gespannt bin auf die Bewegtbild-Adaption selbiger. Aber auch im Buch verströmt die Traktionsstadt London gehörig Faszination und ist eine vielversprechende Kulisse für den Beginn einer beispiellosen Abenteuerreise, die quer durch eine postapokalyptische Welt und bis in die Wolken führt, derweil die eingeschobenen Hinweise zu einem lange zurückliegenden Sechzig-Minuten-Krieg die Neugierde schüren, wie es mit der Welt so weit hat kommen können. Die Art und Weise, wie hier herumziehende Städte beschrieben werden, die frei nach dem vorherrschenden, sogenannten "Städtedarwinismus" Jagd aufeinander machen und das Recht des Stärkeren propagieren, ist dabei aber nur die Spitze des Eisberges, denn Reeve hat sich durchaus gehörig ins Zeug gelegt, auch ansonsten eine glaubhafte Welt mit nicht von der Hand zu weisenden Steampunk-Anleihen zu schaffen, deren Gesetzmäßigkeiten man zwar nicht zu genau unter die Lupe nehmen sollte, die aber im Kontext der Story auf alle Fälle funktioniert.

Ebenfalls gelungen ist dabei die Wahl der Protagonisten als solche, die wahrhaftig nicht unbedingt aus typischem "Heldenmaterial" bestehen, so dass insbesondere die Waise Hester vom Schicksal bereits gehörig gebeutelt worden ist und nun einzig und allein auf Rache sinnt, was eine ungemein düstere, tragische Figur ergibt, von der ich gerne baldmöglichst mehr lesen möchte (und folglich auch werde). Tom hingegen als Gehilfe dritter Klasse bei der Gilde der Historiker im London Museum ist zunächst weit generischer geraten und träumt wie so viele von einem besseren, spannenderen Leben, muss sich allerdings bald eines Besseren belehren lassen, als er in die Fehde von Hester hineingezogen wird und erkennen muss, dass das Abenteurer-Leben mitnichten so glanzvoll und ruhmreich ist, wie er sich das in seinen kühnsten Träumen vorgestellt haben mag. Als Dritte im Bunde wäre derweil noch Katherine zu nennen, die als Tochter des Obersten Historikers Valentine ihre eigenen Erkundigungen anstellt und dabei tief in die Geheimnisse des motorisierten London vordringt, deren Bürgermeister Crome einen sinistren, aber auch streng geheimen Plan verfolgt.

An Bord einer Beutestadt gab es immer ein paar Plunderer – städtelose Nomaden, die zu Fuß die Jagdgründe durchstreiften und nach Old-Tech suchten. Salthook war da keine Ausnahme: Am Ende der langen Schlange niedergeschlagener Bewohner stand eine Gruppe besonders abgerissener Gestalten in langen, zerschlissenen Mänteln, denen Schutzbrillen und schmuddelige Atemmasken um den Nacken hingen.

So gelingt es Reeve über die gesamte Zeitspanne der Story, Spannung und Interesse des Lesers hochzuhalten, was noch durch die häufigen Szenen- und Schauplatzwechsel begünstigt wird, denn kaum ein Kapitel umfasst mehr als vielleicht höchstens zwanzig Seiten, bevor sich der nächste Cliffhanger und Szenenwechsel ankündigen. Dabei wirkt Mortal Engines – Krieg der Städte aber erfreulicherweise nicht gehetzt oder überhastet, sondern fängt genau das richtige Maß an Dringlichkeit ein, dass bei zeitkritischen Unterfangen und dem Umstand, dass Jagd auf Tom und Hester gemacht wird, geboten ist. Bisher unerwähnt geblieben sind nämlich die sogenannten "Stalker", bei denen es sich schlicht und ergreifend um mittels Technik wiederbelebte Leichen handelt, die als perfekte Soldaten eingesetzt worden sind und eigentlich als ausgestorben gelten. Auch hier vermag Reeve, sich an einem häufig genutzten Konzept zu bedienen und daraus etwas gänzlich Eigenes zu schaffen, zumal die Welt sich in einer nicht näher bezeichneten fernen Zukunft befindet – an einer Stelle werden "Glasobjekte aus dem 43. Jahrhundert" erwähnt – und er sich folglich viele Freiheiten nehmen kann, wann genau der Sechzig-Minuten-Krieg stattgefunden haben mag und was alles unter den Begriff "Old-Tech" fällt, der hier für sämtliche Relikte vergangener Zeiten herangezogen wird. Entsprechend fasziniert bin ich in die Welt der Traktionsstädte getaucht und war speziell vom ausufernden wie regelrecht erschütternd kompromisslosen Finale des Bandes derart angetan, dass nun das (gefühlt) lange Warten auf den Ende November erscheinenden Nachfolger Mortal Engines – Jagd durchs Eis kein Ende zu nehmen scheint.

Fazit & Wertung:

Mit Mortal Engines – Krieg der Städte schafft der britische Autor Philip Reeve einen überaus gelungenen Einstieg für sein in der fernen Zukunft angesiedeltes, postapokalyptisches Steampunk-Abenteuer, das gleichermaßen mit einer packenden, berührenden und überraschenden Geschichte zu punkten weiß sowie einem durchdachten wie einfallsreichen Worldbuilding, weshalb ich schon jetzt sehr gespannt auf die weiteren Ausflüge in diese verheerte, von umherziehenden Städten bevölkerte Welt bin.

9 von 10 vagabundierenden Traktionsstädten

Mortal Engines – Krieg der Städte

  • Vagabundierende Traktionsstädte - 9/10
    9/10

Kurzfassung

Mit Mortal Engines – Krieg der Städte schafft der britische Autor Philip Reeve einen überaus gelungenen Einstieg für sein in der fernen Zukunft angesiedeltes, postapokalyptisches Steampunk-Abenteuer, das gleichermaßen mit einer packenden, berührenden und überraschenden Geschichte zu punkten weiß sowie einem durchdachten wie einfallsreichen Worldbuilding, weshalb ich schon jetzt sehr gespannt auf die weiteren Ausflüge in diese verheerte, von umherziehenden Städten bevölkerte Welt bin.

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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite von FISCHER Tor.

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Mortal Engines – Krieg der Städte ist am 24.10.18 bei FISCHER Tor erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den folgenden Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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