Review: Mortal Engines – Der Grüne Sturm | Philip Reeve (Buch)

Pünktlich zum heutigen Erscheinen habe ich für euch meine Rezension zum dritten Band des Mortal-Engines-Quartetts im Gepäck und wen das nicht mal zeitnah und aktuell ist, ja dann weiß ich auch nicht. Und das Beste: nach anfänglicher Irritation ist der Band nicht minder überzeugend geraten als seine Vorgänger.

Mortal Engines
Der Grüne Sturm

Infernal Devices, USA 2005, 384 Seiten

Mortal Engines - Der Grüne Sturm von Philip Reeve | © FISCHER Tor
© FISCHER Tor

Autor:
Philip Reeve
Übersetzer:
Gesine Schröder
Nadine Püschel

Verlag (D):
FISCHER Tor
ISBN:
978-3-596-70214-5

Genre:
Steampunk | Endzeit | Abenteuer

 

Inhalt:

Er erinnerte sich ans Sterben. Er erinnerte sich an feuchtes Gras und das vernarbte Gesicht eines jungen Mädchens, das sich über ihn beugte. Sie war wichtig, sie bedeutete ihm etwas, bedeutete ihm mehr, als es für einen Stalker vorgesehen war, und da war etwas, das er ihr sagen wollte und nicht konnte. Jetzt blieb ihm nur ein Nachbild ihres entstellten Gesichts.

Rund sechzehn Jahre sind vergangen, seit die Motoren von Anchorage erstorben sind und die einstige Traktionsstadt als Anchorage-in-Vineland an Land gegangen ist. Ebenfalls sechzehn Jahre sind seit Hester Shaws Schwangerschaft vergangen und noch immer lebt sie mit dem ehemaligen Londoner Tom Natsworthy in dem abgelegenen Örtchen, wo sie gemeinsam Tochter Wren großzuziehen versuchen. Die allerdings ist zunehmend angeödet von dem immer gleichen Trott in Anchorage und träumt von einem Leben voller Abenteuer, wie ihre Eltern es erlebt haben, auch wenn die nur widerwillig über ihre Zeit an Bord der "Jenny Haniver" sprechen. Entsprechend euphorisch wird sie, als sie mitbekommt, dass Caul Besuch von den Verlorenen Jungs bekommt, die ihn um einen Gefallen bitten, denn plötzlich sieht Wren ihre Chance gekommen, die Welt zu erkunden. Ihr Plan geht allerdings gehörig schief und alsbald findet sie sich als Geisel an Bord einer Zecke wieder, die zielstrebig auf die Stadt Brighton zuzusteuern beginnt. Tom und Hester brechen freilich umgehend auf, um ihre Tochter aus dem Schlamassel zu retten, doch abgesehen von Grimsby, der Heimat der verlorenen Jungen, sieht es schlecht aus mit Anhaltspunkten, wo Wren zu finden sein könnte…

Rezension:

Ich muss ja zugeben, dass mich Mortal Engines – Der Grüne Sturm anfänglich (und nach einem überraschenden wie vielversprechenden Einstieg) zunächst ein wenig enttäuscht hat, denn seit den Geschehnissen in Jagd durchs Eis sind in der Buch-Kontinuität gute sechzehn Jahre vergangen, während meine persönliche Lektüre des Bandes noch keine drei Monate zurückliegt, weshalb es mir schwer fiel zu akzeptieren, dass meine lieb gewonnenen Protagonisten Tom und Hester hier wohl nur die zweite Geige spielen würden, denn schnell wird deutlich, dass deren Tochter Wren hier im Mittelpunkt der Geschehnisse stehen würde. Nichtsdestotrotz interessierte mich aber natürlich, was sich einerseits in der Zwischenzeit ereignet haben mochte, andererseits, was Wren – und hoffentlich auch Tom und Hester – hier erleben würden, zumal der Grüne Sturm – wer hätte es beim Titel des Buches gedacht – noch immer sein Unwesen treibt und seit vielen Jahren erbittert Krieg führt gegen die Traktionisten-Liga.

Ihr Dad hatte auf dem Schreibtisch eine gerahmte Fotografie, auf der die beiden an Bord einer Stadt namens San Juan De Los Motores im Lufthafen vor ihrem hübschen kleinen Luftschiff Jenny Haniver standen, aber sie erzählten nie von ihren Abenteuern.

Schnell aber konnte sich mir Philip Reeve wieder ins Herz schreiben, was zunächst vorrangig daran lag, dass er es gekonnt versteht, auf dem nunmehr reichhaltigen Mythos aufzubauen und so insbesondere Jagd durchs Eis ein ums andere Mal zu referenzieren, denn im weiteren Verlauf gibt es auch ein Wiedersehen mit dem schmierigen wie opportunistischen Nimrod Pennyroyal, der aus den damaligen Ereignissen seinerseits ein Buch gleichen Namens ersonnen hat, auch wenn der es wie so oft mit der Wahrheit nicht allzu genau nimmt. Und während einem als skeptischer Leser wie mir Wren zunehmend ans Herz wächst, bekommen alsbald auch Tom und Hester wieder einen deutlich aktiveren Part zugeschustert und begeben sich auf die Suche nach ihrer verschütt gegangenen Tochter. Die landet nicht nur zunächst in den Fängen der Verlorenen Jungs, die man ja ebenfalls aus dem Vorgänger kennt, sondern alsbald auch auf der schwimmenden Stadt Brighton, zu deren Bürgermeister sich Pennyroyal aufgeschwungen hat, was Wren aber freilich zunächst gar nichts nützt. Damit aber nicht genug, hat es eben auch noch die Kräfte des Grünen Sturms, die unter Leitung von Stalker Fang ihre ganz eigenen Pläne verfolgen und dementsprechend macht Reeve hier, was ihm schon zuvor mehrfach gelungen ist und offeriert einen ganzen Strauß an parallel verlaufenden Handlungssträngen, die erst im Finale von Mortal Engines – Der Grüne Sturm zusammenlaufen werden.

Und dieses Finale hat es verdammt in sich, denn neben reichlich Action und unwahrscheinlichen Begegnungen, hat mich diesmal der Band auch auf persönlicher und emotionaler Schiene schwer gepackt, denn während man sich bei dem ehemaligen Historiker-Gehilfen Tom Natsworthy noch gut vorstellen kann, dass der sich in einem beschaulichen Örtchen wie dem gestrandeten Anchorage niederlässt, scheint dieses einfache und unaufgeregte Leben doch weit weniger für die jähzornige und nicht unbedingt zutrauliche Hester Shaw zu passen. So brodelt es zwar nur unterschwellig in ihr, doch ausgerechnet die angestrebte Rettung ihrer Tochter lässt sie in alte Verhaltensmuster zurückfallen und treibt zunehmend einen Keil zwischen sie und Tom, zumal es da ja noch dieses Geheimnis gibt, das sie seit Jahren sorgsam zu hüten versucht, dass sie es war, die Anchorage an die Truppen von Arkangel verraten hat. Das ist aber mitnichten die einzige moralische Verwicklung, der Reeve sich hier zu widmen gedenkt und so beeinflussen selbst die lang zurückliegenden Ereignisse in und um London herum in Krieg der Städte noch die hier dargebotene Handlung, deren Tempo und Faszination mit jeder weiteren Seite stetig zuzunehmen scheint.

Wren stieg die Leiter hinunter und schlich ihm nach. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Als sie kleiner war und systematisch die wenigen Kinderbücher in der Bibliothek der Margrabina durchgelesen hatte, waren ihre Lieblingsgeschichten die Abenteuer mutiger junger Hobbydetektivinnen gewesen, die in einer Tour Schmuggler entlarvten und antitraktionistische Verschwörungen aufdeckten. Sie hatte immer bedauert, dass es in ganz Vineland keine Verbrechen aufzuklären gab.

Und spätestens mit der Vielzahl offener Fragen letzthin bin ich dann auch wieder froh, dass wir uns hierzulande erneut kaum drei Monate werden gedulden müssen, bis Ende Mai mit Mortal Engines – Die verlorene Stadt der vierte und finale Band des Mortal-Engines-Quartett erscheinen wird, das die bekannten Charaktere in ein letztes, großes Abenteuer führen wird. Vor allem aber bin ich nun überzeugt, dass Reeve ein spannender und gelungener Abschluss seiner Reihe gelingen wird, denn der anfängliche Schlag vor den Kopf, dass Tom und Hester nicht länger (alleiniger) Mittelpunkt der Handlung sind und immerhin anderthalb Dekaden ihrer Leben quasi im Off stattgefunden haben, war schnell vergessen, nachdem die Geschichte von Mortal Engines – Der Grüne Sturm erst einmal in Fahrt gekommen war und die vielen feinen Fäden zusammenzulaufen begannen. So erweitern die neuen Figuren und Ortschaften die ohnehin schon reichhaltige Welt der noch immer ungemein faszinierenden Zukunfts-Dystopie gekonnt, während es insbesondere das Wiedersehen mit lang vergessenen, teils totgeglaubten Figuren war, das mir besonders zu imponieren gewusst hat.

Fazit & Wertung:

Philip Reeve geht in Mortal Engines – Der Grüne Sturm zunächst ungewohnte Wege und siedelt seine Story gute anderthalb Jahrzehnte nach dem Vorgänger an, was anfänglich leicht irritiert, aber auch ein Gros an neuen Möglichkeiten eröffnet, die der britische Autor auch hier wieder gekonnt zu nutzen versteht, um ein neues Kapitel in seiner noch immer ungebrochen mitreißend gestalteten Steampunk-Saga aufzuschlagen.

8,5 von 10 vagabundierenden Traktionsstädten

Mortal Engines - Der Grüne Sturm

  • Vagabundierende Traktionsstädte - 8.5/10
    8.5/10

Fazit & Wertung:

Philip Reeve geht in Mortal Engines – Der Grüne Sturm zunächst ungewohnte Wege und siedelt seine Story gute anderthalb Jahrzehnte nach dem Vorgänger an, was anfänglich leicht irritiert, aber auch ein Gros an neuen Möglichkeiten eröffnet, die der britische Autor auch hier wieder gekonnt zu nutzen versteht, um ein neues Kapitel in seiner noch immer ungebrochen mitreißend gestalteten Steampunk-Saga aufzuschlagen.

8.5/10
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite von FISCHER Tor.

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Mortal Engines – Der Grüne Sturm ist am 27.02.19 bei FISCHER Tor erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den folgenden Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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