Review: Mortal Engines – Die verlorene Stadt | Philip Reeve (Buch)

Heute freue ich mich ganz besonders, euch meine wöchentliche buch-Rezension kredenzen zu können, denn nicht nur geht diese pünktlich zum heutigen Erscheinen des Buches online, nein, auch das Werk selbst hat mich restlos begeistert und bietet einen mehr als nur würdigen Abschluss der vierteiligen Buchreihe.

Mortal Engines
Die verlorene Stadt

A Darkling Plain, USA 2006, 576 Seiten

Mortal Engines - Die verlorene Stadt von Philip Reeve | © FISCHER Tor
© FISCHER Tor

Autor:
Philip Reeve
Übersetzer:
Gesine Schröder
Nadine Püschel

Verlag (D):
FISCHER Tor
ISBN:
978-3-596-70215-2

Genre:
Steampunk | Endzeit | Abenteuer

 

Inhalt:

Begonnen hatte es mit dem Tod von Stalker Fang. Jetzt gab es einen neuen Herrn in der Jadepagode, General Naga, der in dem Ruf stand, hart und unnachgiebig zu sein. Kaum war er zum Anführer ernannt worden, hatte er den Vormarsch der Pangermanischen Traktionsstadtgesellschaft in den Rostigen Marschen gestoppt und die slawischen Städte zerstört, die den Grünen Sturm seit Jahren an der Nordgrenze seines Hoheitsgebiets gepiesackt hatten.

Der Frieden scheint zum Greifen nahe, denn nachdem es Oenone Zero gelungen ist, die fanatische Stalker Fang auszuschalten, hat General Naga die Führung des Grünen Sturms übernommen und einen Waffenstillstand mit den Traktionsstädten ausgerufen. Niemand ahnt, dass der Stalker allerdings dank des kleinen Fishcake überlebt hat und sich längst anschickt, alte Pläne wieder aufzunehmen und die Orbitalwaffe ODIN zu aktivieren. Tom und Wren derweil leben seit einigen Monaten das Leben voller Abenteuer, das Wren sich stets gewünscht hat, doch Tom plagt immer mehr die alte Schussverletzung, die sein Herz zunehmend in Mitleidenschaft zieht. Dies ist allerdings schnell vergessen, als Tom eines Tages eine alte Bekannte aus dem zerstörten London wiederzuerkennen meint, doch die gibt sich ahnungslos. Während er mit seinen Nachforschungen beginnt und damit sich und Wren geradewegs in die Ruinen seiner zerstörten Heimat manövriert, bereist Hester als Kopfgeldjägerin zusammen mit ihrem alten Weggefährten Strike und wird alsbald auf unangenehme Art und Weise daran erinnert, was sie durch ihren Verrat verloren hat, als sie Wrens Schwarm Theo begegnet, der sie um Hilfe ersucht…

Rezension:

Lange habe ich auf Mortal Engines – Die verlorene Stadt, den vierten und finalen Band des Mortal Engines-Quartett, gewartet und entsprechend habe ich mich regelrecht darauf gestürzt, als er mich jüngst erreichte, weshalb ich auch diesmal wieder pünktlich zum Erscheinen der deutschsprachigen Ausgabe am heutigen Tage mit meiner Rezension aufwarten kann. Dabei macht es einem der beinahe 600 Seiten umfassende (und damit deutlich umfangreicher als seine Vorgänger geratene) Vertreter der Reihe nicht eben schwer, die Geschichte regelrecht zu verschlingen, denn Autor Philip Reeve schwingt sich hier zu ungeahnten Höhen auf. Gleichwohl ich schon ein großer Fan der vorangegangenen Teile (und sogar – mit Abstrichen – der Verfilmung des ersten Bandes) bin, hat man hier nun das Gefühl, als läge dem Quartett seit der ersten Seite ein großer Masterplan zugrunde. Denn obwohl zwischen dem zweiten und dritten Band beinahe zwanzig Jahre vergangen sind, obwohl sich der Fokus längst von Tom und Hester auf ein deutlich umfangreicheres Ensemble verlagert hat, greift Reeve wirklich sämtliche Geschehnisse, Figuren und Versatzstücke auf, um die liebgewonnenen Charaktere in ein letztes großes, alles entscheidendes Abenteuer zu führen, das – so wird schnell klar – auch einiges an Opfern fordern wird.

Theo hatte einmal geschrieben – der Brief hatte Wren im Januar in einer schäbigen Luftkarawanserei in den Tannhäuser-Bergen erreicht –, dass er es wohlbehalten zurück nach Hause geschafft habe und von seiner Familie willkommen geheißen worden sei »wie der verlorene Sohn« (was offenbar auch etwas Christliches war). Aber Wren hatte es nie fertiggebracht zu antworten.

Einer der großen Vorteile von Die verlorene Stadt ist dabei freilich, dass bereits Der Grüne Sturm eine mehr als interessante Ausgangslage geschaffen hat, denn nachdem Tom und Hester lange Zeit gemeinsam gereist sind und gelebt haben, hat Tom schlussendlich von Hesters Jahrzehnte zurückliegendem Verrat (in Jagd durchs Eis) erfahren, woraufhin die sich mit dem nunmehr handzahm gewordenen Stalker Shrike abgesetzt hat. Zwischen den Geschehnissen des Vorgängers und dem Beginn dieses Romans liegen derweil rund sechs Monate, in denen sich zwar einiges getan, aber nicht allzu viel gravierend geändert hat, so dass der Einstieg entsprechend leicht fällt. Tom leidet noch immer unter seiner alten Schussverletzung und seiner Tochter Wren geht der junge Theo nicht aus dem Kopf, dem sie über den Dächern von Brighton begegnet ist und der in seine Heimat Zagwa zurückgekehrt ist. Dort wiederum macht Oenone Zero ihre Aufwartung, denn nachdem sie erfolgreich Stalker Fang hat ausschalten können und sich mit General Naga zusammengetan hat, der nun den Grünen Sturm anführt, hat er einen Waffenstillstand ausgerufen und es bleibt zu hoffen, dass der Verbund der Traktionsstädte und der antitraktionistische Grüne Sturm zu einer Übereinkunft gelangen.

Dabei bleibt es natürlich nicht, denn wie der Leser längst weiß, hat Stalker Fang entgegen aller Wahrscheinlichkeit das Attentat überlebt und wurde von Fishcake notdürftig zusammengeflickt, der nunmehr mit dem Stalker unterwegs ist. Was die Geschehnisse allerdings erst richtig in Gang bringt, ist eine unwahrscheinliche Begegnung, denn Tom meint nach all der Zeit eine alte Bekannte aus dem zerstörten London zu erkennen und seine Nachforschungen führen ihn alsbald zu Wolf Kobold, der bereit ist, eine Expedition in die Ruinen des ehemaligen London zu finanzieren. Damit wären noch nicht einmal alle Handlungsstränge umrissen, die die Ausgangslage für Die verlorene Stadt bilden, doch allein ihre Fülle sorgt für regelmäßige Szenenwechsel und eine kraftvoll inszenierte Geschichte, deren Spannungsbögen sich wirklich sehen lassen können. Und während schon der Vorgänger mit Verweisen auf Jagd durchs Eis gespickt gewesen ist (zumal Abenteurer und Schriftsteller Pennyroyal aus den damaligen Ereignissen längst einen gleichnamigen Bestseller fabriziert hat), kehren wir nun in diesem Abschlussband sprichwörtlich zu den Wurzeln der Geschichte zurück und sehen, was die in Krieg der Städte zum Einsatz gebrachte MEDUSA von London hat überdauern lassen. Und da es niemanden überraschen dürfte, dass es in den Überresten von London noch Leben gibt, sei auch der Hinweis gestattet, dass man sich auch hier auf zumindest einen alten Bekannten freuen darf.

Tom blieb eine Weile an der Reling stehen und bewunderte den Ausblick, dann nahm er einen Aufzug hinunter zum Hauptdeck, schlenderte über den Markt hinter dem Lufthafen und erinnerte sich an seinen ersten Besuch in Peripatetiapolis vor zwanzig Jahren, mit Hester und Anna Fang. An einem dieser Stände hatte er Hester einen roten Schal gekauft, damit sie ihr vernarbtes Gesicht nicht immer hinter der Hand verstecken musste …
Aber er wollte nicht an Hester denken. Immer wenn seine Gedanken zu ihr wanderten, erinnerte er sich unweigerlich daran, wie sie auseinandergegangen waren, und das, was sie getan hatte, machte ihn so wütend, dass sein Herz hämmerte und sich zusammenkrampfte. Er konnte es sich nicht mehr leisten, an Hester zu denken.

Und während die diesmal ungleich epischer und breiter aufgestellte Story ihren Lauf nimmt, überrascht Reeve ein ums andere Mal mit wechselnden Allianzen, was natürlich zuweilen ein wenig konstruiert wirken mag, sich aber trefflich zusammenfügt. Während aber schon das In-Stellung-bringen der Figuren bestes Storytelling darstellt, übertrifft sich Reeve auf den letzten grob hundertfünfzig Seiten noch einmal selbst und skizziert einen an mehreren Fronten und mit unterschiedlichsten Mitteln geführten Krieg, eine bislang unvorstellbare Bedrohung und die ungerechtfertigte Hoffnung einer Handvoll Leute, dem Schicksal doch noch ein Schnippchen schlagen zu können, womit der Punkt erreicht war, an dem ich Mortal Engines – Die verlorene Stadt wortwörtlich nicht mehr aus der Hand legen konnte, bis hin zum bittersüßen wie berührenden Ende, an dem sich so mancher Schriftsteller ein Beispiel nehmen könnte und das diese epische Erzählung mit einem Schaudern und einem Seufzen beendet. Hatte die Reihe also auch im Mittelteil ihre kleineren schwächen und war der übergeordnete Plan lange nicht zu erkennen, veredelt dieser finale Band und seine Auflösung die gesamte Reihe im Nachgang noch einmal deutlich und ich kann nur jedem raten, sich auf diese Reise mit Tom und Hester, Wren und Theo, Anna Fang und Shrike einzulassen, auch wenn ich davon ausgehe, dass dies nur liest, wer ohnehin schon den ersten drei Bänden Zeit und Aufmerksamkeit gewidmet hat. In meinen Augen ein perfekter Abschluss, der lange nachhallt und tief bewegt.

Fazit & Wertung:

Mit dem vierten und finalen Band Mortal Engines – Die verlorene Stadt gelingt es Philip Reeve tatsächlich, die gesammelten – rund zwanzig Jahre umfassenden – Geschehnisse der drei Vorgänger aufzugreifen und all den Charakteren in einem letzten großen und im besten Sinne epischen Abenteuer einen würdigen Abschluss zu bereiten. Dabei strotzt die Geschichte freilich vor Action, Spannung und zahlreichen Überraschungen, gibt sich aber auch überraschend emotional und tragisch, während Reeve in den finalen Kapiteln seine Storyfäden zu einem bewegenden wie packenden Finale verflicht.

10 von 10 vagabundierenden Traktionsstädten

Mortal Engines – Die verlorene Stadt

  • Vagabundierende Traktionsstädte - 10/10
    10/10

Fazit & Wertung:

Mit dem vierten und finalen Band Mortal Engines – Die verlorene Stadt gelingt es Philip Reeve tatsächlich, die gesammelten – rund zwanzig Jahre umfassenden – Geschehnisse der drei Vorgänger aufzugreifen und all den Charakteren in einem letzten großen und im besten Sinne epischen Abenteuer einen würdigen Abschluss zu bereiten. Dabei strotzt die Geschichte freilich vor Action, Spannung und zahlreichen Überraschungen, gibt sich aber auch überraschend emotional und tragisch, während Reeve in den finalen Kapiteln seine Storyfäden zu einem bewegenden wie packenden Finale verflicht.

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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite von FISCHER Tor.

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Mortal Engines – Die verlorene Stadt ist am 22.05.19 bei FISCHER Tor erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den folgenden Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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