Review: Anansi Boys | Neil Gaiman (Buch)

Wie versprochen kommt heute die gestrig verschobene Buch-Kritik nachgereicht, wobei ich mir zum Jahresausklang kein besseres Werk hätte aussuchen können, um mit einer echten und uneingeschränkten Leseempfehlung mein persönliches Buch-Jahr 2018 zu beschließen, denn wie zu erwarten hat mich auch dieses Buch aus der Feder von Neil Gaiman schwer begeistert.

Anansi Boys

Anansi Boys, USA 2005, 416 Seiten

Anansi Boys von Neil Gaiman | © Eichborn Verlag
© Eichborn Verlag

Autor:
Neil Gaiman
Übersetzer:
Karsten Singelmann

Verlag (D):
Eichborn Verlag
ISBN:
978-3-847-90650-6

Genre:
Drama | Fantasy | Abenteuer

 

Inhalt:

Für Fat Charlie Nancy war es schon immer die größte Schmach, sich öffentlich Peinlichkeiten ausgesetzt zu sehen, woran sein forscher und um Streiche nicht verlegener Vater Mr. Nancy nicht ganz unschuldig sein dürfte, dessen exaltiertes Gehabe dem zurückhaltenden Fat Charlie schon immer ein Dorn im Auge war. Nun aber, da seine Vermählung mit Rosie ansteht, sieht er sich gedrängt, Kontakt zu seinem Vater aufzunehmen, nur um zu erfahren, dass dieser jüngst verstorben ist. Kurzentschlossen reist Fat Charlie von England aus in seine alte Heimat nach Florida, wo ihm Mr. Higgler als alte Freundin der Familie eröffnet, dass er einen Bruder namens Spider habe, von dem Fat Charlie allerdings noch nie etwas gehört hat. Weiterhin klärt sie ihn darüber auf, dass sein Vater niemand Geringeres als der Gott Anansi gewesen sein soll, was Fat Charlie freilich schmunzelnd als das Geschwätz einer alten, verwirrten Dame abtut, zumal sie ihm rät, er müsse nur einer Spinne Bescheid geben und Spider würde ihm seine Aufwartung machen. Dann aber macht sich Fat Charlie alkoholisiert einen Spaß daraus, wahrhaftig einer Spinne eine Botschaft anzuvertrauen und unversehens steht sein Bruder Spider bei ihm vor der Tür, bereit, Fat Charlies überschaubares wie spießbürgerliches Leben gehörig durcheinanderzuwirbeln…

Rezension:

Nachdem sich jüngst der Eichborn Verlag erbarmt hat, Neil Gaimans bereits 2007 hierzulande – damals noch im Heyne Verlag – erschienenes Buch Anansi Boys in wertiger Klappenbroschur (und damit dankenswerterweise demselben Format wie auch American Gods) neu aufzulegen, konnte ich natürlich als großer und ausgewiesener Fan des britischen Autors nicht lange widerstehen. Dabei handelt es sich aber mitnichten um eine wirkliche Fortsetzung zu Gaimans Kultroman, der mittlerweile seitens Starz eine eigene Serien-Adaption nach sich gezogen hat, sondern vielmehr ein eigenständiges Werk, das mit seinem "Vorgänger" lediglich eint, dass dort Gott Anansi ebenfalls bereits in Erscheinung trat und beide Bücher postulieren, dass all die mehr oder minder bekannten Gottheiten wirklich existieren. Ansonsten geht es hier aber nicht einmal um Anansi selbst, sondern dessen Sohn Charles, dem seit frühester Kindheit – und dank seines Vaters – der Name Fat Charlie Nancy anhaftet, der hier erstmals in Berührung mit seinen quasi überirdischen Wurzeln kommt und seinem Bruder Spider begegnet, den das Göttliche weit mehr geküsst zu haben scheint, was freilich zu reichlich Verwicklungen führt.

Es gab Karaoke. Es gab Tanz. Der alte Mann stieg auf die improvisierte Bühne, um zu singen, nicht nur einmal, sondern zweimal an diesem Abend. Er hatte eine schöne Stimme und ein prachtvolles Lächeln, und seine Füße funkelten, wenn er tanzte. Das erste Mal, als er hinters Mikrofon trat, sang er »What’s New Pussycat?«. Als er sich anschickte, zum zweiten Mal zu singen, ruinierte er Fat Charlies Leben.

Dabei ist dem Band logischerweise Neil Gaimans einzigartiger und eloquenter Stil zu eigen, den man entweder liebst oder dem man rein gar nichts abgewinnen kann, denn weitschweifige und vor allem abschweifendes Schachtelsatzkonstruktionen findet man auch hier wieder zuhauf, wobei ich nicht behaupten könnte, dass dies dem Lesefluss abträglich wäre, zumal auch Karsten Singelmann seinerzeit eine wirklich kongeniale Übersetzung abgeliefert hat. So kann ich zwar keinen direkten Vergleich zwischen Original und Übersetzung anstellen, jedoch definitiv festhalten, dass der auktoriale Erzähler hier mit reichlich Charme und Wortwitz zu Werke geht und allein durch seine unbeschwerte Schreibe Anansi Boys zu einem großen Lesevergnügen macht. Um den Vergleich aber ein letztes Mal zu bemühen, kommt dieses dem afrikanischen Spinnengott gewidmete Werk weit weniger episch und deutlich intimer daher als sein "großer Bruder" American Gods, so dass hier eben kein Krieg der Götter oder die Rettung der Welt im Vordergrund stehen, sondern Fat Charlies ganz persönliche Probleme damit, sich unvermittelt mit dem Göttlichen seiner Herkunft konfrontiert zu sehen.

Vor allem aber ist Anansi Boys eine Familiengeschichte, denn auch wenn Anansi zu Beginn des Buches frisch verstorben ist, ist ein Gott bekanntermaßen einerseits nie so richtig totzukriegen, derweil auch ansonsten die Geschichte von allerlei Rückblenden und Erinnerungen durchwoben ist, die Mr. Nancy – oder schlicht Anansi – in Erscheinung und Aktion treten lassen, derweil Gaiman den eigentlichen Plot zudem noch mit Geschichten anreichert, die man sich über Anansis Streiche und Verballhornungen erzählt. Davon abgesehen, hält die Geschichte aber auch sonst so einiges an Überraschungen und Unterhaltung parat und die Zeit der Lektüre verging für mich wie im Flug, während ich ein ums andere Mal ins Staunen geriet über den überbordenden Einfallsreichtum des Fantasy-Kultautors, der nicht von ungefähr das Genre der Urban Fantasy maßgeblich mitgeprägt hat. Nach einem gelungenen Einstieg derweil nimmt die Geschichte aber noch merklich mehr an Fahrt auf, als Fat Charlies deutlich hedonistischer und vergnügungssüchtigerer Bruder Spider in Erscheinung tritt und das Leben des Büroangestellten gehörig durcheinanderwirbelt.

Der morgendliche Chorgesang hatte begonnen, und er konnte Amseln erkennen, kleine, in den Hecken hüpfende Spatzen und eine einzelne Drossel mit fleckiger Brust, die sich in den Zweigen eines nahen Baumes zu schaffen machte. Fat Charlie fand, dass eine Welt, in der die Vögel am Morgen singen, eine normale Welt sei, eine vernünftige Welt, und er hatte nichts dagegen, ein Teil dieser Welt zu sein.
Später, als Vögel etwas waren, vor dem man sich fürchten musste, sah Fat Charlie in diesem Morgen, wenn er daran zurückdachte, noch immer etwas Gutes und Schönes, freilich aber auch den Ausgangspunkt von all dem, was folgte. Es war der Moment, bevor der Wahnsinn anfing, und die Angst.

So entwirft Gaiman mit Verve und Esprit eine Variation der heutigen Welt, in der die alten Götter nicht nur existieren, sondern sich auch (teilweise) ungemein umtriebig präsentieren, was nicht nur für Anansis Eskapaden gilt. Fat Charlie reift dabei spürbar an den Erlebnissen, auch wenn er zunächst wie ein Spielball höherer Mächte wirkt, was aber natürlich zu dessen Reifeprozess gehört. Auch die Götter, mit denen es sich Anansi teils vor Urzeiten verscherzt hat, bekommen natürlich in dem Reigen ihre Auftritte spendiert und insbesondere bei der Ausgestaltung des Antagonisten beweist der Autor ein glückliches Händchen, derweil sich hier früh entsprechende Hinweise zu häufen beginnen, ohne dass man sich mit der Nase drauf gestoßen fühlt, ähnlich wie es sich auch mit weiteren Familiengeheimnissen verhält, die später offenbart, aber eben nicht wie aus dem Hut gezaubert wirken. So trifft Gaiman scheinbar traumwandlerisch jederzeit den richtigen Ton und schafft mit Anansi Boys ein zwar nicht so groß angelegtes, dafür aber umso kurzweiligeres Werk, dass nicht nur allen Kennern von American Gods munden dürfte, sondern sich in seiner zwar abgeschlossenen, aber um Querverweise nicht verlegenen Art auch wunderbar für Neueinsteiger in die Werke der Fantasy-Koryphäe eignet.

Fazit & Wertung:

Mit Anansi Boys widmet sich Neil Gaiman einmal mehr der Welt der Götter und Mythen und schafft es mit seiner augenzwinkernden und humorvollen Inszenierung, ein beschwingtes, ganz und gar einzigartiges Fantasy-Lesevergnügen zu erschaffen, das reich an Details und Esprit, zu keinem Zeitpunkt auch nur annähernd zu langweilen droht und die Zeit der Lektüre der rund 400 Seiten förmlich verfliegen lässt.

9 von 10 Geschichten von und über Anansi

Anansi Boys

  • Geschichten von und über Anansi - 9/10
    9/10

Kurzfassung

Mit Anansi Boys widmet sich Neil Gaiman einmal mehr der Welt der Götter und Mythen und schafft es mit seiner augenzwinkernden und humorvollen Inszenierung, ein beschwingtes, ganz und gar einzigartiges Fantasy-Lesevergnügen zu erschaffen, das reich an Details und Esprit, zu keinem Zeitpunkt auch nur annähernd zu langweilen droht und die Zeit der Lektüre der rund 400 Seiten förmlich verfliegen lässt.

9.0/10
Leser-Wertung 8/10 (1 Stimme)
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite des Eichborn Verlages. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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Anansi Boys ist am 28.09.18 als Klappenbroschur im Eichborn Verlag erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den nachfolgenden Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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