Review: Unter uns die Nacht | Becky Chambers (Buch)

Ein kleines bisschen stolz bin ich ja schon auf mich, denn just heute über heutiges Buch berichten zu können, nachdem dies heute in den Handel gekommen ist, hat wirklich etwas sehr heutiges… – äh, aktuelles – an sich.

Unter uns die Nacht

Record of a Spaceborn Few, USA 2018, 464 Seiten

Unter uns die Nacht von Becky Chambers | ©  FISCHER Tor
© FISCHER Tor

Autorin:
Becky Chambers
Übersetzerin:
Karin Will

Verlag (D):
FISCHER Tor
ISBN:
978-3-596-70262-6

Genre:
Science-Fiction | Drama

 

Inhalt:

Seit die Exodus-Flotte von der einstigen Erde aufgebrochen ist, sind unzählige Generationen vergangen und zahllose Siedler sind auf den Schiffen geboren, haben dort gelebt und sind dort gestorben. Ursprünglich auf der Suche nach einem neuen Lebensraum, einem kolonisierbaren Planeten, stießen die Exodaner irgendwann auf die zahllosen anderen Bewohner der Galaxis und damit die GU, die nach zähen Verhandlungen auch die Aufnahme der exodanischen Nomaden genehmigt hat. Und obwohl die Exodus-Flotte – nunmehr von vielen Spezies unterstützt – längst nicht mehr auf der Suche nach einem neuen Lebensraum ist und die Menschen an Bord nunmehr die Möglichkeit besitzen, die Flotte zu verlassen und das All zu erkunden, verbleiben noch immer zahlreiche Bewohner auf den Schiffen der Flotte, die längst zur neuen Heimat der Menschheit geworden sind. Doch dieses Kuriosum zieht auch Abenteurer wie den jungen Sawyer an, während die Harmagianerin Ghuh’loloan darauf brennt, sich von der Archivarin die exodanischen Bräuche erklären zu lassen, in denen auch Hüterin Eyas ihre Bestimmung gefunden hat, derweil es natürlich vornehmlich die Jugend ist, die in Richtung Sterne drängt und das Leben an Bord der Schiffe kaum mehr ertragen kann…

Rezension:

Pünktlich zum heutigen Erscheinen des neuesten Teils der Wayfarer-Reihe von Becky Chambers, habe ich mich in den vergangene Tagen in Unter uns die Nacht vertieft und möchte für Kenner der beiden Vorgängerbände Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten und Zwischen zwei Sternen gleich vorwegschicken, dass dieser nunmehr dritte Teil nur lose mit den zuvor erzählten Geschichten verknüpft ist. So teilen sich die Storys noch am ehesten das von Chambers ersonnene Universum und so manch faszinierend-fremdartige Spezies, wenn auch zumindest eine bekannte Figur einen kleinen Gastauftritt hat, denn bei einer der handelnden Figuren handelt es sich um Tessa Santoso, die Schwester von Ashby, dem Captain der "Wayfarer", die dieser Reihe ihren Namen gegeben hat. Ansonsten konzentriert sich die Autorin hier gänzlich auf die Exodus-Flotte, ein Konsortium von Generationenschiffen, die von der einstigen Erde aufgebrochen und seit Jahrhunderten durchs All reisen und im Kontext galaktischer Zeitmessung noch nicht allzu lange Mitglied der GU sind.

Woran denken Sie, lieber Gast, wenn von der Exodus-Flotte die Rede ist? Man könnte den Begriff wörtlich definieren: die Gesamtheit aller Schiffe, in denen die Überlebenden der menschlichen Spezies ihren untergegangenen Planeten verlassen haben. Vielleicht sehen Sie in der Flotte ein Symbol der Hoffnungslosigkeit, der Armut oder der Zähigkeit. Leben Sie in einer Gesellschaft, in der es auch Menschen gibt? Kennen Sie Personen, die in einem dieser altertümlichen Gefährte zur Welt kamen? Oder entstammen Sie einer homogeneren Gesellschaft und sind dementsprechend überrascht, dass die Flotte immer noch bewohnt wird?

Durch den Fokus auf Exodaner – also Menschen – muss ich sagen, dass mir hier der Zugang deutlich leichter fiel als noch beim zweiten Band der Reihe, bei dem ich zunächst nicht genau wusste, wohin die Reise geht, doch dauert es freilich auch hier ein wenig, bis man sich mit allen Figuren vertraut gemacht hat. Da wäre neben Tessa und ihren beiden Kindern Aya und Ky noch die Hüterin Eyas, die sich um die Bestattung Verstorbener kümmert (die an Bord der Flotte wohl eher als Kompostierung bezeichnet werden könnte) und den Hinterbliebenen Trost spendet. Zudem wäre da noch die Archivarin Isabel, die in Gestalt von Ghuh’loloan den Besuch einer Harmagianerin erwartet, die ihrerseits darauf brennt, mehr über die Exodus-Flotte und das Leben der Exodaner zu erfahren, was ein Stück weit auch den erzählerischen Rahmen bildet, denn neben den wechselnden Charakter-Sichtweisen unterteilt sich Unter uns die Nacht zudem in sieben große Abschnitte, die ihrerseits jeweils von einer kurzen Abhandlung seitens Ghuh’loloan eingeleitet werden.

Ansonsten hat es mit Kip noch einen aufbegehrenden Jugendlichen, der sich nichts sehnlicher wünscht, als die relative Ödnis der Flotte hinter sich zu lassen und stattdessen das weite All zu erkunden, derweil es sich mit der fünften und letzten Hauptfigur namens Sawyer genau andersherum verhält, denn der kommt von außerhalb und möchte nun endlich die Wurzeln der Menschheit kennenlernen, zumal es sich bei der Exodus-Flotte so verhält, dass jedem Obdach, Nahrung und Wasser gewährt werden, denn man versteht sich als großes und autarkes Kollektiv, auch wenn es seit dem Eintritt in die GU durchaus so ist, dass die Exodaner – vom Rest der Galaxis doch als eher rückständig betrachtet – einiges an technologischer Finesse und anderweitiger Gaben erhalten haben. Und obwohl das Konzept Generationenschiff in der Science-Fiction hinlänglich bekannt ist und schon mehr als nur ein paar Mal beleuchtet und behandelt worden ist, wartet Chambers‘ Interpretation mit erfrischend neuen und guten Ideen auf, die allein jede Schilderung an Bord der Flotte zu einem interessanten und lohnenswerten Erlebnis machen.

Als sie mit Anfang zwanzig im Lager angefangen hatte, war Frachtstation acht ein ordentlicher Ort gewesen. Sie erinnerte sich noch gut an die aufgeräumten Materialbehälter und die Importkisten mit den spannenden, in mehreren Alien-Alphabeten beschrifteten Etiketten. Zwanzig Jahre später suchte man diese Dinge hier vergeblich. Importgüter und verarbeitete Vorräte lagerten jetzt woanders. Frachtstation acht war eine von drei auf der Asteria, die sich ausschließlich mit den Überbleibseln der Oxomoco befassten.

In dieser Hinsicht hat mich die Autorin also auch hier wieder mehrfach zum Staunen und auch Schmunzeln gebracht, während es sich dankenswerterweise noch immer so verhält, dass sie eben vergleichsweise optimistische, positive Science-Fiction zum Besten gibt, die nicht davon lebt, dass längst alles zum Teufel gegangen ist, sondern die tatsächlich noch attestiert, der Mensch könne hinzulernen und sich entwickeln, was auch hier als Alleinstellungsmerkmal wieder stark durchschlägt. Während ich aber den erzählerischen Tenor und den Innovationswillen hinsichtlich der Exodus-Flotte nicht genug loben kann, krankt Unter uns die Nacht dafür an der dramaturgischen Front umso mehr, denn so unterhaltsam, klug und lebensbejahend das Gelesene sein mag, sucht man doch gerade in der ersten Hälfte relativ verzweifelt eine Art roten Faden und selbst als Chambers eine unerwartete Entwicklung nutzt, um zumindest einige der handelnden Figuren rudimentär zusammenzubringen, wäre hier doch weitaus mehr drin gewesen. Wo Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten im Kern noch spürbar Kurzgeschichtensammlung gewesen ist und vor vielen kleinen Highlights strotzte, verhält es sich hier genau umgekehrt, dass die Geschichte tatsächlich kaum so etwas wie echte Spannung aufkommen lässt und lieber leichtfüßig vor sich hin mäandert. Meinen Spaß hatte ich an diesem dritten Ausflug ins Wayfarer-Universum trotzdem, doch muss man sich eben darüber im Klaren sein, dass hier ein mehr oder minder umfangreicher Blick auf eine Handvoll Bewohner der Exodus-Flotte geworfen wird, ohne dass deren Leben dadurch automatisch zu einem nervenzerreißenden Abenteuer würde.

Fazit & Wertung:

Auch mit Unter uns die Nacht gelingt Becky Chambers ein weiterer, warmherziger, kluger Teil ihrer Wayfarer-Reihe, die diesmal einen Blick in eine ganz andere Ecke des Universums wirft und das Leben an Bord der Exodus-flotte schildert. So clever und kurzweilig die Geschichten und Dialoge aber auch sein mögen, fehlen dem Ganzen ein wenig der rote Faden und eine dringlichere Dramaturgie. Die vielen kleinen Alltagssorgen und -ängste im Kontext dieses ungewöhnlichen Settings wissen aber durchaus ein wenig für die etwas spannungsarme Geschichte zu entschädigen, wenn man sich darauf einzulassen bereit ist.

8 von 10 Stationen einer langwierigen Reise

Unter uns die Nacht

  • Stationen einer langwierigen Reise - 8/10
    8/10

Fazit & Wertung:

Auch mit Unter uns die Nacht gelingt Becky Chambers ein weiterer, warmherziger, kluger Teil ihrer Wayfarer-Reihe, die diesmal einen Blick in eine ganz andere Ecke des Universums wirft und das Leben an Bord der Exodus-flotte schildert. So clever und kurzweilig die Geschichten und Dialoge aber auch sein mögen, fehlen dem Ganzen ein wenig der rote Faden und eine dringlichere Dramaturgie. Die vielen kleinen Alltagssorgen und -ängste im Kontext dieses ungewöhnlichen Settings wissen aber durchaus ein wenig für die etwas spannungsarme Geschichte zu entschädigen, wenn man sich darauf einzulassen bereit ist.

8.0/10
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Weitere Details zum Buch und der Autorin findet ihr auf der Seite von FISCHER Tor.

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Unter uns die Nacht ist am 27.03.19 bei FISCHER Tor erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den folgenden Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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