Review: Colette – Eine Frau schreibt Geschichte (Film)

Ich bin zwar vergleichsweise spät dran, aber freilich habe ich auch heute noch eine Film-Kritik im Gepäck, bevor ich mich exakt jetzt in den wohlverdienten Feierabend verabschiede, es mir auf der Couch bequem mache und auf mein Essen warte, dass ich mir heute vom freundlichen Pizza-Lieferanten um die Ecke bringen lasse (auch wenn es diesmal Pasta geworden ist).

Colette
Eine Frau schreibt Geschichte

Colette, USA/UK/FR/HU/NL 2018, 111 Min.

Colette - Eine Frau schreibt Geschichte | © Universum Film
© Universum Film

Regisseur:
Wash Westmoreland
Autoren:
Richard Glatzer
Wash Westmoreland
Rebecca Lenkiewicz

Main-Cast:
Keira Knightley (Colette)
in weiteren Rollen:
Dominic West (Willy)
Denise Gough (Missy)
Fiona Shaw (Sido)
Eleanor Tomlinson (Georgie Raoul-Duval)

Genre:
Biografie | Drama | Historie

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Colette - Eine Frau schreibt Geschichte | © Universum Film
© Universum Film

Als jüngste von vier Geschwistern wächst Sidonie Gabrielle-Colette in der Beschaulichkeit der ländlichen Bourgogne auf. Dergestalt wohlbehütet und unbedarft, erliegt sie schnell dem Charme des Pariser Schriftstellers Willy, der zunächst eine heimliche Liaison zu ihr unterhält und sie später ehelicht. So zieht Gabrielle-Colette zu ihm nach Paris, muss allerdings bald erkennen, dass die ehelichen Bande den umtriebigen Willy nicht daran hindern, sich auch anderweitig zu vergnügen. Obwohl sie schnell begreift, welche Art Lebemann und Schwerenöter sie geheiratet hat, raufen sich die beiden mehrere Male wieder zusammen und Colette erklärt sich gar bereit, als Ghostwriter für Willy zu fungieren, der schon seit jeher Auftragsarbeiten vergibt, die er dann unter seinem Namen veröffentlicht. So verfasst die Colette den autobiografisch gefärbten Roman über eine junge Frau namens Claudine und das Buch erobert die Herzen der Leser – und vor allem Leserinnen – im Sturm. Schnell drängt Willy darauf, sie möge eine Fortsetzung verfassen und Claudine ist in aller Munde, während Colette sich zunehmend darüber ärgert, dass allein ihr Mann die Lorbeeren für ihre Arbeit einheimst und nicht müde wird, mit seiner Romanfigur zu prahlen und gleichsam das Geld mit beiden Händen zu verprassen…

Rezension:

Beginnen wir diese Besprechung mit dem Bekenntnis, dass mir die namensgebende Colette, ihres Zeichens die "erfolgreichste, französische Schriftstellerin" im Vorfeld absolut kein Begriff gewesen ist, was natürlich für diese Art Biopic im Gewand eines Historien-Dramas Fluch und Segen zugleich sein mag, da ich mich auf Gedeih und Verderb darauf einzulassen habe, mit welchem Schwerpunkt und in welche Richtung die verantwortlichen AutorInnen die Geschichte zu lenken gedenken. Hierbei handelt es sich um das aus Richard Glatzer, Wash Westmoreland und Rebecca Lenkiewicz bestehende Trio, wobei erste Fassungen des Drehbuchs bereits 2001 verfasst, allerdings erst jetzt umgesetzt worden sind. Tragisch hierbei, dass insbesondere Richard Glatzer die Geschichte am Herzen lag, der bislang stets gemeinsam mit Westmoreland den Regieposten bekleidet hat (zuletzt bei Still Alice), allerdings 2015 verstorben ist, weshalb einerseits der Film ihm gewidmet worden ist und andererseits Westmoreland hier nun quasi sein Solo-Debüt als Regisseur gibt. Dieser Umstände aber einmal ungeachtet muss ich sagen, dass hier gleichsam ein gelungenes Porträt der Schriftstellerin wie auch der damaligen Zeit gelungen ist, das zufälligerweise gerade heute aktueller denn je wirkt.

Szenenbild aus Colette - Eine Frau schreibt Geschichte | © Universum Film
© Universum Film

So gibt sich Paris an der Schwelle zum 20. Jahrhundert nach außen hin ungemein progressiv und man kokettiert nur allzu gern mit dem Verruchten und Schlüpfrigem, was freilich hinter verschlossenen Türen ganz anders aussieht und zudem ganz den Vorstellungen des Patriarchats untergeordnet ist. So scheint es für Willy relativ selbstverständlich, sich allenthalben mit Prostituierten zu vergnügen, zumal Männer "eben einfach so sind", derweil dasselbe Recht für seine Frau einzuräumen, ihm absolut "indiskutabel" erscheint. Ganz anders sieht das für ihn freilich aus, als Colette damit liebäugelt, mit einer Dame anzubändeln, weil das ja absolut nicht zu vergleichen sei, wobei ihn auch hier alsbald der Futterneid überkommt. Insbesondere die erste Hälfte von Colette ist damit – sozusagen aus der Natur der Sache heraus – merklich von dem Lebemann und Schwerenöter Willy dominiert, der seines Zeichens von Dominic West (Tomb Raider) verkörpert wird. Und dem gelingt tatsächlich die meiste Zeit das seltene Kunststück, seine Figur eben nicht als absoluten Unsympathen anzulegen, denn auch wenn der Film an sich unweigerlich – und völlig zu Recht – auf die Seite von Colette zieht, blitzen doch auch immer wieder gegenseitige Zuneigung und Willys spitzbübischer Charme durch, die nachvollziehbar machen, weshalb sich Colette letztlich so lange von ihm hat unterjochen und ausnutzen lassen, obwohl sie ihn doch schnell durchschaut hat.

Dabei begehen Westmoreland und sein Team aber auch nicht den Fehler, die anfänglich unerfahrene und zurückhaltende Colette als wehrloses Mäuschen zu inszenieren, so dass die von Keira Knightley (Anna Karenina) verkörperte Frau ihrem Hallodri von Ehemann vom ersten Moment an Paroli bietet, auch wenn es freilich seine Zeit braucht, bis sie den zu großen Teilen auch gesellschaftlich auferlegten Ketten ihrer Ehe entwächst. So opportunistisch und egozentrisch Willy nämlich auch sein mag, ist er nämlich wie auch Colette schlichtweg ein Kind seiner Zeit und dass es damals Frauen verboten war, Hosen zu tragen, sagt schon viel darüber aus, wie frei und fortschrittlich es dann wirklich im Paris zu Zeiten der Jahrhundertwende zugegangen ist. Aus diesen Umständen rührt dann auch wiederum ein Teil der beinahe schon überraschenden Aktualität von Colette, denn während es ihr Mann durchaus anregend findet, wenn sie sich mit einer anderen Frau vergnügt, ist die Reaktion von ihm und Colettes Umwelt schon eine gänzlich andere, als sie Umgang mit dem von Denise Gough verkörperten Missy zu pflegen beginnt, der als Transmann Anfeindungen erfahren muss und um Selbstbestimmung und Akzeptanz kämpfen muss, wie es traurigerweise selbst heute noch der Fall ist. Wie man es derweil findet, dass diese Figur von einer Frau gespielt wird, derweil andere Transgender (Jake Graf und Rebecca Root beispielsweise) als Cisgender besetzt wurden, bleibt jedem selbst überlassen und soll nicht weiter thematisiert werden, einfach auch, weil ich dafür viel zu wenig im Thema bin.

Szenenbild aus Colette - Eine Frau schreibt Geschichte | © Universum Film
© Universum Film

Auf alle Fälle ist Colette in vielerlei Hinsicht nicht nur ein gelungenes Biopic, sondern widmet sich auch den Themen von Gleichstellung und Emanzipation, transportiert durch eine jederzeit selbstbewusst und selbstbestimmt ihr Leben bestreitende Colette, die dank überzeugender Darstellung seitens Knightley auch einige denkwürdige Szenen und Monologe für sich zu verbuchen weiß. Doch Westmorelands Film ist eben auch weit mehr als ein nicht ganz zweistündiger Befreiungsschlag, sondern thematisiert durch die Claudine-Romane gleich noch einen der ersten intermedialen Hypes, während man staunend beobachten darf, dass es auch um 1900 schon üblich und naheliegend war, Merchandise in allen Formen und Ausprägungen auf den Markt zu werfen, während die Pariser Damenwelt sich im Stile von Claudine zu kleiden beginnt. Allerdings wäre es schön gewesen, wenn diesbezüglich noch mehr in die Tiefe gegangen wäre, statt einfach nur abzubilden, dass alle nur erdenklichen Waren nun auch mit Claudine-Konterfei erhältlich sind. In der ersten Hälfte des Films wiederum hätte es selbigem gutgetan, schon etwas von den späteren Ereignissen und Themen anklingen zu lassen, denn gerade zu Beginn wirkt die Biografie doch wie ein sehr kühl nach Schema F durchkalkuliertes Historien-Drama von der Stange, was sich aber zum Glück noch vor Beendigung der ersten halben Stunde weitestgehend erledigt haben wird.

Fazit & Wertung:

Mit Colette gelingt Wash Westmoreland ein überzeugend und ansprechend inszeniertes Biopic der weltberühmten Schriftstellerin, in deren Rolle Keira Knightley merklich aufzugehen scheint. Ein etwas generischer und behäbiger Start trübt das Gesamtbild zum Glück nur unmerklich, derweil Colettes Aufbegehren für ein selbstbestimmtes Leben beinahe schon irritierend aktuell und relevant wirkt.

7,5 von 10 literarisch verarbeiteten Erlebnissen

Colette - Eine Frau schreibt Geschichte

  • Literarisch verarbeitete Erlebnisse - 7.5/10
    7.5/10

Fazit & Wertung:

Mit Colette gelingt Wash Westmoreland ein überzeugend und ansprechend inszeniertes Biopic der weltberühmten Schriftstellerin, in deren Rolle Keira Knightley merklich aufzugehen scheint. Ein etwas generischer und behäbiger Start trübt das Gesamtbild zum Glück nur unmerklich, derweil Colettes Aufbegehren für ein selbstbestimmtes Leben beinahe schon irritierend aktuell und relevant wirkt.

7.5/10
Leser-Wertung 8/10 (1 Stimme)
Sende

Colette – Eine Frau schreibt Geschichte ist am 10.05.19 auf DVD und Blu-ray bei Universum Film erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

DVD:

Blu-ray:

vgw

Hinterlasse einen Kommentar