Review: Les Misérables (Serie)

Heute komme ich nicht nur mit einer brandaktuellen Serien-Kritik daher, sondern greife regelrecht vor, nachdem die DVD- und Blu-ray-Veröffentlichung der Miniserie auf Mitte nächsten Monats verlegt worden ist. Drüber sprechen wollte ich aber jetzt schon und habe dies nachfolgend auch in umfangreicher Form getan.

Les Misérables

Les Misérables, UK 2018-2019, ca. 45 Min. je Folge

Les Misérables | © Universum Film
© Universum Film

Regisseur:
Tom Shankland
Autoren:
Andrew Davies
Victor Hugo (Buch-Vorlage)

Main-Cast:

Dominic West (Jean Valjean)
David Oyelowo (Javert)
Lily Collins (Fantine)
Adeel Akhtar (Thénardier)
Josh O’Connor (Marius Pontmercy)
Ellie Bamber (Cosette)
Erin Kellyman (Éponine Thénardier)
Joseph Quinn (Enjolras)
Enzo Cilenti (Rivette)
Turlough Convery (Grantaire)
Archie Madekwe (Courfeyrac)
Donald Sumpter (Mabeuf)
Kathryn Hunter (Madame Victurnien)
Johnny Flynn (Félix Tholomyès)
Henry Lloyd-Hughes (Pontmercy)
Ron Cook (Hair and Teeth Dealer)
Alan David (Letter Writer)
David Bradley (Gillenormand)
Olivia Colman (Madame Thénardier)
Derek Jacobi (Bishop)

Genre:
Drama | Historie

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Les Misérables | © Universum Film
© Universum Film

Während die Schlacht bei Waterloo 1815 Napoleons Herrschaft beendet und zum Ende des Französischen Kaiserreichs führt, verbüßt Sträfling Jean Valjean noch immer seine 19 Jahre während Haftstrafe für den Diebstahl eines Laibes Brot und mehrere gescheiterte Fluchtversuche. Unterdessen bändelt die junge Grisette Fantine mit dem Studenten Félix Tholomyès an, der sie alsbald schwängert und letztlich mit dem Kind sitzenlässt. Valjean wird letztlich aus der Haft entlassen, innerlich verhärtet und verbittert, und macht die Bekanntschaft mit einem gütigen Bischof, der versucht, ihn auf den Pfad von Tugend und Rechtschaffenheit zurück zu lotsen, nachdem Valjean sich von dem Leben und der Gesellschaft betrogen fühlt. Die Worte des Bischofs und sein Wohlwollen allerdings fruchten und Valjean mausert sich zu einem ehrenwerten Geschäftsmann und wird letztlich unter dem Namen M. Madeleine gar Bürgermeister und Fabrikant in Montreuil. Dort begegnet er auch Fantine, die unterdessen ihre Tochter Cosette in die Obhut der Gasthaus-Besitzer Thénardier gegeben hat, was sie allerdings Madeleine verschweigt, als sie auf der Suche nach einem Job bei ihm vorstellig wird. Doch nicht nur Fantine droht einstweilen von ihrer Vergangenheit eingeholt zu werden – zumal die gierigen Thénardiers immer horrendere Forderungen stellen – denn der frisch nach Montreuil versetzte Inspektor Javert erkennt alsbald in Madeleine den ehemaligen Sträfling Valjean und will ihn zur Rechenschaft ziehen. So drohen sowohl Fantines als auch Valjeans Geheimnis offenbar zu werden und sie in ungeahntes Elend zu stürzen…

Rezension:

Der 1862 veröffentlichte Roman Les Misérables von Victor Hugo dürfte wohl beinahe ausnahmslos jedem ein Begriff sein – unabhängig davon, ob man die Geschichte je gelesen hat – und sei es nur aufgrund des gleichnamigen, womöglich noch bekannteren Musicals, das nun auch bereits vor rund 40 Jahren – am 17. September 1980 – seine Uraufführung erlebt hat. Umso erstaunlicher für mich persönlich als durchaus literaturaffiner Mensch, dass ich bislang keinerlei Berührung mit dem Stoff gehabt habe und auch die Muscial-Adaption von 2012 bislang noch ungesehen im Schrank liegen habe. So kam es, dass ich gänzlich unvorbelastet an die nunmehr neueste Adaption des Stoffes herangehen konnte, die ebenfalls den Namen Les Misérables trägt und im vergangenen Jahr von der britischen BBC produziert und veröffentlicht worden ist. Die Handlung des Romans erstreckt sich hier auf insgesamt sechs rund einstündige Episoden, derweil es sich bei der deutschen DVD-/Blu-ray-Fassung so verhält, dass die Episoden neu zusammengesetzt und auf insgesamt acht Folgen verteilt worden sind, die logischerweise nun in kompakterer Form zu je rund 45 Minuten daherkommen.

Szenenbild aus Les Misérables | © Universum Film
© Universum Film

Ich erwähne das deshalb explizit, weil es zwar am grundsätzlichen Inhalt der Serie nichts ändern mag, sich aber durchaus in Sachen Pacing und Timing niederschlägt, so dass manche Episode ein recht abruptes ende findet oder irritierenderweise vor dem vermeintlichen Höhepunkt abbricht, der dann eben Teil der darauffolgenden Episode wird, so dass es sich einzig zur Halbzeit und am Ende "richtig" anfühlt, wie die einzelnen Folgen beendet werden. Das schmälert aber den positiven Gesamteindruck immerhin nur unmerklich und verwundert mich eher als dass es stört, schließlich ist die Anfertigung einer solchen alternativen Schnittfassung ja nun einmal auch mit einigem Aufwand verbunden. Ansonsten offeriert Les Misérables eine in meinen Augen ungemein lohnenswerte und gelungene Adaption des Romans, auch wenn mir hier die direkten Vergleichsmöglichkeiten fehlen, so dass ich die Miniserie relativ vorbehaltlos empfehlen kann, wenn man sich denn einem dergestalt schweren Thema widmen möchte, denn Armut und Tristesse, Hoffnungslosigkeit und Fatalismus sind hier durchaus vorherrschend und Momente des Glücks den Figuren nur selten und kurz vergönnt, wie ja auch schon der Titel vermittelt, aber auch den meisten bekannt sein dürfte.

Nichtsdestotrotz muss sich die Serie auch von einigen Seiten Kritik gefallen lassen, sei es, dass Aufbau und Bildkompositionen dem 2012er-Musical-Film entlehnt wären oder auch, dass sie Botschaft und Inhalt des Romans verfremde, wozu ich aber aus naheliegenden Gründen nichts sagen kann. Dafür kann ich Stellung nehmen zu dem ungemein gelungenen Set-Design, den Kostümen und Looks, der vorherrschenden Atmosphäre und der allgemeinen Ausstattung, die allesamt erkennen lassen, dass die BBC hier einiges an Geld und Aufwand in das Projekt gesteckt hat, für dessen Skript Andrew Davies verantwortlich zeichnet, der sich zuvor bereits an Serien-Adaptionen von unter anderem Krieg und Frieden und Sinn und Sinnlichkeit versucht hat. Auf dem Regiestuhl derweil nimmt für alle Episoden Tom Shankland Platz, der mich zuletzt mit seiner Arbeit an der leider weitestgehend untergegangenen Miniserie The City & The City begeistert hat und auch hier eindrucksvolle Bilder und Sequenzen findet und erschafft, um das tragisch-dramatische Treiben ins rechte Licht zu rücken. Nichtsdestotrotz ist das Geschehen eher elegisch inszeniert und entwickelt nur in gewissen Etappen eine von Sturm und Drang geprägte Erzählform, so dass man sich in direktem Vergleich zu einschlägigen Mainstream-Serien, die deutlich schneller, um nicht zu sagen gehetzter inszeniert sind, beinahe zu langweilen drohen könnte, wenn man nicht weiß, auf was für eine Art Erzählung man sich einlässt. Das allerdings ist selbstredend eine Frage des persönlichen Empfindens und Geschmacks und ich will es nur erwähnt haben, auf dass niemand sich ob der getragenen Inszenierung ärgern möge.

Ansonsten steht und fällt natürlich eine solche Produktion fernab ihres Budgets, ihrer Vorlage und Inszenierung mit ihrer Besetzung, die hier nicht nur ausnehmend umfangreich geraten ist, da Les Misérables trotz starkem Fokus auf einzelne Figuren eben vorrangig ein Ensemble-Stück ist und noch dazu gleich mehrere Dekaden umfasst. An vorderster Front steht hier Dominic West (Colette) als Jean Valjean und entpuppt sich mit seiner markigen Ausstrahlung als regelrechte Idealbesetzung, zumal er sowohl als verhärmter Gefängnisinsasse oder adretter Bürgermeister von Montreuil wie auch als verzweifelter und zuweilen jähzorniger Ziehvater zu überzeugen weiß, dem trotz seines rauen Äußeren und dem oft ruppigen Ton eine innere Zerbrechlichkeit und Herzensgüte innewohnt, die ihn als Identifikationsfigur und Sympathieträger geradezu prädestinieren. Ihm gegenüber steht David Oyelowo (A Most Violent Year) als Gefängniswärter und späterer Polizeiinspektor Javert, der sich im Verlauf des Reigens quasi zu Valjeans Nemesis mausert. Auch hier hat die Miniserie ob seiner Besetzung (unberechtigte) Kritik hinsichtlich fehlgeleiteter Political-Correctness einstecken müssen, doch steht meines Erachtens die schauspielerische Leistung gegenüber der Hautfarbe stets im Vordergrund und in dieser Hinsicht ist Oyelowo über jeden Zweifel erhaben und gibt einen gar großartigen, überzeugend vielschichtigen Javert ab. Zuletzt wäre in dem prestigeträchtig beworbenen Trio aus Hauptfiguren noch Lily Collins (Love Stories) in der Rolle der Fantine zu nennen, deren Unglück sich nach zunächst beschaulichem Leben in ungeahnte Höhen – oder in dem Fall Tiefen – schraubt und Collins ob der Tragik ihrer Figur zu schauspielerischen Höchstleistungen anspornt.

Szenenbild aus Les Misérables | © Universum Film
© Universum Film

Gegenüber einem derart prägnanten und charismatischen Dreiergespann haben die weiteren DarstellerInnen zwar beinahe unweigerlich das Nachsehen und beispielsweise das tragische Liebespaar Marius (Josh O’Connor) und Cosette (Ellie Bamber) weiß im weiteren Verlauf nicht annähernd so für sich einzunehmen, doch gibt es eben einerseits keine Totalausfälle zu beklagen und andererseits ruhmreiche Ausnahmen wie etwa die eng mit dem Schicksal von Valjean verknüpften Thénardiers, für die man Adeel Akhtar und Olivia Colman hat gewinnen können, die auch schon gemeinsam – wenn auch nicht Seite an Seite – an The Night Manager mitgewirkt haben. Darüber hinaus geben sich hier unter anderem die Schauspielveteranen wie Derek Jacobi die Ehre, der wie schon in Good Omens einen prägnanten Gastauftritt absolviert, derweil David Bradley (Doctor Who: Aus der Zeit gefallen) Marius‘ Großvater Gillenormand verkörpert, um nur einige zu nennen. So gehen bei Les Misérables überzeugende und hochbudgetierte Inszenierung mit einer ungemein hochkarätigen Besetzung einher und schaffen gemeinsam eine in meinen Augen beinahe durchweg überzeugende Literatur-Adaption, die ihrem Wesen und Aufbau nach zwar nicht vor kleineren Längen gefeit sein mag und insbesondere zu Beginn der zweiten Hälfte dramaturgisch ein wenig schwächelt, sich aber dank emotionaler und berührender Geschichte schnell zu neuen Höhen aufzuschwingen vermag.

Fazit & Wertung:

Der BBC ist mit ihrer sechs-, beziehungsweise hierzulande achtteiligen Miniserie Les Misérables eine durchweg überzeugende Adaption des Weltliteratur-Klassikers gelungen, bei der man sich zwar ob der Vielzahl an Verfilmungen darüber streiten können mag, ob sie wirklich notwendig gewesen wäre, die sich qualitativ und hinsichtlich ihrer Besetzung und Ausstattung allerdings nicht zu verstecken braucht. Aufbau und Umfang scheinen dem Thema angemessen und berücksichtigen in dieser rund sechsstündigen Fassung zudem Figuren und Ereignisse, die in der Musical-Variante wenig bis keine Berücksichtigung erfahren konnten.

8 von 10 leidvollen Verhängnissen

Les Misérables

  • Leidvolle Verhängnisse - 8/10
    8/10

Fazit & Wertung:

Der BBC ist mit ihrer sechs-, beziehungsweise hierzulande achtteiligen Miniserie Les Misérables eine durchweg überzeugende Adaption des Weltliteratur-Klassikers gelungen, bei der man sich zwar ob der Vielzahl an Verfilmungen darüber streiten können mag, ob sie wirklich notwendig gewesen wäre, die sich qualitativ und hinsichtlich ihrer Besetzung und Ausstattung allerdings nicht zu verstecken braucht. Aufbau und Umfang scheinen dem Thema angemessen und berücksichtigen in dieser rund sechsstündigen Fassung zudem Figuren und Ereignisse, die in der Musical-Variante wenig bis keine Berücksichtigung erfahren konnten.

8.0/10
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Episodenübersicht:

01. Episode 1 (8/10)
02. Episode 2 (8,5/10)
03. Episode 3 (9/10)
04. Episode 4 (8,5/10)
05. Episode 5 (7/10)
06. Episode 6 (7,5/10)
07. Episode 7 (8,5/10)
08. Episode 8 (8,5/10)

 
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Les Misérables erscheint am 15.11.19 auf DVD und Blu-ray im Vertrieb von Universum Film. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

DVD:

Blu-ray:

vgw

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Eine Reaktion

  1. Wortman 11. November 2019

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