Review: Im Land der letzten Dinge | Paul Auster (Buch)

Kommen wir heute mal zu einem Spontankauf von Buch, den ich quasi in die laufende Lektüre-Planung eingeschoben habe, nachdem mir bewusst geworden ist, wie lange ich von dem eigentlich von mir hochgeschätzten Autor Auster nichts mehr gelesen habe.

Im Land der letzten Dinge

In the Country of Last Things, USA 1987, 224 Seiten

Im Land der letzten Dinge von Paul Auster | © Rowohlt Verlag
© Rowohlt Verlag

Autor:
Paul Auster
Übersetzer:
Werner Schmitz

Verlag (D):
Rowohlt Verlag
ISBN:
978-3-499-13043-4

Genre:
Endzeit | Drama | Mystery

 

Inhalt:

Dies sind die letzten Dinge, schrieb sie. Eins nach dem andern verschwinden sie und kommen nie zurück. Ich kann dir erzählen von denen, die ich gesehen habe, von denen, die es nicht mehr gibt, doch wird kaum Zeit dafür sein. Es geschieht jetzt alles zu schnell, und ich kann nicht mithalten.

Auf der Suche nach ihrem älteren Bruder, dem Reporter William Blume, findet sich Anna in einer nicht benannten Metropole wider, in welcher der unweigerliche Verfall begonnen hat und aus der es kein Entrinnen zu geben scheint. Zahlreiche Vereinigungen und Sekten haben sich allein um das selbstbestimmte Sterben herum gebildet, Hunger, Elend, Gewalt und Missgunst grassieren allerorten und ein jeder neue Tag bedeutet den neuerlichen Kampf ums Überleben. Die Regierung vermag kaum mehr zu leisten, als tagtäglich die Leichen von den Straßen zu sammeln und der Verbrennung zuzuführen, doch gehören regelmäßige Regimewechsel ohnehin beinahe zur Tagesordnung, ohne dass sich etwas an den Zuständen in der Stadt ändern würde. Anna Blume, vom vorherrschenden Fatalismus und der damit einhergehenden Ausweglosigkeit restlos überfordert, verdingt sich zunächst als eine Art Schrottsammlerin und gerät über Umwege an Sam Farr, einen Kollegen von William, der ebenfalls mit der Suche nach ihm betraut worden ist. Während die Monate vergehen und Anna so manchen Schicksalsschlag zu erdulden hat, beginnt sie, ihre Erlebnisse in einem Brief festzuhalten, der eindringlich davor warnt, die Stadt zu betreten, deren Verfall unaufhaltsam und unumkehrbar scheint…

Rezension:

Unfassbare siebeneinhalb Jahre ist es her, dass ich das letzte Mal ein Buch von Paul Auster zur Hand genommen habe und das, obwohl mich seine Werke, beispielsweise Unsichtbar oder Mann im Dunkel, um nur jene zu nennen, die an dieser Stelle bereits von mir rezensiert worden sind, ein ums andere Mal zu überzeugen wussten. Diesmal nun habe ich mich mit Im Land der letzten Dinge einem seiner Frühwerke gewidmet, das gemeinsam mit seiner New-York-Trilogie den Durchbruch des Autors Ende der 1980er-Jahre markiert. Und obwohl besagtes Werk also bereits vor mehr als dreißig Jahren erschienen ist, hat es tatsächlich kaum an Aktualität eingebüßt sondern wirkt in mancher Hinsicht mittlerweile regelrecht prophetisch und näher an der Realität, als man das damals hätte meinen können. Das liegt natürlich zuvorderst daran, dass Auster auch schon in diesem Frühwerk seines immens umfangreichen Schaffens einem eigenen, wenig spezifischen, eher universellen Stil folgt, der beispielsweise völlig offen lässt, wo Protagonistin Anna Blume sich eigentlich genau befindet.

Die Straßen der Stadt sind überall, und keine zwei Straßen gleichen sich. Ich setze einen Fuß vor den anderen, dann den anderen Fuß vor den ersten, und dann hoffe ich, das wiederholen zu können. Mehr nicht. Du musst begreifen, wie es jetzt um mich steht. Ich bewege ich. Ich atme, was mir an Luft geblieben ist. Ich esse so wenig wie möglich. Ganz gleich was die Leute sagen mögen, das Einzige, was zählt, ist auf den Beinen zu bleiben.

So bleiben das Land und die Stadt ebenso namenlos wie die Regierung als gesichtsloses Etwas im Hintergrund dessen bleibt, was sich innerhalb der Stadt abspielt. Sichtbar wird sie im Grunde nur über Gesetzeshüter und die Leichensammler als einzig noch funktionierendes Organ der Staatsgewalt, während die Ich-Erzählerin davon berichtet, dass keines der diktatorischen Regime sich lange an der Macht hält, abgesehen von Kleinigkeiten ein weiterer Umsturz aber auch kaum Veränderung für die auf sich selbst gestellte Bevölkerung bedeutet. Der spürbarste Einfluss einer diffus bleibenden Obrigkeit mag es da noch sein, dass eine Flucht aus der Stadt unmöglich scheint. Auster ist hier mitnichten daran gelegen, ein umfassendes Bild dieser Gesellschaft zu zeichnen und vieles bleibt verborgen und rätselhaft, was die wenn auch spärliche Verpflegung angeht ebenso wie den Umstand, dass zwar niemand mehr Kinder zu kriegen scheint und trotzdem immer wieder unbekannte Menschen auf den Straßen gesichtet werden. Aber Im Land der letzten Dinge ist eben nicht als Gesellschaftsstudie ausgelegt, sondern stellt aus Sicht von Anna Blume auf existentialistische Grundsätze ab.

So geht es dem Autor vielmehr darum, zu ergründen, was es zum Überleben braucht, woher die Menschen ihre Hoffnung beziehen und was es mit sich bringt, wenn diese Hoffnung ihnen abhandenkommt. Die Schilderungen sind diesbezüglich drastisch, oft erschreckend und trotz ihrer Absonderlichkeit so skizziert, dass man unbesehen glauben könnte, es könne sich genauso zutragen. Insbesondere zu Beginn verliert sich Anna lange in diesen fragmentarischen Schilderungen, die in ihrer Unmittelbarkeit und der merkwürdigen Mischung aus akribischer Schilderung und gedanklicher Unfassbarkeit reichlich Beklemmung hervorzurufen imstande sind. Es dauert, bis sich so etwas wie ein roter Faden, eine Handlung herauskristallisiert und selbst die ist dergestalt von Zufällen geprägt und konstruiert, dass sie im Grunde als Trittbrett betrachtet werden darf, Paul Auster in die Lage zu versetzen, sich unterschiedlichen Aspekten der menschlichen Existenz zu widmen. So mögen es an einer Stelle der nackte Kampf ums Überleben sein, an anderer Stelle der Wunsch nach einer Bestimmung, einer Aufgabe, die Bedeutung von Liebe und Zweisamkeit oder schlichtweg die essentielle Bedeutung selbst unscheinbarster Dinge und wie sie ein Leben von einem auf den anderen Moment ins Chaos stürzen können.

Noch schlimmer ist es für die, die ihren Hunger bekämpfen. Wer zu viel ans Essen denkt, bekommt nur Schwierigkeiten. Dies sind die Besessenen, die sich nicht mit den Tatsachen abfinden wollen. Sie durchstreifen die Straßen zu jeder Tageszeit auf der Suche nach Essbarem und gehen noch für den kleinsten Krümel enorme Wagnisse ein. So viel sie dabei auch finden mögen, es ist nie genug. Sie essen, ohne je satt zu werden, fallen mit tierischer Hast über ihr Essen her, stochern mit knochigen Fingern darin, und nie klappen ihre bebenden Kiefer zu. Das meiste trieft ihnen am Kinn entlang, und was sie verschlingen können, speien sie gewöhnlich nach wenigen Minuten wieder aus. Es ist ein langsamer Tod, als wenn das Essen Feuer wäre, ein Wahn, der sie von innen heraus verbrennt. Sie glauben, sie äßen, um zu überleben, doch am Ende sind sie es, die gegessen werden.

Anna Blume macht dabei die Bekanntschaft unterschiedlicher Personen, lebt an verschiedensten Orten und wohnt unterschiedlichsten, teils verstörenden Ereignissen bei. Doch trotz des vorherrschenden Fatalismus und der unumstößlichen Tatsache, dass es in Im Land der letzten Dinge eigentlich stets nur bergab geht und keine Besserung, keine Katharsis, keine Erlösung in Sicht ist, kann man sich der eindringlichen Schilderungen nur schwer entziehen. Zumindest, so man sich denn grundsätzlich mit der Tatsache anfreunden kann, hier einen Briefroman vorgesetzt zu bekommen, der einzig aus der Sicht der Protagonistin verfasst ist und somit einen stets nur einseitigen Blickwinkel auf das erhaschen kann, was sich in dieser morbide-faszinierenden Stadt zuträgt, deren zivilisatorischer wie wirtschaftlicher Niedergang allein schon bis zuletzt ein Rätsel bleibt. Wer also von einem Roman erwartet, letzthin alle antworten geliefert und Zusammenhänge erklärt zu bekommen, der wird mit dieser dystopischen Mär nicht glücklich werden, doch wer hingegen diesem entrückten und diffus irritierenden und einnehmenden Stil etwas abgewinnen kann, darf sich auf packende wie verstörende Lektüre freuen.

Fazit & Wertung:

Mit Im Land der letzten Dinge skizziert Paul Auster in Form eines Briefromans eine verstörende wie erschreckende Zukunftsvision, die gerade durch ihre Auslassungen, was Handlungsort, Zeit und Zusammenhänge angeht, noch an Eindrücklichkeit und Unmittelbarkeit gewinnt. Der Niedergang eines ganzen Volkes, hier exemplarisch an der namenlos bleibenden Stadt ohne Ausweg, mag viele Fragen unbeantwortet lassen, unterstreicht aber damit auch den universellen Charakter, den existentialistischen Grundgedanken dieser dystopischen Erzählung.

9 von 10 verstörenden Schilderungen einer zusammenbrechenden Gesellschaft

Im Land der letzten Dinge

  • Verstörende Schilderungen einer zusammenbrechenden Gesellschaft - 9/10
    9/10

Fazit & Wertung:

Mit Im Land der letzten Dinge skizziert Paul Auster in Form eines Briefromans eine verstörende wie erschreckende Zukunftsvision, die gerade durch ihre Auslassungen, was Handlungsort, Zeit und Zusammenhänge angeht, noch an Eindrücklichkeit und Unmittelbarkeit gewinnt. Der Niedergang eines ganzen Volkes, hier exemplarisch an der namenlos bleibenden Stadt ohne Ausweg, mag viele Fragen unbeantwortet lassen, unterstreicht aber damit auch den universellen Charakter, den existentialistischen Grundgedanken dieser dystopischen Erzählung.

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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite des Rowohlt Verlag. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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Im Land der letzten Dinge ist am 02.01.1992 im Rowohlt Verlag erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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