Review: Verblendung (Film)

Jaha, heute gibt es sogar außerplanmäßig eine zusätzliche Rezension! Warum? Na klar, weil ich im Kino war und meine Eindrücke mit euch teilen möchte, während sie noch frisch sind. Um welchen Film es sich handelt habt ihr euch sicher schon denken können und jetzt habt ihr ja – aufgrund des Titels – Gewissheit. Es geht natürlich um Finchers Verblendung, den Auftakt der großangelegten Neuverfilmung der Millennium-Trilogie von Stieg Larsson.

Ein Novum stellt im Übrigen die schiere Ausführlichkeit der Rezension dar, in der ich mich bemüht habe, auf alle relevanten Aspekte in adäquater Form einzugehen.

Verblendung

The Girl with the Dragon Tattoo, USA/SE/UK/DE 2011, 158 Min.

Verblendung
Quelle: IMPawards.com

Regisseur:
David Fincher
Autor:
Steven Zaillian

Main-Cast:
Daniel Craig (Mikael Blomkvist)
Rooney Mara (Lisbeth Salander)
in weiteren Rollen:
Christopher Plummer (Henrik Vanger)
Stellan Skarsgård (Martin Vanger)
Steven Berkoff (Dirch Frode)
Robin Wright (Erika Berger)
Yorick van Wageningen (Nils Bjurman)
Joely Richardson (Anita Vanger)

Genre:
Krimi | Thriller | Mystery

Trailer:

 

Inhalt:

Nachdem der Journalist Mikael Blomkvist auf fingierte Beweise bezüglich der kriminellen Machenschaften des Unternehmers Wennerström hereingefallen und von diesem erfolgreich wegen Verleumdung auf 600.000 Kronen verklagt worden ist, sieht es schlecht aus für Blomkvist und seinen Ruf und er entscheidet, sich aus dem Verlagsgeschäft vorerst zurückzuziehen und seine Kollegin und heimliche Affäre Erika Berger mit der gemeinsamen Zeitschrift Millennium allein weitermachen zu lassen.

Da trifft es sich für Blomkvist vortrefflich, dass der Unternehmer Henrik Vanger ihn unter Vertrag nehmen möchte, offiziell, um seine Memoiren zu verfassen, inoffiziell, um das Verschwinden seiner Nichte Harriet vor 40 Jahren untersuchen zu lassen, da er Blomkvist für einen begnadeten Enthüllungsreporter hält. Im Gegenzug verspricht er ihm, neben großzügiger Entlohnung, hieb- und stichfeste Beweise gegen Wennerström, den auch er zu seinen Feinden zählt.

Für Blomkvist ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht abzusehen, welche Geheimnisse hinter der Fassade der Familie Vanger lauern und er weiß nichts von der unter staatlicher Vormundschaft befindlichen Hackerin Lisbeth Salander, die im Vorfeld von Vangers Anwalt den Auftrag bekommen hatte, Blomkvist allumfassend zu durchleuchten. Er ahnt vor allem nicht, wie tiefgreifend ihr Schicksal miteinander verwoben werden wird und welche neuen Spuren sich ihm ihretwegen offenbaren werden.

Rezension:

Die Ursprünge:

Es war im Jahre 2004, als der schwedische Journalist und Schriftsteller Stieg Larsson einem Herzinfarkt erlag. Er hinterließ drei fertige von zehn geplanten Büchern um den Journalisten Mikael Blomkvist, der für die fiktive schwedische Zeitschrift Millennium arbeitet, nach der auch die Trilogie benannt worden ist. Die fertigen Bücher wurden posthum veröffentlicht und wurden allesamt Bestseller, so dass sie in zahlreiche Sprachen übersetzt und so auch hierzulande unter den Titeln Verblendung, Verdammnis und Vergebung erschienen.

Der anhaltende und durchschlagende Erfolg brachte es mit sich, dass 2009 eine ursprünglich für das Fernsehen geplante Film-Adaption des Stoffes es letztlich in gekürzter Form sogar noch ins Kino schaffte und den Bekanntheitsgrad der Reihe noch einmal deutlich steigerte, zumal auch diese drei Filme gleichen Namens ihren Weg in zahlreiche internationale Kinosaale fanden und insbesondere Noomi Rapace‘ Darstellung der Lisbeth Salander nicht nur gelobt, sondern auch mit zahlreichen Preisen und Nominierungen untermauert wurde.

Der Erfolg ging sogar so weit, dass er sich bis ins ferne Hollywood herumsprach und wie die Amerikaner eben so sind, witterten sie natürlich Geld und Gelegenheit und planten prompt ein Remake des ersten Teils Verblendung, das – bei entsprechendem Erfolg – eine Neuverfilmung der anderen beiden Filme nach sich ziehen würde. Nach kaum zwei Jahren eine Neuverfilmung aus dem Boden zu stampfen ist natürlich reichlich fragwürdig und es hätte ein sinn- wie nutzloser Film werden können, doch die Verantwortlichen haben mitgedacht und sich den großartigen David Fincher für den Regiestuhl gesichert.

Der Regisseur:

Der Name David Fincher dürfte selbst nicht allzu versierten Filmfreunden ein Begriff sein, avancierten schließlich zahlreiche seiner Werke schon nach kürzester Zeit zu Kultfilmen und genießen einen entsprechenden Bekanntheitsgrad, sei es nun Sieben, Fight Club, Der seltsame Fall des Benjamin Button oder jüngst The Social Network. Mag man von diesen Filmen (um nur einige als Beispiel zu nennen) halten was man möchte, stehen doch der stilsichere Umgang mit dem Medium Film, die Virtuosität bei der Umsetzung und sein Gespür für Timing und Inszenierung außerfrage, zumal ihm der Erfolg unumwunden Recht gibt. Betrachtet man also Finchers Schaffen, sind es gerade Filme wie Sieben oder auch Zodiac, die ihn für die Verfilmung gerade dieses Stoffes prädestinieren. Und er beweist eindrucksvoll, ohne etwas vorweg nehmen zu wollen, dass diese Vorschusslorbeeren vollkommen gerechtfertigt sind.

Das Team:

Doch Fincher wäre nicht Fincher, wenn er sich allein auf sein Gespür verlassen würde. Sein Erfolg liegt vielmehr darin begründet, dass er sich auch stets die richtigen Leute ins Boot holt, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen und das fängt eben nicht erst bei den Schauspielern an, sondern bei grundsätzlichen und nicht zu unterschätzenden Entscheidungen, wie etwa der des Drehbuchautors. Für dieses konnte nämlich Steven Zaillian gewonnen werden, der sich seine Sporen mit den Drehbüchern zu beispielsweise Schindlers Liste und Gangs of New York verdient hat und für ersteren auch den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch gewann.

Aber auch was die Filmmusik angeht hat sich Fincher nicht lumpen lassen und erneut Trent Reznor, den Gründer und Sänger der Nine Inch Nails für Verblendung ins Boot geholt, mit dem er bereits bei The Social Network kollaborierte und für dessen Score Reznor den Oscar sowie einen Golden Globe Award erhielt.

Dies also nur als Beispiel für Finchers hochkarätige Unterstützung, ohne dabei außer Acht lassen zu wollen, dass für den Erfolg eines Films natürlich auch und insbesondere die Wahl der Darsteller entscheidend sein kann.

Die Darsteller:

Was die Wahl seiner Hauptfiguren angeht, allen voran natürlich Daniel Craig als Mikael Blomkvist und Rooney Mara als Lisbeth Salander beweist Fincher mehr als ein glückliches Händchen. Ist Craig zwar sowieso nicht für seine vielschichtigen und emotionsgefärbten Rollen bekannt und in seiner Rollenwahl beinahe als stereotyp zu bezeichnen, besitzt er dennoch eine außerordentliche Leinwandpräsenz und beeindruckt hier mit eindringlichem und überzeugenden Schauspiel. Seine wohl beste Leistung aber ist es, sich in Verblendung während der gemeinsamen Szenen mit Rooney Mara dezent zurückzunehmen und ihr das Feld zu überlassen. Maras Darstellung der mal kindlich naiven, mal offensiv aggressiven, der verletzlichen wie auch rachsüchtigen Lisbeth Salander ist in ihrer Ambivalenz kaum zu übertreffen und könnte meiner Einschätzung nach definitiv eine Oscar-Nominierung nach sich ziehen.

Doch auch die Nebenrollen – allen voran natürlich die Mitglieder der Familie Vanger – sind hochkarätig und überzeugend mit Leinwandgrößen wie Christopher Plummer und Stellan Skarsgård besetzt und auch Joely Richardson überzeugt in ihrer Rolle als Anita Vanger. Summa summarum findet sich keine einzige Fehlbesetzung und allen größeren Nebenrollen gelingt es gekonnt, Akzente zu setzen und sich gegen das übermächtig scheinende Ermittler-Duo zu behaupten.

Der Film:

Haben wir nun also einen Blick auf einzelne Aspekte von Verblendung geworfen, gilt es natürlich noch zu eruieren, inwieweit die Konzeption als Ganzes aufgeht. Der Film beginnt leise und zurückhaltend, Henrik Vanger telefoniert mit seinem Anwalt, es ist wieder ein Bild geschickt worden. Was es mit diesen Bildern auf sich hat, erfahren wir noch früh genug, es erfolgt ein abrupter Wechsel zum wohl mitreißendsten, beindruckendsten Intro der letzten Jahre, das an Perfektion kaum zu übertreffen ist und hervorragend – wenn nicht gar perfekt – auf das nun folgende einstimmt.

Es folgt die behutsame Exposition der Figuren und ihrer Beweggründe, ihres Antriebs, ihrer Motivation. Verblendung präsentiert sich hier als klassischer Thriller, nimmt sich Zeit für die Vorgeschichte, die Einführung, den Hintergrund und kommt somit nur langsam in Fahrt. Es ist der bildhaften Sprache, den menschlichen Zwischentönen und den interessant und konkret gezeichneten Figuren zu verdanken, dass hier keine Langeweile aufkommt, ehe sich Blomkvist zur Insel Hedeby aufmacht, um Henrik Vanger zu treffen.

Es dauert, bis Blomkvist und Salander letztlich aufeinandertreffen, doch bis dahin muss sich Lisbeth auch erst einmal von ihrem von Rechts wegen gestellten Vormund emanzipieren, allein diese Szenen sind an Drastik und Eindringlichkeit im Übrigen kaum zu übertreffen und rühren schon an der Substanz. Doch auch das immer verworrener werdende Treiben im verschneiten Hedeby zieht den Zuschauer unentwegt in seinen Bann und offenbart stilistisch gekonnt nach und nach immer neue Details zum Verschwinden Harriets. Dabei beeindrucken zuvorderst die visuell greifbare Düsternis und die lebensfeindliche Landschaft und man meint beinahe die Anspannung zu spüren und harrt der Offenbarungen, die noch im Schatten lauern. Die Bildkompositionen vermitteln, gepaart mit dem exquisiten Score, genau die unterschwellige Bedrohung, die auch bezeichnend ist für die Geheimnisse und die latente Aggression der Familienmitglieder untereinander und gegenüber Blomkvist.

Mit dem Eintreffen Lisbeths und der damit verbundenen Fortschritte in den Ermittlungen zieht auch das Tempo von Verblendung deutlich an und die Lage spitzt sich merklich zu. Hier beginnt der Film wahren Nervenkitzel auszulösen und presst einen förmlich in den Kinosessel, während die Bedrohung wächst, die Gangart härter wird und Kameramann Jeff Cronenweth unerbittlich, ja beinahe voyeuristisch draufhält, wo man am liebsten wegsehen würde, so wie die Familie Vanger ihre Augen seit jeher vor der Wahrheit verschlossen hat.

Alles in allem ist dem Film seine nicht unerhebliche Überlänge kaum anzumerken, einzig die letzte Viertelstunde bemüht sich zwar redlich, die noch losen Enden zusammenzuführen, hätte aber in dieser Ausführlichkeit nicht sein müssen. Hier muss man jedoch im Hinterkopf haben, dass es sich eben um den Beginn einer Reihe handelt, der ausführliche Abschluss also nicht nur beabsichtigt, sondern für den weiteren Verlauf auch notwendig war, und sei es nur, um einen Ausgangspunkt für den Wiedereinstieg beim zweiten Teil zu haben. Denn die Neuverfilmung von Verdammnis und Vergebung ist nach Aussage von Sony Pictures bereits in trockenen Tüchern und auch Craig und Mara werden hierfür wieder an Bord sein, lediglich die Beteiligung Finchers, der aber meiner Ansicht nach nicht unerheblich an dem Erfolg dieses Auftakts beteiligt ist, steht noch in den Sternen.

Fazit & Wertung:

Alles zusammengenommen ist Verblendung ein handwerklich perfekt inszenierter, visuell eiskalter Bilderrausch mit einem treibenden Soundtrack und einer packenden, an die Substanz gehenden Geschichte, der aufgrund des Konglomerats kreativer und talentierter Beteiligter restlos zu überzeugen weiß, wenngleich er auch mit einer marginal in die Länge gezogenen Auflösung zu kämpfen hat, wobei sich dieser Eindruck in den Sequels durchaus noch relativieren könnte.

Verblendung wird dadurch sicherlich auch einer der Kandidaten bei den diesjährigen Oscar-Nominierungen am 24. Januar, zumal der Film bereits vor Veröffentlichung zwei Golden Globe Nominierungen einheimsen konnte. Letztlich beweist Fincher, dass er nicht umsonst zu den gefragtesten Regisseuren Hollywoods gehört.

9,5 von 10 schandhaften Geheimnissen der Familie Vanger

Verblendung

  • Schandhafte Geheimnisse der Familie Vanger - 9.5/10
    9.5/10

Fazit & Wertung:

Alles zusammengenommen ist Verblendung ein handwerklich perfekt inszenierter, visuell eiskalter Bilderrausch mit einem treibenden Soundtrack und einer packenden, an die Substanz gehenden Geschichte, der aufgrund des Konglomerats kreativer und talentierter Beteiligter restlos zu überzeugen weiß, wenngleich er auch mit einer marginal in die Länge gezogenen Auflösung zu kämpfen hat, wobei sich dieser Eindruck in den Sequels durchaus noch relativieren könnte.

Verblendung wird dadurch sicherlich auch einer der Kandidaten bei den diesjährigen Oscar-Nominierungen am 24. Januar, zumal der Film bereits vor Veröffentlichung zwei Golden Globe Nominierungen einheimsen konnte. Letztlich beweist Fincher, dass er nicht umsonst zu den gefragtesten Regisseuren Hollywoods gehört.

9.5/10
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Meinungen aus der Blogosphäre:
Cellurizon: 8,5/10Punkte
Owley: 9,5/10Punkte
Tonight is gonna be a large one.: 8/10 Punkte

Als besonderer Service hier noch der Link zur DVD/Blu-ray von Verblendung (deren Veröffentlichung auf den 31. Mai 2012 datiert) bei Amazon:

DVD:

Blu-ray:

  • bullion

    Habe ich es überlesen, oder hast du das Original gar nicht gesehen? Mich würde mal ein Vergleich interessieren. Bin ja großer Fincher-Fan, fand aber schon das Original sehr gut. Ebenso wie die Vorlage. Kennst du die?

    • Sorry, mit einem Vergleich kann ich dir diesmal gar nicht dienen, weder Buch noch Film. Wenn ich ehrlich bin, hat mich die Reihe auch noch nie interessiert, bis Fincher das Projekt dann in die Hand nahm… :-)

  • Xander

    @bullion: Nu guck den Film doch endlich. Du suchst doch nur schlechte Kritiken um ne Ausrede zu haben nicht ins Kino zu gehen :-)

    • @Xander: Na da kann er hier ja lange suchen 😉

      @bullion: Wenn dem wirklich so sein sollte; lass es, guck ihn dir an und mach dir dein eigenes Bild! Außerdem, es ist schließlich ein Fincher!

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  • Das war tatsächlich ein ziemlich guter Film, wobei sich mir oft die Frage stellte: Warum das Ganze? Viele Einstellungen wirken 1:1 aus dem Original übernommen, die Schauplätze sind in vielen Fällen dieselben. Nur andere Darsteller bewegen sich nun darin. Dabei sind die alles andere als schlecht, wobei mir Rapaces Darstellung der Lisbeth deutlich besser gefiel.

    Generell waren die Opening Credits für mich neben dem sehr rasant geschnittenen (letzten?) Trailer die Highlights des Films. Der Rest ist ziemlich gut, aber meiner Meinung nach nicht an die Klasse des Originals heranreichend.

    • In Ermangelung der Kenntnis des Originals kann ich mich dazu natürlich nicht äußern, erklärt aber auch, warum der Film bei mir so gut weggekommen ist, denn wenn man das Original nicht kennt, kommt einem natürlich auch nichts abgekupfert vor 😉

      Ich kenne ja selbst die Bücher nicht und somit war das meine erste Begegnung mit dem Stoff und das im Grunde ja auch nur, weil David Fincher den Film inszeniert hat – und das hat er eben aus meiner „unwissenden“ Warte heraus sehr gut gemacht!

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