Review: Das Handwerk des Teufels | Donald Ray Pollock (Buch)

Mein geschätzter Kollege Sebastian (von Review Corner) war zwar diesmal schneller mit seiner Rezension zu dem Buch, um das es heute gehen soll, doch trotzdem lasse ich es mir natürlich nicht nehmen, auch noch ein paar eigene Worte zu verlieren und das, obwohl wir schlussendlich zur selben Wertung gekommen sind. Den Link zu Sebastians Kritik findet ihr natürlich wie gewohnt unter dem Artikel bei den Meinungen aus der Blogosphäre.

Aber schön brav bleiben und zunächst meinen Text lesen bitteschön! 😉

Das Handwerk des Teufels

The Devil All The Time, USA 2011, 303 Seiten

Das Handwerk des Teufels von Donald Ray Pollock | © Heyne
© Heyne

Autor:
Donald Ray Pollock

Verlag (D):
Heyne Verlag
ISBN:
978-3-453-43692-3

Genre:
Drama | Krimi | Thriller

 

Inhalt:

Als Willard Russell 1945 aus dem Krieg im Südpazifik nach West Virginia zurückkehrt, verguckt er sich in Ohio in die Kellnerin Charlotte und die beiden werden ein Paar, bekommen alsbald ein Kind. Jahre später, Willard wird noch immer von den Bildern des Krieges verfolgt und sucht sein Heil in frommen Gebeten, erkrankt seine Frau an Krebs und gemeinsam mit seinem Sohn Arvin versucht er mit allen erdenklichen Mitteln, Gott um Heilung zu ersuchen und steigert sich immer mehr in seinen wahnhaften Glauben. Arvin wächst fortan bei Willards Mutter Emma in Coal Creek auf. Dort kehrten vor Jahren der Wanderprediger Roy und dessen Weggefährte Theodore ein und Roy verguckte sich in eine der dort ansässigen Frauen. Durch eine Aneinanderreihung von Ereignissen fiel allerdings Roy dem falschen Glauben anheim, Tote wiederbeleben zu können und ermordete im Wahn seine Frau, woraufhin er und Theodore das Weite suchten und Roys Tochter Leonora ebenfalls bei den Russells einquartiert wurde.

Als sie unter einer Buche knieten, zog Roy Theodores Schraubenzieher unter dem weiten Hemd hervor. Er legte seinen Arm um Helens Schulter und zog sie an sich. Sie drehte sich zu ihm um, weil sie glaubte, er wolle zärtlich sein, und wollte ihn küssen, als er ihr die scharfe Spitze seitlich in den Hals stieß. Er ließ sie los, und sie fiel zur Seite, dann bäumte sie sich auf und griff hastig nach dem Schraubenzieher.

Das schüchterne, in sich gekehrte Mädchen frommen Glaubens fällt allerdings eines Tages auf den attraktiven und charmanten Gemeindepfarrer hinein, der sich mehrfach an ihr vergeht. Arvin bemerkt eine Veränderung an Leonora, die zunächst aufblüht, kennt allerdings den Grund nicht. Während sich Roy und Theodore unterdessen einem Wanderzirkus angeschlossen haben, brechen in Knockemstiff Sandy und Carl Henderson erneut auf, um gemeinsam arglose Tramper an den amerikanischen Highways einzusammeln, zu foltern, zu töten und auszurauben. Sandys Bruder, der Sheriff des Ortes und durch und durch korrupt, hat noch immer nicht das Rätsel um die vor Jahren ermordete Frau von Roy gelöst, da erreicht ihn Nachricht aus Coal Creek.

Rezension:

Nach seinem Kurzgeschichtenband Knockemstiff liefert Donald Ray Pollock mit Das Handwerk des Teufels ein fulminantes und tief erschütterndes Debüt ab, dass er ebenfalls in seiner Heimat in Ohio sowie im nördlichen West Virginia verortet hat. Die Geschichte spielt in den 50/60er-Jahren im amerikanischen Mittelwesten und atmet förmlich das Kolorit der Zeit, jedoch in einer derart schwarzmalerischen, bedrückenden und bedrohlichen Form, dass man meinen könnte, in einer apokalyptischen Parallelwelt des damaligen Amerika zu sein. Gott ist allgegenwärtig und glänzt im gleichen Moment durch Abwesenheit, denn Hoffnung durch Glaube sucht man hier vergeblich, die Prediger sind im besten Falle fanatisch, im schlimmsten Falle pädophil, die Furcht vor dem Zorn Gottes treibt die Menschen nicht in die Kirche sondern in den Selbstmord und mancherorts dient die Religion schlichtweg als Alibi für pervertierte Rituale, die eher an Satan denn an Gotteshuldigung denken lassen.

Carl ließ sich Zeit und machte mindestens zwanzig Fotos von allerlei Müll, der aus verschiedenen Löchern ragte: Glühbirnen, Kleiderbügel und Suppendosen. Als er die Kamera beiseitelegte und die Sache zu Ende brachte, dämmerte es schon. Er wischte sich Hände und Messer am Hemd des Jungen ab, dann ging er umher, bis er halb vergraben im Müll einen weggeworfenen Westinghouse-Kühlschrank fand.

Die drei Handlungsebenen von Das Handwerk des Teufels sind aber nicht zuletzt deshalb so harter Tobak, weil Pollock die Geschehnisse in einem derart trockenen, lakonischen und größtenteils unbeteiligten Ton schildert, dass man meinen könnte, eine nüchterne Abhandlung über seine Jugendjahre in Händen zu halten. Zum Glück ist dem nicht so und daher kann man sich auch überwinden, mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu den Erzählungen bis zum fraglos grausamen Ende hin zu folgen und Schicht um Schicht abzutragen, immer tiefer in die Abgründe des menschlichen Seins vorzustoßen und schlussendlich zu erkennen, dass Pollock nicht weniger als das Psychogramm einer Epoche entworfen hat, indem er aufzeigt, auf welchen Irrwegen seine Gestalten sich mehr und mehr von der Hoffnung auf Erlösung entfremden.

Überhaupt ist es Pollocks sprachliche Akkuratesse und poetische Wortgewalt, die tief in die Geschichte eintauchen lässt und oftmals schockierende Szenen und Bilder vor dem geistigen Auge entstehen lässt, die Zartbesaitete zu verstören, aber selbst Hartgesottene zu berühren imstande sind, ohne dass der Autor sich je der Versuchung hingibt, seine akribische Dramaturgie des schnöden Effekts oder um des schockierenden Momentes wegen zu opfern und in billigen Gewalt-Voyeurismus abzudriften. Pollock deutet stattdessen an wo es möglich ist und formuliert aus, wo es nötig ist, so dass Das Handwerk des Teufels zweifellos nicht ohne drastische Bilder auskommt, sich aber nicht des Vorwurfes erwehren muss, hier lediglich perverse Gelüste des Lesers zu befriedigen, denn die Notwendigkeit der bildhaften und grausam ungeschönten Sprache ergibt sich aus dem Kern der Erzählung.

Die Kadaver, die zu steif und zu alt waren, um noch auszubluten, hängte er an den Kreuzen und Astgabeln rings um den Baumstamm auf. Hitze und Feuchtigkeit ließen sie schnell verrotten. Bei dem Gestank mussten Arvin und er würgen, wenn sie sich hinknieten und um die Gnade Gottes flehten. Maden fielen von den Bäumen und Kreuzen wie lebende Tropfen weißen Talgs. Der Boden rings um den Baumstamm war schlammig vor Blut. Die Insekten vermehrten sich täglich.

Der Originaltitel des Buches – The Devil All The Time – trifft den Nagel auf den Kopf und offenbart gleichwohl die größte Stärke wie auch die einzige Schwäche des Buches: Denn so sehr Pollock durch ein von Korruption, Habgier, Verschlagenheit, Opportunismus, falschem und irregeleiteten Glauben, Selbstjustiz und Hass durchzogenes Amerika mäandert, so sehr übermannt einen der Glaube, dass so viel Boshaftigkeit wohl hoffentlich kaum der Realität entspringen kann. »Die Hoffnung stirbt immer zuletzt. Aber sie stirbt« stellt Pollock seinem Roman voran. Man möge als Leser diesen Spruch beherzigen, denn Das Handwerk des Teufels liefert ein wahres Panoptikum an hoffnungslosen Gestalten, die, auf ihrem Weg gestrauchelt, jegliche Hoffnung auf eine Katharsis verwirkt haben, ebenso wie der Leser auf ein glückliches Ende, sollte er sich auf diesen Höllentrip wagen.

Fazit & Wertung:

Donald Ray Pollocks Das Handwerk des Teufels ist ein wortgewaltiges und imposantes Romandebüt, dessen beklemmende Atmosphäre sich über die Seiten hinweg auf den Leser zu übertragen weiß und tief hineinzieht in eine Welt ohne Hoffnung, der man nach dreihundert Seiten dankbar den Rücken kehrt, ohne indes die Sinnbilder menschlicher Abgründe vergessen zu können.

9 von 10 aufgelesenen Trampern

Das Handwerk des Teufels

  • Aufgelesene Tramper - 9/10
    9/10

Fazit & Wertung:

Donald Ray Pollocks Das Handwerk des Teufels ist ein wortgewaltiges und imposantes Romandebüt, dessen beklemmende Atmosphäre sich über die Seiten hinweg auf den Leser zu übertragen weiß und tief hineinzieht in eine Welt ohne Hoffnung, der man nach dreihundert Seiten dankbar den Rücken kehrt, ohne indes die Sinnbilder menschlicher Abgründe vergessen zu können.

9.0/10
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Weitere Details zum Buch und den Autoren findet ihr auf der Seite des Heyne Verlag. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe als PDF.

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Das Handwerk des Teufels ist am 12.08.13 als Taschenbuch bei Heyne erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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