Review: Notizen einer Verlorenen | Heike Vullriede (Buch)

Nachdem ich in der vergangenen Woche den Blog größtenteils habe ruhen lassen, mich auf meinem 1000. Artikel ausgeruht habe und mich privat dem in Bälde anstehenden Umzug gewidmet habe, von dem ich hier noch gar nicht so wirklich berichtet habe, ist es doch wirklich an der Zeit, auch mal wieder einen neuen Artikel zu veröffentlichen und so möchte ich euch heute von einem weiteren Buch aus dem Luzifer Verlag berichten.

Notizen einer Verlorenen

Notizen einer Verlorenen, DE 2013, 264 Seiten

Notizen einer Verlorenen von Heike Vullriede | © Luzifer Verlag
© Luzifer Verlag

Autorin:
Heike Vullriede

Verlag (D):
Luzifer Verlag
ISBN:
978-3-943-40822-5

Genre:
Thriller | Drama

 

Inhalt:

Auf dem Boden einer verlassenen Scheune, im Licht der Petroleumlampe, findet ein Mann die Leiche von Sarah, von einer makabren Tötungsmaschine zerquetscht. Neben der Leiche findet er ein rotes Notizbuch, betitelt mit Notizen einer Verlorenen. Neugierig beginnt die Person, die Geschichte zu lesen, die von den letzten Wochen in Sarahs Leben handelt und davon, wie es sie an diesen Punkt gebracht hat.

Ich schreibe dies, weil ich Teil eines Geheimnisses bin. Ein Geheimnis, das mich am lebendigen Leib gnadenlos Zelle für Zelle erdrückt. Ich bin schuldig! Das muss ich jemandem mitteilen, deshalb schreibe ich es auf. Wissend, dass ich damit einen Schwur breche … eine besondere Gemeinschaft verrate … sie der verständnislosen Normalität aussetze und gleichzeitig unbeantwortete Fragen einer ahnungslosen Welt hinterlasse. Wer sollte das alles verstehen? Wer sollte uns verstehen? Alex, mich und die anderen?

Wochen zuvor lotste Sarahs ehemaliger Freund Jens sie durch die Essener Innenstadt, nur um schlussendlich vor ihren Augen von einer Brücke und in den selbstgewählten Freitod zu springen, nicht, ohne ihr vorher einen Brief zu überreichen, den sie zum Haus der Verlorenen zu bringen habe. Bestrebt, ihm seinen letzten Wunsch zu erfüllen begibt sich Sarah zu der Adresse und trifft dort auf Buchheim, den Leiter des Vereins für suizidgefährdete Menschen und den schneidigen Alexander, der sie frappierend an ihren Exfreund Manuel erinnert. Von Buchheim bedroht und gleichzeitig von Alexanders Präsenz fasziniert, lässt Sarah sich widerwillig immer tiefer in das Haus der Verlorenen zerren und kommt langsam dahinter, welche Ziele der Verein tatsächlich verfolgt.

Rezension:

Autorin Heike Vullriede widmet sich in Notizen einer Verlorenen einem durchaus schwierigen Thema und behandelt die Frage nach der Selbstbestimmtheit jedes Einzelnen, die eigene Todesart und den Zeitpunkt zu bestimmen und verpackt diese Überlegungen in einer Thriller-Handlung, die gänzlich rückwärts gerichtet anhand der Notizen von Sarah aufgerollt wird, bis man sich zum Ende hin am Ausgangspunkt der eigentlichen Geschichte wiederfindet, als ihr Notizbuch gefunden und von einer Person gelesen wird, deren Identität ich natürlich hier nicht preisgeben möchte. Für mich besonders interessant und durchaus selten im literarischen Genre war hier auch die akute örtliche Nähe und die Kenntnis der meisten Handlungsorte, da die Geschichte in Essen und Umgebung, also im nordrheinwestfälischen Ruhrgebiet angesiedelt ist.

Leider hat das Buch aber eben auch mit mancher Unwägbarkeit zu kämpfen, die mir die Lesefreude doch teils arg verleidet haben. Da wäre zum Beispiel der Umstand zu benennen, dass Sarahs Handeln in den seltensten Fällen nachvollziehbar scheint und ich mich mehr als einmal fragen musste, wie man so dermaßen naiv in eine Geschichte hineinstolpern kann und dann auch noch etliche Seiten später über vermeintliche Offenbarungen erstaunt ist, die dem aufmerksamen Leser schon längst bekannt waren, ja die man sogar als bekannt hätte voraussetzen können, ohne sie noch einmal plakativ zu benennen, wie etwa das Geheimnis, was das Haus der Verlorenen wirklich für seine Mitglieder tut. In der Beziehung muss man leider öfter ein Auge zudrücken und sich des Gefühls erwehren, hier aus Gründen alles vorgekaut zu bekommen.

Des Weiteren wäre da die fragmentarische Hintergrundgeschichte, die Sarah spendiert bekommen hat, die mit einer Person aus ihrer Vergangenheit aufwartet, die lange Zeit keine Bewandtnis zu haben scheint und gegen Ende einem schlechten Taschenspielertrick gleich aus dem Hut gezogen wird, um eine weitere fadenscheinige, vermeintlich verblüffende Erkenntnis zu offerieren. Ähnlich verhält es sich mit Sarahs Migräneattacken, die immer im genau richtigen Moment ihre Recherchen unterbrechen, Szenen beenden oder in eine andere Richtung lenken. So gut mir Notizen einer Verlorenen also thematisch und inhaltlich durchaus gefallen hat, sind es leider diese viele dramaturgischen Mängel, über die ich mich immer öfter geärgert habe.

Buchheim lächelte mit dem Mund, ohne dass seine Augen dem folgten. Sie strahlten nichts wider, was sein Lächeln gefühlvoll begleitet hätte. Ein Mensch ohne Liebenswürdigkeit, ohne Güte für mich. Er hätte gesichtslos sein können, das wäre das Gleiche gewesen. Trotzdem folgte ich ihm. Ich weiß nicht warum. Es war, wie in einem Alptraum. Da ist es genauso. Man sieht sich in ein Unglück laufen und kann sich nicht dagegen wehren. Allein der Gedanke, dass Jens diesem Mann mehr vertraut haben könnte als mir, erweckte in mir ein moralisches Pflichtgefühl, mich nicht zu widersetzen.

Davon abgesehen ist das Buch als Thriller jedoch durchaus überzeugend geraten und dass trotz der Tatsache, dass Sarahs Schicksal bereits auf den ersten Seiten offenbart wird und man sich keine Hoffnung auf Rettung machen muss. In dieser Beziehung ist Notizen einer Verlorenen dann auch wieder erfreulich konsequent, ebenso wie Autorin Vullriede es vortrefflich gelungen ist, die morbide und verstörende Atmosphäre im Haus der Verlorenen einzufangen und teils abstrus wirkende Tötungsabsichten zu formulieren, die die Mitglieder lebhaft untereinander diskutieren, so dass die Dialoge auch bedeutend überzeugender geraten sind als Sarahs innere Monologe, der ich in ihrem Denken und Handeln wie erwähnt nur bedingt folgen konnte.

Fazit & Wertung:

Notizen einer Verlorenen aus der Feder von Heike Vullriede ist ein durchaus zweischneidiges Schwert, denn während das Thema Selbstmord und Selbstbestimmtheit durchaus spannend präsentiert wird, kämpft die Handlung mit einigen dramaturgischen Mängeln, die in dem irrationalen Handeln der Protagonistin begründet liegen. Daher aus meiner Sicht leider nur bedingt empfehlenswert.

6 von 10 suizidgefährdeten Menschen

Notizen einer Verlorenen

  • Suizidgefährdete Menschen - 6/10
    6/10

Fazit & Wertung:

Notizen einer Verlorenen aus der Feder von Heike Vullriede ist ein durchaus zweischneidiges Schwert, denn während das Thema Selbstmord und Selbstbestimmtheit durchaus spannend präsentiert wird, kämpft die Handlung mit einigen dramaturgischen Mängeln, die in dem irrationalen Handeln der Protagonistin begründet liegen. Daher aus meiner Sicht leider nur bedingt empfehlenswert.

6.0/10
Leser-Wertung 0/10 (0 Stimmen)
Sende

Weitere Details zum Buch und der Autorin findet ihr auf der Seite des Luzifer Verlag. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe als PDF.

– – –

Notizen einer Verlorenen ist am 28.11.13 als Taschenbuch im Luzifer Verlag erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den Link und unterstützt damit das Medienjournal!

  • Im Moment scheint bei LUZIFER ein bisschen der Wurm drin zu sein. Hier die Dramaturgie, bei „The End“ war die Übersetzung ziemlich daneben. Schade, eigentlich war der Verlag bislang recht empfehlenswert.

    • Aufgrund deiner Rezension zu „The End“ habe ich von dem Buch auch erst einmal Abstand genommen, obwohl ich ja auch ein großer Freund von Endzeit-Geschichten bin. Ich lege meine Hoffnung jetzt erst einmal in den Beginn der „Dead Silencer“-Reihe und lese bis dahin „Graues Land“.

      Ich denke aber auch nicht, dass beim Luzifer Verlag mit einem längerfristigen Qualitätseinbruch zu rechnen ist, zumal „Notizen einer Verlorenen“ beispielsweise bei amazon deutlich besser wegkommt als bei mir.

      • Oh ja, „Dead Silencer“ klingt unglaublich interessant, der wird bei mir sicherlich auch wieder auf dem SuB landen. Vermutlich aber nicht lange.

        „Graues Land“ habe ich noch nicht gelesen, dafür aber „Die Saat der Bestie“, ebenfalls von Dissieux und ebenfalls Endzeit. Sehr geiler und anspruchsvoller Stil, dabei aber auch unglaublich bildlich. Zumindest den Autoren kann ich also auf jeden Fall weiterempfehlen. „Graues Land“ wird aber vermutlich dennoch auch weiterhin subben, zumindest bis die Weihnachtsbücher (die ebenfalls durch die Bank toll klingen :D) „aufgebraucht“ sind.

      • Mh, meinst du vielleicht dieses „Die Saat der Bestie“? http://medienjournal-blog.de/2013/10/review-die-saat-der-bestie-michael-dissieux-buch/

        In Sachen Literatur sind wir uns echt sehr ähnlich 😉

%d Bloggern gefällt das: