Review: Der große Gatsby (Film)

Und so schließe ich am heutigen Abend eine weitere Lücke in meinem Œuvre an Filmkritiken zu Werken jüngster Vergangenheit, so dass ich, auch wenn ich wieder zu den ewig gestrigen Nachzüglern gehöre, froh bin, nun auch noch meinen Senf zu Luhrmanns Werk habe beisteuern zu können.

Der große Gatsby

The Great Gatsby, USA/AU 2013, 143 Min.

Der große Gatsby | © Warner Home Video
© Warner Home Video

Regisseur:
Baz Luhrmann
Autoren:
Baz Luhrmann (Drehbuch)
Craig Pearce (Drehbuch)
F. Scott Fitzgerald (Buch-Vorlage)

Main-Cast:
Leonardo DiCaprio (Jay Gatsby)
Tobey Maguire (Nick Carraway)
Carey Mulligan (Daisy Buchanan)
Joel Edgerton (Tom Buchanan)
in weiteren Rollen:
Isla Fisher (Myrtle Wilson)
Jason Clarke (George Wilson)
Elizabeth Debicki (Jordan Baker)
Adelaide Clemens (Catherine)

Genre:
Drama | Romantik

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Der große Gatsby | © Warner Home Video
© Warner Home Video

Nick Carraway erinnert sich daran, wie er inmitten der Roaring Twenties den Mittleren Westen verließ, um in der brodelnden Metropole von New York City sein Glück zu suchen. Entsprechend fasziniert ist Carraway, als er die ersten Geschichten über seinen mysteriösen Nachbarn Jay Gatsby zu hören bekommt, der vom Kriegsheld, Spion oder Cousin Kaiser Wilhelms so ziemlich alles sein soll oder gewesen sein mag, unzweifelhaft aber einer der wohlhabendsten Männer der Welt, der noch dazu in unmittelbarer Nachbarschaft zu der bescheidenen Kaschemme von Nick die rauschendsten Feste veranstaltet. Als Nick eines Abends die Einladung zu einem dieser Feste bekommt, begegnet er prompt dem berühmten Gatsby, den allerdings die meisten seiner Gäste anscheinend noch nie zu Gesicht bekommen haben.

In Windeseile entspinnt sich eine Freundschaft zwischen dem unbedarften und mittellosen Carraway und dem legendenumwobenen Mann, dem auch Nick nicht hinter die Fassade zu schauen imstande ist. Doch bald erfährt er von der tragischen Liebesgeschichte, die Jay Gatsby und Nicks Cousine Daisy miteinander verbindet und während er auf Drängen Gatsbys versucht, ein Treffen der beiden zu arrangieren, lässt er sich immer weiter in den Strudel aus flirrenden Festen, rauschenden Partys, durchzechten Nächten und frivolen Geheimnissen hineinziehen, doch dokumentiert gleichwohl wie ein Außenstehender das ihn umgebende Spektakel, das den Rahmen für eine beispiellos tragische Liebesgeschichte bildet, in deren Zentrum der mysteriöse Gatsby und die bezaubernde Daisy stehen, die füreinander bestimmt, doch anscheinend nicht mehr zueinander zu finden imstande sind.

Rezension:

Mit Literaturverfilmungen im Allgemeinen und Neuverfilmungen von Literaturklassikern im Speziellen ist es ja immer so eine Sache und selten wird das daraus entstehende Werk der Vorlage oder auch nur den vorangegangenen Verfilmungen gerecht, doch in meinen Augen verhält sich dies bei Der große Gatsby ausnahmsweise anders, denn einerseits bleibt Regisseur und Drehbuchautor Baz Luhrmann durchaus nah am Geist der Vorlage und bedient sich zahlreicher, teils wörtlicher Zitate, die zwar im Bilderreigen des Films nicht die Wucht und Präsenz entfalten können, wie sie es in einem literarischen Werk tun würden, dennoch aber enorm zu Stimmung und Erzählton der Geschichte beitragen, während er andererseits dem Roman von F. Scott Fitzgerald insbesondere optisch und inszenatorisch seinen ganz eigenen Stempel aufzudrücken weiß.

Szenenbild aus Der große Gatsby | © Warner Home Video
© Warner Home Video

So beeindruckt Der große Gatsby zunächst einmal mit opulenten Schauwerten, rasanten Schnitten, hektisch, bunt und laut inszenierten Partys, unterlegt mit hämmernden Beats und – gewöhnungsbedürftig für die Roaring Twenties – aktuellen Songs von Jay-Z oder Lana Del Rey, bevor er nach und nach dazu übergeht, auch die vorherrschende Tristesse, die eigentliche Seelenlosigkeit dieses ausufernden Partylebens durchscheinen zu lassen und die sich hinter der schillernden Fassade versteckende Tragödie zu offenbaren. Doch auch abgesehen von der Musikauswahl ist Baz Luhrmanns Interpretation gespickt mit allerlei Anachronismen, auch was Autos, Gerätschaften und Bauwerke anbelangt, doch war dies ja auch genau seine Intention und unterstreicht den zeitlosen Charakter der Vorlage, ohne dabei auf die schillernden Kostüme und das Flair der damaligen Zeit verzichten zu müssen, was er mit Bravour in Wort und Bild einfängt. Doch so gehetzt, wie der Film beginnt, übt er sich im weiteren Verlauf in Langsamkeit und wird in der zweiten Hälfte, spätestens im letzten Drittel merklich ruhiger, um der dramatischen Tragweite der Erzählung Platz zu geben, denn sonst wäre aus dem Film wohl nur ein buntes Popspektakel geworden. Gerade das vermeidet er aber glücklicherweise und schlägt vermehrt leisere Töne an, wenn der Zuschauer gemeinsam mit Nick beginnt, hinter die Fassade von Jay Gatsby zu blicken.

Spätestens hier wird dann auch deutlich, dass ein derartiger Film mit seinen Darstellern steht oder fällt und so entpuppt es sich als Glücksgriff, dass gerade die langjährigen Freunde Leonardo DiCaprio und Tobey Maguire den großen Gatsby und Erzähler Nick Carraway verkörpern, denn die beiderseitige Sympathie ist stets spürbar und lässt die ansonsten doch so absonderlich anmutende Freundschaft der beiden Figuren glaubhaft werden, während Carey Mulligan die wohl denkbar beste Wahl für die zerbrechlich wirkende Daisy Buchanan darstellt. Doch auch Joel Edgerton als Daisys arroganter und von sich selbst eingenommener Ehemann Tom sowie Isla Fisher in einer für sie ganz und gar ungewohnten Rolle machen eine gute Figur und runden den stimmigen Cast ab, von dem man vielleicht noch Elizabeth Debicki erwähnen sollte, die als Jordan Baker zwar nicht annähernd genügend Screentime bekommt, mit ihrer unnahbaren Ausstrahlung aber merklich Eindruck hinterlässt.

Szenenbild aus Der große Gatsby | © Warner Home Video
© Warner Home Video

Luhrmanns Der große Gatsby mag sicherlich nicht jedermanns Fall sein, trifft nicht immer den richtigen Ton und ist gerade zu Beginn in seiner Musikauswahl gewöhnungsbedürftig, aber bei mir hat seine schillernde Interpretation des Stoffes gehörig Eindruck hinterlassen, da mich die Geschichte sofort in ihren Bann zu ziehen wusste, Maguire als Erzähler und emotionaler Bezugspunkt wunderbar funktioniert, während DiCaprio einen grandios weltmännischen, charismatischen und geheimnisvollen Gatsby gibt und dessen Fassade in ausgemachter Langsamkeit einreißen lässt. Luhrmanns Bilderwelten wissen zu verzaubern und mitzureißen und in ihrer das Flair der 1920er Jahre unterstützenden und die hemmungslose Partylust der Upper Class unterstreichenden Form wirken sie keineswegs selbstzweckhaft, sondern begünstigen noch das oft surreale Treiben, während Schriftzeichen durch das Bild fliegen und in Nicks Aufzeichnungen dessen Erinnerungen an diese magische Zeit in seinem Leben wieder lebendig werden. Natürlich hätte man die Geschichte behutsamer inszenieren und erzählen können, getragen und elegisch, doch dürfte dies von dem australischen Regisseur auch niemand erwartet haben und dementsprechend ist Der große Gatsby – um stimmig mit einem Moulin Rouge-Zitat zu enden – : Ein Hochgenuss der Sinnenfreuden!

Fazit & Wertung:

Wenn auch Der große Gatsby sicherlich ob seiner bewusst eingestreuten Anachronismen und der damit forcierten Zeitlosigkeit zunächst gewöhnungsbedürftig sein mag, macht sich der Film den Pomp und Bombast seiner Bilderwelten bald Untertan, um mehr und mehr auf die tragische Liebesgeschichte und speziell die Person Jay Gatsby zu fokussieren und dabei auch durchaus leisere wie tragischer werdende Töne anzuschlagen, so dass die Verquickung aus überbordendem Kitsch und Krach sowie dramatischer Geschichte – für die Regisseur Baz Luhrmann seit seiner Red Curtain-Trilogie bekannt ist – erneut aufgeht, nicht zuletzt dank des hervorragend aufgelegten Ensembles, das von der tiefen Freundschaft zwischen DiCaprio und Maguire mehr als profitiert.

8,5 von 10 rauschenden Festen und stampfenden Beats

Der große Gatsby

  • Rauschende Festen und stampfende Beats - 8.5/10
    8.5/10

Fazit & Wertung:

Wenn auch Der große Gatsby sicherlich ob seiner bewusst eingestreuten Anachronismen und der damit forcierten Zeitlosigkeit zunächst gewöhnungsbedürftig sein mag, macht sich der Film den Pomp und Bombast seiner Bilderwelten bald Untertan, um mehr und mehr auf die tragische Liebesgeschichte und speziell die Person Jay Gatsby zu fokussieren und dabei auch durchaus leisere wie tragischer werdende Töne anzuschlagen, so dass die Verquickung aus überbordendem Kitsch und Krach sowie dramatischer Geschichte - für die Regisseur Baz Luhrmann seit seiner Red Curtain-Trilogie bekannt ist - erneut aufgeht, nicht zuletzt dank des hervorragend aufgelegten Ensembles, das von der tiefen Freundschaft zwischen DiCaprio und Maguire mehr als profitiert.

8.5/10
Leser-Wertung 0/10 (0 Stimmen)
Sende

Meinungen aus der Blogosphäre:
Cellurizon: 9,5/10 Punkte
ERGOThek: 3,5/5 DeLoreans
Der Kinogänger: 7,5/10 Punkte
Tonight is gonna be a large one.: 8/10 Punkte

Der große Gatsby ist am 20.09.13 auf DVD und Blu-ray im Vertrieb von Warner Home Video erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

DVD:

Blu-ray:

  • Pingback: [Medienjournal] Review: Der große Gatsby (Film) | netzlesen.de()

  • Der Kinogänger

    Ich war damals beim Kinobesuch leider nicht so vollends begeistert, wie ich das nach dem grandiosen Trailer und angesichts meiner monumentalen Verehrung für Luhrmanns „Moulin Rouge“ gehofft hatte (in meiner Rezension vergab ich 7,5 Punkte). Aber der Film – die Buchvorlage oder eine frühere Verfilmung kannte ich noch nicht – hat dann doch deutlich mehr Eindruck bei mir hinterlassen als zunächst gedacht, denn wochenlang mußte ich immer wieder an einzelne Szenen denken (was, glaube ich, auch mit der toll eingesetzten Musik zusammenhing). Und eine solche Langzeitwirkung hinterlassen bei einem Vielseher wie mir nicht wirklich viele Filme. Insofern bin ich schon sehr gespannt, wie sich eine Zweitsichtung auf mich auswirken wird … :-)

    • Ja, das verstehe ich gut. Ist auch einer dieser Filme, die ich schon vor längerer Zeit gesehen habe, bei dem ich mich aber auch schwertat, ihn zu bewerten und etwas darüber zu schreiben und nachdem er mir längere Zeit nicht aus dem Kopf ging, bald noch einmal im Player landete, eigentlich nur, um meine Erinnerung aufzufrischen und mir dabei zu helfen, ein paar sinnstiftende Zeilen verfasst zu bekommen, mich dabei aber von allem, was ich eigentlich währenddessen noch erledigen wollte abhielt, sprich, mich auch beim zweiten Mal so gefangen nahm, habe ich die Wertung auch noch einmal nach oben korrigiert, die direkt nach dem Film – wenn ich mich recht entsinne – ebenfalls bei 7,5 Punkten lag.

      Und ja, an ‚Moulin Rouge‘ kommt er nicht annähernd ran, macht aber doch vieles richtig, wie mir auch erst später klar wurde. Überhaupt, bei dem Vergleich mit so einem Meisterwerk kann ja auch so ziemlich jeder Film nur abstinken, weshalb ich ihn gar nicht daran messen wollen würde.

  • Ja, das habe ich ähnlich gesehen. Ein wirklich mitreißender Film, der unter seiner glänzenden Oberfläche viel Platz für Emotionen bietet. Luhrmann kann es einfach! :)

  • Filmschrott

    Mag den Film auch, aber einen großen Kritikpunkt habe ich. Die neumodische Rapmusik in dem alten Setting. Das hat mich jedes mal rausgerissen. Fand ich derbe nervig.

  • Pingback: Review: The Night Manager (Serie) | Medienjournal()

  • Pingback: Review: Jane Got a Gun (Film) | Medienjournal()

%d Bloggern gefällt das: